Heim ohne Brunnen

Uganda Über eine Million Südsudanesen sind vor dem Bürgerkrieg in den Nachbarstaat geflohen, wo man sogar Land an sie verteilt

Viele Stunden hat Elizabeth Araba um Mehl und Bohnen angestanden. In langen Reihen warten vor den Vergabepunkten am Rande der Siedlung außer ihr noch einige hundert andere. Säcke voller Lebensmittel liegen dort gestapelt unter Laubbäumen, von Mitarbeitern der Hilfsorganisation World Vision bewacht und verteilt. Araba hat Mühe, lange zu stehen. Die 86-Jährige leidet an Parkinson, und seit sie vor dem Bürgerkrieg aus ihrem Heimatdorf im Südsudan floh, auch an einer großen Müdigkeit.

Wer Lebensmittel haben will, muss eine Identifikationsnummer vorzeigen und sich in Listen eintragen. Die letzten Gaben, die Araba vor einem Monat bekam, sind seit zehn Tagen aufgebraucht, sie hätte hungern müssen, wären nicht ihre Nachbarn eingesprungen. Die pflanzen Gemüse an und können für Geld kleine Arbeiten erledigen, was ihnen den Erwerb von zusätzlichen Lebensmitteln ermöglicht.

Schwer auf ihren Stock gestützt und in Begleitung des Nachbarsjungen ist Araba an diesem Tag zur Vergabestelle geschlurft. Der 13-Jährige soll verhindern, dass die alte Frau von jungen Männern abgedrängt wird. Es liegt Unruhe in der Luft, seit bekannt wurde, dass es kein Speiseöl mehr gibt. Und auch in den Säcken mit Maismehl ist weniger, als den Bewohnern der Flüchtlingssiedlung Omugo im nördlichen Uganda zusteht: 11,7 Kilogramm pro Person. Dazu zwölf Kilo Bohnen, ein wenig Salz und Öl. Die Öllieferung aber soll irgendwo an der Grenze festhängen, und die Rationen für Maismehl müssen gekürzt werden, weil Geld fehlt. Ursprünglich hatte die internationale Gemeinschaft Spenden zugesagt, damit Hilfsorganisationen an die hier gestrandeten Südsudanesen Nahrungsmittel verteilen, Brunnen bohren, zudem eine medizinische und psychologische Versorgung gewährleisten können. Es sollte geimpft werden. Man dachte an Schulen und Krankenstationen, wollte Straßen anlegen und Kleinkredite für neue Existenzen vergeben. 674 Millionen Dollar werden gebraucht. 20,5 Millionen sind bislang beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) eingegangen.

„Ein Jammer ist das Leben“

Araba zählt zu den über eine Million Flüchtlingen, die in fünf Provinzen im Norden Ugandas Zuflucht gefunden haben, weil in ihrer Heimat Hungersnöte herrschen, die ihresgleichen suchen. Daran ist nicht allein der seit 2013 währende Bürgerkrieg schuld, auch eine anhaltende Dürre. 5,3 Millionen Südsudanesen, so die Schätzungen des UNHCR, schleppen sich über Fluchtrouten, die größtenteils durch das eigene Land führen.

„Ein Jammer, ein Jammer ist das Leben.“ Mit ihrem Maismehlsack zwischen den Beinen sitzt Araba auf dem Boden und wartet, dass der Junge ihr die Last nach Hause trägt. Sie nutzt die Zeit, um zu beklagen, was alles verloren ging. Die Hütte, ihr Heim seit 50 Jahren, angezündet von Rebellen, das Strohdach brannte lichterloh, und zu retten war nichts mehr. „Nur die Kleider auf dem Leib. Alles sonst war weg“, sagt sie und zieht an ihrem Rock, als sei der ein Beweis für erlittenen Verlust. Kendila habe ihr Dorf geheißen. Von den 30 Bewohnern seien zehn im Feuer gestorben. Wer überlebt hatte, machte sich auf den Weg nach Uganda. Zu Fuß, durch unwegsames Buschland und durch abgestorbene Landschaften. Abwechselnd hätten sie Männer auf den Rücken genommen und getragen.

Als sie endlich in Uganda ankamen, erzählt Araba, sei sie mehr tot als lebendig gewesen. Und dann die Erlösung von aller Anstrengung, aller Angst. Aller Not? Man brachte sie mit einem Bus zum Aufnahmezentrum, bereitete ihr warme Mahlzeiten und ein Bett. Man baute ihr aus Pfählen und einer Plane ein Haus, gab ihr Pfannen, Decken und neue Kleidung. „Ich habe Gott gedankt, dass er mich errettet hat.“

„Wir wollen kein zweites Dadaab“ – wann immer man im Norden Ugandas mit Vertretern der Regierung spricht, fällt dieser Satz. Nicht solche Zustände einreißen zu lassen, wie sie im Norden Kenias in der ersten Hälfte der 1990er Jahre herrschten, als eine halbe Million Flüchtlinge aus Somalia in einer gigantischen Zeltstadt lebte. Der Anspruch, dies zu verhindern, steht für die Flüchtlingspolitik Ugandas (Freitag 44/2017). Deshalb hat die Regierung in Kampala an die Neuankömmlinge Land verteilt und jedem eine Parzelle von 50 mal 50 Metern abgesteckt. Darauf lässt sich ein Haus bauen, aber ebenso ein bescheidener Anbau von Gemüse betreiben.

Bisher ist mit jeder neuen Flüchtlingswelle eine neue Siedlung entstanden. Das erste Camp, Bidi Bidi, das im Jahr 2016 gegründet wurde, wirkt inzwischen wie eine Kleinstadt. Dort leben im Augenblick gut 25.000 Menschen, es gibt Märkte, Kirchen, Schulen, Garküchen, Friseure und Kleinunternehmer, die vorzugsweise mit Gebrauchtwaren handeln. Uganda hat für seine Großzügigkeit gegenüber Flüchtlingen international viel Anerkennung geerntet, doch eine solche Politik des Willkommens ist ohne externe Hilfen kaum denkbar. Für die Versorgung der Flüchtlinge und den Ausbau der Infrastruktur sorgen immerhin über 30 Hilfsorganisationen.

Der Boden ist trocken

Dass jedoch die Hilfsgelder nicht in dem Maße fließen wie versprochen, macht die Regierung von Präsident Yoweri Museveni zusehends nervös. Denn es suchen weiter Menschen Zuflucht, weil die Hungersnot im Südsudan kein Ende nimmt. Noch Anfang 2016 schätzte man, 300.000 Flüchtlingen würden kommen, im Dezember des gleichen Jahres waren es schon 800.000. Die Weltbank gab der ugandischen Regierung daraufhin 50 Millionen Dollar, um Landkäufe zu tätigen, nicht eben üppig. Im Sommer 2017 strandeten im Schnitt täglich 600 Menschen an den Grenzübergängen. In Windeseile wurde nochmals Land von den Kommunen erworben, und es mussten immer mehr Siedlungen abgesteckt werden.

Welche Auswirkungen die finanziellen Engpässe für den Alltag der Flüchtlinge haben, zeigt sich nicht nur an den gelegentlich knappen Lebensmitteln, sondern vor allem bei der Versorgung mit Wasser, das mit riesigen Tanklastern in die Siedlungen gebracht werden muss. Eine kostspielige Angelegenheit. Mehr Brunnen zu bohren, wäre die Lösung, doch das dauert, und beides parallel zu finanzieren, ist angesichts der Mittel unmöglich. Zuständig für Trinkwasser in den Camps der Geflüchteten ist die Organisation Malteser International. „Wir haben seit Beginn der Krise gut 300 Brunnen gebohrt“, sagt Alexander Tacke-Köster, Programmkoordinator der Malteser in Norduganda. „Mindestens 600 fehlen noch, nicht nur für Trinkwasser, sondern auch für die Bewässerung der Gärten und Felder. Aber wer soll das bezahlen?“

Trotz dieser sich immer wieder stellenden Frage ist die Zuwanderung aus dem Südsudan für Uganda auch eine Chance, kann doch dank internationaler Gelder endlich der ärmere Teil des Landes erschlossen werden. Es ist kein Prime-Land, das die Regierung an die Flüchtlinge verteilt. Der Boden ist trocken und lässt sich kaum kultivieren. Die hier ansässigen Einheimischen sind selbst arm und leben von Subsistenzwirtschaft. Weil viele von ihnen während der ugandischen Bürgerkriege in den Südsudan flohen und wissen, was ein Flüchtlingsdasein bedeutet, war die Solidarität mit den Hilfesuchenden anfangs groß. „Wir sind Brüder und Schwestern“, sagt Elizabeth Araba und erzählt, dass in ihrem Dorf zeitweilig ugandische Flüchtlinge lebten, mit denen natürlich geteilt wurde, was man besaß.

Doch das anfängliche Mitgefühl beginnt zu schwinden. Seit die Flüchtlinge da sind, stiegen auf den Märkten die Preise für Grundnahrungsmittel. Die Umwelt leidet. Die Neuankömmlinge brauchen Holz zum Kochen und fällen Bäume. Müll flattert durch die Siedlungen. Unruhen werden bislang vermieden, weil jedes Hilfsprojekt auch den Einheimischen zugutekommt. Immerhin müssen sie nun keine weiten Wege mehr zum nächsten Brunnen, Krankenhaus oder zur nächsten Schule gehen.

Araba weiß nichts von der Kürzung der Hilfsgelder, von den Verhandlungen über die Zuständigkeit für die Flüchtlinge. Was sie weiß: Das Schicksal eines Flüchtlings, das ist nur etwas für die Jungen. Trotz der Versorgung, trotz der Landverteilung ist der Alltag ein Kampf um Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und Sicherheit. Die Aufnahme durch Uganda wisse sie zu schätzen, doch eine neue Heimat könne es für eine alte Frau wie sie nicht mehr geben. Sie wolle lieber wieder nach Hause. Aber darauf hoffen? „Ich habe viele Kriege mitgemacht. Das Ende dieses Krieges werde ich wohl nicht mehr erleben.“

Andrea Jeska ist freie Autorin und hat zuletzt mit dem Fotografen Klaus Petrus Flüchtlingslager in Norduganda bereist

06:00 06.03.2018

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