Heimat des Gewissens

Entfremdung Von Marxens Marxismus ist eigentlich nicht viel mehr als die Moral geblieben. Zwei Einführungen zu einem überholten Ökonomen

Schon wieder Marx?" So fragt der Politologe Michael Berger in einer jüngst erschienenen Einführung zu dem deutschen Philosophen. Wofür soll so ein Bändchen heute gut sein? Ist der Stern des Mannes nach dem Untergang der Sowjetunion nicht längst verblasst? Kehrt Marx etwa wieder, wenn der Kapitalismus gut 20 Jahre später wieder einmal sein unsoziales, unmoralisches und inkompetentes Antlitz zeigt? Oder droht erneut, was schon im Kommunistischen Manifest von 1848 angekündigt wurde: "Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus"?

Vor einer solchen Perspektive muss man sich nicht gruseln. Trotz Linkspartei in Deutschland bleiben Alt- oder Jungkommunisten heute weltweit marginal. Marx´ Geschichtsphilosophie, die dem Kapitalismus den Untergang und dem Sozialismus den Sieg prophezeite, scheiterte. Geschichte hat noch andere Seiten als die berühmte Definition: "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."

Die Geschichtswissenschaft faszinierte besonders im 19. Jahrhundert. Nicht nur Marx glaubte, man könne aus der Geschichte Gesetze ableiten und vorausberechnen, wohin die weitere Entwicklung führen werde. Noch die härtesten Antikommunisten starrten gebannt auf den scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch des Sozialismus und gläubige Kommunisten opferten sich begeistert für die Weltrevolution. Doch das hat sich in jeder Hinsicht als Illusion erwiesen.

Marx gelang es nicht, die utopischen Vorstellungen der Frühsozialisten durch einen wissenschaftlich begründeten Sozialismus zu ersetzen. Denn dieser stützt sich nicht nur auf die Geschichtswissenschaft, sondern auf Marx´ umfängliche ökonomische Studien. Sicherlich kann man darüber streiten, welchen Wert diese Analysen heute noch haben. Doch zentrale Begriffe haben doch merklich an Relevanz verloren.

Karl Marx´ Theorien, dass der Profit tendenziell abnimmt, dass die Konkurrenz des großen Kapitals das kapitalistische Wirtschaftssystem letztlich in den Bankrott treibt, haben sich nicht bestätigt. Gerade die sozialstaatlichen, ebenso wie die sozialistischen Bemühungen führen vor, dass man die Ökonomie nicht nachhaltig steuern kann. Insofern verwundert, dass der Herausgeber Johannes Rohbeck fast zwei Drittel seines Marx-Readers mit dessen ökonomischen Erörterungen füllt, während er viele wichtige philosophische Schriften nicht berücksichtigt.

Man kann Marx zugute halten, dass die gescheiterten Versuche, den Sozialismus einzuführen, in Entwicklungsländern stattfanden und damit unter ungünstigen Vorzeichen standen. Trotzdem bleibt von seiner historischen wie von seiner ökonomischen Perspektive primär nur noch ein moralischer Ton, der Marx heute populär macht. Die dialektische Ironie dabei: Moral galt Marx immer als Moral der Herrschenden. Nicht mit Moral würde die Welt humaner gestaltet werden, sondern durch den historischen Fortschritt, notfalls auch mit Gewalt.

Trotzdem war Marxens Motiv zutiefst moralisch. In seinen Frühschriften von 1844 hängt er noch der Auffassung an, dass die Arbeit den Menschen entfremdet, wenn er unter inhumanen Bedingungen arbeiten muss. Von dieser Kritik führt der Weg einerseits in jene hedonistische Generation von heute, die nicht mehr allein um des Geldes willen arbeiten wollte. Andererseits definiert Marx den Menschen als arbeitendes Wesen - ein hochmoralischer Gedanke, der sich der calvinistischen Ethik verdankt und in dem man einen Vorläufer dessen erkennen kann, was heute mit dem Begriff "Workaholic" gemeint ist.

Später konzentriert Marx seinen Entfremdungsbegriff darauf, dass der Arbeiter ausgebeutet wird, dass er mehr Wert schafft, als er als Lohn bekommt. Diesen Mehrwert eignet sich der Unternehmer als Profit an. Das war aber nicht als moralische, sondern als ökonomische Kritik gemeint. Einen gerechten Lohn kann es für Marx im Kapitalismus im Grunde überhaupt nicht geben.

Doch hat sich diese Kritik längst in eine moralische verwandelt: Wenn man nicht allzu schlecht bezahlt wird, freut man sich am Job und fühlt sich keineswegs ausgebeutet. Übrig bleiben dann die moralischen Forderungen nach Mindestlohn und nach angemessener Bezahlung, also nach sozialer Gerechtigkeit.

Marx´ Idee einer Weltrevolution transformiert sich heute in die weltweite Bekämpfung der Armut als moralischer Anspruch an die Politik, mit der Organisationen wie Attac regelmäßig G8-Gipfel begleiten. Lange Zeit besetzte Papst Johannes Paul II. die Themen Armut und soziale Gerechtigkeit mehr als irgendeine Linke. Die bemächtigt sich ihrer nun langsam wieder, aber nicht mehr in revolutionärer Absicht, sondern in etwa so, wie Marx es 1844 der Religion attestiert: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend."

So ist Marx in gewisser Hinsicht wieder populär, aber als Moral, wo das Gewissen eine Heimat findet, nicht mehr als revolutionäre Theorie. Wenn er dabei selbst in den Verdacht gerät, wie die Religion nicht mehr als "das Opium des Volkes" zu sein, so darf man sich damit trösten, dass eine drogenfreie Gesellschaft nur für Calvinisten erstrebenswert ist.

Man muss es einmal deutlich sagen: Marxens berühmte 11. Feuerbachthese - "Die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern" - lässt sich nicht mehr halten. Will man wirklich auf eine Revolution hoffen, die notorisch in Bürgerkrieg ausartet? Auch Berger gelangt am Ende seiner kleinen Einführung zum Problem der Moral: "Nüchtern hat (Marx) alle überzeitlich religiösen und philosophischen Begründungen von Normen auf den Boden der Geschichte zurückgeholt." Damit aber verschwindet das Problem von Moral und Gerechtigkeit nicht, sondern wird noch schwieriger. Marx, muss Berger zugestehen, weiß auf diese Herausforderungen keine Antwort.

So könnte man versucht sein, auch den anderen berühmten Satz von Marx aus der Deutschen Ideologie umzudeuten: "Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein." Ohne Bewusstseinsänderung wird sich das Leben nicht ändern. Machen wir aus Marx einen Moralisten! Dann setzt er mit seinen Idealen vielleicht die Werte, an denen man sich in einer demokratischen Gesellschaft orientieren sollte.

Karl Marx. Philosophische und ökonomische Schriften. Hrsg. Von Johannes Rohbeck u. Peggy H. Breitenstein, Reclam Universal Bibliothek, Stuttgart 2008, 390 S., 9 E

Michael BergerKarl Marx. UTB Profile, Stuttgart 2008, 98 S., 9,90 EUR

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00:00 23.01.2009

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