Heimat hat viele Häfen

Essay Gut so: Heimat gibt es nur noch im Plural. Ignorieren sollte man ihre Wirkmacht aber nicht
Jörg Magenau | Ausgabe 15/2017 1

Die Heimat trägt kein Hirschgeweih mehr – und wenn doch, dann fast schon mit Ironie. Selbst im Dirndl wirkt sie irgendwie lässig, und auch dort, wo sie sich am liebsten hinter Butzenscheiben verkriechen würde, sind die Türen aufgegangen, und ein frischer Wind bläst durch. In Neukölln heißt ein Jugendclub „Heimathafen“ – das ist hip, modisch und polyglott. Das gefällt nicht allen, die gern am warmen Ofen sitzen.

Heimat, so heißt es im Grimm’schen Wörterbuch, ist „das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder auch nur bleibenden Aufenthalt hat“. Das war einmal. Doch in der globalen Welt, in der die einen, strotzend vor Mobilität, von Flugplatz zu Flugplatz jetten und andere in überfüllten Fischerbooten hocken oder barfuß durch den Schnee nach Europa marschieren, gibt es Heimat entweder nur für die Glücklichen, die schon da sind, wo sie immer waren, oder man bringt die Heimat mit im Fluchtgepäck und schafft sie sich neu in der Fremde: Heimat ist da, wo noch keiner war, sagte der Philosoph Ernst Bloch. Er verlegte sie damit aus der unzugänglichen Kindheitsvergangenheit in eine noch zu schaffende Zukunft. Heimat als Utopie.

Heimat ist, wie andere Rohstoffe auch, zu einem knappen Gut geworden, um das weltweite Verteilungskämpfe stattfinden. Wie viele Fremde verträgt sie denn, und was wird dann aus ihr? Das amerikanische „Heimatschutzministerium“ macht schon im Titel klar, worum es geht: um militärische Verteidigung. Heimat erscheint da als mittelalterliche Burg, die mit Mauern, Pech und Schwefel gegen den Andrang von außen zu schützen ist.

Dabei ist das, was verteidigt werden soll, schon längst verloren. Die Sehnsucht nach Idylle und Abgeschiedenheit stammt noch aus der dörflichen Welt des 18. Jahrhunderts, als schon im Nachbarort die Fremde begann. Seither hat der Begriff mitsamt seinen politischen Implikationen vielfältige Wandlungen durchlaufen. Er ist nicht nur zwischen rechts und links umkämpft, sondern besetzt auch die Grenze zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Innenwelt und Gesellschaft, Religion und Aufklärung, die Nahtstelle zwischen Innen und Außen, zwischen Weltoffenheit und Abschottung. Wer „Heimat“ sagt, zieht irgendwo eine Grenze. Genau da werden die Schlachten der modernen Welt geschlagen.

Eberhard Rathgeb nannte Heimat einmal ein „deutsches Gefühl“, und tatsächlich gibt es dieses seltsam schillernde Wort in keiner anderen Sprache. Es ist romantisch aufgeladen und entstammt der spezifisch deutschen Kleinstaaterei, in der mit vereinten regionalen Kräften der Großmacht Preußen misstraut wurde. Das war zwar reaktionär, aber antinational. Erst im 20. Jahrhundert und vor allem im Ersten Weltkrieg wurde das Heimatgefühl von den Nationalisten und dann von den Nazis für ihre Zwecke gekapert. Heimat hieß dann „Heim ins Reich“, und alles Fremde wurde ausgemerzt. Nach 1945 diskreditierten die „Heimatvertriebenen“ aus dem Osten den Begriff mit ihrem Revisionismus weiter, genauso wie der sogenannte Heimatfilm der 1950er Jahre, der einfach so tat, als hätte es Krieg und Holocaust nie gegeben. All das kann man sehr schön bei Renate Zöller nachlesen, die vor zwei Jahren die schlichte Frage stellte: „Was ist eigentlich Heimat?“ Der Begriff war in der Bundesrepublik so verbraucht, dass Jürgen Habermas mit dem „Verfassungspatriotismus“ versuchte, gesellschaftliche Zusammengehörigkeit nicht auf Basis eines (Heimat-)Gefühls zu begründen, sondern rational und aufgeklärt mit Bezug auf die Verfassung und demokratische Werte. Mit der Grünen-Bewegung und dem Kampf um die Natur begann sich das aber bald wieder zu ändern. In den 1980ern entstand ja auch die große Heimat-Saga von Edgar Reitz. Da wurde Heimat wieder zu einer progressiven politischen Ressource. Man kämpft wohl besser für ein Gefühl als für eine abstrakte Sache. Das gilt vielleicht auch für die Revolutionäre der DDR, die nach 1989 dann aber vielfach die Erfahrung machten, dass ihnen die Heimat abhanden kam, ohne dass sie ihr Land verlassen hätten.

Dass das Bedürfnis nach Herkunft, Sicherheit und Zugehörigkeit eine treibende Kraft in der Natur ist, kann man in dem Buch Heimatinstinkt des Biologen Bernd Heinrich nachlesen. Da geht es um die Fähigkeit von Zugvögeln, Insekten oder Aalen, die nach ihren manchmal viele tausende Kilometer umfassenden Reisen punktgenau zum Gebüsch oder Gewässer ihrer Entstehung zurückkehren. Auch wenn man leicht Gefahr läuft, sich die Tiere dem Menschen zu ähnlich zu denken, kann man schlussfolgern: Wenn Vögel genau da ihre Nester bauen, dann tun sie, was wir Menschen auch gerne tun: sich an einen Ort zu binden, um dort bewohnbare Lebensräume zu schaffen.

Die von Renate Zöller interviewte Psychologin Beate Mitzscherlich hält das für eine Folge der Körperlichkeit des Lebens: „Weil wir in einem Körper leben, sind wir auf Orte und Räume bezogen.“ In der zunehmend auf Mobilität und globale Einsatzbereitschaft bauenden Gesellschaft ist das auch nicht durch Skypen oder Telefonieren auszugleichen. Wir sind keine virtuellen, ortlosen Wesen. Heimat aber basiert auf dem Bedürfnis nach „körperlicher Präsenz“. Vielleicht ist das gemeint, wenn Martin Walser lakonisch sagt, dass Heimat da ist, wo man abends zusammen isst. Oder was Wim Wenders – im Film Der Stand der Dinge – so formulierte: „Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen.“

Heimat ist aber auch „ein Ort, den wir uns zuallererst erarbeiten müssen – draußen ebenso wie drinnen“, wie Erhard Schütz neulich in seiner Sachbuchkolumne zutreffend über Daniel Schreibers Zuhause urteilte (Freitag 12/2017). Schreiber hatte seinem autobiografischen Essay mit Bedacht den Titel Zuhause gegeben, weil dieser Begriff viel stärker das Moment der Wahl und des Selbstgeschaffen enthält als die eher schicksalhaft zu tragende „Heimat“.

Aus eigener, schmerzvoller Erfahrung als schwul werden wollendes Kind in einer Schule in Mecklenburg, wo er in die Fänge einer sozialistischen Erzieherin geriet, weiß er, dass Herkunft, Heimat und Familie nichts mit Idylle zu tun haben, sondern sehr oft den schwierigsten, problematischsten Ort im Leben bezeichnen, dem man möglichst rasch entkommen muss. Für ihn wurden die Großstädte London und New York zu einem Zuhause. Erst dort lernt er Heimat begreifen als einen Ort, „an dem wir nicht in Frage gestellt werden“.

Vertreibung aus dem Paradies

Schreiber gehört gewissermaßen zum Globalisierungs-Jetset, der sich Lebensort und Sprache frei aussuchen kann. Anders ist das für die vielen Flüchtlinge und Exilanten. Davon versucht Atiq Rahimi etwas mitzuteilen, Maler und Schriftsteller aus Afghanistan, der heute in Frankreich lebt. Heimatballade heißt sein neues Buch, das ziemlich pathetisch tönt, sich wild durch Philosophie und Literatur zitiert, denkerisch seinem Thema aber nicht gewachsen ist. Doch Rahimi formuliert einige wichtige Erfahrungen, die mit der Sprache zu tun haben, wenn er das Exil als „die Abwesenheit des Wortes“, als „Verlorensein in der Sprache“ definiert.

Für Rahimi ist die menschliche Urerfahrung nicht der biologische „Heimatinstinkt“, sondern die mythologische Vertreibung aus dem Paradies. Seither leben wir – existenziell betrachtet – im Exil des Lebens, und noch jeder Geburtsvorgang ist eine Vertreibung aus dem Paradies des Mutterleibes. Rahimi zitiert ein afrikanisches Sprichwort: „Wenn du dich in der Wüste verläufst, dann such erst einmal die Spur deiner Schritte, die dich hergeführt haben.“ Die Tragik des Exils besteht jedoch eben darin, dass der Weg zurück in die Heimat – und damit die Selbstvergewisserung – verstellt ist.

Andererseits: Wir leben in einem multiethnischen, multikulturellen Land und in einer offenen Gesellschaft. Selim Özdoğan unterläuft die gängigen Klischees schon im Titel seines 2016 erschienenen Romans Wieso Heimat, ich wohne zur Miete. Man kann eben auch hier leben, ohne sich gleich heimatlich niederlassen zu wollen, und trotzdem ein Zuhause finden. Das ist so, auch wenn es vielen nicht passt.

Von dieser gelebten Vielfalt handelt Heimaterde, ein Band mit Reportagen von Lucas Vogelsang. Vogelsang bewohnte im Berliner Wedding ein Haus in einer Gegend, in der er als der einzige Deutsche zum Fremden mutierte und anfangs mit Skepsis betrachtet wurde: Was will der denn hier? Aber all die Menschen in der Nachbarschaft haben diesem Ort gegenüber ihre spezifischen Heimatgefühle entwickelt und schaffen es, sich darin gemeinsam zu bewegen. An Orten wie dem Wedding erfahren wir die Zukunft: Heimat ist ein Wort im Plural geworden. Nur dann ist es brauchbar in unserer Gegenwart. Die eigene Heimat wird ja nicht schlechter dadurch, dass sie auch anderen zur Heimat dient. Meistens eher im Gegenteil. Wer will denn schon unter sich bleiben.

Verwendete Literatur

Der Heimatinstinkt. Das Geheimnis der Tierwanderung Bernd Heinrich, Judith Schalansky (Hg.) Matthes & Seitz, Naturkunden 2017, 320 S., 38 €

Heimatballade Atiq Rahimi, Waltraud Schwarze (Übers.), Ullstein 2017, 192 S., 18 €

Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen Daniel Schreiber Hanser Berlin 2017, 140 S., 18 €

Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland Lucas Vogelsang Aufbau 2017, 256 S., 20 €

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