Heimkehren, essen, erzählen

Würdigung Heute wäre der jüdisch-italienische Schriftsteller Primo Levi 90 Jahre alt geworden. Bettina Hartz erinnert an den Autor von "Ist das ein Mensch?"

1983 hat Primo Levi Kafkas Roman Der Prozeß" target="_blank">Der Prozessins Italienische übersetzt. In einem Interview mit der Tageszeitung Il Manifesto erzählt er von den inneren Widerständen, die er während der Arbeit spürte und von der er glaubte, dass sie auf Angst gegründet sei. Denn obwohl ihm Kafkas parabelartige Welt fremd sei, erkenne er in ihr doch die des Lagers, Auschwitz, wieder, wo er, der 24-Jährige, ein knappes Jahr Hunger, Kälte, Schlägen, Krankheiten und unmenschlicher Arbeitsbelastung ausgesetzt war. Und von wo er mit nur vier von 650 deportierten italienischen Juden zurückkehrte. In Kafkas Roman begegnet ihm dieselbe wahnwitzige Welt einer zwanghaften Bürokratie, einer mechanischen Brutalität, in der immerzu das Unerwartete, Sinnlose geschieht, eine Welt, vor der der Verstand kapituliert und in deren absurder, tödlicher Logik er sich doch behaupten muss, um zu überleben.

Primo Levi hat überlebt. Nach einer Irrfahrt durch den Osten Europas kehrt er im Herbst 1945 in seine Heimatstadt Turin zurück. Sofort versammelt er Familie und Freunde, um zu erzählen, was er erlebt hat. Davon, einmal Zeugnis ablegen zu können, hat er im Lager immer wieder geträumt und seinen Überlebenswillens zum großen Teil aus dieser Hoffnung geschöpft. Nur wenige Monate nach seiner Rückkehr beginnt er mit der Niederschrift des autobiographischen Berichts Ist das ein Mensch?: Ein autobiographischer Bericht" target="_blank">Ist das ein Mensch?, in dem er von der Deportation nach Auschwitz, dem Leben und Sterben im Lager erzählt. Sein geradezu pathologischer Erzählzwang, wie er ihn selbst nennt, macht ihn, den promovierten Chemiker, zum Schriftsteller.

Was an Levis Buch bis heute beeindruckt, ist sein Ton. Levi klagt nicht an, vermeidet die Extreme sowie jede Dramatisierung des Lageralltags: "Ich meinte, mein Wort würde um so glaubwürdiger und nutzbringender sein, je objektiver es erschiene, je weniger gefühlsbestimmt es klänge; nur so wird der Zeuge vor Gericht seiner Funktion gerecht, die darin besteht, den Boden für den Richter vorzubereiten." Die Empörung soll beim Leser entstehen – Levi will ihm lediglich den Rohstoff dazu liefern. Als Vorbild dient ihm das Arbeitsprotokoll zum Wochenabschluss, wie er es so oft im Labor anfertigen musste.

Albtraum

Neben diesen Beschreibungen aber reflektiert er das Geschehen, die Gedanken und Gefühle, etwas, das im Lager ganz unmöglich und auch unnütz war, "denn es erhält eine Sensibilität, die ein Quell des Schmerzes ist und die irgendein vorsorgliches Naturgesetz stumpf macht, sobald die Leiden ein bestimmtes Maß überschreiten". Jetzt, nach der Rückkehr, will er verstehen, was mit ihm und den anderen geschehen ist. Auch deshalb schreibt er dieses Buch, denn "was man nicht verstehen kann, bildet eine schmerzhafte Leere, ist ein Stachel, ein dauernder Drang, der Erfüllung fordert".

Doch sein Wunsch ist ambivalent. Nicht nur, dass Levi es mit den Historikern Alan Bullock und Karl Dietrich Bracher hielt, die ebenso wie er "den rasenden Antisemitismus Hitlers und des hinter ihm stehenden Deutschland nicht begreifen", er widersetzt sich diesem Wunsch auch: "Vielleicht kann man das Geschehene nicht begreifen, ja darf es nicht begreifen, weil begreifen fast schon rechtfertigen bedeutet". Seine persönliche Art, "mit dieser Erfahrung zu leben", ist, "sie zu entdämonisieren – durchs Schreiben."

Denn wenn Verstehen und Begreifen nicht möglich sind, so ist das Nachdenken über das Geschehene doch "die Pflicht eines jeden", um eine Wiederholung von Auschwitz zu verhindern. Die Realität sieht anders aus. Primo Levis im Lager oft geträumter Albtraum, "frei zu sein und allein zu bleiben", "zu berichten und nicht angehört zu werden", bewahrheitet sich. Die Schriftsteller Cesare Pavese und Natalia Ginzburg, Lektoren im Verlag Einaudi, lehnen sein fertiges Manuskript ab – und das, obwohl beide unter den italienischen Faschisten in der Verbannung lebten, Natalia Ginzburg Jüdin ist und ihr Mann unter der Folter der Deutschen starb.

Das Buch erscheint dann zwar im Herbst 1947 in einem anderen Verlag – doch im Grunde wird der Band mehr verteilt als verkauft. Von den 2500 Exemplaren der ersten Auflage sind 1966 noch immer 600 Stück auf Lager. Italo Calvino ist der Einzige, der die Bedeutung des Werkes erkennt. Ist das ein Mensch?: Ein autobiographischer Bericht" target="_blank">Ist das ein Mensch? erschien, als die Davongekommenen sich nach Normalität sehnten, das Erinnern als Last empfanden, die das Weiterleben erschwerte und den Wiederaufbau behinderte. Fragte der Bericht eines KZ-Überlebenden nicht auch nach ihrer Verantwortung, nach ihrer Schuld? Verlangte die Lektüre nicht Empathie mit den Opfern, weckte sie nicht Reue und Trauer? Über die Gründe dieser "Unfähigkeit zu trauern" haben die Mitscherlichs, was die Deutschen angeht, ein ganzes Buch geschrieben. Es dauerte auch in Italien zwanzig Jahre, eine ganze Generation, bis Levis Bericht breiter rezipiert wurde, bis Übersetzungen erschienen, bis man ihn zu Lesungen und Diskussionen einlud, bis man ihm zuhörte.

Wirklichkeit zweiten Grades

Später hat Levi noch anderes geschrieben, Science-Fiction-Geschichten, einen Roman über ostjüdische Partisanen, die sich nach Palästina durchschlagen wollen (es ist der Traum von einem jüdischen Widerstand, den er hier träumte), eine Fortsetzung des "autobiographischen Berichts" mit der Beschreibung seiner sich an die Befreiung aus Auschwitz anschließenden Irrfahrt durch Osteuropa. Aber Ist das ein Mensch?: Ein autobiographischer Bericht" target="_blank">Ist das ein Mensch? ist das Buch, das ihn berühmt gemacht hat.

Wie viele andere Überlebende, wie Paul Celan, wie Jean Améry, mit dem Primo Levi in Auschwitz im selben Block gelebt hatte und dessen 1978 begangenen Selbstmord er zu verstehen sucht, wie Josef K., die Hauptfigur in dem von Levi übersetzten Roman Kafkas, wird er von einem diffusen Schuldgefühl gequält, fühlt er sich gleichzeitig schuldig und unschuldig. Die Täter vergessen. Für die Opfer aber hört das Lager nie auf. Das Lager ist eine Wirklichkeit zweiten Grades, die in den Alpträumen wiederkehrt, "nichts ist wirklich außer dem Lager; alles andere war kurze Atempause, Sinnestäuschung, Traum".

Als seine krebskranke Mutter im Sterben liegt, erkennt Levi in ihrem Gesicht das der Todgeweihten auf den Pritschen in Auschwitz wieder. Und er wehrt sich gegen den stillen Vorwurf der großen Zahl der Toten, den er zu hören meint. Gegen den Gedanken, "anstelle eines anderen am Leben geblieben zu sein". In dem Gedicht "Der Überlebende" heißt es: "Niemandes Brot hab ich an mich gerissen. / Zurück, ihr Untergegangenen, weg von hier".

Sein Bericht sei der eines "Privilegierten" und weise eine "Lücke" auf. "Wäre ich nicht Chemiker gewesen und hätte ich nicht ein bißchen Deutsch gekonnt, wäre mir ein anderes Los beschieden gewesen." Die aber, denen dieses andere "Los" beschieden war, die Ermordeten, sind in seinen Augen die wahren Zeugen. Und er wirft sich vor, "vielleicht nicht das getan zu haben, was möglich war, zum Beispiel Widerstand zu leisten".

Levi wurde oft als Optimist beschrieben. Warum? Weil er gegen die Barbarei kämpfte, mit den schwachen Waffen des Humanismus. Weil er sich noch im Lager an die letzte Möglichkeit des Widerstands hielt, die ihm geblieben war, "die Möglichkeit nämlich, unser Einverständnis zu versagen". Aber Levi war kein Optimist, er war Realist. Er hat immer versucht, die Dinge so klar wie möglich zu sehen und zu benennen. Darin unterscheidet er sich von Kafka, dessen vorausahnende Hellsicht, was die Gewalt einer von allen moralischen Bedenken entleerten Bürokratie angeht, er dennoch anerkennt. Und in dessen Roman, obwohl oder gerade weil er ihn fürchtet, er nicht nur die Welt der Konzentrationslager wiedererkennt, sondern auch die totale Einsamkeit im Leben und im Tod.

Am 11. April 1987 hat sich Primo Levi im Treppenhaus seines Geburtshauses, in dem er fast sein ganzen Leben gewohnt hat, in den Tod gestürzt. Wenn er je hätte heimkehren können, könnte er noch unter uns sein. Und heute seinen 90. Geburtstag feiern.

Das berühmteste Buch Primo Levis, der autobiographische Bericht "", liegt in der von Levi autorisierten Übersetzung von Heinz Riedt bei dtv vor (207 S., 7,90 ). Der sich in der Lebenserzählung chronologisch anschließende Roman Die Atempause ist zurzeit vergriffen, eine Neuauflage erscheint im September bei dtv (256 S., 8 ). Der unter Ostjuden spielende Partisanenroman Wann, wenn nicht jetzt? (Deutsch von Barbara Kleiner) ist ebenso bei dtv lieferbar (383 S., 10 ) wie (Deutsch von Edith Plackmeyer, 265 S., 11,90 ) und die beiden Erzählungsbände (Deutsch von Heinz Riedt und Barbara Kleiner, 351 S., 9,90 ) sowie Das Maß der Schönheit (Deutsch von Heinz Riedt und Joachim Meinert, 148 S., 8,90 ). Der bei Hanser zuletzt 2002 aufgelegte Band (übersetzt von Moshe Kahn) ist derzeit, auch in der dtv-Taschenbuchausgabe, leider vergriffen. Sehr zu empfehlen ist der von Marco Belpoliti herausgegebene und von Joachim Meinert übersetzte Band Primo Levi Gespräche und Interviews (Hanser, Edition Akzente 1999, 288 S., 19,90 ). Die große Levi-Biographie von Myriam Anissimov, (Philo Verlagsgesellschaft 1990, geb., 639 S., 14,90 ), ist zwar äußerst günstig, leider wird das Lesevergnügen aber durch kompositorische Mängel sowie zahlreiche orthographische und stilistische Fehler getrübt.

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15:45 31.07.2009

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