Heimspiel auswärts

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Nach den Istanbuler Attentaten wurden "die Türken" als Opfer dieser Anschläge vom Europäischen Fußballverband UEFA zur Verlegung ihrer Heimspiele verurteilt - was zu berechtigter Empörung führte. Die türkischen Vereine wussten die ungerechte Strafe jedoch zu ihrem Vorteil zu wenden, denn seit einigen Jahren ist es sowieso schon Tradition, dass die Istanbuler Großclubs ihre sommerlichen Trainingslager in Deutschland ansiedeln. Dort finden sich nicht nur spielstarke Sparringspartner sondern auch Zehntausende deutsch-türkische Zuschauer, die zu Freundschaftsspielen große Stadien füllen. Nun also wurde den Mannschaften von Galatasaray Istanbul und Besiktas auferlegt, ihre Heimspiele Anfang Dezember in Dortmund und in Gelsenkirchen zu absolvieren. Galatasaray und Besiktas erreichten hier vermutlich mehr türkische Fans als zu Hause, pro Spiel über 50.000. Für die Fans war es ein Feiertag, keine wöchentlich wiederkehrende Gelegenheit. Die gastgebenden Stadionbesitzer Borussia Dortmund und Schalke 04, beide bereits aus den europäischen Wettbewerben ausgeschieden, konnten eine feine sechsstellige Stadionmiete einstreichen. Die Reisetätigkeit der Istanbuler könnte sich als ein Zukunftsmodell entpuppen: die Mannschaft reist zu ihren Fans, statt umgekehrt.

Sportlich blieb die Bilanz zwiespältig. Galatasaray gewann in Dortmund gegen Juventus Turin 2:0. Turin verlor mit seiner zweiten Mannschaft quasi freiwillig, weil es schon für die nächste Runde qualifiziert war. Besiktas hingegen unterlag Chelsea London, der internationalen Millionärs-Truppe des russischen Ölmilliardärs Abramowitsch, mit 0:2. Und was noch schlimmer war: zwischen dem seit zwei Jahren klar besten türkischen Team und der Söldnertruppe aus London klaffte ein sichtbarer spielerischer Klassenunterschied. Der verdiente dritte Platz der Türkei bei der Weltmeisterschaft 2002 scheint dem türkischen Fußball nicht gut bekommen zu sein. Es folgte ein blamables Ausscheiden der Nationalelf in der EM-Qualifikation gegen Lettland und nun der Abstieg von Galatasaray und Besiktas in den weniger lukrativen UEFA-Cup. Die Spieler sind einfach zu früh zu berühmt geworden und haben sich für den sportlichen Erfolg schädliche Allüren angewöhnt. Besiktas´ in Deutschland aufgewachsener Stürmer Ilhan Mansiz, der einmal türkischer Torschützenkönig war, und dessen Poster in vielen Mädchenzimmern hängt, bewegte sich beim Spiel in Schalke wie ein beleidigter Prinz, dem jemand sein Spielzeug geklaut hat. Er droht ein "ewiges Talent" zu werden, was unter Fußballern ein Todesurteil für die Karriere ist. Die infernalische Akustik in der fast komplett überdachten Schalke-Arena wirkte für die beste türkische Mannschaft, wie oftmals auch für die heimischen Schalker, nicht als Fan-Unterstützung, sondern als "Erwartungsdruck". Die Vollprofis aus London machte es dagegen erst richtig scharf. Der türkische Fußball und seine Fan-Öffentlichkeit benötigen also noch Reifezeit.

Bezeichnend für das verbesserungsbedürftige deutsch-türkische Verhältnis ist die Tatsache, dass in Deutschland aufwachsende türkische Fußballtalente regelmäßig in die Türkei "auswandern". Während sie in deutschen Jugendteams heute oft über die Hälfte der Mannschaft bilden, setzen sich die wenigsten in der Bundesliga durch. Nach drei Einwanderergenerationen müssen sich die Vereine und der Deutsche Fußballbund langsam fragen, woran das liegt. Bisher scheint sie das nicht besonders zu interessieren.

Auch die Medien trugen nicht gerade zur deutsch-türkischen Fußballintegration bei. So betreiben zwar der WDR, Radio Bremen und der RBB Berlin gemeinsam die lobenswerte "Funkhaus Europa"-Welle für MigrantInnen und Deutsche. Live-Reportagen aus Dortmund oder Gelsenkirchen, wie sie für deutsche Fußballfans selbstverständlich sind, brachte der zuständige WDR jedoch nicht zustande. Und die Tageszeitungen beschränkten sich auf Panikmeldungen über einen angeblichen Beinahe-Spielabbruch in Gelsenkirchen. Was war geschehen? In einer Spielfeldecke türmten sich kurz vor der zweiten Halbzeit abgewickelte Klopapierrollen, ein völlig ungefährliches Fanritual. Der Schiedsrichter schickte an diesem frostkalten Abend die Spieler noch mal in die Kabine zurück, bis die Ordner den Papiermüll beiseitegeräumt hatten. Das als Abbruchgrund zu fantasieren (u.a. im Kölner Stadt-Anzeiger und im Berliner Tagesspiegel), zeugt mehr von der Türkenphobie in der deutschen Tagespresse als von der Wirklichkeit auf dem Platz.

Etwas anderes blieb den Journalisten auf der Pressetribüne verborgen: die Frauen und Mädchen (Modell Kopftuch bis Modell Model) unter den Fans auf den "billigen" Plätzen zwischen 20 bis 25 Euro. Sie sprechen schon mit zwölf Jahren fließend Türkisch, Deutsch, Englisch und haben eine interkulturelle Kompetenz, die deutsche KonkurrentInnen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt noch das Fürchten lehren wird. Und sie haben vor allem eines: ziemlich viel Ahnung von Fußball.


00:00 19.12.2003

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