Heimweg

Alltag Verkehrsmittel in St. Petersburg - seltene, unwahrscheinliche und magische

In St. Petersburg, wo ich derzeit lebe, muss man gut zu Fuß sein. Ein Grund, warum sich alle ständig verspäten, ist nicht nur der fahrlässige Umgang mit Zeit, vor allem der Zeit anderer, sondern die ortsüblichen Verkehrseinrichtungen, die das erwünschte Erscheinen an einem bestimmten Ort über alle Maßen erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Der Heimweg ist für mich immer die - hoffentlich - letzte Prüfung des Tages. Trägt mich ein Verkehrsmittel in die Nähe meiner Wohnung oder muss ich wieder einmal, vollgepackt mit Büchern und Einkäufen, ohnehin schon müde, 20 Minuten durch Kälte und Dunkelheit laufen?

Die Metro ist eine wunderbare Täuschung. Hier wirkt noch die sowjetische Idee der schnellen Beförderung der werktätigen Massen: wuchtige Rolltreppen führen 100 Meter und mehr in die Tiefe, wo sich wahrhaft prächtige unterirdische Gewölbe öffnen: Materialreiche Ausgestaltung in Marmor, Gusseisenrosetten und Goldglanz, Intarsien, Kronleuchter mit drei Metern Radius, Fackelgebinde, Wandgemälde. Alles funktioniert und dient der Präsentation von Effizienz und Geschwindigkeit, am eindrucksvollsten vorgeführt an den halbmeterhohen Zeitanzeigern an den Gleisenden, die die sekundengenaue Abfahrzeit der vorherigen Bahn verkünden: Eine Minute 54 Sekunden - und schon wieder fährt eine Bahn ein! Zwei Minuten 34 Sekunden - und wieder! Und das bis nachts um Zwölf und auch an Sonn- und Feiertagen, phantastisch also im Vergleich zum deutschen U-Bahnverkehr.

Diese Vorführung folgt jedoch erkennbar einer anderen Rationalität als bei uns: Es geht um Geschwindigkeit, nicht um Pünktlichkeit und Berechenbarkeit, weshalb die Metro ohne Fahrpläne auskommt.

Außerhalb der Metro zeigt sich die Kehrseite des sowjetischen Effektivitätsansatzes: er gilt exemplarisch, ist also punktuell vorzufinden, für alle(s) reicht es nicht. Das Prinzip der Fahrplanlosigkeit zum Beispiel ist eine Geißel, zumindest für den deutschen Gast. Ein russischer Immigrant in Berlin erzählte mir einmal, er hätte nicht mehr gut geschlafen, nachdem ihm klar wurde, dass hier die Busse tatsächlich mehr oder weniger nach Fahrplan fahren. In der Schärfe möchte ich das für den umgekehrten Fall nicht bestätigen, aber der Alltag muss nach völlig anderen Koordinaten ausgerichtet werden. Wann fährt der Bus, wann kommt die Straßenbahn? Niemand weiß das, alle warten. Eine Faustregel besagt, dass auf hochfrequentierten Linien die Wartezeit sehr lang sein kann, weil irgendwann drei Busse oder Straßenbahnen kommen, deren Fahrer eine Kartenspielgemeinschaft bilden. Bis die Runde zu Ende ist, hat sich eine Menschenmenge angesammelt, die auch drei Wagen eigentlich nicht fassen kann. Eigentlich.


M anchmal kommt auch keines der erwarteten Verkehrsmittel oder es verkehrt anders als erwartet. So absolvierte ich einmal zwei vergebliche Versuche, zum Universitätshauptgebäude zu kommen, wo nur während einer kurzen Zeitspanne pro Woche ein bestimmtes Dokument ausgegeben wurde. Die Metro fährt nicht dorthin, weshalb ich mich an einer Trolleybushaltestelle anstellte und sehr lange wartete. Das eine Mal wurde unterwegs die Route geändert, das andere Mal löste sich die Stromverbindung zur Oberleitung. In beiden Fällen fand ich mich an einem Ort wieder, von dem aus ich die Universität zu Fuß nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte.

Lange lag mein Heimweg an einer Straßenbahnlinie, deren Funktionieren ich nicht begreifen konnte. Inzwischen ist sie eingestellt, worüber ich fast erleichtert bin. Jetzt weiß ich von vorneherein, dass ich zu Fuß gehen muss und mache mich von der Metrostation beschleunigten Schrittes auf den Weg. Es ging aber, glaube ich, bei besagter Straßenbahn in der einen Fahrtrichtung immer mit rechten Dingen zu, nicht aber in der umgekehrten. In der Nähe meiner Wohnung befand sich nämlich die kreisförmige Endhaltestelle, so dass alle Straßenbahnen, die ich von einem bestimmten Punkt aus dorthin fahren sah, auch wieder zurückkommen mussten. Das war aber häufig nicht der Fall. Als würde die Straßenbahn an der Endhaltestelle vom Boden verschluckt, kam sie einfach nicht mehr zurück, auch wenn noch so viele Bahnen folgten. Das kann nicht sein, aber es war so.

An einem regnerischen Frühlingstag hatte ich Glück und erwischte sofort eine Straßenbahn nach Hause. Die Haltestelle liegt nah bei der Metrostation, so dass ich kaum nass war, als ich einstieg, nur um mich in einer Tarkovskij-Filmszene wiederzufinden. Weil es in der vorderen Waggonhälfte regnete, und zwar stärker als draußen, hatten sich die Fahrgäste im hinteren Teil niedergelassen. Verwundert setzte ich mich auf die äußerste Kante einer Sitzgelegenheit und studierte meine Umgebung. Der Regen kam aus den an der Decke angebrachten Lampen, in denen sich Wasser gesammelt hatte, und durch die ruckelnden Bewegungen wurde es in kleinen Portionen in das Waggoninnere verteilt. Betonen möchte ich, dass es keinen Kurzschluss gab und die Bahn fuhr. Ich kam wohlbehalten zu Hause an.

Innenberieselung habe ich sonst nie in Straßenbahnen erlebt, regelmäßig aber in Trolleybussen zur Winterzeit. Die Trolleybusse sind nicht beheizt, so dass die Eigenwärme der Passagiere und die Atemluft zweierlei bewirken. Erstens vereisen die Fenster von innen, wodurch die Fahrt einem Blindflug gleicht, und zweitens rieselt die Feuchtigkeit der Atemluft als Schnee wieder herunter.

Wenn ich Zeit habe für meinen Heimweg, fahre ich eine Metro-Station weiter und laufe am Ufer des Flüsschens Smolenka nach Hause. Ich entgehe dem Lärm und dem Gestank der Straßen und folge dem unbefestigten Pfad, der sich zwischen dem Fluss und einem Friedhof dahin zieht. Ich liebe diesen Ort, und ich glaube, er ist der friedlichste Platz in ganz St. Petersburg, obwohl er nicht wirklich einsam ist. Immer wieder sind Leute unterwegs, so wie ich auf dem Heimweg, für einen Spaziergang zu zweit, mit dem Kinderwagen.

Der Friedhof wurde in den 1940er Jahren angelegt, es liegen also Kriegstote hier. Auf dem schon recht verfallenen zivilen Teil sind die Gräber unregelmäßig angelegt, individuell gestaltet. Viele Grabsteine zieren braunstichige Fotos der Verstorbenen. Der andere Teil hat die typische Heldenfriedhofbepflanzung, ein Denkmal aus drei Torpedos ist der Besatzung eines U-Bootes gewidmet. Im Sommer sonnen sich ältere Frauen zwischen den Reihen der Heldengräber. Das mag pietätlos erscheinen, aber die friedvolle Stimmung stört es keineswegs.

Eines Tages war ich hier wieder unterwegs. Mich erwartete noch eine Sitzung, weshalb ich immer wieder tief durchatmete und mich gedankenverloren dem Anblick der Bäume hingab, die den Pfad säumen. In diesen nördlichen Breiten ist die Luft, wenn der Himmel nicht bedeckt ist, so klar und durchsichtig, dass man auch aus großer Entfernung jedes einzelne Blatt erkennen kann. Ich durchschritt den Zivil- und danach den Heldenfriedhof, ohne mich aufzuhalten. Um so erstaunter war ich, als ich ankam und die Sitzungsteilnehmer bereits auf mich warteten. Es war bereits eine ganze Stunde später als erwartet. Wo war diese Stunde geblieben? Ich hatte mich zur rechten Zeit auf den Weg gemacht, mit der schnellen Metro und zu Fuß an der Smolenka entlang, was höchstens 30 Minuten dauert und nicht eineinhalb Stunden. Wie in der Kyffhäuser-Sage, in der ein frischvermähltes Paar in den Ställen des König Barbarossa sich in der Zeit verliert und erst 100 Jahre später wieder in sein Dorf zurückkehrt, war mir eine Stunde abhanden gekommen.

In Deutschland hätte man mir die Geschichte einfach nicht geglaubt. Uhr falsch gestellt, Zeit verbummelt- das wären die gängigen Erklärungen. Nicht so in Russland. Als ich meinem Erstaunen Ausdruck verlieh, sah ich keine zweifelnden Gesichter. Man scherzte wohl, aber niemand lachte mich aus.

Monatelang dachte ich nicht mehr an dieses Ereignis, bis ich mich auf einer Dienstreise nach Krasnodar befand. Bei einem Ausflug in die Umgebung kamen wir auf unerklärliche Dinge zu sprechen. Ich erzählte von meinem Erlebnis an der Smolenka, worauf einer meiner Gastgeber, der des öfteren in St. Petersburg ist, meinte, dies sei schon möglich, weil hier die Kapelle der Heiligen Xenia stünde, und die würde solche Sachen anstellen.

Ich habe irgendwann im Heiligenkalender nachgeschlagen, konnte die Heilige Xenia auch finden, doch keinen Hinweis auf Eigenschaften und Vorlieben, die das von mir Erlebte erklären würden. Was war geschehen? War ich zeitweise "weggebeamt" worden? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ich diese Stunde an einem "anderen Ort" verbracht habe und mich nur nicht daran erinnere. Eher fühle ich mich wie Schroedingers Katze. Die ist Teil eines Gedankenexperiments der Quantenmechanik: Eine Katze wird zusammen mit einer radioaktiven Quelle, einem Geigerzähler und einer Giftphiole in einen Kasten gesperrt. Falls der Geigerzähler ausschlägt, zerbricht die Phiole. Wenn nicht, dann nicht. In unserer normalen Welt wissen wir, was mit der Katze im Kasten geschieht: zerbricht die Phiole, dann ist die Katze tot. Wenn nicht, dann nicht.

Ich gebe nicht vor, die Quantenmechanik wirklich zu verstehen, doch der Kern dieses Experiments ist folgender: Solange der Kasten geschlossen ist, bleibt alles möglich. Die Phiole zerbricht nicht, zerbricht aber auch nicht nicht, folglich ist die Katze weder tot noch nicht tot. Erst wenn der Kasten geöffnet wird, entscheidet sich alles. Es kommt also immer auf den Betrachter an. Gemeint ist mit dem Experiment, dass wir nur entweder über Faktisches oder über Wahrscheinliches sprechen können. Wir spekulieren, wenn der Kasten zu ist, Fakten haben wir nur, wenn er offen ist.

War ich also im Reich des Nur-Möglichen, nicht des Faktischen, weil ich nicht beobachtet wurde?

Bis heute kann ich mir nicht erklären, was damals auf dem Friedhof geschah und warum mir diese eine Stunde abhanden kam. Irgendwie möchte ich aber, dass sie mir eines Tages zurückerstattet wird.

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00:00 01.02.2002

Ausgabe 39/2020

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