Heißer Stuhl in Budapest

Im Gespräch Gerd Vehres, DDR-Botschafter in Ungarn von 1988 bis 1990, über den August und September 1989, als die massenhafte Flucht von DDR-Bürgern nicht mehr zu stoppen war

Im Bruch der Zeiten wandelte sich Leben in Davor und Danach. Träume wurden wahr oder zu Albträumen, manchmal entstand aus Enttäuschung auch Mut.
Wende-Zeit - Lebens-Wende: Eine Serie über Menschen und ihre Geschichten in der Geschichte.
Heute: Teil 3, der zurückführt in den September vor 15 Jahren

FREITAG: Wie wurde man in der DDR Botschafter?
GERD VEHRES: Ach Gott... Auf der Oberschule wurde ich auf meinen Studienwunsch Außenhandel angesprochen, ob ich nicht Außenpolitik studieren wolle. Ich habe ja gesagt, weil mich Sprachen interessiert. Außenpolitik konnte man aber nur an zwei Stellen studieren, entweder in Potsdam-Babelsberg oder in Moskau - ob ich denn auch nach Moskau gehen würde. Mir war das sehr recht. Ich habe dann sechs Jahre in Moskau studiert, davon ein Jahr in Budapest im Austausch. Ich hatte die Spezialisierung Ungarn. Nach dem Diplom habe ich im Außenministerium der DDR gearbeitet. Dann war ich - wie üblich - ein Jahr zu politischen Weiterbildung. Danach wurde ich zum Botschafter ernannt.

Im August 1988 sind Sie nach Ungarn gegangen. Schon zu diesem Zeitpunkt ein heißer Stuhl?
Ich hatte den Eindruck, es gab viele heiße Stühle rings herum. Das betraf auch Polen, Albanien und andere Länder. Ich hatte den Eindruck, dass jetzt Spezialisten ran mussten, weil es nun sehr kompliziert wurde, die Dinge vor Ort zu betreiben.

Wie haben Sie damals die politische Situation in der DDR wahrgenommen?
Einerseits sah es so aus, wir kämen vorwärts, andererseits spürte man, dass es zu einem immer größeren Riss zwischen Führung und Volk kommt. Auch in den Parteiorganisationen gab es Fragen und Zweifel. Als der Generalsekretär der rumänischen KP, Nicolae Ceausescu, zu seinem Geburtstag den Karl-Marx-Orden von Erich Honecker erhielt, kamen starke Proteste aus der Partei. Dann die Sputnikaffäre - das Magazin aus der Sowjetunion wurde praktisch verboten. Solche Ereignisse nahmen zu, die Versorgung wurde nicht besser, die Unzufriedenheit größer.

Wann wurde Ihnen in Budapest die Eskalation dieser Entwicklung klar?
Ein gutes halbes Jahr später. Das Frühjahr 1989 verging für uns zunächst mit den Vorbereitungen auf den 40. Jahrestag der DDR. Aber schon im März 89 hatte der ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth in Moskau über Pläne zum Abbau der Sicherungsanlagen an der Grenze zu Österreich informiert. Anfang Mai begannen die Ungarn damit und im Juni traten sie der Genfer Flüchtlingskonvention bei. Die Konvention untersagt, Flüchtlinge zurückzuschicken. Das hatte große Bedeutung für DDR-Bürger, die über Ungarn in die BRD wollten. In diesem Sommer nahm ihre Zahl sprunghaft zu. Vor allem waren es Jugendliche. Das war besonders erschreckend. Die Probleme waren nicht mehr lösbar, ohne dass die DDR bedeutende Zugeständnisse machte.

Und dazu war sie nicht bereit?
Offensichtlich nicht. Als Botschafter wird man zwar nicht in alle Dinge eingeweiht...

... aber man macht sich Gedanken?
Ja, natürlich. Ich machte Vorschläge, wies Berlin darauf hin, dass sich auch in Ungarn etwas zusammen braut - dann hieß es: Ja, ja, das klären wir schon, aber erst nach dem 40. Jahrestag. Die Führung war meinem Eindruck nach in dieser Frage handlungsunfähig.

Es gab für die sozialistischen Länder ein Zusatzprotokoll über den Umgang mit "Republikflüchtlingen", was besagte dieses Papier?
Von dem geheimen Zusatzprotokoll habe ich als Botschafter erst erfahren, als ich eine Note aus Berlin bekam, in der dagegen protestiert wurde, dass die Ungarn das geheime Zusatzprotokoll aufheben wollten. Das bedeutete folgendes: Wer ohne Visum für westliche Länder an der jeweiligen Westgrenze aufgegriffen wurde, der kam wegen versuchter Grenzverletzung zunächst in Untersuchungshaft und wurde dann den Ermittlungsorganen des Heimatlandes übergeben. Als diese Fälle immer mehr zunahmen, haben die ungarischen Organe nur noch mit einem Stempel im Reisedokument kenntlich gemacht, dass diese Bürger im Grenzbereich festgenommen wurden. Ich habe einen solchen Stempel nie gesehen. Auf Druck der ungarischen Opposition im Sommer 89 wurde dieser Stempel dann nicht mehr benutzt.

Nach der zeitweisen Öffnung der Grenze bei Sopron war klar, die Ungarn halten sich nicht mehr an das Zusatzprotokoll. Was passierte in der DDR-Botschaft?
In dieser Sache nicht mehr viel. Die DDR-Bürger wollten mit uns nichts mehr zu tun haben. Die wollten in die bundesdeutsche Botschaft. Als die überfüllt war, wurde ein Gebäude angemietet, das bundesdeutsche Wappen angebracht und das Gelände zum exterritorialen Gebiet erklärt. Und als das auch überfüllt war, gingen die Leute zum bundesdeutschen Konsulat ganz in der Nähe meiner Residenz. Sie wurden in einer Kirche untergebracht - das war das erste Flüchtlingslager für DDR-Bürger in Ungarn. Die Ungarn haben anfangs immer noch gehofft, die DDR-Regierung lasse sich breitschlagen und ermögliche den DDR-Bürgern die Ausreise über unsere Botschaft. Die Linie war aber: Nein, die Leute sollen zurück in die DDR. Ihnen würde Straffreiheit zugesichert, und sie könnten einen Ausreiseantrag stellen, der dann bearbeitet würde.

Hätte die DDR überhaupt eine eigenständige Lösung finden können?
Na ja, man hatte sich darauf festgelegt, dass die Souveränität des Staates zu achten ist. Man wollte jeden Eindruck vermeiden, dass die Bundesrepublik die DDR-Bürger wie bundesdeutsche Bürger behandeln konnte. Aber das machte sie schon seit Jahrzehnten. Das war eines der großen politischen Traumata der DDR und spielte bei allen Entscheidungen eine Rolle: Wir können nicht diesem Alleinvertretungsanspruch stattgeben, auch nicht den Anschein erwecken - dann kann man ja gleich einpacken. Abgesehen davon, lag die Entscheidung nicht mehr in unserer Hand. Auf einem Geheimtreffen am 25. August auf Schloss Gymnich bei Bonn hatte Ministerpräsident Nemeth bereits mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher vereinbart, die DDR-Flüchtlinge in Ungarn in die BRD ausreisen zu lassen. Es ging nur noch um den Termin.

Was konnte die Botschaft tun?
Wir haben einen Campingwagen gemietet und eine zeitweilige Beratungsstelle eingerichtet. Da gab es auch Drohungen gegen uns. Wir haben Flugzettel über Straffreiheit und Beratungsmöglichkeiten drucken und aushängen lassen. Aber wer wollte denn unter den Augen der anderen Ausreisewilligen schon zu einer DDR-Stelle gehen? Das war eine Farce. Und wir kamen auch nicht mehr ran an die Leute.

Haben Sie die Motive der Flüchtlinge verstanden?
Wir haben versucht die Motive zu ergründen, hatten aber wenig Möglichkeiten durch eigene Gespräche, uns ein Bild von den individuellen Umständen zu machen, denn in die Lager kamen wir nicht rein. Dass es so viele waren, auch in Prag und Warschau, Familien mit Kindern - das habe ich sehr ernst genommen. Aber die Motive waren für jemanden, der sich als Vertreter des Arbeiter-und Bauernstaates fühlte, der eine Entwicklung genommen hatte, die er sonst nicht hätte nehmen können... ja, das machte die Motive für mich zweifelhaft. Ich hatte Verständnis für die Menschen, aber nicht für diesen Weg.

Gab es in dieser Situation eine Verständigung zwischen den beiden deutschen Botschaften?
In dieser Zeit nicht. Der neue Botschafter der Bundesrepublik war erst 1989 gekommen. Wir hatten einen ganz normalen diplomatischen Kontakt.

Über Bekannte hatte ich in dieser Zeit dem bundesdeutschen Botschafter übermitteln lassen, dass wir uns über die Situation verständigen sollten, aber es kam keine Reaktion. Er hat mir später mal gesagt, seine Regierung habe nicht zugestimmt. Wofür ich Verständnis hatte. Ich konnte ja als Botschafter auch nichts machen ohne das Einverständnis meiner Regierung.

Welchen politischen Handlungsspielraum hatten Sie überhaupt in dieser Situation?
Keinen. Ich hatte das zu tun, was die Regierung entschied. In dieser heißen Zeit bekam ich von Berlin die Texte von Noten, mit denen wir gebeten, protestiert, gefordert haben. Kleine Dinge waren natürlich möglich. Zum Beispiel, als ich ohne Auftrag dem ungarischen Außenminister, mit dem ich per du war, sagte: Du redest immer nur mit der anderen Seite über unsere Bürger. Worauf er zurück gab: Naja, wenn ich eine Einladung kriegen würde, dann komm ich auch zu euch. Das habe ich sofort nach Berlin gemeldet und auf diese Art und Weise wurde am 31. August 1989 Außenminister Horn vom DDR-Außenminister Fischer und im ZK der SED von Günter Mittag, der Honecker vertrat, empfangen. Es kam zu keiner Einigung. Im Gegenteil: Horn kündigte die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze bereits für den 4. September 1989 an. Dieser Termin wurde dann verschoben, um uns angeblich noch eine Lösung zu ermöglichen.

Die es nicht geben konnte.
Ja, natürlich. Aber es gab einen letzten Versuch. Im ZK der SED war bekannt, dass offensichtlich nicht die ganze Führung der USAP hinter den Schritten des Ministerpräsidenten stand. Daraufhin erhielt ich noch am 9. September den Auftrag - einen Tag vor der Grenzöffnung durch die Ungarn - dem Parteivorsitzenden Rezsö Nyers ein persönliches Schreiben von Erich Honecker zu überreichen. Es ging darum, dass die ungarische Parteiführung die Grenzöffnung verhindert.

Gelang Ihnen die Übergabe?
Das war eine komplizierte Sache. Der Auftrag traf Freitag ein. Am Abend habe ich dann den persönlichen Sekretär des Parteivorsitzenden um einen dringenden Termin am Wochenende gebeten, habe den Briefinhalt erklärt - und erhielt die Terminzusage für den Sonnabend. In der Nacht vom Sonntag zum Montag Null Uhr sollte die Grenze geöffnet werden! Ich also hin zu dem Treffen. Erst wurde mir erklärt, der Vorsitzende sei verhindert, dann kam er aber doch und es war klar: Der Termin 11. September ist nicht zu kippen.

Wie haben Sie sich gefühlt?
Schlecht. Wie auch sonst, wenn einem die Menschen davon rennen. Die DDR-Bürger fuhren nun von Bratislava nach Ungarn und dann rechts weg Richtung Österreich, so dass in Budapest dieses Problem nicht mehr so eine große Rolle spielte. Es war gelaufen. Aber zu Hause wurde an einem neuen Reisegesetz gearbeitet. Dass es zu keiner Lösung kam, zeigt der Ablauf der Maueröffnung am 9. November 1989.

Waren Sie nicht spätestens ab da Botschafter auf Abruf?
Nein, noch nicht. Es kam die Modrow-Regierung. Wir kriegten auf einmal unheimlich viel Aufträge. Es gab auch in Budapest Überlegungen. Da musste ja wieder miteinander gesprochen werden. Für mich war es der Moment der Wahlen zur Volkskammer im März 1990. Als ich die ersten Hochrechnungen hörte, da wusste ich, mein Auftrag als Botschafter nähert sich dem Ende.

Gab es Überlegungen einer Übernahme in den Auswärtigen Dienst?
Nein. Ich war zunächst davon ausgegangen, solange sowjetische Truppen im Land sind, wird es - wie auch immer - noch eine DDR geben, doch unter einem Minister Meckel gab es für mich keinen Platz. Am Anfang war ich allerdings der Meinung, wenigstens unsere jungen Diplomaten hätten eine Chance. Aber in den Regelungen zur Übernahme stand drin: Das Silber, das Meißner Porzellan, die Immobilien: Ja - aber keinen von den Leuten.

Wie haben Sie sich als Botschafter von Ihrem Gastland verabschiedet?
Das war nicht so einfach. Es kam eine Extraweisung: DDR-Botschafter geben keine Abschiedsempfänge oder Cocktails. Ich habe dann Briefe an alle Partner geschrieben, dass ich dann und dann den letzten Tag in der Botschaft bin. Es kamen insgesamt 300 Gäste, auch aus dem diplomatischen Korps. Am 2. September 1990 bin ich nach Hause zurück. Am 2. Oktober wurden die Schlüssel und die Botschaft übergeben. Besenrein, wie es in der Weisung hieß.

Wie ging es für Sie weiter?
Aus einer Umschulung heraus habe ich Arbeit bei einem Versicherungsunternehmen in den alten Ländern gefunden. Für diese Firma bin ich nach Budapest gegangen und habe dort bis jetzt zur Rente gearbeitet.

War das eine gute Zeit?
Ja, ich habe viel gelernt, hatte viel zu tun und erfuhr auch Anerkennung. Es war eine sehr abwechslungsreiche Tätigkeit: Blitzschlag, Todesfälle, Immobilien, Überfall auf Geldtransporte.

Diese Lebenswende - schmerzt die manchmal?
Ja, es schmerzt. Ich wollte noch vieles erreichen. Aber es haben sich auch neue Perspektiven eröffnet, wobei das nicht einfach war. Andererseits rückwirkend betrachtet: Man ist dabei gewesen bei einer solchen einschneidenden historischen Veränderung. Eine ungeheure Erfahrung...

Das Gespräch führte Burga Kalinowski

00:00 10.09.2004

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