Matthias Becker
16.08.2011 | 12:00

Heißes Eisen Adaption

Urbane Erwärmung Stadtbewohner, besonders sozial schwache, werden den Klimawandel früh spüren. Die Politik agiert zu träge

Vielleicht steigt sie nur um zwei Grad Celsius. Es wäre ein Glücksfall – und für Klimatologen eine echte Überraschung. Denn sehr wahrscheinlich wird die mittlere Temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts stärker zunehmen. Vielleicht um drei Grad Celsius, vielleicht sogar um mehr.

Was auf Daheimgebliebene im aprilhaften Deutschland womöglich angenehm klingt, wird nicht nur für die argrarisch geprägten Zonen der Erde schwere Folgen haben. Die Menschen im globalen Süden trifft es zwar am härtesten. Aber hochindustrialisierte Länder auf der Nordhalbkugel bleiben nicht verschont, denn hinter solchen Durchschnittswerten verbergen sich auch extreme Wetterereignisse – Hitzewellen, gewaltige Regenfälle, schwere Stürme, Dürren. Schon der heiße Sommer 2003 kostete Schätzungen zufolge 35.000 Menschen in Deutschland das Leben. Eine Klimaerwärmung um drei Grad Celsius wird solche Sommer mit Temperaturen von mehr als 40 Grad alltäglich machen. Die Winter werden wärmer und feuchter, die Sommer heißer und trockener. Ernten fallen aus, die Pegel in den Flüssen sinken und Kraftwerke und Industrieanlagen stehen still, weil ihnen das Kühlwasser ausgeht. Wenn im Sommer Regen fällt, dann oft begleitet von heftigen Gewittern und Überschwemmungen.

Sich auf solche Szenarien vorzubereiten, galt lange als verpönt. Adaption – die Anpassung an die Folgen der Erwärmung – war das Stiefkind der Klimapolitik. Langsam ändert sich das Bild: Immer mehr Projekte in Deutschland suchen nach Wegen, die Klimafolgen zu meistern. Viele davon befassen sich mit der Anpassung in Städten – denn deren Bewohner werden die Klimafolgen besonders deutlich zu spüren bekommen.

Urbane Wärmeinseln

Menschliche Siedlungen waren immer schon wärmer als ihr Umland. Der klimatische Unterschied zwischen Stadt und Land ist heute aber schon größer als früher – auch weil moderne Städte viel langsamer abkühlen. Beton und Asphalt wirken als Speicher. Straßen, Fassaden und Dächer nehmen die Lichtenergie der Sonne auf und strahlen sie zeitversetzt als Wärmeenergie wieder ab. Außerdem profitieren Städte deutlich weniger von der Abkühlung, die entsteht, wenn Niederschläge verdunsten. Auf dem Land halten Wiesen, Wälder und Felder das Regenwasser für eine Zeit. Die Feuchtigkeit auf der Oberfläche der Pflanzen verwandelt sich dann allmählich in Dampf, dabei entsteht Verdunstungskälte. In den Städten dagegen fließt der Regen über versiegelte Flächen und verschwindet in der Kanalisation.

Aber es kommt noch schlimmer, denn Klimatologen prognostizieren für Mitteleuropa mehr sommerliche Hochdruckgebiete. Horizontal weht wenig Wind, vertikal liegen die warmen Luftschichten wie Deckel über den Stadtgebieten. Der Temperaturausgleich zwischen Stadt und Land wird blockiert. Bis zu zehn Grad Celsius kann der Unterschied zwischen einer Innenstadt und dem Stadtrand dann betragen.

Wegen solcher austauscharmen Wetterlagen werden sich deutsche Städte immer häufiger zu „urbanen Wärmeinseln“ aufheizen. Aufgrund der Speicherwirkung ist dieser Effekt nachts am stärksten und für das Wohlbefinden von Mitteleuropäern fatal. Die ungewohnt hohen Temperaturen führen zu Hitzestress, an dem besonders kranke und alte Menschen sterben können.

Das ist nicht die einzige Folge der Wärmeinseln für die Gesundheit. Weil der Luftaustausch blockiert wird, reichern sich in der Stadtluft mehr gas- und partikelförmige Schadstoffe an. Hitze und Sonnenstrahlung lassen außerdem noch mehr Stickoxide, die durch Autoverkehr und Industrieanlagen entstehen, zu bodennahem Ozon zerfallen. Das Reizgas schädigt die Atemwege und kann unter anderem zu Asthma führen.

Dunkle Oberflächen absorbieren besonders viel Sonnenlicht. Eine einfache Gegenmaßnahme wäre daher, Oberflächen weiß oder wenigstens mit hellen Farben zu gestalten. Die Lichtenergie dringt nicht ein, sondern wird reflektiert – was allerdings den Haken hat, dass das diffuse Licht die Ungebung aufwärmen kann. Ideal sind deshalb bepflanzte Fassaden und Dächer mit immergrünen Gewächsen: Im Winter schützt die isolierende Schicht vor Kälte, im Sommer vor Hitze. Außerdem kann die Biomasse am Gebäude Niederschläge aufnehmen und Verdunstungskälte produzieren. Eine Handvoll deutscher Städte fördert Dachbegrünungen mittlerweile mit kleinen Zuschüssen.

Eine bewährte Strategie gegen die zunehmend heißen Sommer in den Städten lässt sich in den Ländern rund um das Mittelmeer studieren: Offene Brunnen und Kanäle, schattenspendende Bäume und Arkaden. „Blaue und grüne“ Strukturen können die Temperatur deutlich senken.

Ob das städtische Leben erträglich bleiben wird, hängt aber entscheidend davon ab, ob der Luftaustausch mit dem Umland funktioniert. Das ist für Stadtplaner nicht einfach zu berücksichtigen. Nötig sind ausreichend große Gebiete vor der Stadt, in denen Kaltluft entsteht, und ausreichend große, möglichst miteinander verbundene Freiflächen, damit die kalte Luft ins Stadtinnere fließen kann. Der erste Punkt widerspricht dem anhaltenden Trend zur zersiedelten Peripherie, der zweite den Verwertungsinteressen der Grundeigentümer.

Viel Plan, wenig Aktionen

Maßnahmen zur Klimaadaption sind so dringend nötig wie problematisch. Vieles, was den Bewohnern hilft, erweist sich als ökologisch kontraproduktiv. Freiflächen in der Innenstadt senken die Hitzebelastung, zugleich bedeutet eine lockere Bebauung zwangsläufig mehr Energieverbrauch, weil Heizbedarf und Verkehr zunehmen. Emissionsvermeidung und Anpassung stehen in einem Gegensatz. Ein Patentrezept gibt es da nicht.

Immer mehr deutsche Kommunen beschließen jetzt Stadtentwicklungs- und Aktionspläne mit Adaptionsmaßnahmen. Bloß handelt es sich dabei meist um reine Absichtserklärungen. In der handfesten Stadtplanung spielt das Thema bislang kaum eine Rolle. Ausnahmen bestätigen die Regel: In Essen beispielsweise wird in einem besonders hitzegefährdeten Gebiet ein neuer See angelegt.

Viele deutsche Städte lassen derzeit prüfen, welche Viertel von der Erwärmung besonders betroffen sind. Eine große Kunst ist das allerdings nicht: Fast immer handelt es sich um die Innenstadtbezirke, in denen die Armen und die Einwanderer wohnen – Bezirke, in denen die Gebäude außerdem schlecht isoliert sind und es wenig Grünflächen gibt, dafür viel Autoverkehr. Ihre Bewohner werden unter den Klimafolgen besonders leiden. Nicht nur deshalb ist Klimaadaption auch eine soziale Frage.

Matthias Becker schreibt im Freitag über die realpolitische Bewältigung aktueller Probleme