Hektarweise siecht die Fichte

Forst Der Wald war zäher als erwartet, jetzt stirbt er rasant. Doch Deutschland rettet lieber die Lufthansa
Hektarweise siecht die Fichte
Der Wald zeigt: Man kann im Kleinen was machen und dann für das Große daraus lernen

Foto: Beate Schleep/dpa

Zuerst stirbt der Wald – und dann der Mensch: So mahnte die Umweltbewegung in den 1970er und ’80er Jahren. Gemeint war das vom „sauren Regen“ verursachte Absterben ganzer Waldflächen. Der Sinnspruch mutet heute beinah nostalgisch an: Er riecht nach Latschenkiefer. Denn natürlich starb der Wald nicht. Nein, er erwies sich wesentlich zäher als erwartet, ebenso wie viele Lebensräume sich den vorwiegend menschengemachten Strapazen gegenüber erstaunlich widerstandsfähig zeigten und zeigen.

Doch hat die Resilienz natürlich ihre Grenzen. Für den deutschen Wald sind sie überschritten: Die Fichte, die rund ein Viertel des Waldbestandes ausmacht, stirbt jetzt, flächig und mit einer Rasanz, die selbst die pessimistischsten Forstexperten nicht für möglich gehalten hätten. Die heißen, trockenen Perioden der vergangenen zehn Jahre mit serienweise Rekordwerten bei Hitze, Trockenheit und Borkenkäferwachstum haben dem „Brot und Butter“-Baum der Waldbesitzer den nadeligen Garaus gemacht. Hektarweise siecht er dahin. Ein Viertel des deutschen Waldes ist im unwiderruflichen Sterben begriffen.

Ein Cent pro Quadratmeter

Für eines der waldreichsten Länder Europas bedeutet dies schlicht einen ökologischen Albtraum auf nicht weniger als zehn Prozent seiner Landmasse: Erosion, Schädlinge, Pilze, degradierende Böden, kümmernder Waldnachwuchs, wenig natürliche Luftfilter. Und das nur als Vorgeschmack: Denn wer heute mit den staatlichen oder privaten Forstingenieuren spricht, der lernt schnell, dass auch andere Arten nicht davor gefeit sind, im Zuge dieses Waldsterbens wie die Fichte den hölzernen Löffel abzugeben. Wer den Klimawandel bezweifelt, dem sei ein Besuch beim nächsten Forstamt dringend empfohlen.

Die Waldbesitzer in den Ländern und Kommunen, gleich ob öffentlich oder privat, eint in diesem Drama eine große Sorge: die, den Wald nicht zukunftsfähig und für ein sich erhitzendes Klima einigermaßen stabil umbauen zu können. Es fehlen einerseits Prognosen zur weiteren Klimaentwicklung, es mangelt an Erfahrungen mit hitzerobusteren Arten, und es fehlt vor allem an allen Ecken und Enden Geld, um die von einer ganzen Folge von „Kalamitätsjahren“ gebeutelten Waldwirtschaftsressourcen – Maschinen, Material und Personal – ausreichend und schnell einzukaufen oder auszubauen.

Landes- und Bundespolitik versprachen schnelle und unbürokratische Hilfe. Und tatsächlich: 30 Millionen Euro zusätzliche Landesmittel gab es im Frühjahr in NRW, 80 Millionen Euro, Bundesmittel eingerechnet, in Bayern. Und im Juni dann der Nachschlag: weitere 700 Millionen Euro aus dem 130 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket der Bundesregierung. 700 Millionen Euro: Das klingt nach einer unglaublichen Summe, solange niemand nachrechnet. Denn bei rund 11,4 Millionen Hektar Waldfläche in Deutschland sind dies 61,40 Euro pro Hektar Wald, großzügig aufgerundet also knapp ein Cent Hilfe pro Quadratmeter Waldboden.

Die Corona-Hilfen des Bundes haben, rechnet man alle ökonomischen Risiken des Staates aus dem Förderprogramm infolge der Corona-Krise zusammen, ein Volumen von weit mehr als einer Billion Euro. Weniger als 0,1 Prozent dieser Summe stehen der Rettung von einem guten Drittel der Fläche der Bundesrepublik zu, dem größten Kohlenstoffspeicher, den wir haben.

Bei der Lufthansa war man da großzügiger: Die Luftfahrt verursacht weltweit nominal etwa 2,5 Prozent der klimaschädlichen CO₂-Emissionen, allerdings in stratosphärischer Höhe und damit unter Bedingungen, die nach Einschätzung des Umweltbundesamtes diese Emissionen zwei bis fünf Mal klimagefährlicher als bodennahe Emissionen machen. Um das weiter tun zu können, gibt es aus dem Förderprogramm neun Milliarden Euro für einen fossilen Junkie der Weltwirtschaft, ohne nachhaltigkeitsorientierte Auflagen oder Bedingungen. Für den Wald, der die Lufthansa-Emissionen ausbaden soll und muss, gibt es nicht einmal eine Milliarde.

Nachhaltigkeit bedeutet eine gleichberechtigte Balance zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Nur dann kann ein gesellschaftliches Konzept auf Dauer funktionieren. Das vergleichsweise harmlose Lufthansa-Wald-Beispiel zeigt, wie weit wir von dieser Nachhaltigkeit entfernt sind und wie schnell wir uns gerade, allen plakativen Mottos zum Trotz, davon immer weiter absetzen. Dabei wäre das Corona-bedingte Innehalten politisch prädestiniert, endlich umzusetzen, was der Nachhaltigkeit den Durchbruch brächte: die Integration der tatsächlichen Umweltkosten in den Preis eines Produktes oder einer Dienstleistung. Als ich vor rund einem Jahr im nordrhein-westfälischen Polsum eine ökologisch degradierte alte Bergbaubrache kaufte und erklärte, hier auf eigene Kosten eine Renaturierung durchführen und auch Industriewald aufbauen zu wollen, wurde ich ein wenig müde belächelt. Heute kommen zahllose Experten ins beschauliche Marl, um zu prüfen und zu diskutieren, was man im Kleinen machen und für das Große daraus lernen kann. Das Spannende: Sie sprechen die Sprache der Betriebswirtschaft, und ihre Währung für ökologische Kosten-Nutzen-Analysen ist der Euro.

Das Umweltbundesamt ist nämlich schon vor Jahren dazu übergegangen, die tatsächlichen Kosten einer Emission nicht nur für die Umwelt, sondern natürlich auch für ihren ökonomischen Schlüsselspieler, den Menschen, zu erfassen. Was macht eine Emission, eine Verschmutzung mit dem Klima, der Artenvielfalt und – vor allem – der menschlichen Gesundheit? Was kostet ihr zukünftiger Ausgleich? Kein opportunistischer Zertifikatspreis, sondern ein hartes, wirtschaftliches und soziologisches Kalkül.

Diese Umweltkosten machen aus meiner Lebensökobilanz ein erhebliches Umweltkosten-Budget, das ich in mein Polsumer Bergwerk reinvestiere, um meine Ökobilanz tatsächlich valide auszugleichen. Das ergibt Sinn. Aus dem mit staatlichem – unserem – Geld geförderten, hier nur exemplarisch genannten Lufthansa-Budget hingegen macht eine emotionslose Analyse der mit dem Luftverkehr verbundenen Umweltkosten gleich noch einmal ein Vielfaches an Zusatzaufwand – für die weltweiten, also auch die deutschen Ökosysteme. Denn die staatlich geförderten Maschinen sind fliegende CO₂-Hochleistungsemittenten (der weltweite Flugverkehr verbrauchte vor Corona etwa 50.000 Liter Kerosin – pro Sekunde) und schlagen so mit stattlichen 180 Euro Umweltkosten pro Tonne CO₂ gleich ein zweites Mal zu Buche. Bei einer Million Flüge pro Jahr wird so aus dem 10-Milliarden-Zuschuss nicht einmal mehr die halbe volkswirtschaftliche Wahrheit: Rechnen wir die Umweltkosten all der Emissionen obendrauf, die wir hier gerade üppig bezuschussen, ist die staatliche Soforthilfe schon morgen ein Vielfaches dessen.

Lösung: ein Zukunftspakt

Zahlen werden diese Zeche, mit Zins und Zinseszins, teils wir, ganz überwiegend aber unsere Kinder und Enkel. Dann, wenn sich die Entscheider von heute den vertrockneten Ex-Waldboden längst von unten anschauen. Dabei böte eine staatliche Integration der Umweltkosten in die Produkt- und Dienstleistungspreise sofort die Möglichkeit, enorme Ressourcen für den Aufbau dessen zu allokieren, was mit den Umweltkosten Schaden nimmt. Von ihr und ihm haben wir schon jetzt, im langen Restjahr des Post-Earth-Overshoot 2020, viel zu wenig. Also sollten wir Natur ab sofort als besonders wertvolles Gut betrachten – und in Masse produzieren, als erste Nation der Welt. Das können wir. „Ökologie made in Germany“, mit Milliardenaufwand in all den degradierten Ecken unseres Landes professionell produziert, wäre ruck, zuck ein Exportschlager und heiß begehrt. Denn wer „klimaneutral“ oder gar „umweltneutral“ sein will, und das sind alle, die gern überleben wollen, der hat einen riesigen Bedarf an dieser wertvollsten aller Ressourcen. Hier mit staatlicher Lenkung einzusteigen, wäre ökonomisch kein öko-dystopisches Rettungspaket, sondern ein echter Zukunftspakt.

Dirk Gratzel hat zusammen mit der TU Berlin 2017 seine Lebensökobilanz errechnet und will diese bis zu seinem Lebensende ausgleichen. 2020 hat er das Unternehmen HeimatERBE gegründet, welches Firmen und Organisationen ermöglichen soll, die Ökobilanzen ihrer Produkte und Dienstleistungen durch die Renaturierung degradierter Flächen aus Montan- und Industrienutzung auszugleichen. 2020 ist sein Buch Projekt Green Zero. Können wir klimaneutral leben? erschienen

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06:00 06.01.2021

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