Helden

Linksbündig Wie sich Intellektuelle und ihre Manifeste wandeln

Was sind eigentlich Manifeste? Was hat es mit Appellen auf sich? Welche Intellektuellen können es sich heute leisten, ein Manifest zu unterschreiben, geschweige denn zu schreiben? Ein Manifest zu verfassen, ist kein rein verbaler Akt. Dazu gehört eine Geste. Sie war eine der Waffen und Teil der Logistik, mit der Avantgardegruppen seit dem 19. Jahrhundert literarisches und künstlerisches Terrain zu besetzen und damit Einfluss zu gewinnen suchten. Das Lancieren eines Manifests hatte gleichzeitig konstituierende und integrierende Wirkung. Damit stellte die Gruppe sich und ihren Adressaten die Fähigkeit unter Beweis, ein Ereignis zu produzieren und sich selbst in dem Ereignis zu produzieren. Das machte die Attraktivität und das Verführerische des Manifests, als der literarischen Gattung der Avantgarde par excellence, aus, in ihr lagen aber auch seine Tücken: die Theatralik gewaltsamer Umkehrung, die es in das Modell für Aktion schlechthin verwandelte, seine knappe, effektive, militante, "schwarz-weiße" Form, die sich in einem Slogan zusammenfassen ließ.
In Zeiten der Krise, in Situationen von großer gesellschaftlicher und politischer Gefahr kultivierten Intellektuelle im 20. Jahrhundert einen anderen Typ des Manifests. Sie übernahmen die Rolle der Helden der zivilen Gesellschaft. Als Mitglieder der von Individualismus gekennzeichneten Gesellschaftsschicht ließen Intellektuelle ihre Meinungsunterschiede beiseite und konstituierten eine intellektuelle Macht. Appelle, die sich an die öffentliche Meinung oder die politische Macht wandten, bildeten ihre Form politischer Aktion. Mit diesem Schritt wurde das Manifest modernisiert, es symbolisierte die Möglichkeit zwischen den verschiedenen Sphären und Bereichen der Gesellschaft zu vermitteln und zu übersetzen. Parallel zum Aufstieg der großen Intellektuellen, die im Namen eines universellen Subjekts sprachen, fand der Aufstieg der "Fach-Intellektuellen" statt. Zum Beispiel bei dem amerikanischen Historiker John Schlesinger Jr. und dem Politologen Henry Kissinger. Für diese Fach-Intellektuellen wurde der Vietnamkrieg zur "Gefahr". Für sie stellte sich die Frage: Was bedeutete es, ein Intellektueller zu sein, der im Dienst der Supermacht steht und aus dieser Position heraus Macht ausübt. Die Versuchung einzig innerhalb der Grenzen des Fachgebiets zu denken oder moralisches Empfinden beiseite zu lassen - beides war gefährlich.
Jüngst fand in den USA ein kurioses Ranking der 100 internationalen Top-Intellektuellen statt, für das die Zahl wissenschaftlicher Zitate in den Jahren 1995 bis 2000 maßgeblich war. Die Rangliste findet sich in Richard A. Posners kontrovers diskutiertem Buch Public Intellectuals. A Study of Decline aus dem Jahr 2001. Die ersten fünf Plätze sind folgendermaßen verteilt: Michel Foucault wurde 13.238 Male zitiert, Pierre Bourdieu 7.472, Jürgen Habermas 7.052, Jacques Derrida 6.902, Noam Chomsky 5.628 Male. Samuel Huntington kam auf 2.038 Zitate und Francis Fukuyama auf 1.058. Doch die Unterschiede zwischen dem früheren Direktor des Instituts für strategische Studien der Harvard-University und dem früheren politischen Analytiker der Rand Corporation einerseits und Foucault und Chomsky andererseits liegen darin, dass nicht die Sieger im Ranking, sondern die anderen heute die intellektuelle Agenda festlegen und die Perspektiven einflussreicher Bereiche der Politik und der Regierung selbst bestimmen. Der Präsident der Harvard-University Lawrence Summer resümierte in einem Forum "A World in Conflict" das Alpha und Omega der neuen Diskursordnung, von Intelligenz und Macht: in der Vietnam-Ära "wurde die Spaltung zwischen der Ostküstenintellektuellenelite und der patriotischen Mehrheit, zwischen diesen Intellektuellen und den Militärs immer größer - Harvard war daran lange beteiligt. Wenn der Schock nach dem 11. September zu größerem Pflichtgefühl gegenüber dem public service, zu einer größeren Verpflichtung zum Patriotismus, das heißt zu mehr Sinn für das hohe Ansehen der amerikanischen Streitkräfte führt, wird das das Gute sein, was aus den schwierigen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, herauskommt." Die Fallen und Tücken des Manifests der 58 US-Intellektuellen, die Verführungskraft des rhetorischen Arsenals zeigen hier ihre Wirkung. Es scheint, als ob es in den Zeiten von Amerika als Hypermacht nun die Aufgabe wäre, stark zu vereinfachen und im hohen moralischen Ton einen Hauptfeind ausfindig zu machen: die radikalen Islamisten.

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00:00 01.03.2002

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