Helden brauchen Schurken

Franchise Nach dem Kalten Krieg überwand „Mission: Impossible“ die Sinnkrise des Spionagegenres. In Teil sechs geht es wieder bei Null los
Helden brauchen Schurken
Die Verklärung ins Messianische kommt am Ende unverhofft

Foto: Paramount Pictures

„Hoffnung ist keine Strategie!“, empört sich Walker (Henry Cavill), als die „Impossible Missions Force“ (IMF) wieder einmal in einer aussichtslosen Lage steckt. Damit disqualifiziert sich der Neuzugang endgültig als Mitglied der Sondereinheit der CIA, die bislang noch jede geopolitische Katastrophe abzuwenden wusste. In einer Welt, in der niemandem zu trauen und in der jeder eine Maske tragen kann, ist ihr Anführer Ethan Hunt (Tom Cruise) ein unerschütterlicher Optimist der Professionalität. Mit rätselhaft ungebrochenem Enthusiasmus stellt er sich jeder unlösbaren Aufgabe. In Fallout muss seine Einheit den Verkauf dreier Plutoniumbomben an einen nihilistischen Geheimbund verhindern. Tom Cruise verkörpert Hunt bereits zum sechsten Mal: Die Ringe unter seinen Augen sind etwas tiefer geworden, er muss mehr einstecken als früher und kommt etwas langsamer wieder auf die Beine, wenn er niedergestreckt wird. Hunt ist, metaphorisch wie konkret, im Verlauf seiner Karriere mehrfach wiedergeboren worden. Als er vor 22 Jahren sein erstes Leinwandabenteuer absolvierte, durfte in Zügen noch geraucht werden.

Von heute aus scheint es, als habe Lalo Schifrin die Titelmelodie der Serie Mission: Impossible schon 1966 eigentlich Cruise auf den Leib geschrieben: Sie besitzt die Dringlichkeit einer Zündschnur und den Rhythmus unbedingter Entschlossenheit. Fast könnte man glauben, das Franchise habe die Sinnkrise, in die das Spionagegenre nach Ende des Kalten Krieges geriet, allein durch Kinetik überwunden. Allerdings reflektiert sie durchaus den drohenden Legitimationsverlust des Gewerbes: Die Furcht vor Verrat in den eigenen Reihen sucht die Serie von der ersten Folge an heim; oft fühlt sich der abtrünnige Widersacher selbst verraten. In seinem Drehbuch für den zweiten Teil benennt Robert Towne den Wandel der geopolitischen Verhältnisse explizit als eine Herausforderung für sein eigenes Gewerbe. Er stellt ihm einen Satz voran, der sich fortan wie ein Mantra durch den Film ziehen wird: „Die Suche nach einem Helden muss mit dem beginnen, was der Held unbedingt braucht – einen Schurken.“

Dieser selbstreflexive Zug schlägt seither in eine sich stets erneuernde Dynamik um. Praktisch jeder Film beginnt mit dem Scheitern einer Mission und führt das Erzählen so an einen Nullpunkt zurück. Offenheit beweist die Saga auch insofern, als sie die Idee des Franchise ernst nimmt und dem jeweiligen Franchise-Nehmer eine Eigenverantwortung überträgt. Die Handschrift der Regisseure darf jeder Episode stilistische Eigenständigkeit verleihen: Die erste ist geprägt von Brian De Palmas lasziver Überhöhung hitchcockscher Erzähltechniken; der zweite von John Woos atemlosen Choreografien von Gewalt, Verrat und Leidenschaft; im dritten verwertet J. J. Abrams Motive seiner TV-Serie Alias wieder; im vierten demonstriert der Animationsregisseur Brad Bird sein Gespür für Magie und Metamorphose; im fünften und sechsten Teil führt Christopher McQuarrie die Saga nun zu den Tugenden ihres TV-Vorbilds zurück, der Verherrlichung des Zusammenspiels versierter Spezialisten.

Stunts als Marketingprinzip

Angesichts dieser Heterogenität nimmt es nicht wunder, dass die Serie Zeit brauchte, sich zu finden. Nach der Liquidierung seines Teams in Teil eins drohte sie zum Egotrip ihres Stars Cruise zu werden. Zu ihrer heutigen Geschlossenheit fand sie infolge einer existenziellen Verunsicherung. Als das Einspielergebnis von J. J. Abrams’ Film hinter den Erwartungen zurückblieb, spekulierte die New York Times, ob Cruise nicht zu alt würde für die Rolle. Er und sein Studio Paramount reagierten offensiv: Die ersten Szenenfotos des Comeback-Films Phantom Protokoll zeigten den Star beim Erklimmen des höchsten Gebäudes der Welt, des Burj Khalifa. Von nun an wurden die von Cruise selbst ausgeführten, von der Kamera im ungeschnittenen Wechsel von Nahaufnahme zu Totaler beglaubigten Stunts zum neuen Marketingprinzip. Zusätzlich zu diesem spektakulär veristischen Zug wurde das zwar variable, aber stets prächtig besetzte Figurenensemble zu einer wesentlichen Attraktion. Wie in den Bond-Filmen erstreckt sich die Handlung stets über mehrere Länder. Dabei bringt die Mission-Impossible-Saga ins Spionagegenre vorerst keine andere Vorstellung von Internationalität ein – ihre globale Freizügigkeit vollzieht sich in der gleichzeitig touristischen wie klandestinen Besitznahme eines jeweiligen Schauplatzes, fußt aber auf unterschiedlichen ideologischen Beweggründen: Der britische Agent agiert aus einer wehmütig postimperialen Perspektive, die Mitglieder der IMF hingegen aus dem ungebrochenen Bewusstsein, Weltpolizei zu sein. Europäische Metropolen erschließen sie sich mittels einer sehr amerikanischen Auffassung von urbaner Raumordnung, die kaum Plätze, sondern fast ausschließlich Verkehrswege kennt. Und während der unerbittliche Hedonist Bond echtes Vergnügen an den mondänen Aspekten seines Metiers findet, ist die Teilnahme des IMF-Teams an glanzvollen Empfängen reine Pflichterfüllung.

Der puritanische Zug, den Ethan Hunt im Laufe der Jahre nie wirklich eingebüßt hat, erhält in Fallout seine Verklärung ins Messianische. Sie kommt ziemlich unverhofft. Bislang war die Weltenrettung ein rein professionelles Mandat. Nun wird er am Ende zum Schutzengel gekürt, in einer Ausschweifung von Sentimentalität, die mit dem bewährt selbstironischen Gestus der Saga bricht. Gewiss, sie hat stetig an mythischem Gewicht hinzugewonnen und war immer als Gleichnis lesbar, was aber nie störte, da ihre kinetische Wucht darüber hinwegtäuschte. Ist diese sentimentale Eintrübung am Ende doch eine Altersfrage? Hoffen wir, dass Ethan Hunt bald wieder am Nullpunkt anfangen darf.

Info

Mission: Impossible – Fallout Christopher McQuarrie USA 2018, 147 Min.

06:00 11.08.2018

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