Helden mit Stil

Intensitäten statt Taten Wie gründlich der Kindermord die Ordnung des Kosmos durcheinander schüttelt - Eine Inszenierung in Mannheim belebt Senecas "Thyestes" in neuer Übersetzung

Helden sind selten geworden, selbst im Theater. Und sollte man dort doch einen treffen, braucht man nicht nach seinen Taten zu fragen. Die zeitgemäße Frage heißt: "Wie geht´s?" An die Stelle der Handlung sind Zustände getreten. So steht´s jedenfalls bei Hans-Thies Lehmann, der nach der Bühnenästhetik der Gegenwart geforscht und dabei das "postdramatische Theater" gefunden hat.

Thyestes, ein Enkel des Tantalus, stammt aus einer anderen Zeit. Seneca machte ihn zum Titelhelden einer Tragödie. Trotzdem zeigt er Anzeichen heutiger Handlungsmüdigkeit. Er zögert, als Atreus, sein Bruder und Rivale, ihn einlädt, aus der Verbannung auf den Königsthron zurückzukehren. Die Frage "Was tun?" überfordert ihn. Wie es ihm geht, bekundet er umso ausführlicher: "Heut zittern die Knie mir. Stockend mein Herz flüstert: Kehr um." Die Angst ergreift mächtig seinen Körper, und doch taugt sie nicht, sein Handeln zu bestimmen. Er kehrt nicht um, sondern geht in die Falle des Bruders; er wird das Festmahl verspeisen, das Atreus ihm aus den Körpern seiner Söhne bereitet.

Die Handlung geschieht beiläufig, in den Nischen zwischen Zuständen. Nicht um Taten kreist das Stück, sondern um Intensitäten: den Zorn des Atreus, die Angst des Thyestes, die Grausamkeit des Verbrechens. Über Hunderte von Versen schildert der Chor, wie gründlich der Mord an den Kindern die Ordnung des Kosmos durcheinander schüttelt. Senecas Text passt sich leicht in eine Bühnenwelt ein, die sowohl mit stabilen Strukturen als auch souveränen Subjekten Probleme hat.

Noch näher an die Gegenwart ist das Stück durch eine neue Übersetzung gerückt. Für die Wiederbelebung der kaum gespielten Tragödie am Nationaltheater Mannheim hat Durs Grünbein den Text aufgefrischt. Einerseits konserviert er den hohen Ton: Die knappen Sätze sind oft kunstvoll verdreht; die Wortwahl tendiert zum Archaischen. Andererseits lässt Grünbein mitunter Umgangssprache oder Slogans hereinplatzen: "Herrschaft? Nein danke", verkündet Thyestes. Vor allem aber treibt ein lockerer Rhythmus den neuen Text voran.

Auf der Mannheimer Bühne darf er fließen. Laurent Chétouane, der junge Regisseur des Abends, stellt der Sprache nichts in den Weg. Die erste Szene, eine Begegnung zwischen einer Furie und dem Geist des Tantalus ist von zwei Gesten bestimmt: Mit starr ausgestrecktem Arm weist die Furie (Christina Rubruck) den Unglücklichen an, Unheil über seine Nachkommen zu bringen. Tantalus (Heiner Stadelmann) hingegen hebt seine Hand nur wenig, eine aussichtslose Abwehr. Aber er klagt in vielen Worten, und die Furie antwortet mit Visionen des Schreckens. So geht es im Prinzip weiter: Körper, Affekte und Sprache werden im Raum verteilt.

Schon bei seiner vorigen Arbeit, einer Studio-Inszenierung von Sarah Kanes Phädras Liebe, hat Chétouane sich darauf konzentriert, Verhältnisse zwischen den Figuren im Raum sichtbar zu machen. Bei Thyestes kann er die Abstraktion weiter treiben. Haltungen sind hier ohnehin wichtiger als Handlungen. Das könnte den Abend zu einer ermüdenden Übung machen. Aber der Zuschauer wird für das Verschwinden der Taten vielfach entschädigt. Da ist zum einen die Eleganz der Sprache, zum anderen ein sanftes Crescendo visueller Reize. Die Inszenierung beginnt mit flachen, blassen Bildern. Dann bricht die Farbe ein: Für Atreus und später auch Thyestes hat Sanna Dembowski eine tiefrote Toga geschaffen, die die Sinnlichkeit einer verwesenden Tulpe verströmt. Dazu kommen immer wirkungsvollere Perspektiven: Patrick Koch hat eine schlichte Grundfläche entworfen, die sich mit weißen Stoffbahnen teilen lässt. Nach und nach öffnet sich der Raum, durch die Figuren und Stoffe fein gestaffelt. Wenn sich der letzte Schleier hebt, ist der Abgrund erreicht: Atreus führt die Söhne seines Bruders nach hinten in den Tod.

Schließlich steigert sich auch das Spiel der Akteure. Ohnehin sind die Schauspieler, obwohl sie mitunter wie Statuen platziert werden, nie zur Starre verurteilt. Selbst wenn die Mitglieder des Chors exakt im selben Rhythmus sprechen, lassen sie individuelle Regungen erkennen: Die eine lässt besonders viel Schadenfreude mitschwingen, der andere größeres Erstaunen. Aber die heftigere Bewegung stellt sich doch mit dem Fortschreiten des Unheils ein. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn Florian Lange, ein fragiler Thyestes, vom Tod seiner Söhne erfährt. Nur kurz bricht er zusammen, um dann vor Wut vibrierend an die Rampe zu treten. Handeln kann er nicht, aber sehr wohl leiden.

Die Inszenierung deutet auch an, welche Mechanismen diese missliche Lage bestimmen. Von der weißen Grundfläche heben sich matt glänzende Rechtecke in verschiedenen Grüntönen ab, leicht erhabene Plattformen, die jeweils einer zentralen Figur zugeordnet sind. Wer ganz in seinem Element ist, betritt sein Podest: Thyestes, wenn er leidet, Atreus in grausamem Zorn, die Söhne als unschuldige Opfer. Dann sind sie über die Bürger, das Normalmaß erhoben. Wenn sie von ihrer Rolle abweichen, erniedrigen sie sich. Der Held muss sich stilisieren, im Pathos aufgehen. Nur so bewahrt er heute, da das Vertrauen in unabhängiges Handeln erschöpft ist, seinen Status.

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00:00 18.05.2001

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