Helden, Tragik, Sommerloch

Sportplatz Die furchtbarste Zeit des Jahres ist der Sommer. Die Theater - Orte der Ruhe, der Kontemplation, zuweilen der Reflexion, Schauplätze, auf denen ein ...

Die furchtbarste Zeit des Jahres ist der Sommer. Die Theater - Orte der Ruhe, der Kontemplation, zuweilen der Reflexion, Schauplätze, auf denen ein ganzes Menschenleben sich exemplarisch zu einer Stunde zusammenballen kann - haben geschlossen. Auf meist ganz idyllisch gelegenen Freiluftbühnen dürfen sich nun minder begabte Regisseure an die großen Theatertexte heranwagen, um sie so weit zu verhunzen, dass ein Bratwürste vertilgendes Publikum sie Schenkel klatschend goutieren und sich in der falschen Hoffnung wiegen kann, wenigstens einmal im Jahr so richtig auf Kultur gemacht zu haben.

Auch die Fußball-Arenen, monatelang regelmäßig Schauplätze leidenschaftlicher Kämpfe, großer Triumphe, jene selbst die stärksten Männer zu Tränen rührenden Stätten des Leidens, sind dicht, zu, geschlossen. Die Bundesliga pausiert. In allen Spielklassen. Allenfalls zu sogenannten Freundschaftsspielen wird der Rasen wieder betreten; zu Anlässen also, in deren Mittelpunkt höchstens eine goldene Ananas glänzt. Natürlich sind solche Spiele auch eine Art Methadon für Fußballjunkies. Mühsam retten sie sich mit der Rezeption von UI- und Liga-Cup über die bundesligalose Zeit. Sie können Expertenwissen akkumulieren, indem sie beobachten, ob neu erworbene Spieler das in sie investierte Kapital auch zu amortisieren versprechen. Sie können neue Spielsysteme in ihrer Probephase begutachten. Die erstklassig verstärkte Hertha etwa, die mit rasantem Offensivspiel, bestehend aus einer dreischneidigen Angriffswaffe (Preetz, Alves, Marcelinho) und geführt von drei virtuosen Messerwerfern (Beinlich, Deisler, Neuendorf) erstmals den Liga-Pokal (inklusive Preisgeld) gewann.

Aber all das ist nur blässlicher Ersatz für eine immer feiner abgestimmte Maschinerie zur Produktion von siegreichen und tragischen Helden. Bayerntorwart Oliver Kahn demonstrierte dem Fernsehpublikum eine Zähmung übersteigerten Siegeswillens, der zeitweise irrationale Züge annahm (faustet der doch den Ball ins gegnerische Tor). Zum tragischen Helden entwickelte sich die gesamte Schalker Mannschaft, die aufopferungsvoll kämpfend Bayern München im Titelrennen alles abverlangte. Sie setzte um, wozu sie in der Lage war, ohne eigenes Verschulden schlitterte sie dennoch in die Niederlage. So ließe sich Tragik definieren.

Solches sind die Dramen, an die sich keine Bühne mehr heranwagt, weil die großen Geschichten vermeintlich schon erzählt sind und in der posttheatralen Phase allenfalls ironische Splitter zugelassen sind. Der Fußball ist´s, er übernimmt, was Theater heute nicht mehr leistet: Gut gegen Böse, weil man ja nur für eine Mannschaft sein kann; David gegen Goliath, mit klassischer Sympathieverteilung versteht sich.

Und jeder kann darüber reden. Denn was zählt, das ist der Ball im Netz. Den sieht das Publikum leicht und sehr genau - im Gegensatz zu manch blindem Schiedsrichter, aber geschenkt, das sind die Ausnahmen. Jedenfalls braucht sich beim Fußball niemand auf quälende Figurenanalysen einzulassen oder auf die Geschichte der Bedeutungszuschreibung, die sich in einer Konstellation entfaltet. Muß man wirklich nicht. Aber, und das ist das Großartige, man kann! Man kann Mentalitätsunterschiede und politische Grundeinstellungen am Spielsystem der Lieblingsmannschaft festmachen. Man kann die Güte von Fallrückziehern bestimmen und den Wert strategischen Handelns, der im faden, aber vorausschauenden Stellungssspiel besteht, mit dem spektakulärer Rettungsaktionen vergleichen. Man kann die ganze Welt im Fußball sehen. Jetzt endlich wieder! Die Saison beginnt!

Die Freude allerdings ist getrübt, denn das Theater beginnt künftig volle zwei Stunden später als gewohnt. Statt ab 18 Uhr gibt es die ersten ausführlichen Bilder vom Spieltag erst ab 20.15 Uhr im Free TV von Rechte-Haber Leo Kirch. Die Nebenschauplätze ZDF, ARD, RTL dürfen - bis auf maximal 90 Sekunden Bildmaterial pro Spiel - vor 22.15 Uhr überhaupt nicht berichten. Das ist wie Tagesschau ohne Nachrichten! Man hält uns kurz, schnallt uns den Gürtel eng, verknappt die Information, um bessere Geschäfte mit ihr zu machen.

Für uns Zuschauer bedeutet das umkämpfte Wochenenden und einiges an Familienzwist. Wer herrscht zur prime time über die Fernbedienung? Dazu kommt die plötzliche Leere früher Abendstunden von sechs bis acht. Langeweile droht, fast Suizidgefahr! Man denke nur: Deutschlands Männer sonntagnachmittags depressiv vor matter Scheibe Da hilft nur eins: Ab ins Stadion! Dauerkarte kaufen! Oder ins Theater. Ein kulturelles Methadonprogramm.

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00:00 27.07.2001

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