Helfersyndrom

FEINDBILDER Die Hilfsbereitschaft, so wird allenthalben behauptet, nehme ständig ab. Vor allem bei den Jungen - und überhaupt. Wo sich früher lauter ...

Die Hilfsbereitschaft, so wird allenthalben behauptet, nehme ständig ab. Vor allem bei den Jungen - und überhaupt. Wo sich früher lauter Quasi-Pfadfinder gegenseitig aus der Patsche halfen, regiere nun die Ich-Sucht, die blind für die Sorgen und Nöte des Nächsten sei. Und obwohl ich normalerweise nicht zu den Kulturpessimisten zähle, kann ich dieser These einiges abgewinnen. Zumindest würde sie erklären, warum immer mehr Leute meine Hilfe in Anspruch nehmen. Sie könnten mir jetzt zu bedenken geben, dass Geben seliger denn Nehmen sei, dass die gute Tat den Lohn in sich selbst trage, dass die Dankbarkeit für alle Mühen entschädige. Nun, auch ich habe einmal so gedacht, bevor meine teils spontane, teils pflichtschuldige Hilfsbereitschaft zusehends missbraucht und ich vom Helfer zum Opfer wurde.

Es war ein schleichender Prozess, an dessen Beginn ich gebrechliche Opas über die Straße führte, der Nachbarin mit dem gebrochenen Bein mal schnell die Einkaufstüten hoch trug und einem klammen Freund mit ein paar hundert Mark aushalf (die er zwei Jahre später prompt zurückzahlte) - so wie es jeder einigermaßen solidarische Mensch ohne langes Nachdenken machen würde. Erst als sich diese Hilfeersuchen häuften, wurde ich stutzig.

War ich denn wirklich der Einzige in unserem mehrstöckigen Mietshaus, der den renitenten Rauhaardackel der gehbehinderten Rentnerin allabendlich einmal um den Block begleiten konnte oder wollte? Warum verfiel eine wachsende Zahl von Touristen in der überfüllten Fußgängerzone ausgerechnet auf mich, wenn sie den eigentlich gut ausgeschilderten Weg zum Bahnhof nicht fanden? Besonders unangenehm war die Tatsache, dass mir das auch in Städten, in denen ich selbst fremd war, ständig passierte. Sagte ich das den Orientierungslosen, verstanden sie es entweder nicht oder sahen darin eine plumpe Ausrede, mit der ich mich vor weiteren Auskünften drücken wollte. Lag das Übel vielleicht darin begründet, dass ich gerne mal einen unverhohlenen Seitenblick auf andere Leute riskiere, was ich als freundliche Neugier aufgefasst wissen möchte, aber keineswegs als Freibrief, von mir diesen oder jenen Gefallen zu erbitten? Seit ich auch an gänzlich unsonnigen Tagen eine doppelt spiegelverglaste Brille trage, gehe ich jedenfalls unbelästigt meiner Wege. Fast ...

Leider lassen sich nicht alle von dieser Arschloch-Brille, wie ein Freund das Accessoire getauft hat, abschrecken. Zum Beispiel jene alleinerziehende Mutter, die ihren mit allem erdenklichen Zubehör ausstaffierten Kinderwagen samt einsitzendem Nachwuchs nun tatsächlich unmöglich allein in den abfahrbereiten Intercity hieven konnte. Kaum hatten wir das Gefährt vom Gewicht eines Motorrollers mit vereinten Kräften eingeladen, stand ein stämmiger Mittvierziger Kebab kauend neben mir, stieg beschwingt ein und ich hörte ihn noch fragen, warum sie denn nicht gewartet habe ... das schwere Ding ... sein Taxi ... ewig nicht gekommen. Dann war der Zug weg und ich fragte mich: War der Typ absichtlich in letzter Sekunde aufgetaucht? Hatte er womöglich die Szene feixend beobachtet, meine Hilfsbereitschaft eiskalt ausgenutzt, um sich seiner Pflichten elegant zu entledigen? Ich weiß, das klingt paranoid. Aber ich habe, wie gesagt, nicht immer so gedacht.

Heute schlage ich reflexartig einen großen Bogen um jeden Umzugswagen. Die Aussicht auf ein kühles Bier hatte mich einst an einem schwülen Sommertag dazu verleitet, "mal eben schnell mit anzupacken". Nach einer halben Stunde hatten wir das Doppelbett des mir gänzlich unbekannten Studentenpärchens glücklich durchs enge Treppenhaus in den vierten Stock bugsiert. Ein unangenehmes Zwicken im Bereich der unteren Lendenwirbel bei instabilen Wetterlagen ist mir als Erinnerung an diese karikative Großtat geblieben.

Freilich könnte dieses Zipperlein auch aus der dramatischen Rettungsaktion herrühren, in deren Folge ich mich fast völlig in die eigenen vier Wände zurückzog. Bei mildem Maiwetter war ich zum See gefahren, um endlich die Badesaison zu eröffnen. Bis auf die Shorts entkleidet (und ohne Brille), prüfte ich mit einem Zeh die Temperatur und beschloss spontan das Vorhaben zu verschieben. In dem Moment flog etwas Rundes an mir vorbei. Ganz in meiner Nähe hatte eine fröhliche Familienschar eben noch Fußball gespielt, nun trieb ihr bunter Gummiball bereits in einiger Entfernung vom Ufer auf dem Wasser. Ich sah sie, sie sahen mich an. Die leicht verlegene Bitte des Vaters, die flehentlich-hoffnungsvollen Blicke aus großen, braunen Kinderaugen - das musste ein kluger Mensch gemeint haben, als er sagte, dass Schwäche sich auf subtile Weise in Stärke verwandeln könne. Zögernd wagte ich mich ins ekelhaft kalte Nass, kam schließlich mit rotem Ball und blauen Lippen zurück. Das dankbare Lächeln der Kleinen erwärmte mein Herz, meinen unterkühlten Gliedmaßen war damit nicht geholfen.

Zu Hause wähnte ich mich bis vor kurzem einigermaßen sicher. Ich öffnete die Tür ausschließlich bei den Personen, die meiner Hilfe garantiert nicht bedurften und ging nur in die Öffentlichkeit, wenn es unvermeidbar war. Die leicht verwirrte Seniorin überraschte mich beim Gang zum Briefkasten. Es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis ich ihr mit Hilfe meines Stadtplans klar gemacht hatte, dass sie sich in der Adresse geirrt hatte und ihre Bekannte einige Straßenzüge entfernt wohnte. Nun trage ich mich ernsthaft mit dem Gedanken auszuwandern. Im Inneren Australiens gibt es angeblich noch völlig menschenleere Gegenden. Wenn Sie mir in der Angelegenheit mit einschlägigen Erfahrungen oder einem guten Rat weiterhelfen können, rufen Sie an oder kommen Sie vorbei: Das Telefon bitte exakt vierzehn Mal klingeln lassen, an der Tür zwei Mal lang, zwei Mal kurz.

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00:00 11.01.2002

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