Henry

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Da gibt´s bei uns ein altes Paar, das hat drei Söhne. Zwei waren nie verheiratet und leben immer noch zu Hause. Der erste Sohn, Frieder, ist auch schon ganz schön alt und früher mal Schaffner und Kondukteur gewesen beim VEB Kraftverkehr. Kondukteur nennt er sich erst seit ein paar Jahren. Sein Vorgänger beim VEB Kraftverkehr, jetzt ist der schon fast zehn Jahre tot, hatte ihn mal beim Aldi getroffen und ihn nach seinem Kondukteursleben gefragt. Frieder hatte kurz aufgelacht und gesagt: "Ich hab jetzt einen Computer, da weißte alles." Also Schaffner und Kondukteur.

Der zweite Sohn heißt Eduard und wohnt mit Familie im Westen, irgendwo zwischen Deidesheim und Neustadt. Von dem gibt´s nicht viel zu erzählen. Er kommt nicht oft und wir Nachbarn haben ihn schon fast vergessen.

Der dritte Sohn, der Henry heißt, ist seit Weihnachten in der Psychiatrie. Das wird hier aber nicht rumerzählt. "Darüber schweigt des Sängers Höflichkeit", hat Margot, meine Nachbarin, gesagt, als die Sprache auf Henry kam. Wir standen an einem Frühlingstag im Treppenhaus und redeten über die vielen Sperlinge auf dem Hof. "Die sind aber zeitig aus dem Süden zurück", meinte Margot erstaunt und ich entgegnete ihr, dass Sperlinge nur ganz selten nach Afrika fliegen. Die meisten bleiben für immer hier. "Geb´s Gott", wünschte sich Margot und dann: "Als der Henry noch der Henry war, hat der Stein und Bein geschworen, dass es die Sperlinge immer im September nach Afrika zieht. Er hat sie im Herbst durchgezählt und im Winter waren es weniger. Von dem weiß ich das. Na ja, Schwamm drüber."

Die Eltern der drei Söhne Frieder, Eduard und Henry nennen sich gegenseitig Muttl und Vatl. Das haben sie aus Schlesien mitgebracht.

Zweimal in der Woche fahre ich Muttl und Vatl in die Psychiatrie. Sie besuchen Henry und fragen nach. Sie bleiben immer eine halbe Stunde bei Henry und sagen dann, wenn sie wieder in meinem Auto sitzen: "Heute war´s aber schon weniger."

Das sagen sie seit Monaten schon, und ich denke mir mein Teil. Sie haben es mir nach dem ersten Besuch bei Henry gestanden. Henry muss alles zählen. Wenn Henry ein Buch hat, guckt er auf der letzten Seite nach der Seitenzahl und dann vergewissert er sich, ob´s auch stimmt. Er zählt die Seiten von Anfang bis Ende durch, und das macht er so lange, bis ihm ein Pfleger das Buch gegen irgendetwas anderes austauscht. Henry fürchtet ständig, dass er sich verzählt. "Wenn ich mich verzähle", sagt Henry, "dann stimmt´s ja nicht."

Am Anfang war das ganz schlimm, sagen Muttl und Vatl. Das war, als Henry seine Arbeit als Ofensetzer verlor. Nicht wegen der geringen Nachfrage nach Öfen. Die Leute wollen wieder Öfen in ihre Häuser haben. Also, deswegen nicht. Henry zählte eines Tages im Beisein seines Chefs die Kacheln nach. Es waren feine Meißner Kacheln, die für den Chefarzt der Klinik in der Kreisstadt bestimmt waren. "Meißner Kacheln, oho", sagte Henry und machte die berühmte Bewegung zwischen Daumen und Zeigefinger. "Sauteuer", meinte der Meister. "Darf keine kaputt gehen, also pass auf."

Henry quittierte dem Meister die hundertundzwölf Meißner Kacheln und sagte: "Ich zähl lieber noch mal nach." Als er das vierte Mal anfing zu zählen, sagte der Meister: "Jetzt is´ aber Schluss. Lad auf und ab geht´s."

Am späten Vormittag kam ein Anruf von der Frau des Chefarztes. "Ihr Geselle benimmt sich merkwürdig", sagte eine Frauenstimme aus dem Telefonhörer zu dem Herrn Ofensetzer. "Steht im Hof neben dem Lieferwagen und zählt die Kacheln." Dem Meister gefiel das gar nicht: "Hat also noch nicht angefangen?", fragte er. "Mitnichten", kam´s aus dem Hörer zurück.

Henry bekam einen Schein und sollte erst mal wieder werden, wie der Meister sich ausdrückte. Als aber Henry am Heiligabend die Nadeln am Tannenbaum zählte, war´s soweit.

"Mit dem Henry haut was nicht hin", sagte Frieder zu Muttl und Vatl, und sie holten den Notarzt. Weil er aber so abrupt in den Malteser gesetzt wurde und gerade so schön beim Zählen der Tannennadeln gewesen war, wäre Henry beinahe abgekratzt.

Der Notarzt wollte ihm schnell eine Spritze geben, aber Frieder sagte: "Das braucht Henry nich´" und gab seinem Bruder die "Allgemeinen Geschäftsbedingungen" der Malteser, die im Krankenwagen in der Tür klemmten. Henry zählte die Seiten und als sie in der Psychiatrie angekommen waren, erhielt er einen starken Schlaftrunk, der ihn sofort umhaute.

Nun begann eine längere Behandlungszeit für Henry. Die Ärzte meinten, man müsse Henry mit immer weniger großen Mengen von irgendetwas füttern, dann würde er sich bald langweilen und den Zählzwang vergessen. Bücher wurden von Henry fern gehalten. Muttl und Vatl sollten mit einer eigenen Therapie den Genesungsprozess unterstützen. Bei einem der nächsten Besuche legte Vatl auf sein Vierreiher-Jackett noch einige Abzeichen und auch einen alten Aktivistenorden und Muttl zog das Kleid mit den vielen Knöpfen an. Das verwirrte Henry. Muttl hatte Knöpfe und Vatl Abzeichen und einen Orden. Henry konnte sich nicht entscheiden, sollte er jetzt bei Muttl zählen oder bei Vatl. Zum Glück für Henry musste Vatl mal dringend aufs Klo.

Draußen auf dem Flur traf er den Chefarzt, der sich auch gleich erkundigte, wie´s so lief. "Hat ihre Frau auch Abzeichen?", fragte der Chefarzt und musterte erstaunt Vatls Heldenbrust. "Sie hatte mal eins. Vom Tanzzirkel rot-weiß." "Ich meine jetzt, wo sie doch bei Henry ist. Hat sie da ein Abzeichen dran?" "Nö", sagte Vatl, "nich, dass ich wüsste. Muttl hat nur Knöpfe." "Und sie haben Knöpfe und Abzeichen und noch eine Medaille. Wer soll denn da zurechtkommen. Das muss ja verwirren", meinte der Chefarzt. "Wenn Sie wieder reingehen, dann bitte ohne Jackett. Ziehen Sie´s mal gleich aus."

Vatl zog das Jackett aus, und der Chefarzt zählte Vatls Hemdenknöpfe und fragte: "Sind da noch Knöpfe in der Hose?"

Vatl zog das Hemd aus der Hose, und der Chefarzt zählte die beiden noch hinzu und fragte: "Und die Ärmel?", worauf Vatl die beiden Arme nach vorn streckte, und der Chefarzt die vier Knöpfe zu den schon gezählten acht hinzurechnete und, richtig, auf zwölf kam. "Schöne Quersumme", murmelte der Chefarzt, "nämlich drei."

Das erzählte Vatl, als er mit Muttl wieder in meinem Auto saß, und dass sie Henry jetzt fit machen wollten. Die Straßenverkehrsplanung will Ein-Euro-Jobs vergeben. Die Ein-Euro-Jobber sollen Verkehrsteilnehmer zählen. Aber bis dahin muss Henry noch lernen, zwischen Pkw, Lkw, Bus und Motorrad keinen Unterschied zu machen. Das heißt, Henry muss alles zusammenmengen. Noch fällt ihm das sehr schwer. Aber vielleicht lernt er das noch.

Wenn es so weit sein wird, werd ich mit Muttl und Vatl immer mal bei Henry vorbeifahren und uns zählen lassen.

Peter Schönhoff, geboren 1938 in Breslau, studierte Kunsterziehung und Germanistik in Leipzig. Seit 1986 arbeitet er freiberuflich als Maler, Grafiker und Autor, er wohnt in Niederschindmaas in Sachsen.


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00:00 18.05.2007

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