Henry Kissinger drängte zum "quick fix"

Vor 30 Jahren - Indonesiens Invasion in Osttimor Die US-Regierung zog dabei ihre Konsequenzen aus der Niederlage im Vietnam-Krieg

Als in Portugal im April 1974 die "Nelkenrevolution" das diktatorische Caetano-Regime vom Sockel stieß, leitete die neue Regierung unverzüglich einen Entkolonialisierungsprozess ein. Betroffen waren davon nicht nur Angola und Mosambik. Im Fernen Osten konnte auch das kleine Osttimor hoffen. Dort war die Unabhängigkeitsbewegung FRETILIN aus allgemeinen Wahlen als Sieger hervorgegangen und hatte am 28. November 1975 die unabhängige "Demokratische Republik Osttimor" ausgerufen. Daraufhin schrillten im Nachbarland Indonesien die Alarmglocken. Ein "zweites Kuba" - zumal an der eigenen Hintertür - so hieß es umgehend in Jakarta, werde nicht toleriert und im Keim erstickt. Das sahen die stillen Teilhaber der herrschenden Suharto-Diktatur im Westen genau so.

Gerade einmal neun Tage hatte die Unabhängigkeit der Osttimoresen gedauert, als das indonesische Militär am 7. Dezember 1975 einmarschierte. Was folgte, waren Repressalien gegen die Zivilbevölkerung, wie sie Südostasien nach dem Zweiten Weltkrieg kaum je erlebt hatte. Untersuchungen von Amnesty International, Human Rights Watch und anderer Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass von Ende 1975 bis zum Mai 1998, als Diktator Suharto zurücktrat, über 200.000 der etwa 800.000 Einwohner Osttimors ums Leben kamen. Exekutiert wurde dieser Genozid von den Sicherheitskräften eines Regimes, dessen Oberhaupt der ausgesprochene Darling der "westlichen Wertegemeinschaft" in Südostasien war.

Allseits geschätzt - Suhartos "Neue Ordnung"

Mohammed Suharto selbst hatte sich Anfang Oktober 1965 als General der Eliteeinheit Kostrad blutig an die Macht geputscht, Hunderttausende Regimegegner und vermeintliche Kommunisten (die KP Indonesiens war weltweit die drittstärkste kommunistische Partei) massakrieren lassen und damit den Grundstein seiner "Neuen Ordnung" gelegt. Die war in Washington deshalb so geschätzt, weil Indonesien als bevölkerungsreichster und größter Staat Südostasiens unbedingt ein Vorposten westlicher Interessen in der Region bleiben sollte, sich dort lukrative Geschäfte machen ließen und das System Suhartos als erfolgreiches Modell einer präventiven Konterrevolution galt. Schließlich führten die USA einen Krieg in Indochina, der für sie von Monat zu Monat aussichtsloser wurde.

Um ihre Alliierten in Ost- und Südostasien trotz des in Vietnam erlittenen Debakels bei der Stange zu halten, reisten Mitte der siebziger Jahre der damalige US-Präsident Gerald Ford und sein Außenminister Henry Kissinger durch die Region. Zwischenstation war natürlich auch die indonesische Kapitale, um Suharto zu treffen, den man jahrelang massiv mit Waffen versehen hatte. Am 6. Dezember 1975 konferierten die drei Staatsmänner miteinander. Brisantester Punkt auf der Agenda: die Invasion Osttimors. Für Ford und Kissinger war das kein Novum; sie wussten bereits von Geheimoperationen indonesischer Spezialeinheiten auf osttimoresischem Territorium, die es vor der Invasion gegeben hatte. Das Ford-Kissinger-Tandem enthielt sich jedweder Kritik. Mehr noch: Kissinger "empfahl" Suharto lediglich, auf zwei Dinge zu achten. Jakarta solle die Invasion erst beginnen, wenn er (Kissinger) und der Präsident wieder in Washington gelandet seien (so geschah es denn auch). Und - Suharto wurde zum "quick fix" gedrängt. Im Klartext: das Militär solle den Einmarsch möglichst schnell abwickeln. Das allerdings war schwieriger als ursprünglich geplant.

Wegen Osttimor den "Indonesiern die Zähne ausschlagen"?

Bekannt geworden ist all dies durch Veröffentlichungen des rührigen National Security Archive (NSA/*) in Washington, das seit Jahren brisantes, von US-Regierungen lange unter Verschluss gehaltenes Material der Öffentlichkeit zugänglich macht. Bereits am 6. Dezember 2001 und jüngst wieder am 28. November 2005 legte das NSA Dokumente aus der Zeit der Osttimor-Invasion vor, die tiefe Einblicke in das vermitteln, was der Publizist Anthony Lewis am 8. September 1999 in der International Herald Tribune "Kissingers Realismus" genannt hatte. Der würgte unmittelbar nach dem Suharto-Besuch im Dezember 1975 kritische Nachfragen in seinem eigenen Stab mit der ihm eigenen sicherheitsfanatischen Unverblümtheit und der Formel ab: es widerspräche dem nationalen Interesse, wegen Osttimor den "Indonesiern die Zähne auszuschlagen". Bereits im Oktober 1975, etwa sechs Wochen vor der Invasion, hatten Spezialverbände Suhartos mit Wissen Kissingers zu Sabotageakte gegen Osttimor ausgeholt. Daraufhin vergatterte Kissinger seine engsten Mitarbeiter: "Ich gehe davon aus, dass Sie in dieser Angelegenheit wirklich den Mund halten". In einem exklusiv für Henry Kissinger bestimmten Memorandum hatte David Newsom, zu jener Zeit US-Botschafter in Jakarta, bereits im März 1975 (knapp neun Monate vor der Intervention) skizziert, worum es eigentlich ging: "Die USA haben beträchtliche Interessen in Indonesien und keine in Timor".

Osttimor war eben nicht viel mehr als ein Bauernopfer des Kalten Krieges, zu unbedeutend und zu klein, als dass man seinetwegen die großen Interessen und Geschäfte aufs Spiel gesetzt hätte. Australien war dabei in hängender Position ein umtriebiger und gefälliger Pate der Machthaber in Jakarta. Und in London - erinnerte sich später Sir John Ford, seinerzeit britischer Botschafter in Indonesien - brüstete man sich mehrfach öffentlich damit, im Handstreich die Kontroverse um "die Vorfälle in Osttimor" vom Parkett der internationalen Diplomatie gewischt zu haben, als Britannien den UN-Sicherheitsrat präsidierte. Auch bundesdeutsche Behörden und Organisationen mischten mit, um Jakarta Rückhalt zu geben. Dies geschah nicht zuletzt durch Ausbildungskurse für indonesische Offiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr in Blankenese oder 1984 durch ein Kooperationsabkommen der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) über Polizeiausbildung und -technologie, was seinerzeit mit dem Signum "entwicklungspolitische Hilfe" versehen wurde.

(*) Das National Security Archive (NSA/http://www.nsarchive.org) ist ein unabhängiges Forschungsinstitut an der George Washington University in Washington, D.C. Seit Jahren sammeln und publizieren die Mitarbeiter des Archivs so genannte deklassifizierte Dokumente früherer US-Regierungen, die gemäß dem Freedom of Information Act (FOIA) publik gemacht werden müssen.


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00:00 16.12.2005

Ausgabe 39/2020

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