Her mit dem Leben!

Corona-Maßnahmen Die Schließung von Schulen und Kitas überfordert viele Eltern. Vor allem Frauen werden wieder nur: Mütter
Her mit dem Leben!
Die psychische Belastung durch die Corona-Pandemie ist besonders hoch bei berufstätigen Frauen, die Kinder im Kita-Alter haben – vor allem dann, wenn die Kinder nicht in einer Einrichtung betreut werden können

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Mein Corona-Lockdown-Stress-Peak war in der ersten Februarwoche erreicht: Die Kita war zu, die Oma saß wegen Schneechaos in der Bahn fest, und der Computerbildschirm war kaputt. Auf die Frage, ob ich vielleicht noch schnell einen Text liefern könnte, hatte ich eine kurze Antwort: Nein. So gar nicht. Inzwischen sind meine Sorgen zusammengeschmolzen wie der Schnee in der Frühlingssonne, und ich denke: Warum soll gerade ich über die psychische Belastung von Müttern in der Corona-Krise schreiben? Mir geht’s gut.

Statistisch betrachtet ist es so: Die psychische Belastung durch die Corona-Pandemie ist besonders hoch bei berufstätigen Frauen (wie mir), die Kinder im Kita-Alter haben (wie ich), und vor allem dann, wenn die Kinder nicht in einer Einrichtung betreut werden (seit Weihnachten). Das ist seit dem ersten Lockdown bekannt. Unbekannt sind die vielen einzelnen Geschichten, die hinter diesen Wahrheiten stecken.

Mütter sind nicht nur Mütter. Mütter sitzen an der Supermarktkasse und scannen den Wocheneinkauf von anderen Müttern ein, Mütter schließen Covid-19-Kranke an die Beatmungsgeräte an, Mütter haben ein Nagelstudio, in das keine Kundinnen mehr kommen, Mütter erfinden Impfstoffe und unterrichten halbe Klassen und putzen das Büro und schreiben für die Zeitung.

Aber sie sind eben immer auch: Mütter. Und „Mutter“ sein, das heißt, eine Rolle auszufüllen, auf die gesellschaftlich so stark zugegriffen wird wie auf keine andere. Mütter werden glorifiziert und kritisiert. Sie werden beäugt und belehrt und beobachtet, als würde es sich nicht um erwachsene Menschen handeln. Das beginnt mit Strafnormen, die es Frauenärztinnen untersagen, offensiv über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, und mit einer Geburtshilfe, die wenig Raum für individuelle Entscheidungen lässt. Und es hört nicht auf, wenn die erwachsenen Kinder schließlich beim Psychoanalytiker sitzen.

Väter sind Väter, aber hauptsächlich sind sie Männer, die etwas Wichtiges zu tun haben. Mütter sind Karrieremütter oder Helikoptermütter oder Macchiato-Mütter. Wenn sie erklären, dass das Kind die warme Mütze anziehen soll, ist das „maternal gatekeeping“. Müttern wird gerne in maximal abwertendem Ton vorgehalten, dass sie sich falsch verhalten. Sie sollen die Kinder nicht vor der Glotze abladen, sie sollen aber auch bitte nicht so unentspannt sein beim Medienkonsum. Sie sollen nicht bis abends im Büro sitzen, aber sie sollen sich nicht wundern, wenn die männlichen Kollegen befördert werden. Sie sollen Kleinkinder beim Einschlafen begleiten und um fünf Uhr aufstehen, weil eine Mutter, die ihre „Me-Time“ schon absolviert hat, der ganzen Familie zugutekommt. Ach, und Mütter sollen nicht schreien. Nie.

Es ist einer der Widersprüche des Mutter-Daseins, dass einem permanent dieses lächelnde „Mir geht’s gut“ abverlangt wird, das aber auf keinen Fall allzu wahr sein darf. Mütter opfern sich auf. Mütter, denen es gut geht, sind geradezu verdächtig.

Es ist richtig, dass in der Corona-Pandemie über die Situation von Müttern geredet wird. Mütter übernehmen häufiger die Kinderbetreuung und leisten mehr Care-Arbeit. Sie arbeiten besonders oft in systemrelevanten Berufen, verdienen dort aber meistens weniger als ihr Partner. Hetero-Paare, die sich vorher die Sorgearbeit gleichmäßig geteilt haben, tun dies nun seltener. Aber was sind die Antworten? „Mehr Kinderbetreuung“, das Mantra der Familienpolitik, ist kein Allheilmittel. Hier ein paar mehr Kindkrankentage und dort ein bisschen extra Elternzeit, dazu ständig die Diskussion über die Frage, ob Kitas und Schulen geschlossen oder nur ein bisschen geschlossen oder doch wieder geöffnet werden: Das ist kein Plan. Mir hilft es wenig, dass ich meine Kinder jetzt wieder in die Kita schicken kann, wenn der Spaß in ein paar Wochen mit der dritten Welle vorbei ist. Macht lieber die Cafés auf, damit ich irgendwohin gehen kann, wo mich keiner kennt und keiner was von mir will, solange ich einfach nur meinen Espresso bezahle!

Es ist so: Ich sehe ein, warum die Cafés geschlossen haben. Ich verstehe, dass Schulen und Kitas sehr wohl zum Pandemiegeschehen beitragen, und auch, dass dennoch ein gewisses Maß an (Not-)Betreuung ermöglicht werden muss. Ich bemühe mich, Kontakte zu vermeiden. Ich halte nicht alle Maßnahmen für sinnvoll, aber mir ist klar, dass jetzt Einschränkungen ausgehalten werden müssen. Und ich weiß, dass ich mich in einer privilegierten Situation befinde, ich habe ja sogar Zeit, über die psychischen Belastungen von Müttern in der Corona-Krise zu schreiben, während mein Mann auf die Kinder aufpasst, und bitte – welche Mutter hat das schon?

Aber ich bin es leid, dass immer weiter auf die individuelle Resilienz von Müttern gesetzt wird, obwohl es längst keine Strukturen mehr gibt, die diese Resilienz ermöglichen. Kein Abend an der Bar, kein Dinner mit Freundinnen, nicht mal ein langweiliger Yogakurs im Fitnessstudio oder ein beruflicher Termin, der nicht nur am Bildschirm stattfindet. Vorschlag: Sprechen wir in der Corona-Krise statt über Mütter mal darüber, was Väter tun müssen, damit Mütter auch ein Leben haben – ihr eigenes.

Annelie Kaufmann ist Berlin-Korrespondentin des Rechtsmagazins Legal Tribune Online. Unter „Mutter“ versteht sie Menschen jeden Geschlechts, die eine Mutterrolle ausfüllen

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