Herablassung pur

SPD Wie die Führungsriege der Sozialdemokraten mit ihrer Klientel umgeht
Jürgen Busche | Ausgabe 21/2016 14
Herablassung pur
Sigmar Gabriel und Susanne Neumann auf der SPD-Wertekonferenz

Foto: Ipon/Imago

Als vor etlichen Tagen im Berliner Willy-Brandt-Haus der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und eine Reinigungskraft aus dem Ruhrgebiet, vulgo Putzfrau, zu einem knappen Dialog vor das Mikrofon traten, war der Beifall des Auditoriums in der Parteizentrale groß. Geboten wurde eine herzerfrischende Kabarett-Szene, die man genießen konnte und dann auch wieder vergessen. Doch so kam es nicht. Die Szene, wie vieles heute in Wort und Bild aufgezeichnet und ins Internet gestellt, wurde rasch Kult und wird seither unaufhörlich zitiert. Darum soll hier einmal ein Wort darüber vorgebracht werden – so wenig es den beiden Protagonisten gerecht werden mag.

Die Reinigungskraft, die munter den Sozialdemokraten einige Wahrheiten ins Gesicht sagte, was diese aufgrund der Ausdrucksweise, die man im Ruhrgebiet als „Sabbeln“ bezeichnet, gut gelaunt aufnahmen, als sei Elke Heidenreich zu ihrem einst populären Alter Ego Frau Stratmann zurückgekehrt, wusste ihre Rolle zu nutzen. Dass, wie sie sagte, für die kleinen Leute niemand mehr da sei, wenn die SPD baden ginge, schmeichelte den Versammelten. Und die kecke Frage „Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?“ wurde mit dem Jubel kommentiert, der auf einen gut platzierten Gag zu folgen pflegt. Dann aber fragte Gabriel seine Partnerin im Stil eines Unternehmers, der in der Werkshalle den Fließbandarbeiter anhaut, wie er denn diese oder jene Unternehmensentscheidung treffen würde, was denn die SPD tun solle. Diese antwortete, ja, wenn das der Parteivorsitzende eine Reinigungskraft frage ... Der daraufhin ausbrechende Jubel war überwältigend. Soll es so sein?

Die Frage von Gabriel war Herablassung pur. Die Antwort der Frau war daraufhin besehen perfekt. Aber die Botschaft, mit der dann alle zufrieden waren – die ist fatal. In der Welt der SPD gibt es also immer noch politisch die da oben und die da unten. Die einen, und das war die im Willy-Brandt-Haus versammelte Partei-Elite, wissen über Politik Bescheid; die anderen, und das sind die Arbeiter im wirklichen Leben, wissen eben zu wenig. Sie dürfen wählen und müssen zusehen, was die Politiker daraus machen. Früher, als eine solche Aufteilung realistisch war, nannte man die Wähler „Stimmvieh“. Das gibt es in einer entwickelten Demokratie nicht. In der Bundesrepublik, spätestens seit dem Tag, als Willy Brandt dazu aufforderte, mehr Demokratie zu wagen, ist jeder kompetent zu sagen, was er von der Politik will, etwa die gegebene Mehrheit im Parlament nutzen. Oder auch nicht. Gabriel lächelte huldvoll. So, wie es hier war, hat er es gern.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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