Herausstechen

Körperkunst Paul-Henri Campbell interviewt Tätowierer, Tätowierte und Tätowiertheoretiker. Ihnen allen ist die Haut ein Mittel, dem Fluch der Kurzlebigkeit zu entgehen

Wer hätte Anfang der 90er gedacht, dass drei Jahrzehnte später nicht mehr aus der Masse heraussticht, wer „sich nicht gerade das Gesicht tätowieren lässt“? Die Worte des ehemaligen Chefredakteurs des Tätowier Magazins, Dirk-Boris Rödel, mögen für jene, die über ein Tattoo nachdenken, eher desillusionierend klingen. Aber sie bringen die Erfolgsgeschichte der „subkutanen Tinte“ auf den Punkt, die zu einer Selbstverständlichkeit zeitgenössischen „kuratierten Lebens“, wie es der Soziologe Andreas Reckwitz ausdrückt, geworden ist.

Für den deutsch-amerikanischen Theologen und Lyriker Paul-Henri Campbell war es höchste Zeit, der „subkutanen Tinte“ ein ganzes Buch mit Interviews zu widmen und mit seinen Gesprächspartnern die kulturanthropologischen sowie religions- und mediengeschichtlichen Traditionslinien der Kunst am „lebenden Trägermedium“ auszuloten. Zu Wort kommen hauptsächlich Journalisten, Pioniere der Szene und Wissenschaftler. Die Lebensgeschichten der lebenden „Trägermedien“, ihre Motivationen und mit den Tattoos verbundenen Hoffnungen werden an Anekdoten von aufrüttelnden Grenzerfahrungen wie Krankheit und Tod, aber auch Glück und Leidenschaft deutlich.

Da wäre die Geschichte von Jacques, erzählt von dem Tätowierer Mikaël de Poissy, der von der japanischen Kunst des Irezumi beeinflusst ist. Des Projekts habe er sich nur angenommen, weil Jacques todkrank war. Ein Jahr habe er für die Realisierung des Tattoos gebraucht. Nach einem weiteren sei Jacques verstorben. Oder die Geschichte der Familie, die plötzlich ihre 13-jährige Tochter verlor. Die Eltern wollten sich „unter Schock“ deren Name tätowieren lassen. Der Tattoo-Artist Dennis-Silas Becks sagt, er habe gleich für den Folgetag einen Termin mit ihnen vereinbart, denn er konnte sie nicht warten lassen.

Ein Vetorecht ist notwendig

Für die „Wahren“ hält de Poissy die „Sammler von Tinte“. Sie seien ihm die Liebsten, weil sie ihm „schöpferischen Raum“ ließen und „nicht viele Fragen“ stellten. Obwohl sie die Zeichnung oft erst am Tag des Stechens sähen, stelle er sie vor die Entscheidung: „Sie müssen es nehmen oder lassen.“ Auch wenn sich de Poissy weder als Kunsthandwerker noch als Künstler bezeichnen möchte, rückt ihn seine starke Position in die Nähe des Letzteren. Bei ihm wird die Haut eher zu einem Medium der künstlerischen denn zu einem der Selbstverwirklichung. Auch ist de Poissy ein Kenner von Kunst- und Religionsgeschichte. Wer würde sonst 15 Menschen zusammenschließen, um das große Fenster einer Kapelle in Feldern auf sie zu übertragen? Doch eher jemand, der die Altäre der alten Meister sowie die „klaren Linien und gut gesetzten Farben“ eines hochmittelalterlichen Klosterfensters kennt und versteht.

Das Gespräch mit der in Jerusalem als Nahostkorrespondentin für die Katholische Nachrichten-Agentur tätigen Andrea Krogmann, deren Rücken Architekturen der Jerusalemer Altstadt schmücken, ist ein Panoptikum der vielfältigen Tätowier-Praktiken der Nahostchristen. Deren religiöse Tattoos seien weniger ein Ausdruck von Originalität und Kreativität als vielmehr von matrizenhaft und katechetisch zur Schau getragener christlicher Identität. Weil unter den drei abrahamitischen Religionen einzig das Christentum „keine eindeutige Verbotshaltung gegenüber der Tinte unter der Haut entwickelt“ habe, gebe es im Nahen Osten eine jahrhundertealte Tradition des religiösen Tattoos. Nach Europa sei sie erst im Mittelalter in Form von Pilger-Tattoos gekommen. Man erfährt von Krogmann, dass das Kreuz, das Kopten an der Innenseite des Handgelenks oder zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand tragen, zuweilen als „Einlassschein“ an Sicherheitskontrollen bei Wallfahrtsfesten in Ägypten dient.

Vieles, was Krogmann berichtet, wird von Wassim Razzouk bestätigt. Er ist der gegenwärtige Inhaber des in der Jerusalemer Altstadt in 26. Generation geführten und für das Pilgerwesen eminent wichtigen Tattoo-Studios Razzouk. Er nennt den „Einlassschein“ ein „Eintrittszeichen oder In-Group-Zeichen“ und erinnert an die osmanische Unterdrückung der koptischen Kultur im 14. Jahrhundert, als das Kreuz eine unfreiwillige Hautquittung für Steuerabgaben an den Sultan war und auch sicherte Christ zu bleiben. Einige jener kostbaren Olivenholz-„Klötzchen“, in die die koptischen Tattoo-Motive hineingeschnitzt sind und von denen ursprünglich 180 vorhanden waren, wird man im Buch studieren können.

Persönliche Autonomie spielt bei Tätowierungen eine wichtige Rolle. Deutlich wird dies bei Menschen in Situationen der Unterdrückung – man denke nur an die tätowierten Nummern an KZ-Häftlingen – oder bei denjenigen, die unter dem Zwang kultureller Normen stehen. Daher akzentuiert der Kunsthistoriker Ole Wittmann besonders das notwendige „Vetorecht“, das alle Menschen haben müssen, die ihren Körper tätowieren lassen: „Das Material spricht mit, der Körper des Trägers muss dem Künstler zustimmen, er kann einfach aufstehen und gehen.“ Das Vetorecht der koptischen Kleinkinder, „die unter dem Jubel der ganzen Familie, im festen Griff der Eltern und in den meisten Fällen unter schreiendem Protest ein kleines Kreuz auf die Hand gestochen bekommen“, wie Krogmann erzählt, bleibt dabei unberücksichtigt. Razzouk erzählt sogar von einer Tätowierung an einem 20 Tage alten Kind in Jerusalem.

Neben jenen Gesprächen, die die amerikanische, britische und deutsche Erfolgsgeschichte des Tattoos in ihrer Abhängigkeit von der Fernseh-, Musik-, Biker- und Sportgeschichte zeigen und den Weg der „subkutanen Tinte“ aus der Subkultur zu einem Massenphänomen nachvollziehen, ragt das Gespräch mit der Kunsthistorikerin und Bild-Anthropologin Jennifer Daubenberger heraus. Mit ihr bespricht Campbell das Auftreten von Tätowierungen in der zeitgenössischen Kunst. Eins der Beispiele, in denen „Bild und Medium und Körper“ mise-en-abyme-artig dargestellt sind, ist das Kunstwerk Tattoed Jesus Pietà der kanadischen Malerin Marianna Gartner. Sie übersät den Leib des Gekreuzigten mit Tätowierungen (auch religiösen!), zeigt ihn im Schoß seiner trauernden Mutter. Daubenberger sieht darin keine Provokation, sondern eine „Erweiterung des stigmatisierten Leibes, des zeichenhaften Leibs“. Einige Fragen später wird sie sagen, dass die Tätowierung da sei, um „die Wirkung des Körpers zu verstärken“.

Körper zum Quadrat

Die Auswahl der Gesprächspartner hat Aussagekraft. Sie verdeutlicht, dass es mehr braucht als nur eine Tätowierung, um deren ursprünglichen Zweck, die Potenzierung der Körperwirkung, zu erreichen. Es ist längst nicht mehr einzigartig und außergewöhnlich, sich tätowieren zu lassen.

Manche Tattoo-Artists können sich ihre Kunden inzwischen auswählen. Je erfolgreicher Tattoo-Studios ihre Produkte auf dem Sichtbarkeitsmarkt positionieren, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Kunden das Nachsehen haben. Wenn Campbell den Tattoo-Artist Dennis-Silas Beck nicht allein interviewt, sondern zusammen mit dessen Manager Alexander Supper, dann zeigt er ein Bewusstsein für die Verhältnisverschiebungen und die Professionalisierungstendenzen innerhalb einer Branche, in der das „Branding“ zum unverzichtbaren Kriterium geworden ist.

Was Paul-Henri Campbell seinen Gesprächspartnern entlockt, collagiert sich zu einem spannenden Porträt des chirurgisch-kreativen „Bezirks absoluter Präsenz“, wie Tattoo-Artist Alex Binnie sagt, sowie der jeweiligen Akteure und der Menschen, von denen sie aufgesucht werden, in der Hoffnung, zur Kurzlebigkeit medialer Bilder die kontrapunktische Permanenz eines „unauslöschlichen Zeichens“ setzen zu können.

Info

Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst Paul-Henri Campbell (Hg.) Wunderhorn 2019, 190 S., 29,80 €

Alexandru Bulucz, geboren 1987, ist Lyriker und arbeitet an einer Dissertation über Wolfgang Hilbig. Eine längere Version dieser Rezension erscheint auf fixpoetry.com

06:00 01.09.2019
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