Herbst der Hysterie

Die Muslime und das christliche Abendland Schon wieder fällt das Unwort "Leitkultur"

Alhamdullillah, kann man da nur sagen - Gott sei Dank. 25.000 Muslime waren gekommen, um in Köln zu demonstrieren. Wären es nur ein paar hundert gewesen, zu welchem Aufschrei in der deutschen Politik und im deutschen Feuilleton hätte es geführt. Wir wussten es doch immer, wäre dann von Otto Schily über Bischof Wolfgang Huber und Léon de Winter bis hin zu Günter Beckstein und Jörg Schönbohm zu hören gewesen: Die Muslime sympathisieren doch heimlich mit den Fanatikern.

Dabei hatten alle islamischen Verbände und Spitzenorganisationen in den vergangenen Monaten Erklärungen abgegeben, die es an Deutlichkeit nicht fehlen ließen. Wer das ignoriert, sollte wenigstens zur Kenntnis nehmen, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime eher unpolitisch und daher nicht mit dem offenbar erwünschten Bewusstsein für die Stimmungslage der deutschen Politik und des deutschen Feuilletons ausgestattet ist. Andere haben dieses Bewusstsein, die türkische Botschaft in Berlin etwa. Nicht umsonst wurde die Demonstration in Köln von DITIP organisiert, dem größten Dachverband türkischer Muslime, der dem Religionsministerium in Ankara untersteht. Und nicht umsonst ist Ridvan Cakir, der Verbandsvorsitzende von DITIP, türkischer Botschaftsrat. Dass die Idee, eine Demonstration zu veranstalten, aus Ankara kam, ist deshalb mehr als wahrscheinlich. Sie sollte ein Bekenntnis der Türken und der Türkei zu Europa und zu den universellen Menschenrechten sein. Deshalb wehte in Köln neben der türkischen und der deutschen auch die europäische Flagge. Hier wurde geschickt Politik gemacht.

Eine zivilgesellschaftliche Initiative der Basis war diese Demonstration freilich kaum, denn die meisten Muslime in Deutschland wissen gar nicht, warum sie sich von Muslimen in den Niederlanden oder im Irak distanzieren sollten. Ihre Reaktion ist eher: Das hat mit uns nichts zu tun, weshalb sollen wir uns dafür rechtfertigen. Auch die Deutschen gehen nicht zu Massendemonstrationen auf die Straße, wenn Christen in Bosnien oder Tschetschenien Muslime niedermetzeln, und sie zählen sich nicht zum Kollektiv der Täter, wenn irgendwo auf der Welt im Namen des Christentums Verbrechen begangen werden. Aber den Muslimen wird unterstellt, sie seien weit mehr durch ihre muslimische Identität geprägt als durch irgendetwas anderes.

Bezugspunkt für die meisten Muslime in Deutschland ist weniger ihre Religion als ihr Herkunftsland. Auch einem anderen Fehlschluss sitzt man in diesem Zusammenhang gern auf: Muslime empfinden sich keineswegs als nicht-authentische Muslime, wenn sie nicht in jeder Sekunde ihres Alltags irgendwelche islamischen Gesetze befolgen. Als zahlreiche Türken nach der Kölner Demonstration die Filialen von Burger King stürmten, hatten sie offenbar nicht das Gefühl, gegen ein existenzielles islamisches Gebot zu verstoßen, das nur den Verzehr von islamisch geschlachtetem Fleisch erlaubt. Und hat noch niemand einen Raki trinkenden Türken gesehen? Wollen wir den jetzt exkommunizieren? Auch für Muslime gilt: Nicht die Religion allein bestimmt das Verhalten, und die islamische Identität ist nicht immer die entscheidende und ausschließliche. Um so mehr erscheint es wünschenswert, die augenblicklich in Deutschland geführte Debatte zu versachlichen. Ob das gelingt, kann mit Recht bezweifelt werden, denn schon wieder fällt das Unwort "Leitkultur". Innenminister Schily meint, Assimilation sei die gelungenste Form der Integration, und Angela Merkel befindet, die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert. Ist das Selbsthass? So schlimm ist es doch gar nicht. Ist irgendetwas passiert in Deutschland? Außerdem ist die multikulturelle Gesellschaft eine Realität und keine - um Claudia Roth zu zitieren - "grüne Spinnerei". Oder will man die Migranten jetzt wieder nach Hause schicken und ihnen vorher noch die deutsche Staatsangehörigkeit abnehmen, die viele von ihnen inzwischen besitzen? In einem ersten Schritt hat die CSU erst einmal beschlossen, dass Ausländer "unsere Leitkultur" akzeptieren müssten und zwar die "christlich-abendländische".

Wieso verstehen Stoiber, Merkel und Schönbohm eigentlich nicht, dass Menschen aus einem anderen Kulturkreis sich durch eine derartige Wortwahl ausgeschlossen fühlen. Als könne nur die "christlich-abendländische" Kultur Werte wie Toleranz hervorbringen. Das ist - wie sich durch viele Beispiele belegen ließe - vollkommen ahistorisch. Außerdem ist es falsch und dumm, in dieser Debatte von "unseren Werten" zu sprechen. Es geht nicht um "unsere", sondern um universelle Werte. Im Übrigen: Was wüssten wir denn heute von der griechischen Philosophie, von unserer abendländischen Tradition, von Aristoteles´ Staatslehre beispielsweise, die den Menschen als zoon politikon - ein in der Gemeinschaft lebendes Wesen - definiert, wenn es die Vermittlung der Araber nicht gegeben hätte? Wo es zwischen den Mittelmeerkulturen zum vitalsten Austausch kam - in Spanien, auf Sizilien und in der Provence - wurden verstärkt seit Mitte des 12. Jahrhunderts die bis dahin unbekannt gebliebenen Schriften des Aristoteles von muslimischen, christlichen und jüdischen Denkern aus dem Arabischen in die westliche Gelehrtensprache des Lateinischen übertragen. Einer der wichtigsten Theoretiker war zu diesem Zeitpunkt in Europa in Vergessenheit geraten. Schließlich hat auch die griechische Kultur den Islam inspiriert und der Islam ihre Ideen weiterentwickelt. Von christlich-abendländischen Werten zu sprechen und dabei den Islam vollkommen auszuklammern, ist schlichtweg Unsinn. Der Islam ist und war schon immer Teil des Abendlandes.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.11.2004

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare