Herbst in Berlin

Der 4. November 1990 Bei 3° kühlem Wetter wurde in der Hauptstadt trotz einiger Gags durchaus ernsthaft demonstriert
Wolfgang Sabath | Ausgabe 45/2015
Herbst in Berlin

Bild: Archiv/der Freitag

Die deutschen Rundfunksender des Großraums Berlin hatten sich für den Morgen des 4. November verständigt, die Temperatur in deutscher Einträchtigkeit auf 3 Grad über Null anzugeben. Doch damit hatten sich – nach meiner Beobachtung – die nationalen Einvernahmen, die mit diesem legendären Datum hätten verknüpft werden können, auch schon erschöpft: Bei den Hörfunk- und Fernseheinrichtungen, die von den Kollegen Engert und von Lojewski beausichtigt werden, war abends in den Nachrichtenteilen dieses Datum längst auf einen schnöden Mittelplatz weggerutscht worden. Und als habe es sich bei dieser 4. November-Demonstration um eine x-beliebige gehandelt, teilte man, um Normalität zu unterstreichen, und um Objektivität zu spielen, die Polizei- und die Veranstalterzahlen über die Teilnehmer mit – der 4. November? Ach, richtig... Ja, da war doch mal was.

Und als wir nun diesmal bei 3 Grad kühlem Herbstwetter – wisst ihr noch, was für ein herrlicher Tag „damals“ war? – auf dem Alexanderplatz standen, hörten wir die Redner Reden eden, die sich zum Teil so ganz anders anhörten. Doch nicht nur die Texte hatten gewechselt, sondern es sind inzwischen neue Redner hinzugekommen, und andere sind weggeblieben, manche gezwungenermaßen, andere aus eigenem Antrieb: Vor einem Jahr hätte sich der Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes noch nicht aufs Podium geschwungen – da nämlich gab es diesen Verband noch gar nicht – weil ihn keiner brauchte. Und Schabowski, der sich spätestens seit dem Tonband in Sachen Stolpe als schlimmer Finger entblößte, war auch nicht mehr da und auch nicht Markus Wolf, aber eben auch nicht Heym und nicht Christa Wolf und Steffi Spira auch nicht.

Ja, Polizei war auch wieder da, doch die hielt sich – wie schon im vorigen Jahr, als sie noch Volkspolizei hieß – zurück. Ich weiß nicht, ob im vorigen Jahr überhaupt eines der Transparente eingezogen wurde, ich vermute, nicht. Diesmal mochten sie eins nicht durchgehen lassen – im Rahmen einer „polizeilichen Maßnahme“ erbaten sie sich von Autonomen das Stück Stoff, auf dem diese meinten mitteilen zu müssen, Polizisten seien Faschisten. Unbehelligt hingegen blieben die – sie fehlen nie! – fröstelnd durch die Kundgebung pendelnden, ja, was denn nun, Spartakisten, Trotzkisten..., was weiß ich, die ein Hektograph unter die gutwilligen Leute brachten, auf dessen Vorderseite „Wählt PDS“ eingewachst war und in dessen Innenteil sie die „Sofortige Freilassung von Pohl und Langnitschke“ forderten. Nein, es ist nicht erwiesen, dass diese Gruppe irgendetwas mit einer verdeckten BND- oder BfV-Aktion zu tun hat - wir haben doch hier keine frühamerikanischen Verhältnisse, absurd, das anzunehmen.

Es war - trotz einiger Gags - eine ernste Demonstration, und wenn sie in unserem Gedächtnis einen Platz findet, dann wohl nur unter der Kennung, dass sie die erste nach der ERSTEN war. Ja, einige Versuche gab es, die Phantasie und das Spielerische des Vorjahres wiederzubeleben - doch das Ergebnis war vergleichsweise mager: Sagte vorher die Partei, wo es langzugehen hat, sind es heute die Parteien, die sich weigern, die von der Bürgerbewegung entwickelten Formen anzuerkennen oder gar aufzunehmen; so denn hatte das Plakatchen „Wir waren das Volk“ eher einen traurigen denn einen witzigen Hintergrund. „Stasi war, ja, unsere Zukunft heißt BKA“ - wer wollte über eine derartige Losung schon lachen?!

Dennoch tat ein Vertreter der „Geschichtswerkstatt“ recht daran, an das Mikrophon zu trefen und – sozusagen zur Geschäftsordnung redend - diejenigen, die mit „Sichtelementen“ auf den Platz gekommen waren, zu bitten, sie nachher an bestimmter Stelle abzugeben, damit sie dokumentiert würden. Doch in Zeiten großer Unsicherheit in den Ostprovinzen ist selbst dieser Vorgang des Dokumentierens nicht gesichert; denn ob das Museum für Deutsche Geschichte vor Direktor Stölzel (Deutsches Historisches Museum) noch zu retten ist oder nicht, in vielen Fällen wird er von der zuständigen Senatsverwaltung als Gutachter für Projekte bemüht (Hauptfrage: Wer bekommt für welche Projekte die Mäuse?), und man kann nicht sicher sein, ob er den Ostlern zugesteht, sich ihrer Demo anzunehmen...

Doch als am Rande und gegen Ende der Veranstaltung die Schilder von Historikern eingesammelt wurden, sah man auch den alten Theo Pinkus aus der Schweiz zugange; das weist nicht nur auf die ungebrochene Aktivität und Vitalität dieses schon fast legendären Schweizer Linken hin, sondern macht uns auf eine neue Dimension aufmerksam, die von Teilen der (DDR-)Bürgerbewegung angestrebt wird: Europa.

Als sich am Nachmittag selbigen Tags das „Europäische Bürgerforum“ im „Haus der jungen Talente“ zusammenfand und Hunderte (Tausende?) zu dieser Adresse strömten, gab es nicht nur Bücher, Blues und Bands, sondern im großen Saal dieses Hauses berichteten Vertreter eben jenes Bürgerforums über die Debatten vom Vortage, als „Runde Tische von unten“ die verschiedensten Probleme des Landes diskutierten. Und streckenweise gerieten die Statements zu seminaristischen Vorlesungen in Sachen „der gewöhnliche Kapitalismus“: Vor lauter Freude über die „Wende“, die Freizügigkeit und Atemfrische in ein immer mehr verkalkendes Land gebracht hat, sehen sich nämlich viele nicht in der Lage, weiterhin ihre legitimen Rechte einzufordern. Die westeuropäischen Vertreter des „Bürgerforums“ zeigten sich teilweise geradezu betroffen, wie sich beispielsweise die Bauernschaft ohne nennenswerte Gegenwehr abschaffen lässt. Wenn sich – so der Tenor – das Kapital europäisiere, müsse Gleiches auch in den demokratischen Bürgerbewegungen passieren.

Es war nicht auszumachen, inwieweit derartige Ratschläge von dem vorwiegend jungen Publikum angenommen wurden, denn es war eigentlich (so schien es) zum Feiern hergekommen. Und wer noch nicht einmal „Gesamtdeutschland“ verinnerlicht hat, braucht seine Zeit, um sein Denken um die Dimension Europa zu erweitern. Als sich mir in den Gängen der Bonner Korrespondent der „Literaturnaja Gaseta“, Sapewalow, über den Weg schob und ich – weil ich ihn noch nie in Berlin gesehen hatte – fragte, wie er denn hierher komme, sagte der nur: „Na, Deutschland...“ Sapewalow löste bei mir den gleichen Effekt aus wie neulich die Zeitungsmeldung, auf dem Flughafen Schönefeld habe es Rangeleien zwischen Bundesgrenzschutz und Ausländern gegeben – was, sinnierte ich sekundenlang, hat denn der BGS in Schönefeld – ach, ja, richtig: Deutschland.

Der Theologe Heinrich Fink, Rektor der Humboldt-Universität, der Freien Universität Unter den Linden, hatte vormittags auf dem Alex angemerkt, es sei „äußerst schwierig von Wende zu reden, Wende heißt auf griechisch ‚Katastrophe’, und deshalb ist es schwierig, dass die Wende wirklich vollkommen wird, denn dann müsste ja auch die Katastrophe in der Bundesrepublik eintreten“, und er drohte der Bundesrepublik, seine Studenten und er seien „aufrechte Demokraten – der Runde Tisch von unten soll Demokratie erhalten; ohne Demokratie von unten gibt es keine Veränderung von oben, allenfalls eine Katastrophe von oben“.

Nein, mehrheitsfähig ist Rektor Fink damit nicht, aber das wird ihn wohl nicht allzu sehr anfechten, denn bekanntlich sind nicht alle Mehrheiten ein Schlüssel zum Paradies.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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