Herbstwinde

Leipziger Abende Vor 15 Jahren hatten die Mülltonnen in Leipzig noch Namen. Unsere hießen Lenin, "Lenin 93", aufgepinselt auf Blech. Es waren 11 Stück. Sie standen ...

Vor 15 Jahren hatten die Mülltonnen in Leipzig noch Namen. Unsere hießen Lenin, "Lenin 93", aufgepinselt auf Blech. Es waren 11 Stück. Sie standen nebeneinander im Hinterhof, selten schloss ein Deckel dicht. Die Ratten feierten fröhliche Urständ. Eine kam immer abends, wir gaben ihr den Namen Klaus. Wir saßen an unseren Schreibtischen und übersetzten, wir lasen, schrieben, studierten oder studierten auch nicht. Wenn es draußen klapperte, sahen wir alle aus dem Fenster, unten sprang Klaus von einer Mülltonne zu anderen, dabei nutzte er den Schwung der nicht schließenden Deckel, bis er in der elften Tonne verschwand. Eines Abends kam Klaus dann nicht mehr.

Spätsommer 1989. In den Häusern am Leipziger Thonberg gehen die Lichter aus. 40 Jahre Taubendreck und Zecken. Hausschwamm, Abriss. Die Antennen auf den Dächern sind schon lange nicht mehr auf Empfang. Erste Plünderer kommen nachts, suchen nach Bleirohren, durch die das Trinkwasser fließt. Unter Druck rausgerissen, säuft das Haus ab. Andere zersägen die Treppengeländer und verkaufen die geschnitzten Jugendstil-Pfosten. Ruinen schaffen ohne Waffen.

Einmal tauchten Soldaten der Roten Armee im Vorderhaus auf, traten die Tür zu einer Wohnung ein und überraschten Wolfram im Schlaf. Seitdem hatte der 67-jährige Rentner ein Schild an der Haustür. "Ich wohne in diesem Haus", stand mit Bleistift in kyrillischen Buchstaben, und im Flur stand die Axt.

Das Sterben lag in der Stadt.

"Nichts ist wert, dass es ewiglich besteht, es ist nur Wert, dass es zugrunde geht!", schrie mir ein Alter nach, der im Müll wühlte und sich nur für Frauenkleider und Büstenhalter interessierte. "Wenn du Zeit hast, besuche mich im Haus des Todes, der nimmt uns allen vieles vorweg. Ich bin dort der Pförtner!" Ich nickte, ging dann aber doch nicht hin, sondern weiter meiner Wege. Im Leipziger Osten wuchsen die Müllberge. Ein 311 Wartburg stand startklar ganz in der Nähe.

Eine Mutter, eine Schneiderin, sucht noch einmal die verlassene Wohnung ihrer Tochter auf, geht tief ein und aus atmend durch die Räume, riecht an Stoffen, an den Kleidern, Hosen und Röcken. "Der Geruch ist das Klarste, woran sich der Mensch erinnert, und diese Erinnerung an meine Tochter kann mir jetzt keiner mehr nehmen, auch wenn sie weit weg ist, im Westen."

Die Herbstwinde kamen dann schon im Oktober. Nebelgrau und schwefelschwer war die Luft. Gespannte Stille zu den Demonstrationen am Montagabend im Stadtzentrum. Frage: Wann gehört man als Passant zur Demonstration? Das Land war voll fiebriger Illusion und trotziger Entschlossenheit. "Neues Forum zulassen!" Noch meinte der Berliner Staat, seine Gegner zu kennen...

Schräg über den Mülltonnen "Lenin 93" wohnten im zweiten Stock Albert und Nelda. Der medizinische Dienst der Deutschen Demokratischen Republik und das Deutsche Rote Kreuz der DDR hatten die beiden schon für tot erklärt, und so schickten sie immer mal jemanden vorbei, der nachgucken sollte, wann es nun endlich so weit sei, die Alten endgültig aus dem Register zu nehmen. Die Nachbarn schleppten das Wasser, das Albert zum Rasieren und zur Pflege seiner Frau brauchte. Die Frau starb zuerst, von allen vorausgesehen, am meisten von Albert. Kurz danach begann Albert aufzuräumen. Immer nach dem gleichen Ritual. Zuerst öffnete er das Fenster, stellte einen Kassettenrekorder auf die Fensterbank, jagte böhmische Blasmusik in den Hinterhof, bis wir aus unseren Fenstern schauten, dann schaltete Albert ab, murmelte irgendetwas, nahm den Rekorder von der Fensterbank und begann alles rauszuwerfen: Pflaumenmarmelade, Brotschneidemaschine, Küchenhocker, Nachttischlampe, Nachttisch, Besteck, alles einzeln, mit Pausen, über einen langen Zeitraum. Nach zwei Stunden und einem Moment der Stille ertönte dann wieder Blasmusik, diesmal lauter und Albert wartete, bis wir wieder alle an den Fenstern standen, dann schaltete er seinen Apparat ab, lachte, winkte und schloss sein Fenster.

So verfielen wir in unserer Straße.

Vom PGH-Schönheitssalon für Hunde, "Lenin 85", blieben nur die Hunde übrig, mit Frauchen und Herrchen, und der Besitzer, jetzt ohne Laden.

Leninstraße. Die Straße des Revolutionärs ist heute die Prager Straße, Tiefflurstraßenbahnen fahren in der Mitte vom Hauptbahnhof zum Völkerschlachtdenkmal und wieder zurück. Die Schienen werden nicht mehr nächtlich von auf Hockern sitzenden Schienenschleifern geschliffen. Vom Hinterhaus ist nur noch der Keller als Urne unter ebenem Gras geblieben. Das Grün hat einen Kinderspielplatz, das Viertel eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Steuerbüro.

Der Einzige, der überlebt hat, ist der Fleischer mit seiner Wurstsuppe. Sie ist noch immer genauso köstlich wie vor 15 Jahren.


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00:00 15.10.2004

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