Herdplatte

A–Z Die Langweiler unter uns kochen, für den Rest ist die hochwertige Essenszubereitung Wissenschaft und Kunst. Über die Herdplatte in Küche und Kopf, in Film und Literatur
Herdplatte

Foto: Mark Power/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Alarm Gefahren-, ja Brandherd: Immer wieder gibt die Koch- und Backstätte Anlass zum Alarm. Beim Gasherd drohen Explosion und Erstickung. Gerade erst rief Möbeldiscounter Ikea ein Gaskochfeld zurück: Ein falsches Ventil ließ Kohlenmonoxid austreten.

Aber, Vorsicht, auch Elektroherde sind nicht safe. Laut einer Studie der öffentlichen Versicherer beginnt jeder fünfte Hausbrand am Herd. In den meisten Fällen war der angeschaltete Herd unbeaufsichtigt oder wurde unbemerkt in Betrieb genommen. So brannte im April eine Wohnung in Kassel aus, weil die Bewohnerin sich aussperrte, während das Essen vor sich hin köchelte. Ein unbemerkt eingeschalteter Herd verursachte im Januar in Keltern 40.000 Euro Schaden. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung. Vor einigen Wochen löste ein Hauskater (Connaisseur, Zanussi) in Rheinland-Pfalz einen Feuerwehralarm aus, weil er den Herd in Brand setzte. Tobias Prüwer

C

Connaisseur Eigener Herd ist Goldes wert – aber nur der Gasherd. Wenn man sich seinen Gästen als mutig, sexy, cool und gut kochend präsentieren will, kann das nur mit einem Gaskochfeld gelingen.

So ein „An/Aus-Typ“ zu sein ist zudem gefragter als ein „Achtsamkeits-Typ“, der langsam erhitzt oder abkühlt. Man soll schon sehen, wenn es flammt und kocht. Mit Sicherheitsaspekten oder Reinigungsvorteilen muss man dem Connaisseur oder der Gourmande wirklich nicht kommen. Höllennah mit Gas zu kochen ist ursprünglicher als langweilig mit Magneten. Das Überspringen der Flammen auf das spritzende Fett in der Pfanne kann außerdem zum pyrotechnischen Highlight (Raumfahrt) des gemeinsamen Kochabends werden. Sowieso: Kein Elektroherd der Welt eignet sich zum Flambieren von Crème brûlée oder zum Zigarettenanzünden. Oda Hassepass

E

Elektroherd Für die großen Parabeln eignet sich nur das Private: Ich war acht, meine Eltern hatten mich an einem Nachmittag allein zu Hause gelassen – Vater schuftete am Fließband, Mutter hatte Dringendes zu erledigen.

Ich saß im Schaukelstuhl und blickte verträumt hinaus auf die wogenden Weizenfelder des Bauern Müller. Da packte mich ein Hunger, und ich entschied, mir erstmals selbst Wiener Würstchen zuzubereiten. Ich ließ Wasser in einen Topf, stellte den Elektroherd auf die höchste Stufe und sodann den Topf auf die Herdplatte. In der Erwartung, dass so etwas einige Momente dauern würde, ging ich zurück in den Schaukelstuhl und wartete. Ein paar Male schritt ich zur Küche und zurück, schaute, ob das Wasser (Wasserschiff) mittlerweile heiß geworden wäre, doch nichts war geschehen. Schließlich wurde ich misstrauisch, und als auch bei der fünften Kontrolle keine Veränderung eingetreten war, prüfte ich mit der flachen Hand beherzt, ob ich den Topf vielleicht auf die falsche Herdplatte gestellt hatte. Der Chirurg in der Notaufnahme staunte Bauklötze, wieder einmal hatte ich Recht behalten. Timon Karl Kaleyta

F

Facebook Kürzlich klagte ein bekannter Literaturkritiker auf Facebook, dass er seit dem Kauf seines Induktionsherdes bestimmte Gerichte nicht mehr zubereiten könne, und das, obwohl er sie zuvor im Schlaf beherrschte. Dass die Klage über den Kochpotenzverlust ausgerechnet auf Facebook stattfand, ist natürlich kein Zufall. Auf Facebook materialisieren sich Filterblasen wie Blubberbläschen in kochendem Wasser. Des Literaturkritikers Klagen stieß hier auf offene Ohren von distinktionsbewussten Menschen. Denn warum kauft man einen Induktionsherd? Um sich abzusetzen von all jenen, die auf den guten alten Gasherd (Alarm: bloß kein E-Herd! ) schwören. Und damit tatsächlich kochen können. Marlen Hobrack

H

Herdprämie Vesta hieß die römische Göttin des Herdfeuers (Facebook), um die es einen eigenen Kult gab. Vesta war keusch und sorgte als Hüterin des Haussegens für den heimischen Frieden.

Als Heimchen am Herd sehen Konservative die Frau bis heute am liebsten. Denn da gehört sie als imaginierter Familienmittelpunkt hin. Mit sicherem Instinkt wurde daher der Begriff „Herdprämie“ fürs Betreuungsgeld geprägt – die Erklärung zum Unwort 2007, minderte seine Beliebtheit nicht. Interessant: Amazon nennt sein Haushaltsroboterprojekt, das dem Sprachdienst Alexa einen Stimmkörper als praktisches Helferlein verleihen soll, Vesta. Tobias Prüwer

I

ikonisch Andreas Gursky, Superstar. Gurskymania! Er ist der teuerste Fotokünstler der Welt, stellt in den großen Museen aus. Seine Werke sind nicht nur Kennern bekannt, sondern locken ganze Familien in die Kunsthallen. Doch reden wir hier nicht von den Riesenwerken, von der Überwältigung durch Größe, sondern von dem Erschaffer eines kleinen Bildchens, wegen dem niemand in ein Museum geht.

Gurskys „Gasherd“, entstanden 1980, zwei Jahre, nachdem der Künstler begonnen hatte, in Essen zu studieren, ist etwas ganz Besonderes, weil die Fotografie auf intime Art das vorwegnimmt, was noch kommen wird. Aber vor allem, weil sie in aller Schlichtheit (Kaurismäki) nicht mehr zeigt, als die Schönheit des Dings selbst: ein nüchterner, polierter Herd in der Küche der WG, in der Gursky damals gelebt hat. Und: Er brennt! Ohne Sinn, ohne Verstand, denn da ist nichts, was kochen soll. Ikonisch. Marc Peschke

K

Kaurismäki Dieser Selbstmord gelang, und er wurde mehrfach abgesichert: Sylvia Plath schob den Kopf in den Gasherd, dazu Schlaftabletten. Kein schönes Ende. Heiterer, obwohl im Ganzen ein tristesse-noir Film, geht es in Aki Kaurismäkis I Hired a Contract Killer von 1990 zu. Der Protagonist will aus lauter Lebenseinsamkeit unbedingt sterben, er probiert es auf unterschiedliche Arten: Das Erhängen klappt nicht. Er probiert es mit Gas, der Held kriecht in den Herd, statt des Gases aber streicht nur die Filmzeit dahin, mehrmals dreht der Held am Regler. Nichts. Die Gaswerke streiken.

Was tun? Sich durch einen Killer umbringen lassen, wenn nichts funktioniert. Ein Auftragskiller wird engagiert. Aber wie es im Leben ist: Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt plötzlich die Liebe daher. Die Liebe zu der Blumenverkäuferin Margaret. Henri Boulanger will nun leben, doch der Killer, Berufsehre eben, muss den einmal angefangenen Auftrag zu Ende bringen. Im Film aber besiegt die Liebe (Malina) alle Widrigkeiten. Bei Sylvia Plath war das nicht der Fall. Lars Hartmann

Küche Ich kannte mal jemanden, der konnte an Bussen nur rechts vorbeilaufen. Meine Marotten betreffen diverses Elektrogerät für Küche und Bad. Vielleicht liegt es am sagenhaften Fehlkauf für die Studentenbude, einer Candy-Waschmaschine mit nur 1000 Umdrehungen, (die Wäsche trocknet damit nur in Italien, ikonisch, niemals in Köln). Oder vielleicht trägt der Bohmann-Elektrostandherd an allem Schuld, der schon in der Wohnung drinstand, um den wir die Küchen herumbauten, weil wir da nicht ahnen konnten, dass 50cm-Herde bald ein Nischenprodukt sein würden und im Bohmann Fisch nie fertiggart.

Als die Spülmaschine kaputtging, kaufte der Mann ein türkisches Fabrikat, sehr solide. Aber Beko? Klang verdächtig wie Candy und Bohmann und blinkte neurotisch blau, die Uhr vom neuen AEG-Standherd aber rot. Katharina Schmitz

M

Malina Das Herz einer Frau ist empfindsam, das zeigt Ingeborg Bachmanns Malina (1971). Empfinden kann tödlich sein. Königreich Ungargassenland? Ist metaphorisch abgebrannt. Da steht ein Herd in der Wohnung und davor eine Frau. Die Platte glüht und oft schon wurden darauf Manuskripte gekokelt – auch um am brennenden Papier eine Zigarette sich anzuzünden. Nein, die Frau im Roman verbrennt nicht, allenfalls verglüht sie am Denken, das einen Grad von Denkenmüssen erreichte, an dem Denken nicht mehr möglich war.

Wer am Ende verbrennt, ist die Autorin dieses Romans. In Rom, im Bett, mit einer Zigarette, nicht am Herd. Hinter ihr kein Malina-Mann. Im Roman verschwand die Erzählerin in der Wand. Ob es wirklich Mord war, weiß man nicht. Lutz Herden

R

Raumfahrt Dies ist die Geschichte eines Materials, das sowohl Küche und Raumfahrt revolutionierte: Glaskeramik. 1953, alles begann mit der versehentlichen Überhitzung eines Schmelzofens. Lithiumdisilikatglas, ja das heißt wirklich so, verschmolz mit ausgefällten Silberpartikeln. Heraus kam ein glasähnliches Produkt mit starker Hitzebeständigkeit, ideal zum darauf Kochen (Herdprämie). Und wieso jetzt Raumfahrt? Glaskeramik kann auch für den Hitzeschild eines Spaceshuttle verwendet werden, das den extremen Bedingungen im Weltraum (wenige Kelvin über dem Nullpunkt) und beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre (mehrere tausend Grad) standhalten muss. Madeleine Richter

W

Wasserschiff Mit Seefahrt hat es nichts zu tun, das Wasserschiff. Die Bezeichnung ist vom Dialektwort „Schaff“ – Behältnis – abgeleitet. In unserer alten Küche war es in den Kohleherd neben den mit eisernen Ringen bedeckten Kochöffnungen eingelassen. In ihm wurde Wasser erwärmt und warmgehalten. Das genügte zum Abwaschen und auch für die Körperpflege in einer Wohnung ohne Bad. Die Erinnerung an das Wasserschiff verbinde ich mit einem tröstlichen Gefühl. „Versteht sich, heiß‘ Wasser ist immer“, heißt es in mehreren Fontane-Romanen.

Oft versichern das die treuen, herdbewahrenden Dienstbotinnen. Sie hüten nicht nur das Feuer, sondern füllen auch die Wasserschiffe und -kessel und sorgen für Beständigkeit und Wärme in einer kalten, ungastlichen Welt. Heute wird so ein Wasserschiff hin und wieder in ländlichen Gegenden verwendet. Manchmal taucht es in Angeboten nostalgischer Küchenherde auf. Es kann aber auch ein stylisches, luxuriöses Herd-Accessoire (Küche) sein. Magda Geisler

Z

Zanussi Die Wohnung hatte alles, drei Zimmer, Balkon, hohe Decken, ruhige Straßen drumherum. „Die können wir auf gar keinen Fall nehmen!“, rief mein Mann. „Wie soll ich ohne Gas kochen?“ Es klang wie eine Drohung (Herdprämie). Nie mehr Risotto, oder Ragu ... So wie er über Elektroherde redete war es, als müsste er bei der Fußballweltmeisterschaft für Deutschland sein. Er ist Italiener.

Als wir dann mal zu Besuch bei seinen Eltern waren, zeigte mir seine Mama, auf welcher (Spar-)Flamme ihres Zanussiherdes eine Minestrone köcheln muss. Und natürlich könne man dafür nicht irgendeinen Topf nehmen, nur den aus Aluminium. Mit Antihaftbeschichtung. Aber bloß nicht in die Spülmaschine! Questo si capisce, no? Zum Einzug in unsere jetzige Wohnung, die Vormieter hinterließen uns einen fast neuen Gasherd, schenkte sie uns den Topf dazu. Maxi Leinkauf

06:00 07.07.2018

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