Hergés Erben

Comic Neue Zeichner aus Belgien emanzipieren sich von „Tim und Struppi“, „Lucky Luke“ und „Gaston“. In Flandern gilt die Neunte Kunst als Literatur
Thomas Hummitzsch | Ausgabe 41/2016

Wenn der Comic in Europa ein Zuhause hat, dann in Belgien. Zeichner wie Hergé, Morris oder André Franquin gelten als Mitbegründer der europäischen Sprechblasenliteratur, mit ihren Geschichten von Tim und Struppi, Lucky Luke und Gaston haben sie Kulturgeschichte geschrie…, pardon, gezeichnet. Der von ihnen eingeführte frankobelgische ist der berühmteste Comicstil der Welt. Der Name führt jedoch ein bisschen in die Irre, die Begründer der „Ligne Claire“ kommen aus dem nordbelgischen Flandern, das zusammen mit den Niederlanden Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist. Unter den mehr als 200 Buchtiteln aus der gemeinsamen Sprachregion, die in diesem Jahr in deutscher Übersetzung erscheinen, befindet sich auch ein gutes Dutzend Comics. Gut so, der flämische Comic hat eine Vielfalt entwickelt, die deutlich macht, warum das Genre auch als Neunte Kunst bezeichnet wird.

Das grafisch eindrucksvollste Werk präsentiert Senkrechtstarter und Ausnahmetalent Brecht Evens. In seinem expressionistisch-dadaistischen Märchen spielt der 30-jährige Künstler aus Gent hinreißend mit allem, was das Medium zur Verfügung stellt. Als Fräulein Miezenbach, die Katze der zehnjährigen Christine, stirbt, erscheint dem unglücklichen Kind ein gewisser Octavianus Abracadolfus Pantherisu, Kronprinz von Panterland. Dieser Panterprinz erschleicht sich das Vertrauen des Mädchens, indem er es umgarnt und sich wie ein Chamäleon an seine Launen anpasst. Stück für Stück entführt die hinterlistige Raubkatze Christine in ein Labyrinth aus Wünschen, Träumen und Phantasmagorien, aus dem es kein Entrinnen gibt. Als seine seltsamen Freunde auftauchen, legt sich über die knallbunten Tagträume ein dunkler Schatten.

An der Oberfläche sind die Dialoge kindlich naiv, in der Tiefe anspielungsreich und vieldeutig. Evens taucht tief in die Psyche seiner Figuren ein. Frei bedient er sich der expressionistischen Form- und Farblehre, um möglichst nah an ihre Seelenzustände heranzukommen. Panter ist ein rauschendes Fest, dessen Zauber man sich auf keiner Seite entziehen kann.

Kubistisch, surrealistisch

Brecht Evens’ Lust an der freien Grafik setzt der in Berlin lebende Flame Olivier Schrauwen grafische Strenge entgegen. Er erzählt in seinem Comic Arsène Schrauwen von der Reise seines Großvaters in eine der afrikanischen Kolonien. Der wurde 1947 von seinem Cousin eingeladen, um mit diesem ein vielversprechendes Utopia in den undurchdringlichen Dschungel zu bauen. Doch der visionäre Vetter wird kurz nach Arsènes Ankunft in eine Klinik eingewiesen, sodass der von Hitzewallungen und Fieberschüben geplagte Gast kurzerhand zum Leiter einer wahnwitzigen Expedition ernannt wird. Dem inneren Chaos der Leitfigur, vermittelt über die Blau- und Rottöne der Zeichnungen, steht eine aufgeräumte Grafik gegenüber, die an die Neue Sachlichkeit erinnert. Klarheit schafft dies nicht, die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bleibt flüssig – bis hin zur Dekomposition der Figuren, die auf kubistische und surrealistische Traditionen verweist. Der koloniale Subtext der Erzählung ist wie bei Hergé in exotistischen Anspielungen verankert.

Die Brüsseler Zeichnerin und Comicdozentin Judith Vanistendael hat mit dem spanischen Schriftsteller Mark Bellido Mikel. Die Geschichte des Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste verfasst. Bonbons verkauft Mikel nur aushilfsweise, weil er als Schriftsteller in der Krise steckt. Als die Gewalt der ETA wieder zunimmt, beschließt er, als Personenschützer anzuheuern, um an eine spektakuläre Geschichte zu kommen. Er begibt sich in die düstere Parallelwelt der Sicherheitsdienste. Vanistendaels ausdrucksstarker Strich fängt die Unsicherheit und Ungewissheit der düsteren Erzählung gekonnt ein. Mit Buntstift, Tusche und Aquarellfarben gibt sie dem Unwägbaren ein Bild und den im Baskenland verhassten „Wachhunden“ ihre Menschlichkeit zurück.

Wer aber den flämischen Comic sucht, wird ihn auch in diesem Jahr nicht finden. 2009 präsentierte sich die flämische Comicszene bei Europas wichtigstem Comicfestival in Angoulême unter der Antithese „Ceci n’est pas la BD flamande“. Typisch für flämische Comics ist aber ihre Anlehnung an die schönen Künste. Ben Gijsemans lässt seinen Protagonisten Hubert gleich durch Museen flanieren, um Frauenbildnisse zu studieren und zu Hause nachzumalen. Am Ende wird er sich von seiner eigenbrötlerischen Marotte lösen und dem Leben zuwenden. Die Bewunderung der Kunst wird durch die Emanzipation von ihr ersetzt.

Auch der flämische Comicnachwuchs muss sich lösen – von der übergroßen Tradition der niederländischen Malerei einerseits sowie andererseits dem frankobelgischen Erbe.

Gedichtverstripping

Die Kunsthochschulen in Brüssel, Antwerpen und Gent unterstützen das mit innovativen Ansätzen. Hilfreich ist aber auch die spezielle Verortung des Mediums im Kulturbetrieb. In Flandern gilt die Neunte Kunst als Literatur, flämische Comic-Künstler erhalten Literaturstipendien. Dies schafft Sicherheit, um in Ruhe den eigenen Stil zu entwickeln oder Herzensprojekte anzugehen. Etwa das sogenannte Gedichtverstripping, die Kombination von Lyrik und Comic. Die Literaturzeitschrift die horen hat diesen Trend in ihrer aktuellen Ausgabe aufgegriffen und präsentiert gleich 15 „Graphic Poems“. Renommierte Zeichner wie Erik Kriek und Marcel Ruijters illustrieren dort neben Nachwuchstalenten wie Aimée de Jongh die gefeierte Lyrik von Anneke Brassinga, Ilja Leonard Pfeiffer oder Stefan Hertmans.

Verschiedene Sammelbände zeigen zudem, dass die Tradition der Ligne Claire im protestantischen Norden Belgiens in unterschiedlicher Ausprägung im Zeitungsstrip fortlebt. Etwa in der Superheldenpersiflage Cowboy Henk, die die Altmeister Peter van Heirseele aka Herr Seele und Luk Zeebroek alias Kamagurka seit 1981 produzieren. Der titelgebende Muskelprotz mit blonder Tolle sagt darin der Idiotie des Daseins ebenso leichtfüßig wie wahnwitzig den Kampf an.

In den beliebten Kinky & Cosy-Strips des Karikaturisten Marnix Verduyn alias Nix läuft nichts so, wie man es erwartet. Neben dessen skurriler Kleinstadtgesellschaft voller Freaks und Nerds reüssiert in den flämischen Medien auch Pieter de Porteces einfach gestrickter Bauer Dickie. Dieser reist durch Zeit und Raum und mischt in seinen amüsanten Abenteuern die Kunst-, Literatur- und Weltgeschichte auf.

Comic-Hipster Brecht Vandenbroucke lässt in seiner aberwitzigen Gegenwartssatire White Cube zwei eigenwillige Geeks lustvoll-aggressiv die Kunst- und Medienhysterien entlarven. Auch das ist Emanzipation. Sein alternativer Pinselstrich verdrängt die frankobelgische Tradition, sein expressives Album ist auch stilistisch ein Ausrufezeichen für den Comic als berechtigten Teil der Kunst.

Die flämischen Comickünstler verwalten nicht einfach nur ihr franko-belgisches Erbe, sondern spielen wagemutig mit den unzähligen Möglichkeiten des Mediums. Sie suchen experimentierfreudig den Schulterschluss zu den schönen Künsten und anderen Genres und beherrschen die schnelle Pointe. Ein perfekter Zeitpunkt, ihre Werke zu entdecken.

Info

Panter Brecht Evens Andrea Kluitmann (Übers.), Reprodukt 2016, 120 S., 39 €

Arsène Schrauwen Olivier Schrauwen Helge Lethi (Übers.), Reprodukt 2016, 260 S., 39 € Mikel.

Die Geschichte des Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste Judith Vanistendael, Mark Bellido Ruth Notowicz (Übers.), Reprodukt 2016, 368 S., 39 €

Hubert Ben Gijsemans Jacoby & Stuart 2016, 96 S., 24 €

Cowboy Henk Kamagurka, Herr Seele edition moderne 2016, 122 S., 29 €

06:00 26.10.2016

Ausgabe 13/2020

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