Hermetisch

Im Kino David Cronenberg gibt in "Spider" der Schizophrenie seiner Hauptfigur eine filmische Struktur

Es will nie richtig hell werden in diesem Film. Die Welt nehmen wir wie durch einen Filter wahr. Es liegt gleichsam ein Schmutzfilm auf den Bildern, der undurchdringlich scheint und den Dingen auch in der Nahaufnahme jede Klarheit und Schärfe entzieht. Zugleich wirken die Schatten wie aufgehellt, in ihnen sind nicht nur Konturen und Schemen zu erkennen, sondern nehmen die Objekte und Figuren Gestalt an.

David Cronenbergs langjähriger Kameramann Peter Suschitzky hat Spider auf kontrastarmem Filmmaterial gedreht, bei dem sich Licht und Schatten vermischen. Auch die Farben verschwimmen ineinander, selten setzt der Film einen Akzent jenseits von Ocker- und Brauntönen. Das Spektrum zwischen Hell und Dunkel ist hier so eng gefasst wie die Wahrnehmung während einer Depression. Das Streulicht, in das Suschitzky die Szenerie taucht, hat seinen Ursprung, seine Herkunft verloren. Kaum je stammt es aus Quellen, die logisch nachvollziehbar wären. In Spiders (Ralph Fiennes) Zimmer fällt es aus Richtung einer Wand, die kein Fenster hat. Die Lampe auf seinem Nachttisch hingegen schaltet er nie ein. Ganz tief in sich versunken streunt Dennis, den alle Welt seit seiner Kindheit "Spider" nennt, durch die entvölkerten Straßen eines Stadtteils von London, im dem die Zeit seit dem Nachkrieg stehen geblieben scheint. Unablässig murmelt er Unverständliches vor sich hin und füllt sein kleines Büchlein mit Notizen, deren Geheimschrift und Inhalt nur er allein entziffern kann. Cronenberg gewährt Fiennes nie die Möglichkeit, sich in Manierismen zu flüchten. Sie geben das Rätsel dieser Figur nicht voreilig preis, entwickeln sie vielmehr streng aus ihren Äußerlichkeiten: aus dem stets gesenkten Blick, den struppigen Haaren, den Nikotinflecken auf den Fingern, den wiederholten Großaufnahmen der Füße, die eine Orientierung suchen - und schließlich den Hemden und Mänteln, die Spider in mehreren Schichten übereinander trägt. Die Lichtdramaturgie respektiert, wie hermetisch verschlossen die Erlebniswelt Spiders ist, und führt gerade dadurch die Zuschauer mitten in sie hinein.

Cronenbergs Titelheld wird zu Beginn des Films in eine Pension eingewiesen, deren Leiterin (Lynn Redgrave) Freigänger aus der Psychiatrie drakonisch betreut. Seit seiner Kindheit war Spider in der Anstalt; erst nach und nach offenbart der Film, weshalb. In Patrick Mac Grath´ Romanvorlage und Drehbuchadaption gab es noch seine Erzählstimme, die den Ereignissen Ordnung und Evidenz verlieh. Von ihr hat sich Cronenberg umgehend verabschiedet, ihm geht es nicht darum, das Kryptische zu dechiffrieren, er will vielmehr der Schizophrenie seiner Hauptfigur eine filmische Struktur geben. Bei seinen Wanderungen findet sich Spider plötzlich an den Schauplätzen seiner Kindheit wieder. Allmählich tritt er, wie einst Professor Borg in Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren, in die eigenen Erinnerungen ein, schaut seinem früheren Ich zu und muss tatenlos mit ansehen, wie sein Vater (Gabriel Byrne) seine Mutter (Miranda Richardson) mit der liederlichen Kneipenbekanntschaft Yvonne betrügt. In flagranti ertappt, erschlägt er seine Frau, deren Platz fortan Yvonne (ebenfalls gespielt von Miranda Richardson) einnimmt. Spider will seine über alles geliebte Mutter rächen und verschnürt das Haus wie ein Spinnennetz, um der bösen Ersatzmutter eine tödliche Falle zu stellen.

Auf die Frage nach Wiedererleben und Begreifen der traumatischen Vergangenheit gibt Fiennes´ Mimik keine Antwort, die Spuren von Ekel und Schrecken sind verborgen hinter der Katatonie. Diese für die Psychoanalyse recht übersichtliche, geradezu simple Gemengelage übersetzt der Film in ein unentwirrbares Gespinst aus Schuld und Verdrängung, Rückblende und Trugbild. Spider gewinnt seine Tragik aus den Mechanismen, kraft derer die Erinnerung uns täuscht und zugleich eine Identität verleiht. Das Mandat, das der Film seiner Hauptfigur aufbürdet, ist eine eigentlich furchtbare Zumutung: Er überlässt sie gewissermaßen sich selbst, um das Rätsel des eigenen Traumas zu ergründen, Spiders Reisen in die Vergangenheit sind eine Therapie ohne fremde Anleitung. Was zunächst wie eine entmutigende dramaturgische Bewegung erscheint, entbehrt dann aber doch nicht eines melancholischen Optimismus´. Das Statische, das Gefangensein, auf dem die Bildsprache des Films so unbezwingbar beharrt, will dieser gleichzeitig energisch auflösen.


00:00 18.06.2004

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