Herr Kabrow, Frau Schwan und die anderen

Unorganisch Jan Faktors groteskes Roman-Debüt "Schornstein"

Ein seltsames Unikum, das wir da in den Händen halten, der erste Roman des deutsch schreibenden Tschechen Jan Faktor, den man bislang nur als experimentellen Autoren und Verfasser von Lyrik aus dem Umfeld der Prenzlauer Berg-Szene kannte. Nun also - mit immerhin schon 54 Jahren - hat Faktor einen Prosatext vorgelegt, den sein Autor (oder das Lektorat?) als Roman bezeichnet und der im letzten Jahr mit dem Döblin-Preis ausgezeichnet worden ist. In der Tat wird darin auch erzählt - wenn denn der Begriff Erzählung den gemeinsamen Bezugspunkt aller Texte unter dem diffusen Label Roman bilden kann.

Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen Schornstein, jüdischer Herkunft und aus einer Familie, die in letzter Sekunde aus Auschwitz befreit worden ist, berichtet von einer merkwürdigen Krankheit - seine Blutfettwerte sind völlig derangiert -, deren Behandlung sich die Krankenkasse aus unerfindlichen, und leider nur so offenkundigen Gründen weigert zu bezahlen. Fortan schildert der Erzähler, was sich als erste Schicht oder Ebene über den Text legt, seine Odyssee von Arzt zu Krankenhaus über Gutachter und (Psycho-)Analytiker bis zur - nein, nicht Heilung, sondern vielmehr Selbstheilung und Therapie, als die der Akt des Aufschreibens und Beschreibens möglicherweise zu deuten ist. Doch sicher ist das alles nicht.

In diesem Punkt weicht schließlich auch Faktors Erzählung, die in Verlängerung solcher Tendenzen wie der westdeutschen Neuen Subjektivität und der sich anschließenden ostdeutschen Innerlichkeitsphase mit Themenbündeln wie Krankheit, Tod und Ich-Diffusion (von Nicolas Borns Die erdabgewandte Seite der Geschichte über R. D. Brinkmanns Keiner weiß mehr bis zu Christoph Heins Der fremde Freund) zu sehen ist, wieder ganz entscheidend vom lakonisch-larmoyanten Tonfall der siebziger und achtziger Jahre ab. Es geht nämlich überaus lustvoll und lustig zu; mit barockem Carpe-diem-Verständnis und humoristischen Mitteln werden die letzten Dinge gekonnt umspielt, in getreuer Nachfolge Jean Pauls, der an einer Stelle seiner Vorschule der Ästhetik den Humor als geborenen Gottes- und Geisterleugner bezeichnet hat. Solange erzählt werden kann, so scheint´s zumindest auch bei Faktor wieder, ist noch nichts verloren.

Hinter dem Grinsen, das der Erzähltext der Todesmaske abgewinnt, mögen die biographischen Erfahrungen des Erzählers stecken: zum einen seine jüdische Herkunft und eine Verwurzeltheit in Traditionen jüdischen Erzählens, aus der Prager Moderne zumal, zum anderen dann die historische Zäsur des Holocaust. Hinzu kommen noch weitere Ebenen, die den Roman als Großstadt- und Berlin-Roman der letzten Jahre mit genauem Gespür für die Outcasts, Underdogs, Eckensteher und anderen Bewohner von Parallelwelten aussehen lassen, dann ihn aber auch wieder als zart angedeuteten Liebes- und Beziehungsroman inszenieren. Doch stecken genau hierhin auch die gravierenden Schwierigkeiten, die der Text seinen Lesern bereitet.

Es gibt wunderbare Beobachtungen abgründiger Krankenhauswelten in kafkaeskem Format und treffende Beschreibungen höchst skurriler Figuren und Situationen, allen anderen voran die der Hausbewohner, etwa der auf seinem "Lausch- und Feuerbeobachtungsposten" hinter der Haustür hockende Hauswart Kabrow sowie die über 80jährige Frau Schwan, die sich einerseits altruistisch um die Penner und Säufer des Viertels bemüht, deren aus ihrer Wohnung aufsteigende Miasmen andererseits die Toleranzgrenzen aller Hausmitbewohner überaus strapazieren. "Warum die Wohnung von Frau Schwan so furchtbar stank, war unklar. Sie selbst machte einen relativ gepflegten Eindruck. Eins war allerdings deutlich - sie lüftete nie. Mit der Zeit sammelte ich noch weitere Indizien. Frau Schwan besaß - wie ich jetzt positiv weiß, anfangs aber nur unter ihrer Kittelschürze erahnen konnte - einen künstlichen Darmausgang, den sie am Spülbecken in der Küche, dem einzigen Ort mit fließendem Wasser, pflegen mußte. Ein funktionierendes Badezimmer hatte sie nicht. Eine Waschmaschine auch nicht. Und da sie ihre Fenster wirklich nie öffnete, konnte der konzentrierte Geruch nur durch die Wohnungstür abziehen. Frau Schwan wußte offenbar, dass sie zum Leben etwas Sauerstoff brauchte - ihre Wohnungstür öffnete sie oft und gern. Ab und zu briet sie in großen Mengen grüne Heringe."

Dann gibt es da auch noch ganz hübsche kleine Alltags-Ferkeleien, wie die Sucht des Erzählers, bekannten und befreundeten Frauen an die Möpse zu grapschen: "Bei üppigen Frauen fiel der Mißgriff zum Glück wenig auf. Wenn die Zielperson zum Beispiel ein Buch in der Hand trug und ich beides berührte, das Buch und beim Gleiten zum Rücken seitlich den Busen, konnte ich nach ihrer Lektüre fragen. Nur ein einziges Mal landete meine Hand ganz frontal ... auf einer völlig fremden Brust. Der Blick, der mich traf, war seltsam. Uns beiden fehlen die Worte." Sporadische Rückblicke in die Familiengeschichte gesellen sich zu im Berichtston vorgetragenen Exkursen zu Fragen und Problemen der Werbung, was aber alles nicht so recht zusammenpassen will. Die Episoden stehen sozusagen unorganisch im weiten Erzählraum.

"Solche Stilbrüche", schreibt der Erzähler, der selbst aus der Werbebranche kommt und sich - verkappte Selbstkritik des Autoren?! - "als halber Künstler" empfindet, "verabscheue ich wie die Pest". Das nun mag ebenso auf die nur wenig gelungene Formulierung wie schließlich die Komposition des Gesamttextes zutreffen, dessen wechselnde Tonfälle und Sujets eine Unklarheit, ja Unentschiedenheit darüber erkennen lassen, was Faktor denn nun "eigentlich" mit seinem Roman erzählen wollte. Faktor selbst hat jüngst - zur Erheiterung seiner Berliner Zuhörer - bei einer Lesung und Vorstellung des Romans im Literarischen Colloquium, davon gesprochen, dass ihm die Idee zum Text während einer halbstündigen Fahrradfahrt gekommen sei - wäre er doch nur, möchte man nach der Lektüre des Buches seinem Verfasser zurufen, ein wenig weiter und länger gefahren, oder besser noch: hätte er häufiger dieselbe Strecke zurückgelegt.

Jan Faktor: Schornstein. Roman. Kiepenheuer, Köln 2006, 288 S., 19,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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