Herr Lehmann

A–Z Sven Regeners neuer Roman „Wiener Straße“ ist da. Ein Lexikon voller Lehmann-Erinnerungen – vom Autor selbst und seinen Zeitgenossen

A

Anfang Frank Lehmann lief mir 1991 über den Weg. Ich hatte die Idee für eine Kurzgeschichte, darin sollte ein Mann in Westberlin, das ja über eine große Hundepopulation verfügte, zu einer Uhrzeit, zu der ihm keiner helfen kann, einem bedrohlichen Hund begegnen. Also musste das um drei, vier Uhr morgens sein, wenn keiner mehr auf der Straße ist. Also musste er in einer Kneipe arbeiten, weil die Leute, die dort arbeiteten, immer als Letzte nach Hause gingen. Und da sonst kein Mensch unterwegs war, redete er nur mit sich und dem Hund. Eine Freundin von mir wurde damals gerade dreißig und ich hatte noch kein Geschenk, also musste der Mann in der Geschichte auch kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag stehen und alle nannten ihn deshalb „Herr Lehmann“. Am Ende machte er den Hund besoffen, das ergab sich von alleine. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Sven Regener

C

Café Einfall Die Namensgebung kann ein Szene-Lokal schlagartig bekannt machen. Die Bezeichnung des 1987 eröffneten Kumpelnest 3000 in Berlin erfand beispielsweise ein gutaussehender franko-kanadischer Escort-Boy: David Steeves sah irgendwo zuvor zwei betrunkene Männer Arm in Arm aus einer herben Spelunke wanken und meinte: „Das muss wohl ein Kumpelnest sein?“ Voilá! Zwei Jahre später eröffneten LGBT-Anarchisten das Café Anal in der Muskauer Straße in Berlin. Ein genialer Name für ein queeres Café. Und einige Jahre später, vielleicht sogar inspiriert vom Kumpelnest 3000, eröffnete in Neukölln ein Lokal namens Ficken 3000. Eine Steigerung scheint kaum möglich zu sein. Jedoch: Als Anspielung auf die krassen und schrägen Namen der damaligen Lokale ein Lokal namens Einfall zu erfinden, das ist, nun ja, ein großer Einfall. Wolfgang Müller

Der Autor ist Verfasser von Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit

D

David Bowie Um fünf noch nach Schöneberg gefahren und ins Risiko in der Yorckstraße gegangen, um einen Kaffee zu trinken. Daniel war noch da und wir redeten. Ich war nicht eifersüchtig und fühlte mich frei. Und in der S-Bahn nach Reinickendorf, zur Frühschicht in der Pizzafabrik, so lebendig wie in einem Film. Die meisten festangestellten Frauen am Fließband kamen aus der Türkei; viele Männer aus Polen. Ich arbeitete in verschiedenen Bereichen. In der Verpackung, am Band und später rührte ich auch den Teig an. Es ging immer darum, in einen Rhythmus zu kommen, um die Zeit zu vergessen. In meinem Walkman lief das Live-in-Nassau-Bootleg von David Bowie.

Ich freute mich, dass M. da war. Sie studierte auch Philosophie an der FU, und später trafen wir uns oft zum Kiffen und Schachspielen oder Biertrinken, zu Hause oder im Anderen Ufer am Kleistpark (lag in 62, im Unterschied zu Kreuzberg 61 und SO 36. Die Nummer des Postzustellbezirkes war damals enorm wichtig). Nachmittags in der Uni war ich stolz, übermüdet im Seminar zu sitzen. Ich nannte mich Dieter und hatte sogar ein Auto. Detlef Kuhlbrodt

Der Autor ist Schriftsteller, zuletzt erschien bei Suhrkamp Umsonst und draußen

F

Frühling 1987 Ich wohne immer noch in 62, an der Grenze zu 61, bin immer noch an der Uni und lese viel. Auch die taz lese ich jeden Tag. Mein Role Model liegt zwischen DavidBowie und Jack Kerouac. Einmal machen wir ein autonomes Seminar über die Sprache der RAF. R., einer der Stars am Institut, sieht sehr gut aus und spricht immer von „Andreas, Gudrun, Ulrike und Jan-Carl“. In der Nacht schreibe ich meinen ersten Artikel für die taz in der Wohnung eines Freundes, der einen Computer hat, und rauche dabei zwei Schachteln. Dann mit der S-Bahn über Friedrichstraße zur Redaktion in den Wedding. Der Text wird tatsächlich genehmigt. Um 15 Uhr ruft B. aus der Kulturredaktion fröhlich „Kiffen“. Wir kiffen zu viert. Angedichtet fahr ich nach Hause. Endlich bin ich im gelungenen Leben gelandet. Detlef Kuhlbrodt

G

Geniale Dilletanten Das Festival Genialer Dilletanten (!) fand 1981 im Tempodrom statt. Seitdem klar wurde, dass professionelle Politiker häufig Dilettanten sind, ist die Nachfrage nach Genialem Dilletantismus gestiegen. Beweis dafür ist der Punk und Künstler Jón Gnarr. Er wurde Bürgermeister von Reykjavík. Der punkige Dilettantismus der Kreuzberger Alternativen Liste (AL) dagegen wurde zu grüner Professionalität: Die Stacheln des Igelsymbols verwandelten sich auf ihren Briefköpfen in die Blütenblätter von Sonnenblumen. Wolfgang Müller

H

Herr Lehmann I Stephan (mit ph!) kam von Kaiserslautern nach Berlin, als „unsereiner“ (wie Herr Lehmann albern sagen würde) noch in der Provinz in einen Jungen verliebt war, der verschusselt hatte, den Wehrdienst zu verweigern (siehe auch Regeners Neue Vahr Süd von 2004). Sehr uncool war vor der Ära der Postironie, dass man erst Jahre nach der Wende ( Mauer) nach B. zog. Stephan weigerte sich, für Treffen in den „P-Berg“ zu „reisen“. Er hatte sich einst für Italienisch und Sport eingeschrieben, war hernach im Schöneberger Gastrogewerbe hängen geblieben. Seit dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2001 nennen wir ihn „Herr Lehmann“. Er ist wie seine Romanvorlage, hat für die Zumutungen der Welt stets eine Prise Süffisanz parat (und ist noch immer im Akazienkiez unterwegs, dem auch eine Hommage gebührt, so wie der Wiener Straße). Katharina Schmitz

Herr Lehmann II Jemand hat einmal den Begriff des Lehmannismus erfunden, und damit auf die von Frank Lehmann perfektionierte Kunst des abschweifenden Gedankengangs angespielt und auf seinen Hang zur Wortklauberei. Mit den Jahren haben sich diese Wortklaubereien ( Geniale Dilletanten) bei mir zu einer Art immer wiederkehrendem Wort-Ohrwurm entwickelt. Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, das Wort „Lebensinhalt“ zu lesen, ohne dass sich automatisch Frank Lehmann zuschaltet: „Lebensinhalt? Lebensinhalt ist doch ein total schwachsinniger Begriff. Ist das Leben ein Glas oder eine Flasche, ein Behälter, in den man was hineinfüllt, ja hineinfüllen muss sogar, denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, dass man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt braucht? Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Fass vielleicht? Eine Kotztüte?“ Weitere Lehmannismus-Auslöser: „Die Kruste wird sowieso überschätzt.“ Oder Pünktlichkeit: „Wer immer zu früh kommt, ist auch unpünktlich.“ Esther Kormann

Die Autorin ist Sven Regeners Lektorin

M

Mauer Seit fast vier Jahrzehnten läuft im Checkpoint-Charlie-Museum unter dem Label Rebel Video fast unbemerkt ein kleines Meisterwerk. Es zeigt unter anderem wie ich, Tom Kummer, die Berliner Mauer beim Potsdamer Platz mit einem Benzinkanister flammenwerfermäßig anzünde. Noch heute wirken die monumentalen Bilder ein wenig irritierend. Was für ein Problem hat denn dieser junge Mensch? Ist er politisch motiviert, irre oder vielleicht aus der Schweizer Provinz (Anfang)?

Es ist ein Oktobermorgen 1984. Wie immer bedecken dunkle Wolken Berlin. Der Himmel sitzt fest, verschwommen, regungslos, grau. Die Mauer ist für mich längst Requisit in einem endlosen Film. Hier kann man sich als einsamer Gangster inszenieren – oder einfach in die Leere starren. Die Mauer erlaubt alles und grenzt ab. Immer düster, ästhetisch konsequent und brutal minimalistisch. Der Unort „Mauer“ verwandelt sich zur existenzialistischen Einbildung. Tom Kummer

Der Journalist lebte von 1983 – 1993 in Berlin

S

Salmoxisbote Am Anfang war der Hund. Dann kam 1997 eine Veröffentlichung im Salmoxisboten Jahrgang 5, Nummer 18, einer Zeitschrift, die Germar Grimsen herausgab, ein Freund von Regener. Dann geschah einige Jahre nichts. Bis aus der Geschichte das Anfangskapitel eines geplanten Romans wurde. Es klang großartig, aber dieser Regener war Rockmusiker – würde er Termine einhalten? Wir machten aus, dass er jeden Monat ein weiteres Kapitel schreiben sollte. Er stellte sich als einer der zuverlässigsten Autoren heraus, die ich je getroffen hatte. Jeden Monat kam ein Kapitel. Am Ende war da dann ein hochseltsamer, aber auch hochgrandioser Roman. Wie würde die Welt reagieren?

Schon lange vor dem anvisierten Veröffentlichungstermin kam ein Anruf – Hellmuth Karasek finde das Buch so grandios, es solle ins Literarische Quartett – frei war aber nur ein Platz in einer frühen Sendung. Wir zogen den Erscheinungstermin vor. Karasek stellt das Buch vor, überschäumend. Reich-Ranicki guckte grimmig. Dann machte er eine Bemerkung über Literatur und Unterhaltung. O je, dachten wir. Aber er legte nach: Es habe nichts geholfen, er habe viel lachen müssen – und er lache nie unter seinem Niveau! Das Buch war gemacht. Wolfgang Hörner

Der Autor war damals Verlagsleiter bei Eichborn Berlin, heute Galiani

T

Tour Frank, den alle Herr Lehmann nannten, kann man noch heute folgen, so zum Lausitzer Platz (Duell mit dem Hund), ins Madonna (Einfall) und in die Rote Harfe. Gewohnt hat Herr Lehmann in SO36 erst unter anderem über dem Madonna, 1989 dann in einer Anderthalbzimmerwohnung voller Bücher in der Eisenbahnstraße zwischen Wrangel- und Muskauer Straße. Im Weltrestaurant Markthalle in der Pücklerstraße lernte Herr Lehmann Katrin kennen und lieben. Die Markthalle ist heute gründlich gentrifiziert, Hipster genießen Hafermilchkaffee, Tofu von den Tofu Tussies und Käse aus Kent nach einem persischen Rezept aus Australien.

Das Einfall in der Wiener Straße 22 ist in der Wirklichkeit das Madonna, seit 1984 bis heute. Davor steht die Bushaltestelle, zu der Herr Lehmann einen aggressiven Schizo mittels „Kreuzberger Schraube“ am Ohr zog. Schließlich war es aber Karl, der beste Freund von Herrn Lehmann, der den Helden vor dem Geisteskranken rettete. Falko Henning

Der Autor leitet den Spaziergang Herr Lehmann & Co. (falko-hennig.blogspot.de)

Z

Zitierwahn „Man redet nicht über Anwesende in der dritten Person!“ Offenbar geht es nicht nur mir so, dass sich die Welt von Frank Lehmann und den Flitzpiepen um ihn herum in den Kopf einschleicht. Jedenfalls grassiert jetzt, da Wiener Straße erscheint, im Verlag mal wieder eine Art Zitierwahn. Je nach Tagesverfassung (und Wetterlage) misanthropisch: „Leute waren die, die einem den Tag versauten, so sah’s nun mal leider aus“; kämpferisch: „Man darf sich nicht fürchten, und auch nicht abschlaffen!“; nachdenklich: „Es gibt immer noch etwas mehr zu bedenken, als man denkt“; oder fröhlich wie H. R. Ledigt im Baumarkt: „Ich hab hier eine Grabgabel für dich, die wird dich grabgabeln, Gabi!“ Esther Kormann

06:00 10.09.2017

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