Herr Palm und die Damen

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Die kleine weiße Porzellanschüssel war entzwei gegangen und musste ersetzt werden. Am besten durch eine gleiche. So machte ich mich auf zu Gericke Gander. Das Geschäft kennt jeder in der Stadt, weil dort die Listen für die Hochzeitsgeschenke abgegeben werden und die Gäste nachschauen können, ob im Haushalt noch eine Zuckerzange fehlt. Zum Beispiel.

Meine Schüssel hatte ich schnell gefunden, doch der Rest des Kaufvorgangs erwies sich als überraschend zeitaufwendig. An der Kasse stand eine größere Menschenansammlung, die darauf wartete, dass ihre Einkäufe ansehnlich verpackt wurden, denn im Unterschied zu meinem handelte es sich meist um Geschenke. Zwei Frauen waren mit dem Einpacken beschäftigt und erledigten ihre Aufgabe sorgfältig, mit der notwendigen Ruhe. Erst nach einiger Zeit merkte ich, dass ich falsch, nämlich an der Pack-Schlange anstand. Zunächst jedoch hatte ich an der Kasse zu bezahlen. Dort gab es zwar keine Schlange, aber auch niemanden, der kassierte. Ich wartete ein wenig, schaute mich dann suchend um und einem alten Herrn ins Gesicht: Herr Palm, viele Jahre lang Mitglied des Stadtrates und des Kulturausschusses. Auch er erkannte mich mit etwas Verzögerung, für die er sich mit seinen schlechter werdenden Augen entschuldigte. Dann begrüßte er mich mit Handkuss, einer Geste, die mich immer wieder überrascht und rührt.

Herr Palm ist groß, schlank und hat ein aufmerksames, etwas gerötetes Gesicht. Lange, grau-weiße Koteletten, darüber dünnes Haupthaar, das zum größeren Teil einen künstlich wirkenden braunen Farbton hat. Den Gedanken, es sei gefärbt, hatte ich schon lange verworfen, denn das wäre nicht sein Stil. Im Winter trägt Herr Palm einen knöchellangen schmalen Flanellmantel mit einem Pelzkragen. An diesem Tag aber war es warm, und er hatte einen leichten Mantel an - Staubmantel würde er ihn nennen, denke ich.

In der linken Hand trug Herr Palm seinen Einkauf: drei Rosen aus Porzellan. Kleine rosafarbene, mit dunkelgrünem Stiel und je zwei Blättern. Edel und zerbrechlich sahen sie aus, und das sagte ich ihm. Darüber hinaus seien sie auch noch praktisch, meinte er. Bei den Damen kämen solche Rosen gut an, als Mitbringsel; manche der Damen seien ja allergisch gegen Blumen aus der Natur, auch verwelke eine aus Porzellan nicht, und man selbst bliebe auf diese Weise länger in Erinnerung. Ich fragte nach, ob er die Rosen verpackt überreiche und wie viele jeweils. Nur eine, und keinesfalls in Verpackung, sagte er mit Nachdruck. Und er zeigte mir die Art der Übergabe, während er den Vorgang gleichzeitig mit Worten erläuterte. Man transportiert die Rose in der linken Innentasche des Mantels - deshalb bevorzuge er auch das kleinere Blumenformat -, öffnet nach der Begrüßung den obersten Knopf des Mantels, zieht die Rose hervor und überreicht sie der Dame mit einer knappen Verbeugung. Herr Palm lächelt mich vergnügt an. Ich bin ebenfalls vergnügt und nehme meine - als Geschenk verpackte - Schüssel in Empfang.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 43/2021

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