Herr über das eigene Leben?

Suizidforschung Ist es legitim, sich selbst zu töten? Das Phänomen Selbstmord stellt Moralphilosophen, Schriftsteller und Psychiater vor ungelöste Rätsel

Jährlich bringen sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa eine Million Menschen selbst um. Global gesehen, ist die Gruppe der Selbstmörder größer als die Gruppe der Kriegs- und Mordtoten zusammen. Laut Experten ereignet sich alle 40 Sekunden irgendwo auf der Welt ein Selbstmord – und alle drei Sekunden ein Selbstmordversuch.


Nur dem Menschen ist es möglich, sich selbst aus freien Stücken das Leben zu nehmen. Der Freitod ist ein bewusst vollzogener Gewaltakt, dem ein hohes Maß an Selbstreflexion zugrunde liegt. Das Auslöschen der eigenen Existenz setzt die Fähigkeit voraus, den eigenen Tod gedanklich vorwegzunehmen, ihn zu planen und über seine Konsequenzen zu spekulieren. Das macht ein tieferes Verständnis von Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft unabdingbar. Dazu ist allein der Homo sapiens imstande. Ihm und nur ihm ist es möglich, das Leben vom Ende her zu denken und immer wieder die Möglichkeit eines absichtsvoll herbeigeführten Aus-der-Welt-Scheidens durchzuspielen.

Ein Fall von Pflichtverletzung


Indem sich der Mensch der Möglichkeit bewusst ist, jederzeit aufgeben zu können, erweitert er seinen Handlungsspielraum, schließlich kann er stets zwischen zwei Optionen wählen, nämlich zwischen Bleiben und Gehen. Der Selbstmord ist das alleinige Vorrecht des Menschen; er ist sein „Alleinstellungsmerkmal“. Die Frage ist nur: Darf sich ein Mensch selbst töten? Ein Blick in die Geschichte der Philosophie zeigt: Kaum eine menschliche Handlung wird so unterschiedlich bewertet wie der Mord an der eigenen Person.


Der Philosoph Immanuel Kant sieht im Suizid einen Verstoß gegen den kategorischen Imperativ, der lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ In seiner Metaphysik der Sitten aus dem Jahr 1785 fällt Kant ein harsches Urteil: Der Selbstmord sei „Verletzung einer Pflicht gegen sich selbst“ und die „Selbstentleibung“ ein Mord und nichts anderes.


Ähnlich sehen das die deutschen Idealisten, allen voran Johann Gottlieb Fichte. Es erfordere zwar Seelenstärke, sich umzubringen, schreibt Fichte in seinem 1798 erschienenen Buch Das System der Sittenlehre. Noch mehr Stärke sei jedoch notwendig, ein Leben zu ertragen, das nichts als Leiden erwarten lasse und das man gering schätze. Der Selbstmörder sei alles andere als mutig. Er käme mit der „unbekannten Zukunft“ nicht zu Recht, weshalb er sofort alle Zukunft vernichten wolle.


Im 20. Jahrhundert nimmt der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sartre diese Idee wieder auf. „Der Selbstmord“, schreibt er in seinem Buch Das Sein und das Nichts, „kann nicht als ein Lebensende angesehen werden, dessen eigene Grundlage ich wäre. Da er Akt meines Lebens ist, verlangt er nämlich selbst nach einer Bedeutung, die nur die Zukunft ihm geben kann; da er aber der letzte meines Lebens ist, verweigert er sich der Zukunft.“ Der Selbstmord lasse das Leben im Absurden untergehen.


Ganz anders argumentiert der Philosoph Arthur Schopenhauer in seiner 1851 publizierten Schrift Parerga und Paralipomena. Menschen würden sich umbringen, wenn die „Schrecknisse des Lebens die Schrecknisse des Todes überwiegen“. Der Freitod sei ein rationaler Akt, dem eine innere Bilanzierung vorausgehe. „Da müssen wir denn hören, Selbstmord sei die größte Feigheit, sei nur im Wahnsinn möglich und dergleichen Abgeschmacktheiten mehr oder auch die ganz sinnlose Frage, der Selbstmord sei Unrecht, während doch offenbar jeder auf nichts in der Welt ein so unbestreitbares Recht hat wie auf seine eigene Person und Leben“.

Eine Predigt vom Tod


Der Pionier der Aufklärung, Baron de Montesquieu, sieht das Leben als Gut an, das einem geschenkt wurde. Und Geschenke dürfe man zurückgeben. Auch Rousseau, der andere große Aufklärer, betont das Recht des Menschen aufs Selbstbestimmung: Wer dem Leben partout nichts Gutes abgewinnen könne, der dürfe es wegschleudern.
Besonders energisch verteidigt der Philosoph Friedrich Nietzsche das Menschenrecht auf Selbsttötung. „Den freien Tod predige ich Euch“, schreibt er im Zarathustra, „der nicht heranschleicht wie Euer grinsender Tod, sondern der da kommt, weil ich es will.“


Der Streit darüber, ob ein Mensch sich töten darf oder nicht, ist so alt wie die Philosophie selbst. Platon, der große antike Philosoph, vertrat eine ausgewogene Position. Er verurteile den Selbstmörder zwar als einen Menschen, dem es an Ehrfurcht vor dem eigenen Leben mangelt. Allerdings hält er den Suizid für akzeptabel, wenn eine unabwendbare Schmach vorliegt oder ein unheilbares Leiden. So steht es in seinem Buch Phaidon.


Aristoteles argumentiert in seiner Nikomachischen Ethik andersherum: Seines Erachtens ist es das Recht eines Menschen, sich selbst zu töten – aus welchen Beweggründen auch immer. Das Problem bestehe jedoch darin, dass der Selbstmörder der Gemeinschaft, aus der er stamme, einen schweren Schaden zufüge. Selbstmord sei kein Unrecht gegen die eigene Person, wohl aber gegen die Gesellschaft.


Der Schriftsteller Albert Camus schreibt in seinem Mythos von Sisyphos: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.“ Doch genau auf diese so wichtige Frage findet die Philosophie bis heute keine Antwort. Am Suizid scheiden sich die Geister, es gibt so viele Meinungen wie es Philosophen gibt.

Die zornigen Kräfte des Teufels


„Der Suizid war und ist – in der geschriebenen Geschichte – eine umstrittene Handlung“, konstatiert der Münchner Psychiatrie-Professor Thomas Bronisch in seinem Buch Der Suizid. „Während in der Bibel und der Antike“, so Bronisch, der Suizid auch eine vertretbare oder sogar erwünschte Lösung eines sonst unlösbaren Konfliktes sein konnte, wurde auf dem Konzil von Arles 452 erklärt, dass der Selbstmord ein Verbrechen sei und nur die Folge des furor diabolicus darstellen könne.“


Von diesem Zeitpunkt an galt der Selbstmörder als jemand, in dessen Innern die zornigen Kräfte des Teufels zerstörerisch wirken. Kein Wunder also, dass man den Selbstmörder zur persona non grata erklärte. Das christliche Begräbnis wurde ihm verweigert, seine Selbsttötung als frevelhafte Tat betrachtet. „Das Konzil von Nimes im Jahre 1184 machte die Verdammung des Selbstmordes zu einem Teil des kanonischen Rechtes“, schreibt Bronisch. „Durch die Verflechtung von staatlicher und kirchlicher Gewalt im Mittelalter wurde die kirchliche Verdammung des Selbstmordes in vielen europäischen Staaten in die gesetzlichen Bestimmungen aufgenommen.“


Die Auffassung, dass ein Selbstmord, vom ethischen Standpunkt aus betrachtet, nichts anderes als Mord ist, hielt sich nach  Bronisch bis ins Jahr 1790. Erst während der Französischen Revolution setzte ein Umdenken ein. Frankreich strich den Selbstmord von der Liste der gesetzlichen Verbrechen, einige Jahre später zogen Preußen und Österreich nach. In England galt Selbstmord noch bis ins Jahr 1961 als Verbrechen. Versuchte Selbsttötungen wurden strafrechtlich verfolgt.


Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, über die Tat eines Selbstmörders moralisch zu urteilen. Denn der Selbstmord ist eine äußerst komplexe Handlung, die sich nach Ansicht des Psychiaters Karl Menninger aus drei Elementen zusammensetzt: Aus einem Element des Sterbens, des Tötens und des Getötet-Werdens.


Diese Unterscheidung ist wichtig, gibt es doch viele Menschen die sterben wollen, aber nicht die nötige Aggressivität aufbringen, ihrem Leben tatsächlich ein Ende zu machen. Und umgekehrt gibt es Menschen, die sich zwar Gewalt antun, aber nicht wirklich tot sein wollen.

Auf ewig auf der Flucht


„Paradoxerweise scheinen viele Selbstmörder trotz der Heftigkeit des Angriffs gegen sich selbst und trotz der damit verbundenen Kapitulation nicht sehr begierig zu sterben“, schreibt Menninger in seiner klassisch gewordenen Schrift Selbstzerstörung. Psychoanalyse des Selbstmords.


Neuere Studien belegen, dass der Wunsch zu sterben, bei Frauen und Männern in etwa gleich groß ist. Dennoch sind es eher Männer, denen es gelingt, ihr Sterben-Wollen in eine impulsive Tötungshandlung umzusetzen. Menninger weist daraufhin, wie unsinnig es ist, den Selbstmord eines Menschen auf ein paar wenige, griffige Motive zurückführen zu wollen. Zungenfertige Erklärungen kann man mit monotoner Unveränderlichkeit in den Tageszeitungen, in Berichten der Versicherungsgesellschaften, auf Totenscheinen und in statistischen Übersichten lesen. Selbstmord ist, folgt man diesen Mitteilungen, die einfache und logische Konsequenz von schlechter Gesundheit, Entmutigung, finanziellen Schwierigkeiten, Demütigungen, Frustration oder unerwiderter Liebe.“


Doch all diese Erklärungen seien wohlfeil und nichtssagend. Dahinter stehe die Annahme, so Menninger, dass der Sich-Selbst-Tötende aus einer „unerträglichen Lebenslage“ befreien wolle. „Diese Vorstellung von der Selbstzerstörung als einer Flucht vor der Realität, vor Krankheit, Schande, Armut oder ähnlichem hat wegen ihrer Einfachheit etwas Verführerisches“, schreibt Menninger. „Es ist eine Parallele zu anderen Fluchterscheinungen, etwa indem man in Urlaub geht, Feste feiert, einschläft, im Delirium herumwandert oder im Rausch Zuflucht sucht. Diese Fluchtarten aber sind zeitlich begrenzt, der Selbstmord aber bleibt. Er ist eben nicht vorübergehend, sondern steht für immer als großes Rätsel im Raum." Depressivität, geringe Selbstachtung und Hoffnungslosigkeit – das sind die drei hauptsächlichen Symptome bei Selbstmördern (Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 2003, 32(2), 79-84). Wie Längsschnittstudien zeigen, leiden zwischen 35 und 80 Prozent der Selbstmörder unter Depressionen. Depression ist damit die am häufigsten auftretende psychische Störung bei Suizidopfern.


Die Mediziner Teresa Biermann und Stefan Bleich vom Universitätsklinikum Erlangen analysierten 2062 Suizide in Mittelfranken während der Jahre 1998 bis 2003. Psychische und körperliche Erkrankungen bildeten bei älteren Menschen das häufigste Motiv für Selbstmord. Etwa jede fünfte Person brachte sich wegen familiärer Streitigkeiten um. Armut und sozioökonomische Schwierigkeiten waren in nur 5 Prozent der Fälle ursächlich für die Freitod-Entscheidung. Männer wählten in 38 Prozent der Fälle das Erhängen als Selbstmordmethode, gefolgt vom Vergiften. Erstechen, Pulsaderaufschneiden und Springen aus großer Höhe folgten dahinter. Frauen vergifteten sich in 43,2 Prozent der Fälle. Danach folgten das Erstechen und das Springen in die Tiefe.


Wie die Forscher herausfanden, korrespondiert die Methode des Sich-Tötens mit dem Motiv: Bei familiären Problemen vergiften sich Menschen vorwiegend; beim „Liebeskummer“ als Motiv liegen Vergiften, Erschießen und Erstechen in etwa gleichauf.


Da die tieferen Beweggründe eines Selbstmörders jedoch notwendigerweise verborgen bleiben müssen, ist jedes ethische Urteilen und jedes psychologische Spekulieren über die Motive nichts anderes als Wichtigtuerei. Vor dem Selbstmord muss die Philosophie kapitulieren – so wie der Selbstmörder vor seinem Leben kapituliert.

20:00 18.11.2009

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