Herr über sein Leben bleiben

Nachruf Mit Hermann Kant hat einer der großen DDR-Schriftsteller die Bühne verlassen. Ihn so zu erinnern, ist seinen Büchern geschuldet
Regina General | Ausgabe 33/2016 3

Der Tod, das ist ... ein schwarzer Wagen, an den Ecken beschnitzt wie die vorderen Kirchenstühle; ... der Tod trägt weiße Astern und kleidet Fischermeister Schliecks in einen Zylinderhut, der immer eine Delle hat; der Tod bringt fremde Leute in die Straße ..., der Tod ist vor allem eine Alterserscheinung. Er ist angeblich überhaupt nichts zum Lachen, und deshalb ist der Tod, was man aber nicht sagen darf, vor allem ein bisschen langweilig …“, schrieb Hermann Kant in seinem Roman Das Impressum aus dem Jahr 1972.

Versteck spielen war seine Sache nicht. Er bekannte sich zu dem, was er tat, auch wenn es ihm weder zu Ruhm noch zu besserem Verständnis gereichte. Fast trotzig blieb er nach 1990 bei seiner Verantwortung für das, was im Schriftstellerverband der DDR geschehen war, obwohl viele andere daran mitgewirkt hatten. Bei der unsäglichen Debatte im Juni 1979 um den Ausschluss von unliebsamen Autoren aus dem Verband zum Beispiel, dem er vorstand. Tatsächlich hatten die Anwesenden bei jener Versammlung in ihrer großen Mehrheit für die Trennung von Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Rolf Schneider und fünf weiteren Mitgliedern gestimmt.

Kant wollte sich nach der Wende nicht auf die etwa 300 Ja-Stimmen berufen, die es für einen solchen Schnitt gegeben hatte. Er hätte – so meinte er – mit einem energischen Wort den Vorgang abwenden können. Vielleicht. Er habe es nicht getan, er habe den Verband auch als eine Art gewerkschaftlicher Vertretung der Autoren gesehen und sich in dieser Rolle wahrscheinlich überschätzt. Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase schrieb 2006 zum 80. Geburtstag Kants, das Präsidentenamt im Schriftstellerverband habe es mit sich gebracht, „dass er der Politik die Literatur erklären musste und der Literatur die Politik. Daran sind viele gescheitert, schließlich auch er“.

Eitel und ein bisschen selbstverliebt, wie Autoren nun einmal sind, wenn sie ihre Sicht der Dinge tausendfach verkünden, glaubte Kant an seinen Einfluss auf die Kulturpolitik der DDR, an die Möglichkeit der Vermittlung zwischen den Standpunkten, was ihm nach der Wende den – gerichtlich abgewehrten – Vorwurf des Stasi-Kontakts eintrug. Er schien im Herbst 1989, trotz kritischer Ansätze und Einsichten, die in seinen Bücher nicht fehlten, überrascht zu sein von der gesellschaftsweiten Schärfe des Protestes gegen diesen Staat und von der Unaufhaltsamkeit seines Untergangs. Man habe auch für seine Irrtümer geradezustehen. Das eben sei seine Verantwortung, schrieb er.

Mit Hermann Kant, der am 14. August kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben ist, hat einer der großen DDR-Schriftsteller die Bühne verlassen. Auch wenn die Zusammenfügung von DDR und Schriftsteller oft gebraucht wird, um Bedeutung einzuschränken – in diesem Fall bestimmt sie die Größe eines Autors. Es gibt keinen Zweiten, der wie Kant den Übergang von Nazideutschland in ein Deutschland mit neuen Vorzeichen und einer Nachkriegsverantwortung so eindringlich zu seinem Thema gemacht hätte. Seine häufig autobiografisch geprägten Bücher fragten – lange bevor das Wort von der individuellen Zuständigkeit für die Verbrechen der Nazizeit die Runde machte – nach eigener Schuld. Er tat es als jemand, der als 19-jähriger Soldat in Polen Krieg führte und in Gefangenschaft geriet.

Der Aufenthalt (1977), geschrieben in Erinnerung an diese Zeit, ist zweifellos sein bedeutendster Roman, ein von Geschichte durchdrungener deutscher Bildungsroman. Darin entlasten weder Befehl noch Ausweglosigkeit das Schicksal der Hauptfigur Mark Niebuhr, der verdächtigt wird, ein „Mörder der SS“ zu sein. Nicht, was ihm, dem jungen Deutschen, im polnischen Gefängnis widerfuhr, so Niebuhr, sei zu hinterfragen, sondern wie die Anreise war und was Leute wie er hier wollten.

Wildes Debütieren

Als der Roman Anfang der 80er Jahre verfilmt werden soll, erklärt Kant gegenüber der DDR-Filmgesellschaft DEFA, es gebe die Filmrechte nur unter zwei Bedingungen: Das Drehbuch müsse Wolfgang Kohlhaase schreiben, Regie Frank Beyer führen. Für Letzteren kam das einer Rehabilitierung gleich, war Beyer doch mit seinem Spielfilm Spur der Steine 1965/66 in die Mühlen eines SED-Kulturplenums geraten, das eine ganze Jahresproduktion der DEFA als „spießbürgerlich skeptizistisch“, „dekadent“ oder „nihilistisch“ denunzierte. Und aus dem Verkehr zog. Als es nach dem Verriss so schnell kein Versöhnen geben sollte, half Kant dem inkriminierten Beyer, dass es mit seinem Auftragsdefizit bei der DEFA ein Ende habe.

Der in Hamburg geborene Sohn armer Leute erlebte in den 50er Jahren eine aufstrebende DDR, die mit dem Bildungsmonopol der Begüterten bricht. Die alten Eliten haben nicht nur unter Hitler versagt, sie suchen nach dem Krieg ihr Heil westlich der Demarkationslinie zwischen den Blöcken. Im Osten entstehen Arbeiter- und Bauernfakultäten (ABF). Sie öffnen sich denen, für die sozialer Stand und familiäre Herkunft weder Abitur noch Studium verheißen. Kant wird ABF-Schüler in Greifswald, bevor er ab 1952 in Ostberlin Germanistik studiert.

Die Aula (erschienen 1965), das Buch über die frühen Jahre an einer solchen Bildungsanstalt, wird zu seinem größten Erfolg, in 15 Sprachen übersetzt, allein in beiden deutschen Staaten 650.000-mal verkauft, als Schullektüre in der DDR wie der Bundesrepublik gebraucht. Es sollte sein populärster Roman bleiben. Wie schon im Erzählband Ein bisschen Südsee (1962) angedeutet, erweist sich Kant in der Aula als vorzüglicher Fabulierer, als einer, der die Geschichte in Geschichten erzählt. Heiter, aufgelöst in detailverliebten Formulierungen, deren Botschaft einem nicht schon mit dem Anfang eines Satzes ins Gesicht springt. Der Leser weiß nie, was kommt. Anekdoten, Erlebnissplitter, Skurriles, Zweifel und Verzweiflung. Die Aula erzählt vom wilden Debütieren der DDR, als noch alles möglich schien. Als der Roman Mitte der 60er sein Publikum erreicht, sind manche Ideale längst politischem Zweckdenken gewichen, das den zweiten deutschen Staat umso mehr beherrscht, je vehementer er von seinen Feinden in Frage gestellt wird. So lebt der Furor des Aufbruchs bestenfalls als Gedächtnisleistung fort. In der Aula, ihrem Helden, dem einstigen ABF-Eleven und nunmehr erfolgreichen Literaturkritiker Robert Iswall, ist das spürbar, wenn auch nicht dominant. Vielmehr spiegelt die Fabel gelebte Veränderung, gelebte Utopie und hat etwas Verführerisches. So unkompliziert, aufgeschlossen und aufstiegsoffen wünschte man sich die DDR, ohne bürokratischen Frevel, frech und ungezwungen.

Kant wollte später die Vorstellung von seinem sozialistischen Ideal nicht einfach zu Grabe tragen. Er glaubte – wie viele –, wenn der Sozialismus den kritisch-kreativen Köpfen überlassen sei, könnte noch Gutes daraus werden. Und: Verwerflicher noch, er wollte auf seine sozialistische Utopie nach dem Scheitern der DDR nicht verzichten. Das bezahlte er nach der Wiedervereinigung mit weitgehender Ächtung durch das Feuilleton. Seine Leser blieben ihm trotzdem treu. Sie schätzten seine assoziationsreiche Syntax, seine Pointen und rhetorischen Kapriolen, die sich oft erst am Ende eines Kapitels einordnen ließen, seine Doppelbödigkeit.

Als das Neustrelitzer Theater im Frühjahr seine Kant-Hommage zum 90. Geburtstag ankündigte, war das Haus lange vorher ausverkauft. Was nicht zu Unrecht als Zeichen der Achtung für einen Autor zu deuten war, der bis zuletzt als weithin vernehmbarer Chronist des DDR-Alltags empfunden wurde. Einer, der über den Kleingeistigkeiten der DDR-Führung zu stehen schien und in seinen Büchern zuweilen darüber herzog. „Die Gegenwart ist in diesem Augenblicke das Wichtigere und das Thema, ... es ist von der Art, dass überhaupt jedes Weiterschreiben davon abhängt“, heißt es im Roman Das Impressum.

Offene Fragen

Was das bedeuten konnte, musste Kant, der 1988 von seinen Schriftstellerkollegen noch als Verbandspräsident wiedergewählt worden war, erfahren, als er zwei Jahre später nicht einmal mehr angehört wurde. So hat er nach der Wende viel Zeit darauf verwandt, sein Nachdenken zu Papier zu bringen, seinem Traum von der DDR nachzuspüren und darüber zu sinnieren, wie der Anteil des politischen Menschen Kant hätte aussehen müssen, und wie der des Autors davon hätte beeinflusst werden sollen. Eine schlüssige Antwort hat er nicht gefunden. Aber seine mit Einschüben, Bosheiten und Metaphern gespickten Sätze verraten die durchwachten, vergrübelten Nächte, die ihnen vorausgegangen sind. Der scharfsinnige, kluge Erzähler, auf sich zurückgeworfen, spürt seinen Versäumnissen nach und ist glücklich, wenn er den Nachtgeistern eine Erkenntnis abringen kann. Seine selbstgewählte Einsamkeit im schlecht beheizbaren Sommerhäuschen im mecklenburgischen Dörfchen Prälank gibt er erst auf, als der Körper sein Veto einlegt. Bis dahin hat er noch eine Reihe von Büchern verfasst – Escape (1995), Okarina (2002), Kennung (2010) und Lebenslauf. Zweiter Absatz, eine Sammlung von Erzählungen (2011).

Kants letztes Buch Ein strenges Spiel beschreibt den Kampf gegen den Verfall des Körpers in jenem Krankenhaus, in dem er jetzt starb. Er wollte Herr über sein Leben bleiben, obwohl es längst in den Händen der Ärzte lag. Es beginnt mit dem Satz: „Und dabei hätte ich schon so schön tot sein können ...“

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06:00 14.09.2016

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