Herr Watanabe und der Streik der Baseball-Profis

Sportplatz Kolumne

Es regt sich Widerstand in einem Land, das Harmonie über alles setzt: Ein kleiner Kreis greiser Unternehmer will unter Ausschluss der Betroffenen defizitäre Unternehmen fusionieren. Fachkräfte sehen Arbeitsplätze gefährdet, ihr Mitspracherecht ignoriert und streiken. Das zahlende Publikum unterstützt den Streik. Es geht um Sport und Geschäft, um die Frage, ob Sport nur als Geschäft funktionieren kann und darf.

Japans Profi-Baseball - von Großunternehmen zu Werbezwecken in zwei Ligen zu sechs Teams organisiert - ist im Tumult. Die eine Liga spielt ihre Kosten ein. Man profitiert von der prominentesten Mannschaft: Wenn die "Giants" ihre Schläger schwingen, sind die Einschaltquoten hoch und die TV-Rechte teuer. Die andere Liga ist weniger populär und chronisch defizitär. Der Ausweg, so dachten sich die betagten Club-Eigentümer: Zwei unrentable Teams zusammenschließen und dann alle Mannschaften in einer Liga spielen lassen. Nun wollen allerdings Internet-Firmen die Fusionsobjekte übernehmen und sogar neue Teams gründen. Es gäbe also durchaus die Chance, zunächst beide Ligen zu erhalten, und in aller Ruhe offen zu diskutieren, wie es mit dem Profi-Baseball in Japan weitergehen soll. Fans und Spieler unterstützen das Angebot. Aber die Eigentümer ignorieren es, obwohl die Fans protestieren und die Spieler Ende September erstmals seit 70 Jahren streikten. Streik im Profi-Baseball - undenkbar, hätte jeder Japaner noch vor kurzem gesagt.

Es ist wie in anderen autoritär inszenierten Fusionen: Die Starken sollen stark bleiben und die Chance bekommen, noch stärker zu werden. Statt Talente breit und langfristig zu fördern und die Fähigkeiten in möglichst vielen zu entwickeln, favorisieren die alten Männer ein ganz anderes Sanierungsmodell - Konzentration auf die Stars und schnelle Vermarktung ihrer Popularität. Das reichste Team sind die "Giants". Deren Eigentümer heißt Watanabe und besitzt den mächtigsten Medienkonzern Japans. Dass Spieler nach zehn Jahren Zugehörigkeit ihren Club frei wechseln dürfen und mit hohen Gehältern gelockt werden können, hat er bereits durchgesetzt. Auch das sogenannte Draft-System wurde geändert. Früher entschied das Los, welches Team junge Spieler erstmals unter Vertrag nehmen darf. Nun können die begehrten Talente den Los-Entscheid ablehnen und einen Club ihrer Wahl benennen. In der Vergangenheit wären die Folgen nicht so dramatisch gewesen. Denn noch vor 35 Jahren Jahren gab es 240 Betriebsmannschaften und ein reiches Reservoir von engagierten Amateuren und unentdeckten Talenten. Heute dagegen gibt es nur noch 80 Teams und damit weit weniger Chancen, Baseball fernab der Logik des großen, schnellen Geldes zu spielen.

Eine neue Fusionswelle würde nicht nur vielen Spielern und Fans ihre sportliche Heimat nehmen. Sie würde auch das alte Regime mit seinem intransparenten Finanzgebaren und seiner Postenschacherei weiter zementieren. Die Kritiker verweisen auf Mechanismen in der US-Top-Liga, die eine Polarisierung zwischen finanzstarken und zahlungsschwachen Clubs verhindern sollen. Dagegen wehrt sich Watanabe mit schwerem Geschütz: "Das ist eine einzige sozialistische Umverteilung." Und den Repräsentanten der Spieler sagt er: "Halten Sie den Mund. Spieler sind zum Spielen da. Alles andere entscheiden die Eigner."

Im August allerdings bekam Watanabe unangenehmen Besuch von der japanischen Mafia. Die "Yakuza" monierten unfaire Rekrutierungspraktiken der "Giants" und forderten seinen Rücktritt. Tatsächlich hat er den Posten des "Giants"-Eigentümers verlassen, bleibt aber als Chairman der Yomiuri-Mediengruppe an der Macht. Gleichwohl, der erste Streik in der Geschichte des japanischen Baseballs zeigt Wirkung. Die Besitzer wollen nun doch Neugründungen zulassen. Und dabei wächst die Erkenntnis, dass Sport weder nur Geschäft noch ein Sandkastenspiel für korporative Despoten ist. Sport lebt von Zuschauern und Regionen, von der Geschichte der alten Siege und der Hoffnung auf die kommenden.


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00:00 01.10.2004

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