Herz

Linksbündig Der Bodensatz im Spendentopf

Vincent, 9, versteigert heute Abend seinen geliebten Baukasten. Der Erlös soll einem Kind zugute kommen, das in Südostasien alles verloren hat", so begann mit bewegter Stimme Petra Lidschreiber ihren Tagesthemen-Kommentar der letzten Woche zu dem Sujet, das einem jetzt echt aus den Ohren quillt: die deutsche Spendenbereitschaft.

Man kann sich vorstellen, wie das Drama abgelaufen ist bei dem kleinen Vincent zu Hause. Guck mal, haben die Eltern gesagt, dir geht es so gut, und der Junge in Indonesien, der genauso klein ist wie du, der hat jetzt gar nichts mehr. Was meinst du, könntest du tun? Denk mal genau drüber nach, wie viel Glück du hast. Du könntest ja an seiner Stelle sein. Wir zwingen dich nicht, aber meinst du nicht, dass du auch etwas entbehren kannst? Verdammt, gegen solch schlagende Argumente hat der kleine Vincent keine Chance und spendet nicht bloß irgendetwas, sondern - freiwillig versteht sich - seinen "geliebten" Baukasten. Ein Opfer muss weh tun, sonst wirkt es nicht.

Der Tsunami hat in der Bundesrepublik einiges an moralischem Bodensatz aufgewirbelt, und die öffentliche Belobigung des kleinen Spendenhelden ist deshalb so widerwärtig, weil sie ohne den Hauch von Reflexion ein Kind fürs melodramatische Rührstück instrumentalisiert. Zugleich demonstriert die Fabel, wie Zurichtung zur Tugend funktioniert und wie man Kinder zu Handlangern der eigenen Projektionen macht. Jedenfalls wäre zu fragen, warum nicht Vincents Papi seinen geliebten VW-Passat versteigert und warum, selbst wenn er es täte, das eher als dumm, denn als moralisch besonders integer gälte.

Es gibt in der philosophischen Tradition eine lange Debatte um den Nutzen und Schaden des Mitleids. Etlichen Denkern war diese schwer bezähmbare Regung suspekt. Platon hielt Mitleid für das Gegenteil von Vernunft, Kant bezeichnete es zwar als "liebenswürdig", aber auch als "schwach und jederzeit blind", und Fichte meinte, wer dem Mitleid als bloßem Naturtrieb folge, handele "zwar legal, aber schlechthin nicht moralisch". Es ist wahr, dass Mitleid die Grundlage von Humanität bildet, von Mitmenschlichkeit und Solidarität, aber die Gleichung, der mitleidige Mensch sei notwendig der gute Mensch, geht nicht auf. Mitleid stand immer auch im Verdacht, der Selbstliebe zu dienen, per "Gefühlsansteckung" (Scheler) zu funktionieren und weder als Grundlage der Moral noch zur Beförderung von Gerechtigkeit zu taugen. Dazu bräuchte es Kopf, nicht nur Herz.

"Gefühlsansteckung" scheint auch das zu sein, was die Spenden für Südostasien in so gigantische Höhen trieb. Man kann überhaupt nichts dagegen einwenden, der Zweck ist gut, und er heiligt in diesem Fall tatsächlich die Mittel. Woher aber kommt der moraline Mulm, diese eigenartige emotionale Gemengelage, die den Spendendiskurs trägt? Zunächst ist die Spende Reaktion auf den Schock einer plötzlichen Katastrophe, die unmittelbar einen Handlungsimpuls auslöst. Schleichende Katastrophen haben dagegen wenig Chancen. In den Spenden-Willen mischt sich aber auch die Imagination vom unschuldigen Opfer, dem man gerne hilft, sowie Identifikation und eine eigene, archaische Angst. Hat nicht Freud schon gesehen, dass am Ursprung des moralischen Gefühls fundamentale Verlustangst steht? Damit zumindest köderten Vincents Eltern den Baukasten. Der Spende, diesem Zwischending aus Geschenk und Opfer, haftet abstrakt immer noch ein Schuldgefühl an. Ihre Magie besteht darin, zu besänftigen, was nicht zu kontrollieren ist. Wir wissen ja, dass es uns auf Kosten anderer zu gut geht. Stimm´ die Götter günstig, die Spende ist ein Tauschgeschäft.

Das archaische Totem-Opfer war ein vergemeinschaftender Ritus. Heute lobt der deutsche Kanzler die Spenden für Südostasien als nationale Leistung. Kann es sein, dass in dieser so gefühlvoll aufgeladenen Sache ein kollektiver Sog entsteht, in dem auch drohende Untertöne mitschwingen? Wehe, du machst nicht mit, herzloser Mensch. Auf dem deutschen Altar jedenfalls werden noch andere Spenden platziert. So erklang von rechts schon der Vorschlag, man könne doch die deutschen Arbeitslosen zum Wiederaufbau nach Südostasien schicken. Sofort hat der Kanzler das zurückgepfiffen, ein schneller Vorschlag sei nicht auch ein guter Vorschlag. Wie wahr. Aber er zeigt, welche Phantasien im Umlauf sind. Ein philosophischer Verdacht gegen das Mitleid war auch immer, dass es verdammt schnell in Grausamkeit umschlagen kann. Weniger Herz ist manchmal mehr.


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00:00 14.01.2005

Ausgabe 38/2020

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