Heut´ geh ich in Neopren

Sportplatz "Zieh doch mal was anderes an. Ständig trägst du dieselben Klamotten. Kauf doch wieder mal was Schönes." Unsportliche Partnerinnen sportlicher Männer ...

"Zieh doch mal was anderes an. Ständig trägst du dieselben Klamotten. Kauf doch wieder mal was Schönes." Unsportliche Partnerinnen sportlicher Männer haben meist wenig Verständnis für das komplexe Verhältnis von Sport und Textilie. Ob das bei umgekehrtem Verhältnis Geschlecht-Sport oder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen auch so ist, keine Ahnung. Auf jeden Fall, eine abwechslungsreiche und vielfältige Garderobe, warum nicht. Nur wie denn, oder besser: wohin denn? Begehbare Schränke, wie man sie aus Hollywoodfilmen über die Schönen und Reichen kennt, sind real eher selten und schichtspezifisch, das heißt recht ungleich auf die Gesamtbevölkerung verteilt. Sporttreibende, die nur über einen Standardschrank verfügen, haben kaum eine Chance, mehr als zwei, drei Paar Jeans, ein paar T-Shirts, ein Hemd, drei Paar Socken, sieben Unterhosen und einen Pulli zu verstauen.

Das ist der Fluch des Fortschritts. Früher bestand eine Sportgarderobe vielleicht aus einer Skihose, einem dicken Wollpulli, gestrickten Socken, einem Trainingsanzug, einer Turn- und einer Badehose. Heute? Für jede neue Bewegungsart gibt es nicht gerade eine neue Spezialfaser, sicher aber ein spezielles Kleidungsstück. Die Weste - in Österreich und der Schweiz mit dem schönen arabischen Lehnwort "Gilet" bezeichnet - das spezielle Mountainbike-Gilet also, am Rücken atmungsaktive Mikrofaser, vorne Windstopper-Beschichtung. Dann das Gilet zum Rudern. Da ist es, weil man rückwärts fährt, genau umgekehrt: Windstopper-Beschichtung hinten, atmungsaktive Mikrofaser vorne. Dann natürlich die Radhose mit dem Polster zwischen den Beinen neben der Ruderhose mit der Polsterung weiter hinten an der Sitzfläche. Die Thermogesichtsmaske, zwar nur einmal benutzt zum Kite-Skiing bei Minus 20 Grad und Nordwind auf einem zugefrorenen Gebirgssee. Aber man weiß ja nie. Nicht zu vergessen die Unterwäsche aus Thermofasern. Wer je - wie man das früher tat - schon mal auf einer Skitour bei Minustemperaturen und bissigem Wind nach dem Aufstieg auf dem Gipfel ein verschwitztes Baumwollunterleibchen gegen ein trockenes wechselte, kauft heute Thermounterwäsche, soviel er kriegen kann. Ärmellos, kurzarm, langarm, verstärkte Nierenpartie.

Für schöne Sommertage ein Trikot mit Sonnenschutzfaser, für Regentage eine hauchdünne Hightech-Haut mit Nicht-Schwitz-Garantie. Fürs Windsurfen einen Neopren-Anzug. Fürs Fahrrad ein Leibchen atmungsaktiv mit genügend langer Rückenpartie und einer Tasche hinten, für den Fußball eins mit dem richtigen Sponsor vorne. Und damit sind wir noch nicht mal bei den Socken, die den Fuß im Skischuh an den richtigen Stellen doppelt polstern, bei den Mützen (zum Beispiel jener, die unter dem Mountainbike-Helm bei den Lüftungseinlässen mit Windstoppertextil verstärkt ist und an den Ohren mit dünner Spezialfaser doppelt warm hält) oder bei den Handschuhen (Fahrrad: in Winter- und Sommervariante. Skicarving: Daumenschutz. Snowboard: Handgelenkschutz).

Tausend Möglichkeiten gewappnet zu sein, es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, heißt es im Durchhalte- und Reiss-dich-zusammen-Jargon. Und der Schrank quillt über. Da haben es die Superhelden in den Comics einfacher. Hauchdünne, coole Trikots, in denen keiner friert, keiner schwitzt, die auch bei Überschallgeschwindigkeit noch reißfest sind, ja an denen nicht mal ordinärer Straßenstaub zu haften scheint (Hat schon mal jemand einen Comic-Superhelden seinen Anzug waschen sehen? Kochwäsche oder nur 30 Grad?) Nein, so weit ist die Sportbekleidungsindustrie noch nicht. Aber doch schon ziemlich weit. So weit, dass man Normschränke zu Dreivierteln mit ihren faszinierend verführerischen Produkten vollstopfen kann - und so weit, dass man dann doch lieber die wenigen Lieblingsklamotten aus Baumwolle tragen möchte.

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00:00 01.11.2002

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