Heute dürfen sie weinen

Maskulinität Wisser, Böldl, Strunk und Kollegen: Wie Schriftsteller das Männlichkeitsbild neu verhandeln
Heute dürfen sie weinen
Früher hatte man keine Krise, sondern einfach nur schlechte Laune
Foto: Constance Bannister Corp/Getty Images

John Wayne ist zurück: als weißer, markiger Amerikaner, wie Donald Trump ihn verkörpert – ein waschechter Cowboy mit kantigen Sprüchen und Neigung zu Muskelspielen jenseits des Atlantiks. Und so wie der altbackene Konservatismus der USA – lediglich im neuen Ornat – gegen die Aufweichung der Männlichkeitsstereotype mobilmacht, agitieren auch die deutschen Rechtspopulisten gegen den grassierenden „Genderwahn“. Schlechte Zeiten somit für all jene, die noch vor kurzem hierzulande für Transgender-Personalausweise und -Toiletten eingetreten sind. Steht uns nach Silvia Bovenschen und Judith Butler, nach der Dekonstruktion der heteronormativen Einteilung der Welt in Mann und Frau, nach all den Kämpfen und Modernisierungen nun also das große Rollback bevor?

Während die gesellschaftlichen Diskussionen verschüttete Gräben wieder öffnen und ungeahnte Polarisierungen hervorrufen, zeugt die zeitgenössische Literatur von differenzierteren Betrachtungen. Sie übt sich in einer regelrechten Dekonstruktion maskuliner Klischeebilder. Statt Heldenmut und Machismo macht etwa Michael Braun, der Protagonist mit dem Jedermannnamen, in Daniel Wissers neuem Roman Löwen in der Einöde eine passive, geradezu „unmännliche“ Figur. Als Beamter auf dem Einwohnermeldeamt schlägt er seine Zeit mit Archivierungen tot. Die Beziehung, in der er steckt, kennt weder Rück- noch Fortschritte. Selbst die gemeinsam betriebene Paartherapie wird zu einem bloßen Akt der Gewohnheit. Da die Gegenwart ihm also nur wenig Aussicht auf Erfüllung gewährt, lebt er vor allem in seinen Erinnerungen an eine missglückte Jugendliebe zu seiner Lateinlehrerin Alies. Einst hatte er die Chance verstreichen lassen, sich ihr jenseits verschüchterter Küsse anzunähern – nicht zuletzt, weil er vor ihrem Ehemann Angst hatte. Und heute? Da überwindet sich der Antiheld nur mit der nötigen Portion Alkohol intus, eine Frau auf einer Party anzusprechen.

Toxisch!

Am eigenen Unvermögen zu scheitern, selbst nicht den längst notwendigen Ausbruch zu schaffen, resigniert im Hier und Jetzt zu verharren – das ist das Thema dieses tragikomischen und psychologisch ausgereiften Romans. Dass es sich bei der Hauptfigur eben um einen Mann handelt, mag kein Zufall sein. Denn Misserfolg potenziert sich, wenn er sich aufseiten jenes Geschlechts einstellt, dem genuin Macht und Tatendrang zugeschrieben werden. Im Gegensatz zu Braun glänzen daher die Damen dieses Buches: Alies beispielsweise durch ihren Wagemut, trotz Ehe im Provinznest einem Schüler Avancen zu machen, oder eine weitere Frau namens Silvia, die souverän ein eigenes Lokal eröffnet und den Inbegriff einer Macherin darstellt. Der Protagonist nimmt derweil eine monolithische Warteposition ein, Bewegung findet ausschließlich in seinem Umfeld statt. Gekonnt arbeitet Wisser somit die Kehrseite der Virilität heraus und demaskiert die Inbrunst der Männlichkeit als Chimäre. Braun besitzt nichts mehr, das noch an die Stärke und Willenskraft des klassisch maskulinen Subjekts erinnert.

Dürfen die Herren der Schöpfung nun doch auch Fehler zulassen? Dürfen sie entgegen dem Titel von Herbert Grönemeyers bekanntem Lied Männer doch (nicht nur heimlich) weinen und Emotionen zeigen? Zumindest argumentiert Jack Urwin in seinem derzeit viel diskutierten Werk Boys Don’t Cry dafür. Geprägt durch eine väterliche Erziehung, die noch voll und ganz auf Stärke und Durchhaltevermögen des Mannes ausgerichtet war, schreibt er gegen die typischen Felder der maskulinen Bewährungsproben wie Militär und Hooliganismus an. Prägnant spricht er daher von einer „toxischen Männlichkeit“. Der 1992 in Loughborough geborene Autor, der ganz im Sinne des Postfeminismus für metrosexuelle und überhaupt performative Genderkonzepte eintritt, bringt jenes Männlichkeitstrauma auf den Punkt, das manch einer noch nicht wahrhaben will und lange verdrängen konnte.

„Früher hatten Männer keine Krise, sondern nur schlechte Laune“, wie der Autor des Buches Raketenmänner, Frank Goosen, 2014 in einem Interview sagte. Heute ist deren Identitätskrise angesichts erstarkender Frauen und tiefgreifender Umbrüche in der Wirtschaft mehr als offensichtlich. Weder der Arbeiter noch der skrupellose Unternehmenspatriarch stehen gegenwärtig hoch im Kurs. Und obgleich Werke wie Rainald Goetz’ Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft (2012) oder Jonas Lüschers Der Frühling der Barbaren (2013) noch einmal den vermeintlich potenten Karrieristen aufleben lassen, hat die metrosexuelle Wende längst dessen Abgesang eingeleitet. Eugen Ruges rasante Geschichte über einen sich im Datenstrudel verlierenden Investmentbanker in Follower bildet anschaulich: Die Männer werden von ihrem patriarchalen Sockel gestürzt. Teamfähigkeit, Sensibilität, Kommunikationsgabe fordern Gesellschaft und Familie ihnen inzwischen ab. Sie verlieren ihre Masken, die möglicherweise noch nie gepasst haben und gewinnen durch ihre Verletzlichkeit an Kontur. Aberwitzig erscheint angesichts dessen Heinz Strunks aktueller Roman Jürgen, der auf groteske Weise das klassische Bild des maskulinen Eroberers zerlegt. Als müsste man sich nur an eine Bausatzanleitung halten, weiß sein titelgebender Protagonist bestens über alle vermeintlich vielversprechenden Taktiken der Bezirzung des anderen Geschlechts Bescheid: Man(n) muss nur „mit tiefer Stimme sprechen“, um „die meisten Frauen in Wallung“ zu versetzen. Es gelte: „Frauen lieben wilde Geilheit“ – dumm nur, dass dieser Ritter von trauriger Gestalt mit derlei Handbuchwissen nicht einmal auf einer organisierten Sextourismusfahrt nach Polen Erfolg hat.

Dass es auch jenseits des Scheiterns eine Chance für männliche Profilbildung geben kann, offenbart der kontemplative Roman Der Atem der Vögel des 1964 in Passau geborenen Klaus Böldl. Wir befinden uns auf den Färöer Inseln, spüren den leisen Regungen in den Gärten nach und schauen über die unzähligen Steilhänge der Küsten. In dieser Welt herrscht ein „durchsichtiges Schweigen, ein durch jahrtausendelange Übung geräuschlos gewordenes Miteinandersein und Ineinandergreifen der Dinge“. Die einzig menschliche Stimme inmitten dieser Idylle stammt von Philipp, dem Icherzähler, der Inbegriff des einsamen Wolfs und Outsiders. Während seine Lebensgefährtin Johanna ihre Dienste in einem Krankenhaus ableistet und seine Ziehtochter Rannvá im Kindergarten ist, gibt er sich (in epischer Thomas-Mann-Manier) frei seinen Naturbeobachtungen hin und versinkt in Kindheitserinnerungen.

Wirkt das kitschig und dick aufgetragen? Ja, durchaus, aber eben auch besinnlich. Das „vollständige Wegsein“, jene robinsonadische Einsamkeit, eröffnet einen literarischen Raum, der sich allen modernen Verführungen und Verlockungen entzieht. Je intensiver wir uns auf die Wanderungen von Böldls Protagonisten einlassen, desto mehr lernen wir eine so moderne wie unaufdringliche Variante des anachronistischen Heros kennen: jene des Eremiten. Zwar erweist auch er sich als Einzelkämpfer und Überlebenskünstler. Jedoch entzieht er sich der Logik der männlichen Repräsentationspflicht. Hahnenkampfgetue ist ihm eine fremde Gebärde. Eher ist er dem Streben nach Harmonie zugewandt. Obwohl dieser Roman mit zu vielen kleinen episodischen Strängen und gedanklichen Versatzstücken, die sich vor allem aus Philipps Erinnerungen ergeben, in der Dramaturgie wenig überzeugen kann, ist darin die Frage der männlichen Identitätsfindung von ungemeinem Wert. Er argumentiert mit Ruhe und Feingefühl gegen das Klischee des Mannes als Jäger und Herrscher über die Natur und gibt ihn als gefühlvolles Subjekt, empfänglich für das Rauschen der Winde und die Stille der Landschaft, zu erkennen.

Ist das nun schon der ganz große Wurf? Zugegeben, mit Utopien für das maskuline Wesen im 21. Jahrhundert hält sich die zeitgenössische Literatur zurück. Sie setzt – sieht man von den immer wieder erfrischenden Gender-Experimentiertexten eines Thomas Meinecke ab – auf Realismus und scheut nicht davor zurück, die altbackene Version von Maskulinität im symbolischen Sinne zu kastrieren. Bezogen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit kann diese für manch einen schmerzhafte Erfahrung jedoch nur von Vorteil sein. Wenn die Trumps dieser Welt für die Restituierung eines überholten, testosterongeladenen Mythos sorgen wollen, so kann dies nur zu Lasten der Männer gehen, die sich unversehens wieder mit Ansprüchen konfrontiert sehen, denen sie noch nie gerecht werden konnten. Dieser Tendenz bewusst mit dem Willen zur Vielfalt zu begegnen und Männlichkeit im Plural zu denken, vermag am ehesten die Literatur zu leisten.

Info

Löwen in der Einöde Daniel Wisser Jung und Jung 2017, 128 S., 17 €

Der Atem der Vögel Klaus Böldl S. Fischer 2017, 144 S., 16,99 €

Jürgen Heinz Strunk Rowohlt 2016, 256 S., 19,95 €

Björn Hayer ist Dozent an der Universität Koblenz-Landau und arbeitet als freier Kritiker

06:00 12.04.2017

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