Björn Hayer
Ausgabe 1317 | 12.04.2017 | 06:00 5

Heute dürfen sie weinen

Maskulinität Wisser, Böldl, Strunk und Kollegen: Wie Schriftsteller das Männlichkeitsbild neu verhandeln

Heute dürfen sie weinen

Früher hatte man keine Krise, sondern einfach nur schlechte Laune

Foto: Constance Bannister Corp/Getty Images

John Wayne ist zurück: als weißer, markiger Amerikaner, wie Donald Trump ihn verkörpert – ein waschechter Cowboy mit kantigen Sprüchen und Neigung zu Muskelspielen jenseits des Atlantiks. Und so wie der altbackene Konservatismus der USA – lediglich im neuen Ornat – gegen die Aufweichung der Männlichkeitsstereotype mobilmacht, agitieren auch die deutschen Rechtspopulisten gegen den grassierenden „Genderwahn“. Schlechte Zeiten somit für all jene, die noch vor kurzem hierzulande für Transgender-Personalausweise und -Toiletten eingetreten sind. Steht uns nach Silvia Bovenschen und Judith Butler, nach der Dekonstruktion der heteronormativen Einteilung der Welt in Mann und Frau, nach all den Kämpfen und Modernisierungen nun also das große Rollback bevor?

Während die gesellschaftlichen Diskussionen verschüttete Gräben wieder öffnen und ungeahnte Polarisierungen hervorrufen, zeugt die zeitgenössische Literatur von differenzierteren Betrachtungen. Sie übt sich in einer regelrechten Dekonstruktion maskuliner Klischeebilder. Statt Heldenmut und Machismo macht etwa Michael Braun, der Protagonist mit dem Jedermannnamen, in Daniel Wissers neuem Roman Löwen in der Einöde eine passive, geradezu „unmännliche“ Figur. Als Beamter auf dem Einwohnermeldeamt schlägt er seine Zeit mit Archivierungen tot. Die Beziehung, in der er steckt, kennt weder Rück- noch Fortschritte. Selbst die gemeinsam betriebene Paartherapie wird zu einem bloßen Akt der Gewohnheit. Da die Gegenwart ihm also nur wenig Aussicht auf Erfüllung gewährt, lebt er vor allem in seinen Erinnerungen an eine missglückte Jugendliebe zu seiner Lateinlehrerin Alies. Einst hatte er die Chance verstreichen lassen, sich ihr jenseits verschüchterter Küsse anzunähern – nicht zuletzt, weil er vor ihrem Ehemann Angst hatte. Und heute? Da überwindet sich der Antiheld nur mit der nötigen Portion Alkohol intus, eine Frau auf einer Party anzusprechen.

Toxisch!

Am eigenen Unvermögen zu scheitern, selbst nicht den längst notwendigen Ausbruch zu schaffen, resigniert im Hier und Jetzt zu verharren – das ist das Thema dieses tragikomischen und psychologisch ausgereiften Romans. Dass es sich bei der Hauptfigur eben um einen Mann handelt, mag kein Zufall sein. Denn Misserfolg potenziert sich, wenn er sich aufseiten jenes Geschlechts einstellt, dem genuin Macht und Tatendrang zugeschrieben werden. Im Gegensatz zu Braun glänzen daher die Damen dieses Buches: Alies beispielsweise durch ihren Wagemut, trotz Ehe im Provinznest einem Schüler Avancen zu machen, oder eine weitere Frau namens Silvia, die souverän ein eigenes Lokal eröffnet und den Inbegriff einer Macherin darstellt. Der Protagonist nimmt derweil eine monolithische Warteposition ein, Bewegung findet ausschließlich in seinem Umfeld statt. Gekonnt arbeitet Wisser somit die Kehrseite der Virilität heraus und demaskiert die Inbrunst der Männlichkeit als Chimäre. Braun besitzt nichts mehr, das noch an die Stärke und Willenskraft des klassisch maskulinen Subjekts erinnert.

Dürfen die Herren der Schöpfung nun doch auch Fehler zulassen? Dürfen sie entgegen dem Titel von Herbert Grönemeyers bekanntem Lied Männer doch (nicht nur heimlich) weinen und Emotionen zeigen? Zumindest argumentiert Jack Urwin in seinem derzeit viel diskutierten Werk Boys Don’t Cry dafür. Geprägt durch eine väterliche Erziehung, die noch voll und ganz auf Stärke und Durchhaltevermögen des Mannes ausgerichtet war, schreibt er gegen die typischen Felder der maskulinen Bewährungsproben wie Militär und Hooliganismus an. Prägnant spricht er daher von einer „toxischen Männlichkeit“. Der 1992 in Loughborough geborene Autor, der ganz im Sinne des Postfeminismus für metrosexuelle und überhaupt performative Genderkonzepte eintritt, bringt jenes Männlichkeitstrauma auf den Punkt, das manch einer noch nicht wahrhaben will und lange verdrängen konnte.

„Früher hatten Männer keine Krise, sondern nur schlechte Laune“, wie der Autor des Buches Raketenmänner, Frank Goosen, 2014 in einem Interview sagte. Heute ist deren Identitätskrise angesichts erstarkender Frauen und tiefgreifender Umbrüche in der Wirtschaft mehr als offensichtlich. Weder der Arbeiter noch der skrupellose Unternehmenspatriarch stehen gegenwärtig hoch im Kurs. Und obgleich Werke wie Rainald Goetz’ Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft (2012) oder Jonas Lüschers Der Frühling der Barbaren (2013) noch einmal den vermeintlich potenten Karrieristen aufleben lassen, hat die metrosexuelle Wende längst dessen Abgesang eingeleitet. Eugen Ruges rasante Geschichte über einen sich im Datenstrudel verlierenden Investmentbanker in Follower bildet anschaulich: Die Männer werden von ihrem patriarchalen Sockel gestürzt. Teamfähigkeit, Sensibilität, Kommunikationsgabe fordern Gesellschaft und Familie ihnen inzwischen ab. Sie verlieren ihre Masken, die möglicherweise noch nie gepasst haben und gewinnen durch ihre Verletzlichkeit an Kontur. Aberwitzig erscheint angesichts dessen Heinz Strunks aktueller Roman Jürgen, der auf groteske Weise das klassische Bild des maskulinen Eroberers zerlegt. Als müsste man sich nur an eine Bausatzanleitung halten, weiß sein titelgebender Protagonist bestens über alle vermeintlich vielversprechenden Taktiken der Bezirzung des anderen Geschlechts Bescheid: Man(n) muss nur „mit tiefer Stimme sprechen“, um „die meisten Frauen in Wallung“ zu versetzen. Es gelte: „Frauen lieben wilde Geilheit“ – dumm nur, dass dieser Ritter von trauriger Gestalt mit derlei Handbuchwissen nicht einmal auf einer organisierten Sextourismusfahrt nach Polen Erfolg hat.

Dass es auch jenseits des Scheiterns eine Chance für männliche Profilbildung geben kann, offenbart der kontemplative Roman Der Atem der Vögel des 1964 in Passau geborenen Klaus Böldl. Wir befinden uns auf den Färöer Inseln, spüren den leisen Regungen in den Gärten nach und schauen über die unzähligen Steilhänge der Küsten. In dieser Welt herrscht ein „durchsichtiges Schweigen, ein durch jahrtausendelange Übung geräuschlos gewordenes Miteinandersein und Ineinandergreifen der Dinge“. Die einzig menschliche Stimme inmitten dieser Idylle stammt von Philipp, dem Icherzähler, der Inbegriff des einsamen Wolfs und Outsiders. Während seine Lebensgefährtin Johanna ihre Dienste in einem Krankenhaus ableistet und seine Ziehtochter Rannvá im Kindergarten ist, gibt er sich (in epischer Thomas-Mann-Manier) frei seinen Naturbeobachtungen hin und versinkt in Kindheitserinnerungen.

Wirkt das kitschig und dick aufgetragen? Ja, durchaus, aber eben auch besinnlich. Das „vollständige Wegsein“, jene robinsonadische Einsamkeit, eröffnet einen literarischen Raum, der sich allen modernen Verführungen und Verlockungen entzieht. Je intensiver wir uns auf die Wanderungen von Böldls Protagonisten einlassen, desto mehr lernen wir eine so moderne wie unaufdringliche Variante des anachronistischen Heros kennen: jene des Eremiten. Zwar erweist auch er sich als Einzelkämpfer und Überlebenskünstler. Jedoch entzieht er sich der Logik der männlichen Repräsentationspflicht. Hahnenkampfgetue ist ihm eine fremde Gebärde. Eher ist er dem Streben nach Harmonie zugewandt. Obwohl dieser Roman mit zu vielen kleinen episodischen Strängen und gedanklichen Versatzstücken, die sich vor allem aus Philipps Erinnerungen ergeben, in der Dramaturgie wenig überzeugen kann, ist darin die Frage der männlichen Identitätsfindung von ungemeinem Wert. Er argumentiert mit Ruhe und Feingefühl gegen das Klischee des Mannes als Jäger und Herrscher über die Natur und gibt ihn als gefühlvolles Subjekt, empfänglich für das Rauschen der Winde und die Stille der Landschaft, zu erkennen.

Ist das nun schon der ganz große Wurf? Zugegeben, mit Utopien für das maskuline Wesen im 21. Jahrhundert hält sich die zeitgenössische Literatur zurück. Sie setzt – sieht man von den immer wieder erfrischenden Gender-Experimentiertexten eines Thomas Meinecke ab – auf Realismus und scheut nicht davor zurück, die altbackene Version von Maskulinität im symbolischen Sinne zu kastrieren. Bezogen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit kann diese für manch einen schmerzhafte Erfahrung jedoch nur von Vorteil sein. Wenn die Trumps dieser Welt für die Restituierung eines überholten, testosterongeladenen Mythos sorgen wollen, so kann dies nur zu Lasten der Männer gehen, die sich unversehens wieder mit Ansprüchen konfrontiert sehen, denen sie noch nie gerecht werden konnten. Dieser Tendenz bewusst mit dem Willen zur Vielfalt zu begegnen und Männlichkeit im Plural zu denken, vermag am ehesten die Literatur zu leisten.

Info

Löwen in der Einöde Daniel Wisser Jung und Jung 2017, 128 S., 17 €

Der Atem der Vögel Klaus Böldl S. Fischer 2017, 144 S., 16,99 €

Jürgen Heinz Strunk Rowohlt 2016, 256 S., 19,95 €

Björn Hayer ist Dozent an der Universität Koblenz-Landau und arbeitet als freier Kritiker

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/17.

Kommentare (5)

Reinhold 17.04.2017 | 07:37

"Verhandeln". Der Autor des Artikels bemüht Trump als negatives Beispiel, der da ein "überholten Mythos" wiederherstellen möchte. Da zwei Dinge suggeriert. Zunächst einmal tut man so als sei das Bild im weltweiten Kontext überholt. Was nun ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Dann tut man so als würde hier nicht das Gefangenendilemma greifen. Der jegliche "Toxizität" beraubte Polizist wird weder sich selbst, noch seine Nächsten, noch die "souveräne" Frau, gegen weniger entgiftete Gestalten verteidigen können. Diese werden sich auch kaum davon überzeugen lassen, dass ihre Vorstellungen von Männlichkeiten unerfüllbare Ansprüche an sie selbst stellen, winkt doch die Beute im hier und jetzt.

Die ganzen Verhandlungen der Bürgertums setzen voraus, dass ein guter Teil der Bevölkerung zum Teil ein Grundaggressivität beibehält, aber gleichzeitig bereit ist, für den Schutz der "fortschrittlichen" Leute zu sorgen. Jedenfalls bis der liberale Traum von den seelenlosen Schlagstöcken wahr wird. Es wird nur ab dem Punkt ein wenig schwierig, wenn die "fortschrittlichen" Leute ihre Verachtung für solche "überholten" Vorstellungen zu laut verkünden und Gesetze durchzudrücken versuchen, die tatsächlich die Existenz der seelenlosen Schlagstöcke voraussetzen. Dann kommt es zu einer Kollision zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

THX1138 17.04.2017 | 09:52

Da ist mir ein Michel Houellebecq lieber. Ob Trump dazu geeignet ist, archetypisch für eine Männlichkeit zu stehen, die zumindest ein Teil der Menschen (im Westen) als veraltet betrachtet, wage ich stark zu bezweifeln. Überdies sind alle Männer die ich kenne, hauptsächlich damit beschäftigt, zu arbeiten um die Miete und sonstige Rechnungen bezahlen zu können, Sport zu treiben, sich zu vergnügen, undsoweiter, kurz: das Leben als ganzes zu bewältigen- als Arbeiter, einfache Angestellte, Väter oder als Alleinstehende. Mehr gibt es dazu beim besten Willen nicht zu sagen...

Richard Zietz 17.04.2017 | 18:53

Ich sehe von dem angeblichen »Verhandeln« in meiner Lebenswirklichkeit nur wenig – kann es sein, dass die aufgeführten Autoren sich nur etwas ausgedacht haben beziehungsweise der Wunsch (beziehungsweise die »feministische« Ideologie) die jeweiligen Romanhandlungen diktiert haben? Auch im Rest der Kunst (zugegeben: Ich lese sehr wenig genderkritische Belletristik – insofern liegt es vielleicht auch an mir) sehe ich eher ein Backlash alter Rollen als irgendeinen Aufbruch.

Möglich, dass das Backlash mit dem Feminismus im Allgemeinen zu tun hat. Umgekehrt allerdings finde ich auffällig, dass die neue Tendenz zum Ellbogen ausfahren durchaus auch bei Frauen anzutreffen ist. Die Schlüsse aus dieser Beobachtung stelle ich mal hintan. Allerdings: Könnte es nicht sein, dass unter anderem das grottenschlechte Männerbild im Allgemeinen (für das auch obiger Artikel wieder mal ein Paradebeispiel ist), verbunden mit Aufforderungen der Art, gefälligst »metrosexuell« zu sein oder sich um die neuesten Wendungen der Butler’schen Theorien einen Kopp zu machen, mit diesem Backlash zusammenhängen?

Mir jedenfalls erscheint die ganze Diskussion rund um den »Gender«-Komplex Lichtjahre nach vorne gebrettert. Sicher gibt es in der Welt massig genug patriarchalische Verhältnisse und auch massig genug entsprechend geprägte patriarchalische Männer (nebenbei bemerkt: auch Frauen). Wenn ich mir allerdings die freudlose Zukunft anschaue, die von den Anhängern der Gender-Theorie als Idealzustand an die Wand gemalt wird (Mäuslein anstatt Männer, keine Heterosexualität mehr, jedenfalls im herkömmlichen Sinn), wundere ich mich über den aktuellen Backlash nicht mehr.

Vielleicht ist das ganze Konzept nichts anderes als ein gigantisches Demobilisierungsprogramm für die Linke im Neoliberalismus. Oder ein eingebautes Selbstauslöschungsprogramm der fortgeschrittenen liberalen Gesellschaften beziehungsweise Milieus – Dekadenz à la Westerwelle, aber mit 180° umgedrehter Zielwirkung: Alles wird so lange weich in der Birne gekocht, bis die allerschlimmsten Raubtiere (zum Beispiel der Marke Trump) am Ende übernehmen.

Wie die dann herrschenden Zustände zu klassifizieren sind? Reaktionär trotz erfolgter Warnung? Arbeiterfreundlich? Keine Ahnung.

Metambigo 17.04.2017 | 21:24

Wo sehen / wie belegen Sie denn die (vermeintlich gendertheoretische) "Forderung, gefälligst"metrosexuell zu sein ?

Btw., da die Mehrheit der Menschen noch ohne U-Bahn auskommen muß, sowieso nicht umsetzbar.

Kleiner Scherz am Rande.

Was ist "herkömmliche" Heterosexualität, und auch hier: wo steht in irgendeiner genderterror..., äh.., -theoretischen Abhandlung deren Abschaffung auf dem Plan ?

Ein "Raubtier" wie Trump ist nicht auf gendertheoretischen Mist gewachsen (und auch nicht einem vermeintlichen, darauf? reagierenden "Backlash" zuzuschreiben), bestätigt aber beispielhaft die Notwendigkeit, über (eben auch sozial) konstruierte (und ggf. anders zu konstruierende) Rollenbilder nachzudenken.

Und finden Sie wirklich, die "Tendenz zum Ausfahren der Ellenbogen" wäre "neu"?

Ihr Kommentar strotzt nur so von haltlosen (Fehl)Interpretationen, Verschwörungstheorien ("eingebautes Selbstauslöschungsprogramm") und nicht belegten/-belegbaren Empfindungsaussagen.

"Mäuslein anstatt Männer"

Klaro.

"Keine Ahnung"

Ja, da beißt die Maus wohl keinen Faden ab.