Bernadette La Hengst
Ausgabe 3816 | 05.10.2016 | 06:00

Heute geöffnet

Tourtagebuch I Die Musikerin Bernadette La Hengst reist mit einer mobilen Bar von Madrid nach Casablanca, um herauszufinden, wie die Liebe klingt

Madrid! Ich komme! Der Temperaturunterschied ist überwältigend. Als ich aus dem Flughafen ins Freie trete, erschlägt mich die Hitze von fast 40 Grad. Die nächsten drei Wochen werde ich in einem 80er-Jahre-Radiobus in trendigem Senfbraun verbringen. Wüstenlandschaft rauscht vorbei, und ich frage mich, was mich wohl erwartet. Ich möchte mit meinem mobilen Café Europa zwischen Madrid und Casablanca Lovesongs sammeln. Meine erste Assoziation zu der Expedition war der Film Casablanca, in dem die europäischen Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs in Ricks Café Americain auf ihr Visum warteten, um nach Amerika zu entkommen. Doch neben den Fluchtgeschichten geht es in dem Film auch um Liebe. Für wen wird sich Ingrid Bergman am Ende entscheiden, für den politischen Revolutionär oder den einsamen Wolf?

Kackbeige harmoniert

Entgegen der Migrationsroute der letzten Jahrzehnte will ich jetzt erforschen, wie Lovesongs klingen zwischen Okzident und Orient. Was bedeutet Liebe in Zeiten der Wirtschaftskrise in Spanien, und welche Visionen und Träume haben die Marokkanerinnen und Marokkaner? Was ist romantisch für eine Madrider Straßenmusikerin oder für einen jungen Schwulen aus Casablanca?

Elf weitere Künstlerinnen und Künstler sind mit mir auf dieser Expedition; Aga und Rafal aus Polen eröffnen gleich am ersten Abend ihre queere Diva-Galerie und leiten uns in einem kühlen Keller im Dunkeln zum Tanzen an. Ich teile meine Wohnung mit Youmna, einer Musikerin aus Beirut, die ihre elektrische Oud (eine arabische Laute) mitgebracht hat. Ari-Pekka geht mit seinem Amigo, einer lebensgroßen Puppe mit Lautsprecherkopf, auf Reisen, und Dan aus Israel erforscht seine marokkanische Familiengeschichte.

Am zweiten Tag ist die Hitze so erdrückend, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich schon mein Café eröffnen will. Doch am Ende des Tages haben wir das Mobiliar zusammen, ein Campingtisch mit Stühlen in harmonierendem Kackbeige. Wir parken den Bus, das Mothership, auf dem sehr populären Plaza del Dos de Mayo. Das Viertel, das seit dem Ende der Franco-Diktatur zur alternativen Partymeile geworden ist, sei ähnlich gentrifiziert wie das Schanzenviertel in Hamburg, wird mir erzählt. Die meisten jungen Leute können sich die Mieten nicht mehr leisten und wohnen bis Mitte 30 bei ihren Eltern, was wiederum Auswirkungen auf ihr Liebesleben hat.

Ein paar Straßenmusiker setzen sich an unseren Tisch, einer spielt Saxofon, wir jammen ein bischen zusammen, da kommen zwei junge Mädchen dazu. Clara hat eine wahnsinnig schöne Stimme, sie singt mir ein spanisches Liebeslied vor, das ich später mit einem Beat unterlege, im Hintergrund hört man die Kirchenglocken, was der Aufnahme eine zusätzlich Dramatik verleiht.

Trotz der vielen Menschen um uns herum schaffen wir eine intime Atmosphäre, in der genug Vertrauen entsteht, um einen Song zu schreiben. Clara und Sarah sind ein Paar, sie sind beide 14 Jahre alt und gehen noch zur Schule. Ich bin sehr glücklich, dass dies die erste Café-Europa-Liebesgeschichte ist. Ihr Song heißt El amor es libertad y arte, „Liebe ist Freiheit und Kunst“. Clara singt: „Ich will dich auf der Straße küssen, es ist mir egal, was die anderen sagen.“ Waohhh, das ist toll. Ihre Stimme haut mich um. Wir verabreden uns für Freitag im Tabacalera, um den Song aufzunehmen.

Das Tabacalera ist ein kollektives selbstverwaltetes Kulturzentrum mit vielen Ateliers. Dort parken wir den Bus und eröffnen für zwei Tage mein Café Europa. Der sehr kleine und wahnsinnig nette Julio hilft mir beim Vermitteln von Musikern, er selbst ist Poetry-Slammer und rappt mit einer Leichtigkeit über Liebe und Integration auf meinen neuen Song, dass mein Herz glüht.

Auf dem nahe gelegenen Plaza General Vara de Rey schmettern ein paar Mittzwanziger-Grafikstudenten ihre Lieblingslovesongs für mich. Ein sehr charmantes Pärchen mit Baby und Hund singt eine Strophe in meinem neuen Song Como suena el amor en Madrid?: „Wie klingt Liebe in Madrid? Ich lebe in der Hitze, in der Farbe von Legazpi und Chamberí. Wie klingt Liebe nach der Krise?“ Der Hund und das Baby singen im Chor und machen die Aufnahme einzigartig.

Psychedelische Hilfsmittel

Am Samstag spiele ich ein Konzert im Innenhof der Tabacalera, diesem etwas aus der Zeit gefallenen Ort, der mich an das Tacheles in Berlin erinnert. Clara und Julio singen mit, und ich habe das Gefühl, etwas Schönes hinterlassen zu haben. Ich lerne in diesen Tagen, wie man in enormer Hitze sein Tempo herunterfahren und dennoch produktiv sein kann. Das ist eine Kunst, die die Madrider aus dem Ärmel schütteln. In der Siesta am Nachmittag läuft nichts, aber danach muss man den Augenblick ergreifen, sonst fliegt er davon.

Am letzten Tag ergreife ich noch einmal den Moment, um im Fantompower-Studio mit zwei Madrider Musikern und Dan aus Tel Aviv zwei Songs aufzunehmen. Sergio spricht deutsch, er hat vier Jahre in Österreich in einer Mittelalterband gespielt. Sie sind beide Krautrockfans und sehr erfreut, dass ich einmal ein Album mit dem Keyboarder von Faust aufgenommen habe. Mit Bouzouki (einer griechischen Laute), Sitar und ein paar psychedelischen Hilfsmitteln gelingt es uns, innerhalb von ein paar Stunden die schönsten Roadmovie-Lovesongs aufzunehmen, die mich weiter nach Casablanca begleiten werden.

Info

Bernadette La Hengst wird auch in den kommenden beiden Ausgaben für uns über ihre Reise mit dem Café Europa berichten. Den Bus hat die Initiative Sound Development City zur Verfügung gestellt

Alle Berichte von Bernadette La Hengst:
Tourtagebuch I
Tourtagebuch III

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 38/16.