Marx tanzen

Hedonismus Die Kunstwelt musealisiert gerade die Rave-Kultur der 90er Jahre. Dabei lebt die noch!
Caspar Shaller | Ausgabe 50/2019
Marx tanzen
An jeder Ecke stehen Menschen, deren Meinung uns gefällt: Auch in der Londoner Saatchi-Galerie wird Spaß gehabt

Foto: David M. Benett/Getty Images

Das Museum drängt auf die Tanzfläche. Im Ausstellungshaus C/O Berlin konnte man bis vor kurzem Fotos aus dem Nachtleben bestaunen, in Wien liefen dieses Jahr sogar zwei Ausstellungen über Ravekultur, eine historische über die Neunziger, eine über politisches Feiern im Heute. Besonders in London ist eine neu erwachte Faszination für die Jugendkulturen rund um den Beginn von Techno zu spüren. Im Goldsmith’s Center for Contemporary Art läuft eine große Retrospektive des amerikanischen Künstlers Tony Cokes, If UR Reading This It’s 2 Late: Vol 1. Über drei Stockwerke verteilt stehen Leinwände in der Dunkelheit, auf die Sprüche projiziert sind, für die Cokes bekannt ist: „Disco isn’t dead. It has gone to war.“ Die frühen Werke bestehen aus Archivmaterial zu Clubkultur und Rassismus, die neueren Videos handeln etwa von der Verwendung von Pop als Foltermethode im Krieg gegen den Terror, auch ein verzweifelter Brief des schwarzen Fans Cokes an Morrissey, der immer wieder mit rassistischen Äusserungen auffällt. Dazu versetzt erstaunlich laute Musik die Zuschauer fast in Rausch.

Auf der anderen Seite der Themse taumeln Besucherinnen währenddessen durch die Dunkelheit unter einer Autobahnbrücke, die durch eine Halle des Tate Britain führt. Dieser unwirtliche Ort ist das Kernstück von O’ Magic Power of Bleakness des britischen Künstlers Mark Leckey. Die Betonbrücke ist Rückzugsort für die Jugendlichen, die in den Videos auftauchen, die in einem 55 Minuten langen Loop über die Wände laufen. Sie verbinden wichtige Lebensstationen Leckeys mit historischen Ereignissen der Nachkriegszeit wie der Mondlandung, der Einführung des britischen Sozialstaats und dem Aufkommen der Popkultur. Letztere durchzieht Leckeys Arbeit wie die Autobahn die englische Hügellandschaft. Discos in muffigen Mehrzweckhallen und Warehouse-Raves sind für den Künstler kulturelle Errungenschaften der britischen Arbeiterklasse, die im kollektiven Rausch einen selbstbestimmten Zufluchtsort boten vor der Monotonie und den Repressionen der Ära Thatcher.

Wie jetzt, keine Selfies?

Die Verbindung zwischen rauem politischen Klima außerhalb und dem Utopismus innerhalb der Raveszene ist in Jeremy Dellers Arbeiten noch expliziter gezogen. Der britische Künstler hat gerade den vielbeachteten Dokumentarfilm Everybody in the Place: An Incomplete History of Britain 1984 – 1992 herausgebracht, der mittlerweile frei auf You Tube zu sehen ist und sich dem „zweiten Sommer der Liebe“ widmet. Deller interessiert sich schon lange für die politischen Umwälzungen der Achtziger, für seine bekannteste Arbeit hat er mit ehemaligen Kohlenarbeitern Schlachten mit der Polizei während der großen Streiks nachgestellt. Nun konfrontiert Deller das Großbritannien des 21. mit dem des 20. Jahrhunderts: Everybody in the Place spielt in einem Londoner Klassenzimmer, in dem Deller als eine Art Lehrer skeptisch dreinschauenden Gymnasiasten Archivbilder von schwarzen Schwulenclubs in Chicago oder Acid House vorspielt. Eine Stunde lang erzählt Deller von Selbstermächtigung durch Musik und dem Gefühl von Freiheit durch selbstorganisierte Partys, während die heutigen, überwiegend nicht weißen Teenager staunend bemerken, dass da gar niemand ein Selfie macht.

Im Frühjahr war Dellers Ausstellung Wiltshire Before Christ in der Londoner Galerie 180 The Strand zu sehen, in der er sich mit den Partys auseinandersetzt, die zum Entsetzen der Behörden in Stonehenge stattfanden. Poster der Festivals hingen zwischen House-Smileys an der Wand, dazu Fotos von Ravern in Hoodies, auf denen stand: „Make archeology sexy again.“ Sind wir heute da angekommen, wo es in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Techno um Archäologie geht? Deller, Cokes und Leckey sind alle bereits in ihren Fünfzigern, ist ihr Interesse ein rein historisches, weil die Bewegung längst tot ist? Die alten Männer trauern um den Hedonismus ihrer Jugend, indem sie Grabsteine in Galerien errichten. Diese Verzweiflung klingt im Kuratorentext zur Ausstellung Time is Thirsty in der Kunsthalle Wien nach, die damit wirbt, ein Besuch komme einem MDMA-Rausch gleich. Im C/O Berlin und im Q21 Wien servierten die Kuratoren gar eigene Raves in den Ausstellungsräumen. Muss man heute ins Museum, um sich hedonistisch auszuleben?

Nein, Rave-Kultur ist kein in der Vitrine erstarrtes Nostalgieobjekt. Außerhalb des Museums blüht die Techno-Subkultur zu einem dritten Sommer der Liebe auf. Im Mai 2018 feierten 70.000 Menschen auf einer Demo des Berliner Partybündnisses Reclaim Club Culture gegen einen AfD-Aufmarsch an, während im gleichen Monat im neuen Techno-Mekka Tiflis tausende Raver nach einer Clubrazzia gegen die konservative Regierung auf die Straße gingen.

Kollektiver Rausch als politische Praxis will heute theoretisch unterfüttert sein: Auf der Website der queerfeministischen Berliner Party Lecken findet sich gar eine umfassende Leseliste für Raver, die sich politisch bilden wollen. Musik, Politik und Theorie fließen im Begriff Acid Communism zusammen, dem Titel des Buches, an dem der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher arbeitete, bevor er sich 2017 das Leben nahm. Fisher hoffte, man könne sich durch psychologisch tiefgreifende Erfahrungen wie den Konsum psychedelischer Drogen oder gemeinsamen Hedonismus aus dem ideologischen Gefängnis des Neoliberalismus befreien, die gesellschaftliche Vorstellungskraft wieder entfesseln, die vom „kapitalistischem Realismus“ betäubt ist.

Im Januar 2018 konnte man an der Berliner Transmediale einen Workshop mit dem Titel Building Acid Communism besuchen, seitdem sind vor allem in englischsprachigen linken Magazinen zahlreiche Artikel zur Idee erschienen, durch Acid Communism das marxistische Konzept, falsches Bewusstsein zu überwinden, mit feministischem Conciousness Raising und psychedelischer Bewusstseinserweiterung zu verbinden. Wie wirkmächtig Mark Fishers Thesen in der Kunst sind, sieht man in Tony Cokes’ neuester Arbeit in London, Testament A: MF FKA K-P X KE RIP. Es ist ein Nachruf auf Fisher – und gleichzeitig ein Aufruf, die Geschichte des Undergrounds, der Clubs und illegalen Raves nach Werkzeugen zu durchsuchen, das Heute zu verändern.

Caspar Shaller, geb. ’89, sucht als Journalist nach der Utopie, im Alltag, der Kunst, der Politik. Zuletzt im Gespräch mit Margaret Atwood, das gerade im Kampa Verlag als Buch erschienen ist

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