Heute rammen wir das

Porträt Jan Bosse hat den Ruf des Regisseurs weg, der mit Klassikerinszenierungen für volle Häuser sorgt. Er kann aber auch anders

Mit dem Regisseur Jan Bosse kann man sich in der Begeisterung für Theater herrlich hochschaukeln. Ganz toll wird das beim Theatertreffen werden, schwärmen wir uns gegenseitig was vor, allein die Kartenschlangen! Und der Kult, wenn Theater die Atmosphäre eines Rockkonzerts umgibt! Dann die Schauspieler! Ach! Und er sagt: „Ich bin der Erste, der Schauspielerinnen und Schauspieler bewundern kann wie ein Groupie!“ Der Dialog spielt sich ab in einem provisorisch eingerichteten Café in Zürich in der Nähe vom Schiffbau, der zweiten Spielstätte des Schauspielhauses, wir kommen eben von seinen Proben für Shakespeares Maß für Maß, in drei Wochen ist Premiere. Es ist Frühlingsanfang, in der Ferne schimmern die schneebedeckten Alpen.

Jan Bosse ist seit 20 Jahren eine feste Größe in der deutschen Theaterlandschaft und hat gerade einen ziemlich guten Lauf. Seine letzten Inszenierungen, Richard III. in Frankfurt und Der Hauptmann von Köpenick in Berlin, sind absolute Publikumsrenner, Die Welt im Rücken mit dem einzigartigen Joachim Meyerhoff ist vom Wiener Burgtheater zum Theatertreffen im Mai eingeladen worden. (Wer den Theaterblockbuster dort sehen will, muss sich den Wecker stellen: Der Abend ist jeweils nach 20 Minuten ausverkauft!)

Bosse gilt als der sichere Mann für die klassischen Stoffe, hat nach Selbstaussage einen „Fetisch für Literatur“ und eben auch für die großen kanonischen Werke – Shakespeare, Büchner, Tschechow, Kleist –, „weil man sich an denen so abarbeiten kann“.

Nach jedem Satz ein !

Einmal schmetterte ein Intendant seinen Vorschlag zu einem romantischen Märchenprojekt mit der Begründung ab, er sei doch seine „Cash-Cow“, er müsse doch einen Klassiker machen, er mache doch das Haus voll. Tatsächlich funktioniert ja das Stadttheatersystem genau so: Es agiert angestrengt unter dem Label „Kunst“, fordert dann aber wie am Laufband produzierte Inszenierungen ein. Dabei verschleudert es nicht nur kreative Energie, sondern subsumiert die Künstler unter eine Dachmarke, die bei Bosse wahrscheinlich „gute Verkaufbarkeit“ lautet. Es habe lange gedauert, erzählt er, bis er begriffen habe, dass er sich in einem Laufrad befindet, das keiner für ihn anhalten wird. „Und das ist eigentlich Wahnsinn in einem Beruf, in dem man darauf angewiesen ist, dass einem Dinge einfallen; dass man Lust hat, sich mit Stoffen zu beschäftigen und mit dem nächsten Stoff und mit dem nächsten. Und dann gibt es auch Phasen des Ausgebrannt-Seins, und so fühlt sich das dann auch an.“

Bei der ersten Begegnung vor dem Bühneneingang ist davon nicht die geringste Spur zu erkennen, dynamisch wippt er heran („Oh, pünktlich!“), beim Händeschütteln muss er lachen und dann geht es auch gleich los mit dem Gespräch. Ein Mensch wie eine barrierefreie Zone. Knallwach schreitet er entlang der meterhohen Betonwände durch die Gänge zur Probebühne voran, erläutert en passant die Geschichte des Schiffbaus („Eröffnung durch Marthaler! War toll damals!“), kocht sich, angekommen, einen Kräutertee („Ich brauche kein Kokain, ich brauche Baldrian!“), kommentiert freundlich die Anwesenheit der Journalistin bei den Proben („Jetzt kann ich ja endlich mal den Regisseur raushängen lassen!“), haut sich auf einen Stuhl, verschränkt locker die Hände hinter seinem Kopf und spricht zufrieden zu dem Schauspieler, der die Rolle gerade mit südamerikanischem Akzent anlegt: „Ja, wir werden das heute mal in die totale Soap rammen!“ So redet Jan Bosse, nach jedem Satz ein Ausrufezeichen, und das Spiel auf der Bühne beginnt.

Am Theater interessiere ihn genau diese Freiheit, sagt er, Theater ist für ihn ein explizit lebendiger Prozess, der sich ständig weiterentwickle, manchmal besonders erst, wenn die Premiere gelaufen und er schon abgereist sei. „Ich verstehe Regie so, dass man mit einem klaren Grundgedanken eine Gruppe begleitet und in den Proben einen Freiraum ermöglicht, in dem die Ideen der Schauspieler aufblühen können. Viele Schauspieler haben ein unfassbares Fantasiepotenzial, und das muss man erst mal erkennen und dann beschreiben können, damit es wiederholbar wird.“

Bosse zeigt sich beim Proben als eine Art Dauerkommentator, der beschreibt, rückmeldet, motiviert und lobt. Er selbst findet zwar, er lobe zu viel, und wünscht sich, lieber viel öfter sagen zu können, was noch nicht stimmt, „das ist nämlich viel schwerer“. Aber eigentlich bilden seine Kommentare ein ziemlich genaues Strukturprogramm, das die Vorgänge auf der Bühne organisiert, formt und in einen Rhythmus bringt. Und so entstehen aus dem Spielmaterial der Darsteller gewisse Best-of-Varianten der noch chaotischen Improvisationen, aus denen sich dann die Szenen formen. Während zum Beispiel die Stelle geprobt wird, an der die Figur Angelo entgegen ihren hypermoralischen Maßstäben ein erotisches Begehren in sich hochsteigen fühlt, wartet er sprungbereit wie ein Dirigent die einzig passende Stelle des Monologs ab, um dann zum Regieassistenten „Jetzt!“ zu sagen und mit dem Finger in die Luft zu stechen, woraufhin die Bühne anfängt, sich zu drehen, eine riesige Wand von hinten heranwalzt und Bosse ruft: „Jetzt spüre, wie sich bei dir alles zuzieht!“ Da kann man seinen außergewöhnlichen Sinn für Bühnensprache beobachten und bewundern, nämlich genau diese Fähigkeit, für emotionale, innere Vorgänge eine bildliche Übersetzung für die Bühne zu finden.

Zärtlicher, zorniger Meyerhoff

Die Stärke seiner Theaterabende speist sich auch aus der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit seiner Theaterfamilie, mit der er seit Beginn seiner Karriere kontinuierlich zusammenarbeitet: dem Bühnenbildner Stéphane Laimé, der Dramaturgin Gabriella Bußacker und der Kostümbildnerin Kathrin Plath, die auch seine Lebensgefährtin ist und mit der er zwei Kinder hat. Seinen kongenialen Partner auf der Bühne hat Jan Bosse vor langer Zeit schon in dem Ausnahmeschauspieler Joachim Meyerhoff gefunden, und in dieser Glückskonstellation ist denn auch das Zufallsprojekt Die Welt im Rücken nach dem Roman von Thomas Melle entstanden, das im Mai beim Theatertreffen in Berlin zu sehen sein wird.

Die Welt im Rücken hätte es fast gar nicht gegeben, ursprünglich sollte Bosse in Wien einen Flaubert-Roman inszenieren. Doch dann lasen er und Meyerhoff in den Ferien zufällig parallel das Buch von Melle und waren begeistert. Denn dessen Geschichte erzähle vom „Preis der Normalität“, sagen Bosse und seine Dramaturgin. Der Moment der Freiheit, die Ketten des Zivilen zu sprengen, sei eine Freiheit, die wir uns alle erträumen, die wir uns ersehnen, doch der Preis dafür sei einfach zu hoch.

Doch kann man Depression auf der Bühne nachspielen? Für Bosse „völlig undenkbar, Depression ist ja das Ende jeden Spiels“. Es wurde schnell klar, dass man die Umsetzung aus dem Zweifel an der Machbarkeit heraus angehen musste. „Dieser Widerstand hat uns beflügelt, wir wussten, einfach nur einen Wahnsinnigen spielen, das geht nicht. Wir mussten etwas anderes erfinden, theatrale Situationen, die der Krankheit entsprechen.“ In diesen Situationen bewegt sich Meyerhoff an dem Abend so zärtlich, größenwahnsinnig, zornig, überbordend und schwach, so überfallen von den vielen auf ihn einstürzenden Varianten seines Selbst, so fassungslos gegenüber der Krankheit und so bis zum Exzess mit ihr ringend, dass man das Wesen der Krankheit bis in die eigenen Eingeweide zu verspüren meint. Vollkommen kathartisch erschüttert sitzt man da und möchte Joachim Meyerhoff retten oder Thomas Melle oder wie oder was und kommt überhaupt nicht mehr so richtig zurecht.

Fragt man Jan Bosse nach Meyerhoff, muss er von verschiedenen Richtungen Anlauf nehmen, immer schwingt tiefe Zuneigung, Respekt und auch Ehrfurcht mit. Da wäre seine wahnsinnige literarische Begabung, erzählt er, sein „Überdruck an Fantasie“, sein „tobendes Inneres“, überhaupt diese „unfassbare Energie, die in ihm brodelt“, die für seine Umwelt auch eine kontinuierliche Überforderung darstelle. „Natürlich komme ich auch mit einer Idee für die Szene auf die Probe, aber Joachim kommt mit zehn Ideen, und die muss man alle besprechen und ausprobieren, aber letztlich ist die eine, die dann übrig bleibt, doch tausendmal besser als meine.“

Da ist wieder dieser Moment von Freiheit, den Jan Bosse als Regisseur so gut zu ermöglichen weiß und von dem er immer wieder mit Nachdruck spricht. Doch nicht alle sehen es als Aufgabe der Regie, Freiheit bereitzustellen. „Es gibt Schauspieler, die sind mit dieser Arbeitsweise ganz und gar nicht glücklich. Meine Art wird manchmal absurderweise als Führungsschwäche missverstanden, aber mit dem Vorwurf lebe ich gerne.“ Wenn man zusehen darf, wie Bosse sich im Schutz der dunklen Probebühne mit dem gesamten Team hingebungsvoll der Literatur widmet, in der sich bei ihm unsere Gegenwart so stark spiegelt – dann wünscht man, dass auch das Theatersystem diese Freiheit im Umgang mit seinen Regisseuren entdeckt. Und es von Bosse bald auch romantische Märchenprojekte zu sehen gibt.

Info

Das 55. Theatertreffen in Berlin findet vom 4. bis 21. Mai statt

06:00 02.05.2018

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