Eren Güvercin
Ausgabe 0616 | 09.02.2016 | 13:18

Heute Sie, morgen ich

Nachruf Zum Tod von Roger Willemsen erinnert sich unser Autor an einen engagierten Intellektuellen, der auch ein offenes Ohr für die Muslime hatte

Heute Sie, morgen ich

Wird Muslimen wie Nicht-Muslimen fehlen: Roger Willemsen (1955 – 2016)

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty

Meine erste Begegnung mit Roger Willemsen war 2006 in Köln bei der litcologne. Sein Buch Hier spricht Guantanamo war neu erschienen. Er hatte ehemalige Guantanamo-Häftlinge getroffen und gesprochen. Willemsen war ja ein Intellektueller, der sich in politische Debatten einschaltete und Haltung zeigte. Einer, der sich nicht scheute, heiße Eisen anzufassen, auch wenn das nicht jedem gefiel.

Gemeinsam mit dem Herausgeber der Islamischen Zeitung, Andreas Abu Bakr Rieger, traf ich ihn in einem Kölner Hotel. Wir sprachen nicht nur über sein Guantanamo-Buch, den war on terror und die Islamdebatte, sondern auch über seine Reise nach Afghanistan, sein Engagement für karitative Projekte dort und über Gott und die Welt. Kurz vor dem Interview gab es eine Begegnung mit Götz Alsmann. Am Abend vorher hatte er ihm erwartungsfroh von diesem Interviewtermin erzählt. Götz Alsmann begrüßte uns mit einem freundlichen Salamualaikum. 

Willemsen war jemand, der andere mit seiner Herzlichkeit und seinem Einfühlungsvermögen anstecken konnte. Er freute sich ehrlich auf diese Begegnung mit einem muslimischen Journalisten. Überhaupt war es ihm ein Anliegen, den Muslimen in diesen nicht einfachen Zeiten mit teils hysterischen Islamdebatten zur Seite zu stehen.

Auch nach dieser Begegnung blieben wir im Austausch. Immer wieder traf man sich spontan auf Buchmessen oder Veranstaltungen. Und immer nahm er sich die Zeit für ein Gespräch. Einmal begegneten wir uns zufällig an einer Ampel in Köln. Obwohl er „eigentlich“ keine Zeit hatte, nahm er sie sich und hörte bei einem Espresso zu, stand mit Rat und Tat zur Seite und ermutigte mich, mit der Arbeit weiterzumachen. Als muslimischer Journalist seinen eigenen Akzent zu setzen. So schwierig das auch sein mag. Ein Satz von ihm blieb mir haften: „Herr Güvercin, wir kämpfen an derselben Front. Heute werden Sie attackiert, morgen ich. Trotzdem machen wir weiter.“

Zuletzt hatte sich Roger Willemsen von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wie bei seinen Reisen und Büchern hat er sich auch beim Tod ganz auf die eine Sache konzentriert. In den Medien stand nichts über den Verlauf der Krankheit. Ich hatte die Hoffnung, dass er wieder zurückkommt. Aber am 7. Februar hat er uns verlassen. Er wird uns fehlen – Muslimen und Nicht-Muslimen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/16.