Heute wird gestreikt

Sciopero Von Banken und schönen Direktoren, Steuern und blaublütigen Notarinnen. Diverse Umstände beim Hauskauf in Italien

Das Bankensystem in Italien, obwohl dort erfunden, ist kompliziert, bürokratisch und alle stöhnen. Am Markttag, seit 600 Jahren immer donnerstags in Vicchio di Mugello, stehen lange Schlangen vor den Schaltern der Banca Toscana rechts und der Cassa di Risparmio di Firenze links auf der Piazza Giotto. Jeder muss durch die Sicherheitsschleuse, rein - raus - rein - raus! Aber donnerstags ist sie meistens ausgeschaltet, damit wenigstens das schneller geht. Überweisungen? "Gehen Sie doch zur Post, da ist es billiger!" Handschriftlich füllen die Bankangestellten jedes Formular sorgfältig aus - Stempel, Stempel! "Bargeld bitte am Automaten draußen!"

Und dann ist "Sciopero".. Die Bank wird bestreikt! Und das passiert ausgerechnet, als wir Geld für einen Hauskauf abheben wollen, Geld, das aus Deutschland überwiesen werden muss, als Nachweis, dass es kein Schwarzgeld ist. Und es muss bar bei dem Kaufakt bezahlt werden. Der Termin kann nicht verschoben werden, denn wie bringt man eine Erbengemeinschaft von 17 Verkäufern, drei Anliegern mit Vorkaufsrecht, einen Geometer, die Notarin und zwei Käufer aus dem Ausland je wieder an ein und demselben Tag zusammen?

Noch drei Tage. Jeden Tag zur Bank. Immer das Schild "Oggi Sciopero", heute Streik! Die Banca Toscana rechts wird nicht bestreikt. Warum? Was macht unsere Bank, die Cassa di Risparmio, falsch? Warum lässt sie sich nicht auf die Forderungen der Angestellten ein, was fordern sie überhaupt? Alle Fragen verworfen, eine bleibt: wie kommen wir an das Geld?

Der letzte Tag. Immer noch Sciopero. Ratlosigkeit und Verzweiflung. Huscht da nicht ein Schatten hinter den milchigen Scheiben aus Panzerglas hin und her? An die Banktür klopfen, bis die Knöchel wehtun, den Schlüsselbund zu Hilfe nehmen - in Deutschland wäre spätestens jetzt die Polizei da, denn da stehen zwei Ausländer und wollen in die verschlossene, bestreikte Bank! Freundliche Passanten zeigen auf das Schild "Sciopero" und wiederholen eindringlich mit leichtem Anheben der Augenbrauen und Achseln: "Sciopero!" Der Schatten hinter den Scheiben nähert sich aufgrund des penetranten Klopfens der Tür, ein Mann wird erkennbar. Brille, Krawatte, blauer Anzug, braune Schuhe, bella figura! Macht fragende Gesten und scheint auch wirklich zu fragen, bleibt aber durch das dicke Panzerglas unverständlich - ebenso wie die zwei Ausländer mit ihren Erklärungsversuchen diesseits der Banktür. Da schließt er die Tür auf, es ist der Direktor der Bankfiliale. Direktoren streiken nicht. "Was wollen Sie? Wir streiken! Die Bank ist zu." Die Situation wird geschildert, der Direktor begreift, was diese Ausländer wollen. Sie wollen an ihr Geld, das auf einem Ausländerkonto der Bank liegt und das sie bei einem Grundstückskauf am nächsten Tag bar auf den Tisch legen müssen. "Na, kommen Sie mal herein, ich muss wieder abschließen" sagt er und macht keine Sicherheitskontrolle.

Ein Bankdirektor in Italien ist nicht der Mann, der am Computer sitzt und die Konten der Kunden auf dem Bildschirm öffnet - geschweige denn Geschäftsvorgänge mit Überweisungs- oder Barzahlungscharakter erledigt. Dafür gibt es Bankangestellte. Es fehlen dem Direktor ein paar wesentliche Kenntnisse über Klickfolgen. Er kann das Konto nicht öffnen. Dieses Manko kann er nicht stehen lassen, das passt auch nicht zu der Hilfsbereitschaft der Italiener! Haben sie sich darauf eingelassen, sich der Lösung eines Problems zu widmen, dann wird so lange getüftelt, bis es gelöst ist. Zeit oder Kosten? Nebensächlich! Die Freude über die Lösung selbst ist Belohnung für den Suchenden.

Der Bankdirektor greift zum Telefon. "Ich rufe mal Luigi an", sagt er entschuldigend. Luigi ist der Kassierer. Er streikt wie alle Angestellten der Bank, die nicht Leitende Angestellte sind. Luigi ist zu Hause. Luigi gibt die fernmündliche Anweisung - Klick für Klick - der Direktor öffnet das Konto der Ausländer auf dem Bildschirm und stellt erfreut fest: "Ja, das Geld ist auf dem Konto!" Auch Luigi signalisiert am anderen Ende der Leitung Freude, was sich wiederum auf dem Gesicht des Direktors widerspiegelt. Natürlich freuen sich auch die beiden Ausländer - was kann jetzt noch schief gehen? Das Gesicht des Direktors zeigt Bedenklichkeitsfalten: "Ja, das Geld ist zwar auf dem Konto ..." Er allein kommt aber nicht an den Tresor! Dafür müsste Luigi in die Bank kommen, weil immer nur zwei Banker gemeinsam den Tresor öffnen können. So ist das programmiert. Luigi aber würde damit den Streik unterbrechen. Das geht nicht. Luigi könnte den Streik nie und nimmer unterbrechen! Allein aus innerer Überzeugung nicht. Und wenn er es dennoch täte, nur aus Hilfsbereitschaft gegenüber diesen Ausländern, was zwar jeder verstehen würde, würde es Luigis Ruf ruinieren. Der Direktor kann ihm nicht einmal die Frage stellen, ob er nicht vielleicht mal eben kurz ...? Schon die Frage wäre ehrenrührig. "Wollt ihr morgen weiterstreiken?" fragt ihn der Direktor, der wegen des Problems der beiden Ausländer mit dieser Frage wenigstens seine eigene Neugier befriedigen kann. "Es gibt noch eine Gewerkschaftsversammlung am späten Nachmittag, ich weiß es noch nicht", antwortet Luigi. Er wird jedenfalls nicht in die Bank kommen.

"Also, das Geld ist auf der Bank", sagt der Direktor und denkt nach. Erhebt sich vor dem längst wieder dunklen Bildschirm und zieht mit einem kurzen Ruck nach unten das blaue Jackett zurecht. Geht zur Eingangstür ohne die eingeschaltete Sicherheitsschleuse. Während des Streiks braucht man sie nicht. "Kommen Sie bitte mit", sagt er tritt mit seinen Besuchern nach draußen auf die Piazza Giotto, und schließt seine Bank von außen ab. Wendet sich zur gegenüberliegenden Seite des Platzes, wo die Banca Toscana mit Piepton und blinkender Sicherheitsschleuse jeden einlässt, der seine Bankgeschäfte erledigen will. Hier wird nicht gestreikt. Hat die Konkurrenz bessere Bedingungen für die Angestellten, Herr Direktor der Cassa di Risparmio di Firenze? Unpassende Frage jetzt, deshalb wird sie nicht gestellt, was aber hat er vor?

Als er mit den beiden Ausländern in die Konkurrenz-Bank eintritt, ohne Piepton und Blinkzeichen, denn die Sicherheitsschleuse ist auf wundersame Weise plötzlich ausgeschaltet, kommt schon ein Mann aus einem Büro hinter dem Kassenraum. Brille, Krawatte, blauer Anzug, braune Schuhe, bella figura! Der Direktor der Filiale der Banca Toscana. "Buon giorno, Gianni!" sagt er. "Buon giorno, Moreno, ich habe hier diese beiden Kunden, Ausländer ..."

Ganz einfach. Moreno, der Direktor der Banca Toscana solle ihm, dem Direktor der Cassa di Risparmio, doch bitte bis zum Ende des Streiks diese Summe von einigen .... ja, das Geld sei auf dem Konto der Cassa di Risparmio di Firenze, ... diese Kunden hier müssten ... "Ich bringe es Dir übermorgen oder Montag zurück, wenn der Streik bei mir vorbei ist." "Aber natürlich, Gianni!" sagt Direktor Moreno, "wieviel brauchst Du?" und geht gleich mit seinem Kassierer in die hinteren Räume, weil so viel Geld ja nicht vorn an der Kasse liegt. Der Stapel Banknoten wechselt gegen Vorlage des deutschen Bundespersonalausweises und einer Unterschrift auf einem handschriftlich ausgefüllten Quittungszettel die Besitzer. Kann man da das Geld noch nachzählen mit deutscher Korrektheit, die bei so einer Kulanz wie Misstrauen wirken würde? Diese nur Bruchteile von Sekunden andauernde Unsicherheit ist aber ganz unnötig, denn die Bankdirektoren, Brille, Krawatte, blauer Anzug, braune Schuhe, sie machen wirklich eine bella figura, zählen gemeinsam die Geldscheine in Tausenderhäufchen vor die beiden Ausländer hin und alle sind zufrieden.

Die wieder gebündelten Tausender spielen am nächsten Tag im winzigen Büro des Geometers eine tragende Rolle, denn sie müssen unmittelbar dort nicht nur unter 17 Erben aufgeteilt werden, sondern es sind daraus im Verhältnis zwei zu eins zwei Summen zu bilden: die Summe des offiziellen Kaufpreises, auf den Verkäufer und Käufer Steuern bezahlen müssen, und die Summe des darüber hinaus vereinbarten Preises, den der Staat aus durchsichtigen Gründen nicht erfahren soll. Der Geometer, zuständig für Grundstücksverkäufe, hatte diese Aufsplittung im Interesse aller Beteiligten organisiert. Weiß das der Notar, der in Italien eine halbstaatliche Funktion hat? Wie wird das vor sich gehen?

Als halbstaatliche Vertreterin für den notariellen Akt ist eine Dottoressa Notaressa aus Florenz gekommen. Blaublütigster Herkunft, braucht sie für ihre Unterschrift wegen ihrer Namenslänge zwei Zeilen. Vor dem Unterschriftsakt auf dem Vertrag lässt sie sich die offizielle Summe des Kaufpreises in bar geben und legt den Stapel auf den Tisch. Dann ruft sie die einzelnen Mitglieder der Verkäufer- Erbengemeinschaft auf: "Torrini, Guido?" Wie als Auftakt zu einer Arie erhebt sich der Aufgerufene, vergewissert sich, dass ihn alle sehen und sagt ... nein, es klingt wie Gesang, singt also mit triumphierend erhobenem Blick von links nach rechts: "Sono io!" unterschreibt und bekommt seinen offiziellen Anteil ausgezahlt. So geht das über zwei Stunden, in der italienische Familiengeschichte vorbeizieht. Die Kusinen, die jetzt in Genua leben, haben sich am weitesten aus dem Herkunftstal bei Florenz entfernt, die Tochter des Sohnes des Großonkels studiert Literatur als erste Intellektuelle in Generationen von Waldhütern und Pachtbauern, Guido Torrini, Bauer, Küster und Kommunist, der Capo der Erbengemeinschaft, liebt die Ausländer, "weil Ihr einfach intelligenter seid als wir!"

Vor dem Unterschriftsakt hatte Dottoressa Notaresse mit Hilfe ihres Taschenrechners und mit Unterstützung des Geometers die unterschiedlich hohen Anteile der 17 Erben ausgerechnet. Guido Torrini bekommt neun 34stel. Aber was ist denn nun mit dem inoffiziellen Teil der Kaufsumme? Die Notarin klappt das Vertragswerk in rotem Ordner mit gedrehter Randkordel zu, gleichsam als Beendigung des Staatsaktes, wendet sich zu den Käufern und fragt charmant: "Und wo ist der Rest?"

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00:00 15.08.2003

Ausgabe 38/2021

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