Hexen, Madonnen und patriotische Jungfrauen

VORURTEILE UND KLISCHEES Kosovo-Berichterstatter orientieren sich in ihren Frauenbeschreibungen an Archetypen statt an der Realität

Ungeniert bedienten sich während und nach dem Kosovo-Krieg Korrespondenten im reichen Fundus von Stereotypen, wenn sie die Bewohner der Region beschreiben wollten. So dichteten manche Reporter den Balkanbewohnern eine wesenhafte, hasserfüllte Kultur an, die allein an dem Morden der vergangenen Jahre schuld sei. Die sogenannten Balkanesen reduzierte man auf barbarische männliche Waffenfetischisten.

Wo aber ist der Platz der Frauen in dieser Männerwelt, die die Frontberichterstatter konstruieren? Welcher Platz wird den Bewohnerinnen des Balkans im kulturellen Unterbewusstsein des Westens zugeordnet?

Die Bilder und Metaphern, die während des Krieges gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999 verwendet wurden, sind aufschlussreich.

Albanerinnen: Die Madonna

Mit Abstand die häufigste Darstellung von Frauen während des Krieges zeigt sie auf Fotos als Flüchtling. Mit Kind. An die Brust gedrückt. Die Bilder der ersten zwei Wochen nach dem Beginn der Bombardierungen unterscheiden sich dabei deutlich von späteren. Die Fotos der ersten Tage zeigen noch viele männliche Flüchtlinge; häufig sieht man auch nur eine verschwommene Menschenmasse. Diese Bilder werden allmählich von den Mutter-Kind-Darstellungen verdrängt. Hier setzt sich eine eindeutigere Rollenverteilung zuungunsten komplexer Sachverhalte durch: Sieht man einen Mann als Flüchtling, könnte man grübeln, ob er nicht ein UCK-Kämpfer ist; Bilder von Menschenmengen erinnern an die in den bundesdeutschen Medien fortlaufend gezeigten "Flüchtlingsströme", die angeblich den deutschen Wohlstand bedrohen. Doch die Mutter-Kind-Darstellungen verweigern sich einer solchen Zwiespältigkeit. Sie zeigen die reine, heilige Liebe der Mutter für das Kind in Bildern, die häufig Ikonen der Mutter Gottes nahekommen. Sie mahnen den Betrachter zu Mitleid und Eingreifen.

Albanerinnen: Patriotische Jungfrauen

Seltener ist der Typ der patriotischen Jungfrau. Sie begegnet gelegentlich in der Zeit oder, wie im folgenden Zitat, im Spiegel: "An deren Gesichter (die Gesichter der Opfer, M.F.) kann sich die Krankenschwester Mehreme, 28, (...) kaum noch erinnern. Ein paar Minuten in der Sonne gönnt sie sich, dann geht es (...) wieder zurück. Seit 96 Stunden arbeitet sie durch, längst verschwimmen Tage und Nächte zu diesem endlosen Film: tote UCK-Männer, verletzte Bauern, Granatsplitter in Oberschenkeln, Kugeln, Blutlachen, die sie nur mit Bier wegwischen kann, weil das Wasser knapp ist im Gebirge. (...) Frauen wie Mehreme sind die Heldinnen dieses Krieges - wenn sie mal vom Krankenhaus nach Hause kommt, warten dort elf Flüchtlinge aus Djakovica auf ein bisschen Brot. Aber auch Frauen wie Mehreme hassen so sehr, dass sie Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr trennen können. ›In vier Wochen haben wir den Krieg gewonnen‹, sagt sie, ›wir mussten ihn ohne die Nato beginnen und werden ihn ohne die Nato zu Ende bringen.‹" (Spiegel, 19. April 1999).

Die "patriotische Jungfrau" ist eine schon aus dem Alten Testament bekannte Figur. Als Marianne erschien sie während der französischen Revolution. Ähnliche Gestalten finden sich bei den deutschen 1848er Revolutionären und in zahlreichen anderen patriotischen Bewegungen. Teils als abstrakte Wesen (Marianne und Germania), teils in der Beschreibung echter Personen. Die patriotische Jungfrau erscheint in der Erzählung stets übernatürlich, gibt sich mit ihrem ganzen Wesen selbstlos der nationalen Sache hin, steht über erotischem Verlangen. Sie ist mit dem Vaterland verheiratet. Oft taucht sie in Form einer Krankenschwester auf. Durch diese Figur erscheint die von ihr vertretene Bewegung in einer Reinheit, die männliche Symbolfiguren nicht erreichen.

Ungewöhnlich ist, dass die "patriotische Jungfrau" als Teil eines Szenarios auf dem Balkan vorkommt, obwohl die Figur ursprünglich in westlichem Kontext benutzt wurde. Anscheinend wirkt die Symbol- und Mythenwelt früherer Jahrhunderte aus heutiger Sicht so exotisch, dass man ihre Charaktere auf den Balkan verbannt, von dem man auch stets annimmt, dort sei alles um Jahrhunderte zurück.

Albanerinnen : Kids wie wir

Oft wurde während des Krieges die private e-mail-Korrespondenz zwischen der 16-jährigen Kosovo-Albanerin "Adana" und einem Gleichaltrigen aus Berkley, USA, publiziert. CNN und in Deutschland der Tagesspiegel und die taz (27. März 1999) griffen die Texte auf, die zuerst im Privatrundfunk gesendet worden waren. In ihren e-mails schreibt "Adana", ihre Lieblingsband sei R.E.M., und sie selbst wolle endlich nochmal wieder auf eine Party gehen, aber das sei derzeit zu gefährlich.

Statt das Mädchen zu einer Heiligen zu verklären oder sie in einer besonders exotischen Umgebung anzusiedeln, wird hier der entgegengesetzte Weg eingeschlagen. "Adana" wird zu "einer von uns" gemacht, einer, die westliche Rockmusik hört, gerne auf Partys geht. Ihr Leben gewinnt dadurch an Wert in den Augen der Leser. Sie lebt nicht in der mythischen Welt des Balkans, wo angeblich andere Gesetze gelten und ein Menschenleben mehr oder weniger nicht die große Frage sei, sondern "Adana" wohnt in einem Haus mit Stereoanlage, Computer und Internet. Das Perfide an einer solchen Darstellung ist jedoch die Selektivität. Es gilt nur noch, dieses eine Mädchen zu beschützen. Andere Opfer des Krieges, insbesondere Menschen auf der Gegenseite (über deren Rockmusikkonsum keine Worte verloren werden), sind nicht von Interesse.

Die taz greift diese Form der Erzählung über den Krieg auf und radikalisiert sie. Sie startet eine Artikelserie über junge Kosovo-Albanerinnen in Berlin (1., 2. und 7. April 1999). Die Jugendlichen werden mit Namen und Alter vorgestellt. Man bringt viel Aufmerksamkeit und Verständnis für die persönlichen Gefühle der Jugendlichen auf, beispielsweise für die Ablehnung ihrer ehemaligen serbischen Freundinnen, und für ihr Engagement für die NATO-Intervention. Ein Foto zeigt die jungen Leute, alle in die in Berlin übliche Mode für Mittzwanziger gekleidet. Sie machen sehr ernste Gesichter. Einer trägt ein zusammengerolltes Transparent. Sie sind auf dem Bild alle als Individuen erkennbar. Während mit "Adana" eine Person frei vom politischen Kontext porträtiert wird, lösen die persönlichen Gefühle der Betroffenen in dieser Geschichte bei dem Leser Sympathie für deren Positionen aus - was nicht geschähe, würde man die Positionen logisch-argumentativ ohne die jungen Personen präsentieren.

Serbinnen: Die Hexen

Von der Politik wurde ohne Unterlass der Satz wiederholt, die Operationen der Nato richteten sich nicht gegen die Jugoslawen, sondern gegen Milosevic. In der Presse findet sich deutlich die Tendenz, Serbinnen teilweise explizit, meist jedoch implizit, als Hexen zu diffamieren.

Die Konzentration auf die Person des Präsidenten Milosevic spiegelt sich zum Teil wieder in dem Interesse für die Präsidentengattin. Dies entspricht dem gängigen Topos, dass die Frau des Tyrannen die eigentlich Schuldige sei. Prominente Beispiele sind Marie-Antoinette, die Frau des durch die französische Revolution gestürzten Ludwig XVI., und in neuerer Zeit Imelda Marcos und Elena Ceausescu. Ähnlich wurde Mirjana Markovic, die Ehefrau des jugoslawischen Präsidenten, als "angeblich auch ideologische Einflüsterin von Slobodan Milosevic" bezeichnet (Spiegel, 19. April 1999). Der Artikel titelt "Herrin der Hetze" und ist statt mit einem Foto, auf dem die Politikerin erkennbar wäre, mit einem versehen, auf dem nur ihre vagen Konturen dunkel angedeutet sind als Teil der Videoleinwand in einer Talkshow.

Was der Spiegel in dieser Art der Illustration andeutet, findet in der Sprache der Bild-Zeitung deutlicheren Ausdruck: "Die Milosevics - eine schreckliche Familie - Ihn nennen sie ›Schlächter‹, seine Frau ›Hexe von Belgrad‹" (26. März 1999).

In den Bildern aus Belgrad sieht man Teilnehmerinnen an den patriotischen Demonstrationen. Die Frauen mittleren oder höheren Alters wirken wie ein Zerrbild der albanischen "patriotischen Jungfrauen", ohne ihre Schönheit, ihre Jugend, ihre Kraft. Doch Hexengesichter liefern diese Bilder nicht.

Auf den Titelseiten zahlreicher Tageszeitungen war zu sehen, wie Dorfbewohner auf dem abgestürzten Tarnkappenbomber herumkletterten; im Vordergrund scheint eine alte Frau, bäuerlich bekleidet, zu tanzen. Klaus Theweleit interpretiert die unterschwellige Botschaft des Bildes so: "In Bildern des jugoslawischen Staatsfernsehens sieht man die serbische Staatshexe z. B. herumtanzen auf runtergefallenen Flugzeugflügeln; sie hat den Nato-Piloten gegessen vorher." (konkret, Mai 1999)

Hier wird das positive Balkan-Image ins Negative verdreht. Während Bilder von Frauen in altmodischen Gewändern, die seltsame Musik machen und archaische Tänze aufführen, durchaus populär sind und zum großen kommerziellen Erfolg unter anderem des Frauenchors "Le Mystère des Voix Bulgares" beigetragen haben, ist der Tanz der Alten auf dem Bomber zwar auch ein geheimnisvoll fremder, doch in ihm verbirgt sich keine exotische Schönheit, sondern eine archaische, unheimliche Bedrohung durch Hexerei.

Gegenbilder

Die wenigen Zeitungen, die gegen den Krieg opponierten, versuchten, die gängigen Bilder der Berichterstattungen umzukehren oder durch andere zu ersetzen. Vor allem konkret und junge welt konterten die madonnenartigen Flüchtlingsbilder mit Berichten über die Brutalität der UCK-Separatisten. Die Albaner erschienen hier nicht weiblich, unschuldig und schutzbedürftig, sondern männlich, gewalttätig und gefährlich, so, wie sonst eher die "Serben-Killer" porträtiert wurden. Der Freitag und Jungle World konzentrierten sich hingegen darauf, ein alternatives Image der jugoslawischen Seite zu entwerfen. Sie ließen in Interviews und Beiträgen jugoslawische oppositionelle Politiker, überwiegend Frauen, zu Wort kommen. Diese sind nicht vergleichbar mit den albanischen 'patriotischen Jungfrauen', denn ihre Person wird nicht mythisch überhöht. Anders auch als die Berliner Albanerinnen der taz, bringen Frauen in den kriegs-oppositionellen Blättern ihre Meinungen entweder analytisch nüchtern oder wütend vor. Sie sind damit auch angreifbar. Die Frauen präsentieren sich als modern, individuell und politisch aktiv. Das balkanische Umfeld wird zugunsten eines egalitären Kontextes verdrängt. Bildlich wird dies flankiert von jungen, schick gekleideten Frauen, die an Demonstrationen teilnehmen: im Freitag eine Besucherin eines der Rockkonzerte zu Kriegsbeginn im Belgrader Zentrum (9. April 1999), in der Jungle World eine Teilnehmerin der 96er Studentendemonstrationen (21. April 1999).

Nach dem Krieg

Diese Bilder der Kriegsgegner werden nach dem Ende der Bombardierungen erstaunlich schnell von der mainstream-Presse aufgegriffen und in anderen Sinnzusammenhängen eingesetzt. Die Hoffnung der NATO-Staaten, möglichst schnell eine ihnen genehme Regierung in Jugoslawien zu haben, findet Niederschlag in der positiven Berichterstattung über Demonstrationen der Oppositionsgruppen, versehen mit Bildern von hübschen jugendlichen Demonstrantinnen (z.B. Spiegel, 15. Nov. 1999).

Sofort nach dem Einmarsch in den Kosovo verschwinden die madonnenartigen Flüchtlingsbilder. Die Kosovo-Albaner sind dem neu errichteten Protektorat in der serbischen Provinz eher lästig. Sie erscheinen nun wie zuvor: männlich, jung, hasserfüllt, gewaltbereit und stets in Scharen auftretend.

Werden albanische Frauen überhaupt noch erwähnt, so um die frühere Erzählung von der unbefleckten Reinheit zu desavourieren: "Vor ihrem Kosovo-Einsatz erhalten deutsche Soldaten von Sanitätern sexuellen Vorsorgeunterricht. Es gibt dort zwar keine NATO-Bordelle, aber Kosovarinnen sind überall im Einsatz." (Bild, 14. Juli 1999)

Käufliche "Balkanesinnen"

Nachträglich wird der während der Kriegsmonate aufgebaute Mythos zerstört. Waren die Journalisten zu Beginn der deutschen Präsenz in Bosnien bemüht, vor allem das korrekte und produktive Verhalten der Bundeswehrsoldaten und ihre Akzeptanz vor Ort darzustellen, bildet sich allmählich eine gewisse Lust der Deutschen an der Rolle der regionalen Ordnungsmacht heraus. Vorteile einer quasikolonialen Rolle rücken unverkrampft ins Blickfeld. Dazu gehört scheinbar auch, die Frauen des Landes kaufen zu können. Statt für die sozialen Verhältnisse oder für die Opposition interessierte sich etwa Erich Follath, der im Auftrag des Spiegels Belgrad besuchte (15. Nov. 1999), mehr für Nachtclubs und Modeschauen. Seine Interpretation einer Kleiderkollektion - "die Jugoslawin als in den Urwald zurückgeworfene Tarzan-Jane" - dürfte eher Ausdruck seines Wunschdenkens sein. Er meint, eine große Gruppe junger Frauen auszumachen, die bereit sind, mit jedem Mann ins Bett zu gehen, der ihnen die Nacht über in einer der Nobeldiscos Getränke und Koks bezahlt. Verwundert nimmt er zur Kenntnis, dass die Prestigemarken westlich sind - Kleider von Versace und Armani, Autos von BMW, Porsche, Mercedes, und seiner Meinung nach auch Heinekenbier und Müllermilchreis. Doch der Reichtum der Belgrader Oberschicht ist geklaut, die Oligarchie eine "Kleptokratie". Genüsslich malt sich Follath aus, wie sich eines Tages das internationale Recht in Jugoslawien durchsetzt und Interpol der Nomenklatura die Nobelwagen wegnimmt und ihren ursprünglichen Besitzern zurückgibt. Wer soll dann die jungen Belgraderinnen aushalten? Vermutlich die rechtmäßigen Besitzer des Reichtums, aus dem Land, das BMW und Müllermilch herstellt und wo man nicht schmuggeln muss, um zu Wohlstand zu kommen.

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Ausgabe 42/2021

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