Hexenkessel

Sportplatz Es war heiß in Deutschland. Endlich mal ein richtiger Sommer. Nun kann man bekanntermaßen über das Wetter recht zwanglos und unverfänglich mit jedem ...

Es war heiß in Deutschland. Endlich mal ein richtiger Sommer. Nun kann man bekanntermaßen über das Wetter recht zwanglos und unverfänglich mit jedem reden, doch auch hier gab es in den letzten Wochen ernsthafte Komplikationen: Es war einfach andauernd gleichbleibend langweilig HEISS. Fiel das also weg, und da es auch in der Politik etwas ruhiger geworden war, wer meldete sich im großen Sommerloch zu Wort? Die heimgekehrte Fußball-Bundesliga. Aber zu Hause war es auch nicht richtig schön, denn da war es unerträglich heiß. Wer nicht gerade einen Kreuzbandriss vorweisen konnte, wie zahlreiche Bundesligaspieler mittlerweile, musste gnadenlos über den grünen Rasen rennen. Die bezahlten Kicker, die ihren Arbeitsplatz gerne als Hexenkessel bezeichnen, fanden sich bei den tropischen Temperaturen in eben diesem wieder. In den teilweise windstillen Stadien stieg das Thermometer fast ins für unsere Verhältnisse unermessliche: 49 Grad Celsius in Freiburg wurde als Höchstwert bei der Sportschau verkündet. Natürlich hatte der Fan mit dem Bier in der Hand zu Hause vor der Glotze ziemliches Mitleid. Eine Berliner Tageszeitung schrieb jedoch, dass es den Fußballern laut DFL-Chef Hackmann auch nicht besser gehen sollte als den Leuten vom Bau, die schließlich täglich acht Stunden in dieser Hitze arbeiten würden. Aha.

Brüderlich dem Fußball vereint, was die Qualen sommerlicher Hitze angeht, waren die Feldhockeyspieler. Geprägt durch den Einfluss des Britischen Empires bei der Verbreitung des Sports nach Indien und Pakistan beispielsweise ist eine Austragung von internationalen Begegnungen oder wichtigen Wettkämpfen bei hohen Temperaturen quasi vorbestimmt. Doch dieser Amateursportler ist eine ganz merkwürdige Spezies: er scheint zu wissen, dass Lamentieren über das Wetter nicht viel bringt und bereitet sich stattdessen gut auf die widrigen Umstände vor. Zwar dauert ein Feldhockeyspiel nur 70 Minuten, doch wird auf sehr hohem Niveau mit zügigem Tempo gespielt. Um dies zu ermöglichen und dabei die Spieler zu schützen, hat der internationale Hockeyverband die dem Fußball sehr ähnliche Auswechselregel verändert und den Einsatz aller Bankspieler während eines Spiels erlaubt. Das Resultat ist ein wesentlich schnelleres Spiel und lohnende Pausen vor allem für Stürmer und Mittelfeldspieler. Bei der WM in Malaysia mussten die Hockeyamateure innerhalb von zwei Wochen sieben Gruppenspiele und zwei Finalspiele bestreiten. Keiner fand das irgendwie erwähnenswert, denn die Mannschaften hatte sich gut auf diesen Fall vorbereitet.

In Malaysia herrschten täglich bereits Außentemperaturen von über 40 Grad Celsius, im Stadion dürften bei den Nachmittagsspielen Temperaturen über 50 Grad geherrscht haben. Beim Spiel auf dem nassen Kunstrasen verdunstet dort zudem das Wasser und steigt direkt nach oben, so dass einem auf dem Feld fast die Luft weg bleibt. Die Regeneration zwischen den Spielen für die Akteure betrug meist weniger als 24 Stunden - und dennoch hatte das deutsche Team immer noch genug Luft, um ihre Gegner in einigen Partien noch in den letzten zehn Spielminuten locker an die Wand zu spielen, während die Gegner merklich müder wurden. Und was ist daraus geworden? 18 stolze Weltmeister nach einem eindrucksvoll absolvierten Turnier.

Ab dem 1. September werden sie erneut ihr Können bei Hitze unter Beweis stellen können: Dann wird im spanischen Barcelona die Europameisterschaft ausgetragen, vermutlich auch bei beachtlichen Temperaturen. Im Gegensatz zu acht Teams pro Gruppe im Malaysia werden dort nur sechs Teams pro Gruppe antreten. Die europäischen Gegner wie Irland, Polen oder Russland sind vielleicht bis auf die Spanier auch nicht ganz hitzebeständig, so dass die Deutschen als deutlicher Favorit und Titelverteidiger ins Rennen gehen.

Auch anderes lohnt die Aufmerksamkeit: Die Frauen-Europameisterschaft findet gleichzeitig statt, und für die deutschen Frauen geht es um die Rückkehr in die Weltspitze, aus der man bei Olympia in Sydney endgültig abgestürzt war. Ein langer Weg liegt bereits hinter der Mannschaft, die aus einer Mischung von jungen und erfahrenen Spielerinnen besteht. Alle Spiele finden tagsüber hintereinander weg statt, für den Hockeyfreund vor Ort heißt das Spiele ohne Ende. Es müssen schließlich zwei mal 42 Spiele (Frauen und Männer) innerhalb von zwei Wochen absolviert werden, nicht immer gibt es für die Mannschaften einen Ruhetag zwischen den Spieltagen. Im Fernsehen werden diese Spiele nicht zu sehen sein, aber eine holländische Firma überträgt sie für ein Entgelt über das Internet.

Der enge Zeitplan in der Krummstockbranche bestimmt die Intensität: die Nachbereitung des einen Spiels ist meist die Vorbereitung des nächsten. Ein disziplinierter Rhythmus, in dem sogar Schlafen, Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme genauestens geplant sind, wäre wohl für die Spieler in der Sportart mit dem größeren Ball eine Zumutung. Aber Hockeyspieler klagen nicht, und die Mühe lohnt: Der Sieger bei der Europameisterschaft in Barcelona löst in einem Zug gleich sein Olympiaticket. Bei solchem Ziel wachsen einem bei jeder Temperatur Flügel.

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00:00 29.08.2003

Ausgabe 39/2020

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