Hier gibt es nur noch Oberflächen

DIE PISA-STUDIE UND DER BEFUND "MANGELNDER LESEFÄHIGKEIT" Ein Berg von Heuchelei verstellt den Blick auf die Bildungskatastrophe

Erinnern wir uns: Über alle Bundesländer zogen in den vergangenen Jahren Sparwellen hinweg. Noch im Jahr 2000, als die PISA-Studie erstellt wurde, zwang der Berliner Senat die Lehrer zu Mehrarbeit. Das zuständige Senatsmitglied der SPD rechtfertigte dies damit, der Bildungsbereich könne sich einem "angemessenen Sparbeitrag" nicht entziehen. Streikende Lehrer/innen wurden diszipliniert. Ihr Hauptargument war, die Bedingungen für pädagogische Förderung der immer schwierigeren Kinder hätten sich bereits unverantwortbar verschlechtert und würden nun gänzlich schwinden. Zu diesem Zeitpunkt gab es an den Schulen bereits eine breite Bewegung der Methodenreform auf eigene Faust und auf eigene Rechnung, die sich mit dem Namen des Landauer Pädagogen Klippert verbindet.

Und nun lanciert ausgerechnet der Spiegel, bei Lehrern wegen seines jährlichen Tritts in ihren Hintern beliebt, die PISA-Studie unter der Diagnose eines abermaligen Versagens der Schule. Diese Studie hebt jedoch in erster Linie auf methodische Mängel des Unterrichts in Deutschland ab.

Die anderen Medien geben Echo. Dabei geschehen Zeichen und Wunder. Was haben die großen Blätter nicht seit 30 Jahren auf die "sozialistische" Gesamtschule eingeschlagen. Wie wurde sie immer wieder als Fabrik der Gleichmacherei "entlarvt", welche die echten Begabungen unterdrücken würde. Man reibt sich die Augen, aber dieselben Organe entdecken, was längst bekannt ist, dass nämlich gerade die in der PISA-Studie ganz vorn rangierenden Länder ihre Bildungserfolge auf einem gesamtschulähnlichen Schultypus aufbauen. Ach nein, viele Gesamtschulen haben in Deutschland zu wenig Gymnasialschüler? Zu frühe Trennung der Kinder im dreigliedrigen Schulsystem? Nie davon gehört ...

Die Lehrer sollten sagen: Liebe Leute, Politiker, Journalisten, Meinungsführer - lasst uns zuerst einmal den Haufen Heuchelei wegräumen, und dann beginnen wir eine Diskussion über das Lernen, die Schüler, die Schule. Bis dahin glauben wir niemandem, auch den Bildungsforschern nicht, die über ein vermintes Gelände schreiten zu können glauben wie Jesus über den See Genezareth. Wo beginnt die ehrliche Diskussion?

Wenn die Schule einen Weihnachtsbaum kaufen will

Vielleicht schadet es ja nicht, für den Fall schon einmal ein paar Argumente zurechtzulegen. In der PISA-Studie steht die bei deutschen Schülern mangelnde Lesefähigkeit im Zentrum. Eine spannende Frage, was heute Lesen bedeutet. Und doch muss die Analyse an einem anderen Punkt beginnen. Es ist merkwürdig, aber immer, wenn es in Deutschland um Bildung geht, kommt die ganze Gesellschaft in den Blick. Das war 1968 so, das müsste heute auch so sein. Die Wissenschaftler stoßen bei ihren Untersuchungen auf die Söhne aus Migrantenfamilien als am meisten benachteiligte Gruppe, was Schlüsselqualifikationen wie Lesen angeht. Sie umgibt, soziologisch betrachtet, ein Kranz von Hauptschülern aus Familien, die so gut wie keine Berührung mehr mit dem haben, was Bildung bedeutet.

Die Lehrer kennen diese Eltern ganz genau. Es sind diejenigen, die nie zu Elternversammlungen kommen. Als Partner im Erziehungs- und Bildungsprozess fallen sie aus. Da ist der Tenor der Bildungspolitiker und -journalisten so doch abgrundtief heuchlerisch: Ganztagsschulen her, andere Bildungsangebote und andere Didaktik für diese Kinder! Haben nicht alle, die jetzt so reden, in den vergangenen Jahrzehnten fleißig an der Maschinerie mitgebastelt, in der die Familien zerrieben wurden und die berühmten Werte der Bildung vor die Hunde gingen? Marktfreiheit - da habt ihr sie. Survival of the fittest - bitte, da sind die weniger Fitten. Neoliberales Heruntermachen des Staates - was Wunder, dass nunmehr mit der staatlichen Schule kein Staat mehr zu machen ist. Diese gesamte Politik der vergangenen Jahrzehnte hat die Zersetzung der Gesellschaft, ihre Aufspaltung in kaum noch vermittelbare Schichten, die "Freisetzung" eines Drittels in "selbstverschuldete" Desintegration ganz bewusst einkalkuliert. Reine Heuchelei, nun über die Folgen zu zetern.

Und vor allem: Was für eine lächerliche Vorstellung, die Schule könnte in ihre gesellschaftspolitische, soziale Unterschiede ausgleichende Funktion wieder eingesetzt werden, während die neoliberale Zerstörung der Gesellschaft munter weiter betrieben wird!

Eine der Schlussfolgerungen, zu denen die PISA-Studie kommt, ist die Forderung nach mehr Selbstständigkeit der Schule. Betrachten wir die Sache jenseits von trendy-Sprüchen aus der Unternehmensphilosophie. Die Weltsicht des liberalen Meinungsmachers, sei er heute 60 oder 30 Jahre alt, ist klar: Ein bürokratischer Apparat wie die Schule ist unbeweglich, unökonomisch, publikumsabgewandt, von Versorgungsmentalität durchwuchert. Ein Wirtschaftsunternehmen dagegen bucht für sich die Begriffe Risikofreude, Wirtschaftlichkeit, Marktorientierung. - Kurze Überprüfung an der Wirklichkeit: Lässt eine Schule auf ihrem Gelände kommerzielle Werbung zu, so wird der Erlös zunächst an die Behörde überwiesen, bevor diese den der Schule zustehenden Teil rücküberweist. Mehr Selbstständigkeit? Will die Schule einen Weihnachtsbaum kaufen, gibt es dafür keinen Haushaltstitel. Denn diese erschöpfen sich in Lehr- oder Lernmitteln.

Was ist der Weihnachtsbaum? Es ist ein offenes Geheimnis, dass Schulen, wie andere staatliche Institutionen auch, aus so lebensfernem Grunde - Weihnachten für Kinder, für Menschen - "schwarze Kassen" bilden, die immer den Anfangsverdacht der Öffentlichkeit auf Korruption und Vorteilsnahme begründen. Rechnen wir einmal alle schwarzen Kassen der Schulen zusammen und stellen sie den Milliarden gegenüber, die durch Skandale, etwa im Fall der Berliner Bankgesellschaft oder der Deutschen Bank, und schwere Fehler in der Unternehmensführung dem Staat verloren gegangen sind. Wirtschaftlichkeit? Marktorientierung? Die Gesellschaft misstraut den Paukern aufs höchste, ob sie nicht aus der Schule einen Bleistift mit nach Hause nehmen; zugleich klagt sie die Schule dafür an, dass sie kein modernes Unternehmen sei - ja, was denn nun?

Der Text hat ausgedient

Doch nun zum Kern der Sache. Die PISAner stellen fest, was in Lehrerkollegien seit zehn Jahren debattiert wird: Der Text als klassischer Dreh- und Angelpunkt schulischen Lernens hat ausgedient. Die Studie richtet den Blick, völlig zu Recht, zuerst aufs Elternhaus. Wo nur noch die mit den Möbeln gekauften Buchattrappen im Regal stehen, kann von den Kindern kaum erwartet werden, dass sie wie selbstverständlich zum Buch greifen. Noch einmal, auch wenn es nervt: ask politics first - wer fröhlich die kommerzialisierten Videomedien zur Leittechnologie erklärt, muss sich nicht wundern, wenn sie auch die "Leitkultur" ausmachen. Die europäische Linke - wem sagt der Name Glotz noch etwas? - lässt zuerst das Privatfernsehen zu, entfesselt den Krieg um die Satellitenfrequenzen, setzt auf den Computer, und nun fließen dicke Krokodilstränen über den Verlust des Buches.

Stimmt ja gar nicht. Während die PISAner ihre Zahlen zum Verfall der Lesekultur sammeln, macht eine Schule nach der anderen ihren Lesewettbewerb. Und das Harry-Potter-Fieber stellt das Buch in den Mittelpunkt einer Massenbewegung von Kindern. Offenbar tun alle diese Kinder und Jugendlichen etwas anderes als Lesen im Sinne der Bildungsforschung.

In der PISA-Studie wird ein weiter Textbegriff zugrunde gelegt. Listen, Formulare oder Diagramme sind auch Texte im Sinne dieses Ansatzes. Unter Lesen verstehen die Forscher die Fähigkeiten, "Informationen aus Texten herauszusuchen, die Aussage von Texten zu verstehen und zu interpretieren sowie den Inhalt und die Form von Texten kritisch zu bewerten". Verschiedene Textsorten sollen verschiedenen Nutzungskontexten zugeordnet werden können. PISA legt den Akzent mehr auf "Text nutzen" denn auf "interpretieren" im klassischen Sinn. Man könnte darüber streiten, ob hier der pragmatischen Dimension des Verstehens zu großes Gewicht verliehen und das Konzept der Anwendung von Wissen zu eng als praktische Anwendung verstanden wird. Jedenfalls waren deutsche Schüler mit der Aufgabe überfordert, einen Text als Szene zu inszenieren. Die äußere Bühne des Handelns hat für die PISAner offenbar das größere Gewicht gegenüber der inneren des gedachten Probehandelns.

Wahr ist, dass eine immer größere Anzahl von Schülern an Texten scheitern in dem Maße, wie deren Kontexte erschlossen werden sollen und die Beziehung des lesenden Subjekts zum Text ins Spiel kommt. Das In-Beziehung-Setzen zu dem, was außerhalb des Textes liegt, jedoch mit ihm kommuniziert, seien es Welten, seien es Personen mit ihren Interessen und Gefühlen, diese Dimensionen gehen offenbar verloren. Doch wodurch gehen sie verloren? Gewiss müssen sich die Lehrer bereit erklären - und viele sind dazu mehr als bereit -, ihre kognitiv fixierte Didaktik zu überprüfen und den heutigen Wahrnehmungsgewohnheiten anzupassen. Indessen kommt die Schule im Nachhinein, nachdem die Gesellschaft ihre Wirkungen bereits entfaltet hat. Für viele Lehrer ist entschieden, dass es in erster Linie die modernen Videotechnologien sind, welche das Verhältnis der Kinder zum Lesen und Schreiben schon heute grundlegend verändert haben. Auch wenn wir die Vorurteile von heute fünfzigjährigen Pädagogen abziehen, bleiben ihre wichtigen Bedenken und Argumente.

Die neuen Fähigkeiten der Netzsurfer

Die Philosophie der neuen Medien predigt ja seit vielen Jahren, dass uns die Bildschirmmedien in eine andere Welt führen. Wir bewegen uns aus der Gutenberg-Galaxis heraus. Der Diskurs des Computers, insbesondere der Computernetzwerke, so heißt es, ist von Grund auf verschieden von dem des Textes. Erinnern wir uns: Alle Philologen der siebziger Jahre sind bei der Hermeneutik in die Lehre gegangen. Gadamer und Habermas stellten das absolute Muss dar für alle, die mit Texten und mit der Vermittlung von Texten zu tun hatten. Verfolgt man die Spuren des "sinnerschließenden Lesens" zurück, das den Dreh- und Angelpunkt der Schule darstellt und das nun in der PISA-Studie wieder eingeklagt wird, so stößt man auf eben diese Quelle. Der Text ist immer nur die Arena, von der aus die näheren und ferneren Ränge des Bildungstheaters zu erfassen und abzuschreiten sind - ein Weg zu den Horizonten des Verstehens und in die Tiefen der Hintergründe, welche das Verständnis des Textes ebenso stützen wie das lesende Ich in seiner Gewordenheit und Bestimmung immer neu erzeugen. Dieses Modell der spiralförmigen Wanderung, des ins Kurze zusammengezogenen, aber doch an jedem Text aufs Neue zu durchlaufenden Bildungsromans findet sich auch in dem berühmten Dreischritt Kennen (Information) - Verstehen (Interpretieren) - Beurteilen wieder, welcher den Weg zum Abitur ebenso bestimmt wie das Untersuchungsraster der PISAner.

Die Propheten der neuen Medien sagen uns allerdings: Damit ist es vorbei, und zwar Gott sei Dank. Denn die Erschließung des Verborgenen trage immer noch die Spuren der abendländischen Metaphysik an sich, den gesamten Hokuspokus von Wesen und Erscheinung, Tiefe und Oberfläche, Wahrheit und Täuschung. Der Computer als postmodernes Universalmedium befreit uns von den Übeln jener Welt, von Hierarchie und Bevormundung, vom Hohepriestertum der letzten Eingeweihten, deren Einsichten sich der Normalgebildete immer nur annähern kann. Denn hier gibt es nur noch Oberflächen, alles liegt zutage. Die Gegenstände rangieren gleich, sie sind nicht mehr durch ihren mühsam zu erschließenden Wesensgehalt miteinander notwendig verknüpft, sondern seriell angeordnet und daher auch nur mehr spielerisch zu erschließen. Surfen statt denken, in dieser polemischen Formel könnte die Charakteristik der neuen Medien zusammengefasst werden.

Das bedeutet ja keineswegs, dass die serielle Logik der Oberflächen und die Netzlogik des Computers keine Erkenntnisse zulassen würde - dass hier kein Sinn und kein Lernen möglich sei. Nur, es ist eben ein anderes Lernen, und es sind andere Erkenntnisse und andere Fertigkeiten, als sie die tradierten Lektüren hervorbringen. Ein konsequenter Verfechter der neuen Medien würde den PISAnern zurufen: Was ihr als Bildungskatastrophe diagnostiziert, ist nur das Symptom für die neue Zeit, die längst angebrochen ist. Schade nur, dass sich die Schule für die neuen Fähigkeiten der Netsurfer nicht interessiert, weil sie noch in keinem Lehrplan vorkommen und in keinem Abitur geprüft werden: Bilder statt Texte, Assoziation statt Kausalität, Konnotation statt Begrifflichkeit, Orientierungsfähigkeit statt Vertiefung und so weiter.

Netz-Galaxis und Gutenberg-Galaxis

Was an dem Turm von PISA schief ist, das ist das Anathema der gegenwärtigen Bildungspolitik: Computer in die Schulen und dann klagen, dass es mit Goethes Faust nicht mehr so richtig läuft. Die Schüler und Lehrer werden in einen endlosen, sich verschärfenden double bind geschickt. In der einen Stunde wird nach dem alten hermeneutischen Diskurs gearbeitet. In der nächsten sollen ganz "frei" und "spielerisch" die endlosen Weiten des Netzes erkundet werden. Nur wer sich mit den Besonderheiten des Computers nie ernsthaft auseinandergesetzt hat, kann glauben, es sei egal, ob ein Gegenstand mit einem Buch oder "im Computer" behandelt wird. Das Medium ist die Botschaft, das gilt hier umso mehr. Daraus folgt doch, dass die Gesellschaft sich entscheiden muss, in welche Richtung sie gehen will, welche Fähigkeiten der nächsten Generationen sie entwickeln, welche sie verkümmern lassen will.

Denn die beiden konträren Diskurse, der hermeneutische und der des Computers, taugen nicht gleichermaßen zur Lösung jedes Problems. Das hängt damit zusammen, dass die Abbildung der Welt in den alten Sinnsystemen, die Ursachen und Wirkungen, Wesen und Erscheinung kennen, ganz anders gerät als in der neuen Netz-Galaxis. Der Zusammenhang von Ökonomie und Politik etwa, die einander bedingen, ist in den alten Begriffen wohl abzubilden, in den neuen überhaupt nicht. Das weiß im Grunde auch jeder. Beispielweise aus den Talkshows, wo die Frage nach dem Milliardenloch im Haushalt im gleich Atemzug und mit ebensoviel Interesse gestellt wird wie die nach dem Seitensprung des Ministers oder nach seiner Lieblingszigarre. Ähnliches gilt - Politiker, aufgepasst! - für die Verkettung von "westlichen Werten", Terrorismusbekämpfung und "uneingeschränkter Solidarität" Deutschlands mit den USA. Argumentation funktioniert nur, wenn die Begriffe als hierarchisch gegliederte, durch Kausalität organisierte Momente verstanden werden. Die Sprache der neuen Videomedien kann das nicht abbilden.

Wer immer also den traditionellen Bildungsdiskursen das Wasser abgräbt, wer den Text durch den Hypertext, die Metaphysik durch die Postmoderne ersetzt, untergräbt auch die alte Politik. Das ist ja vielleicht gar nicht schade, aber man muss es wissen. Man muss dann eine Welt wollen, in der Goethe meets bin Laden and both talk about G. W. Bush. Forderungen nach Konsistenz und Konsequenz - Grundforderungen der Gutenberg-Galaxis und ihres Bildungskonzepts -, können dann nicht mehr gestellt werden. Das wollen wir nicht, und wir wollen es nicht wahr haben! Ja, der Turm von PISA steht gerade, nur die Erde darunter ist schief.

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00:00 04.01.2002

Ausgabe 39/2020

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