Hier habt ihr eure Cancel Culture

Nemi El-Hassan Der Fall der WDR-Moderatorin ist nur ein Beispiel dafür, wie gnadenlos die öffentliche Debatte um Muslime läuft

Existiert die vielbeschworene „Cancel Culture“ eigentlich wirklich? Angeblich werden ja berühmte und erfolgreiche Leute wie Dieter Nuhr und Lisa Eckhardt von Linken gecancelt. Wenn man aber guckt, wer tatsächlich durch mediale Shitstorms in der beruflichen Existenz bedroht wird, betrifft dies nicht die genannten Fälle. Denn während Mehrheitsdeutschen nach Fehltritten meist eine zweite und dritte Chance eingeräumt wird, endet die Fehlertoleranz oft, wenn es um Muslime geht. Der Fall von Nemi El-Hassan ist so ein Beispiel.

Einer jungen muslimischen Jurastudentin wurde 2020 die Einstellung zur administrativen Unterstützung eines öffentlichen Gremiums verweigert. Der Grund: Vor circa einem Jahrzehnt war sie im Vorstand einer muslimischen Jugendorganisation aktiv, die damals im Verfassungsschutzbericht erwähnt wurde – inzwischen nicht mehr. Ein muslimischer Nachwuchswissenschaftler wurde über mehrere Jahre vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet. 2011 verlor er seine Anstellung an der Universität und bekam Hausverbot – ähnlich wie bei zwei darauffolgenden Jobs. Der Grund: sein Engagement in einem inzwischen aufgelösten Arbeitskreis muslimischer Studenten. Der Verfassungsschutz hatte die Gruppe mal beobachtet, die Begründungen für die Beobachtungen blieben vage.

Die Wenigsten haben von diesen Fällen etwas mitbekommen. Aber sie passieren ständig. Inzwischen hat sich ein unausgesprochenes Verständnis darüber festgesetzt, dass Muslime potenziell eine Bedrohung sein können. Zweifelsohne sind Islamismus und Antisemitismus unter Muslimen reale Probleme, die nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen. Und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass sich gerade die linke Bubble schwer damit tut, Probleme bei Minderheiten zu benennen. Genau hinsehen und klare Grenzen ziehen, ist in diesem Zusammenhang die Aufgabe einer Gesellschaft, die Antisemitismus den Kampf ansagen will. Allerdings zeigen die Beispiele, wie schnell ein bloßer Verdacht das abrupte Ende einer beruflichen Laufbahn von Muslimen bedeuten kann. Das ist tatsächlich Cancel Culture.

Die Cancel-Cultur-Krieger

Auch im Fall der Journalistin und Ärztin Nemi El-Hassan sollte man genau hinsehen. Wobei es hier um mehr geht als nur um einen Verdacht, sondern um durchaus schwerwiegende Aktivitäten. Zum Beispiel hat sie 2014 an der antisemitischen Al-Quds-Demonstration teilgenommen. Bilder von ihr kursierten im Netz. Unter anderem hat laut der Recherche von Zeit Online der rechte und muslimfeindliche Aktivist Irfan Peci die Fotos von Nemi El-Hassan im August in einem Livestream öffentlich gemacht. Die Bild hat die Bilder am 13. September veröffentlicht, woraufhin die AfD am gleichen Tag mit einer Pressemitteilung reagierte. Beatrix von Storch (AfD) nennt darin El-Hassan eine „überzeugte Islamistin und Judenhasserin“ sowie „Terror-Sympathisantin“. Längst hat die Diskussion die seriöse Presse erreicht. Es ist schwer vorstellbar, dass der Ruf dieser jungen Frau jemals wieder hergestellt werden kann. Für die Diskussion um El-Hassan gehört es dazu, auch die Genese zu reflektieren. Geht es den Initiatoren wirklich um den Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus? Oder verwenden sie dies nur als Vorwand, um Ressentiments gegen Muslime zu schüren und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten als linksversifft darzustellen?

Nemi El-Hassan hat Reue gezeigt und sich von ihren früheren Aktivitäten distanziert. Man muss die aktuelleren antiisraelischen Likes und Beiträge von ihr nicht gut finden, um zu verstehen, dass hinter der Wucht der Angriffe auch eine rechte Agenda steckt. Die Parteistrategen der AfD haben längst erkannt, dass sich unter dem Vorwand des Kampfes gegen Antisemitismus antimuslimische Ressentiments in der Gesellschaft legitimieren lassen.

Umso problematischer, wenn auch linke Aktivisten darauf hereinfallen und nun gemeinsam mit AfD und Teilen der Springer-Presse El-Hassan mit einem Shitstorm überziehen. Wer sich als intersektional und machtkritisch ausgibt, sollte zumindest hinterfragen, mit welcher Absicht und welchen Methoden hier der gesamte Werdegang einer migrantisch-muslimischen Frau durchleuchtet wird. Man könnte sich beispielsweise die Frage stellen, warum nicht Mindestmaße an journalistischen Standards eingehalten wurden: Dass El-Hassan von der Bild nur 75 Minuten eingeräumt wurden, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Dass sie in Bild-TV ohne jegliche Belege mehrfach Islamistin genannt wurde. Dass für die Bebilderung ständig auf Fotos zurückgegriffen wird, die Nemi El-Hassan mit Kopftuch zeigen, obwohl sie dieses schon lange nicht mehr trägt.

El-Hassan hat Kritik verdient, aber keinen Rufmord und keine Erteilung eines de-facto-Berufsverbots. Eine linke Position zieht immer die Machtverhältnisse in Betracht, weshalb Solidarität mit El-Hassan keine Zustimmung zu ihren inhaltlichen Positionen bedeutet. Solidarität mit El-Hassan sollte sich aus einer machtkritischen Perspektive der Denunziation einer migrantisch-muslimischen Frau seitens rechter und konservativer Kräfte widersetzen. Statt sich mit Hashtags wie #HaltDieFresseBild zufrieden zu geben, wäre es angebracht, solche Dynamiken zu durchblicken und sich ihnen zu entgegen zu stellen.

Saba-Nur Cheema ist Politologin, Antirassismus-Trainerin und Beraterin des Bundesinnenministeriums zum Thema Muslimfeindlichkeit.

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15:47 23.09.2021

Ausgabe 42/2021

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