Hier sind noch Zimmer frei!

Schöner schrumpfen Hoyerswerda war erst Beispiel für den Aufbau Ost, dann für den Abriss. Nun sucht die Kleinstadt nahe der polnischen Grenze einen neuen Weg – als urbanes Labor

Vom Bahnhof in Hoyerswerda führt eine ruhige Straße an Einfamilienhäusern und sechsgeschossigen Gebäuden aus den dreißiger Jahren entlang. Die wenigen Rentner, die ihre Hunde Gassi führen, grüßen sich durch Nicken. Ein Geschäft mit Jagdzubehör, Waffen und Souvenirs im Schaufenster, das auf dem Weg zur pittoresken Altstadt liegt, wirkt verlassen. Die wenigen Gaststätten haben geschlossen. Man kann schon nach fünf Minuten Fußmarsch sehen, was Statistiker immer wieder ausrechnen: Die sächsische Kleinstadt Hoyerswerda ist die am schnellsten schrumpfende Stadt Deutschlands. Für manche verkörpert sie noch immer die Wunden des Ostens: Ausländerfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung, Wohnungsleerstand, Abriss.

Die Bilder des brutalen Anschlags auf ein Asylbewerberheim im September 1991, bei dem 30 Menschen verletzt wurden, sind noch in den Köpfen. Seitdem steht Hoyerswerda als Chiffre für rechtsextreme Gewalt. Dabei sollte es einst die Musterstadt für Arbeiter sein: 1957 wurde hier der erste industriell gefertigte Plattenbau weltweit errichtet. Er ging in Serie, das Fundament für eine am Reißbrett entwickelte Planstadt, der Wohnort für die Schichtarbeiter des Braunkohlewerkes „Schwarze Pumpe“. Es entstanden durchnummerierte, gleich aussehende Wohnkomplexe, Kaufhallen, Kindergärten, Spielplätze. Für das Unterfangen wurden damals 130 Dörfer und Siedlungen zerstört, 25.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, Flüsse wurden umgeleitet. Doch die Idee einer Planstadt in Hoyerswerda zog neugierige Menschen aller Schichten an: Arbeiter, Stadtplaner, Architekten, Schriftsteller. Sie wollten den Aufbau Ost begleiten – und den sozialistischen Alltag sehen.

Schriftsteller suchten das Volk

„Die Wecker klingeln hier früh um vier, alle zugleich, am Zahltag gab’s immer Radeberger Bier, für alle gleich“, sang der Rockpoet und Baggerfahrer Gerhard Gundermann im Lied „HoyWoy“ über diese Stadt, in der er selber lange gewohnt hat. Sie pflegt sein Erbe heute mit einem großen Archiv und einem jährlichen Festival.

Auch der Geist der Schriftstellerin Brigitte Reimann scheint gegenwärtig, wenn man mit den Menschen spricht. Sie hat von 1960 bis 1968 in einem der Hochhäuser gelebt und war eine Vertreterin des „Bitterfelder Wegs“, einem DDR-Vorzeigeprojekt. Autoren sollten versuchen, durch Arbeit in Betrieben einen engeren Kontakt zum Volk herzustellen. Reimann verfasste den (unvollendeten) Roman Franziska Linkerhand. Darin gerät eine junge Architektin an sozialistische Betonköpfe: „Ich hoffe, Sie haben keine überspannten Vorstellungen von den Aufgaben, die Sie hier erwarten. Wenn Sie der Auffassung sind, dann revidieren Sie diese Auffassung. Wir haben keine Zeit für Spielereien, wir haben eine Aufgabe“, sagt einer der Chef-Planer der Protagonistin.

Der Abriss als Happening

Dann kam das Ende der DDR und damit auch das Ende der Braunkohle. Seit den Neunzigern hat sich die Einwohnerzahl hier halbiert, heute leben 26.000 Menschen in Hoyerswerda. Nach dem Abitur gehen die Gymnasiasten zu fast 100 Prozent weg. Aus dem Aufbau wurde der Abriss. Der wird jedoch kreativ begleitet.

Dorit Baumeister, Architektin, hat die Stadt Ende der Sechziger verlassen und kam Anfang der Neunziger wieder – sie leitete den „Superumbau“, wie sich das Abriss­projekt der Plattenbauten nannte. Von ihrem schicken Büro in der Altstadt fährt sie zum Elsterkanal, und man sieht dort schon von weitem die Silhouetten der noch stehenden Plattenbauten. Baumeister zeigt stolz die „O-Box“, einen orangefarbenen Kasten, den sie nach dem Vorbild der Infobox am Postdamer Platz in Berlin gebaut hat. Ausstellungen mit Text und Fotos dokumentieren darin den Rückbau und Bürger-Projekte, wie das Besetzen der leeren Räume, das Anmalen von Mauern – aus dem Abriss wurden Happenings, sie riefen Künstler wie Christoph Schlingensief auf den Plan, die 2003 den Abriss einer Platte festgehalten haben.

Uwe Proksch, Leiter der Kulturfabrik Hoyerswerda (Kufa), erzählt, die Stadt sei eine andere geworden in den vergangenen 20 Jahren. Wenn mal ein paar Neonazis aus der Umgebung aufmarschieren, organisiert die Antifa eben eine Sitzblockade und es werden Rilke-Verse zitiert. Das Problem von Hoyerswerda sind heute nicht mehr die Rechten. Es ist die fehlende Arbeit. Die Industrie ist verschwunden, einen Dienstleistungssektor gibt es praktisch nicht.

Bald blühen die Landschaften

Ginge es nach Rolf Kuhn, könnten aber bald die Landschaften blühen. In der Lausitz ist die größte künstliche Seenlandschaft Europas enstanden. Aus Braunkohlegruben sind Badeseen geworden. Die 5.000 Quadratkilometer Landschaft umfassen 12.200 Hektar neues Wasser und 42.200 Hektar neues Festland im brandenburgischen und sächsischen Teil. Der Tourismus soll hier demnächst boomen. Was Hoyerswerda davon hat, ist fraglich. Denn man muss auf dem Weg zu den Lausitzer Seen nicht die Stadt durchqueren – und wenn man sich in der Lausitzhalle, dem Einkaufs­center, umhört, glaubt dort kaum einer an neue Jobs.

Wie lebt es sich also jeden Tag in einer Shrinking City, einer schrumpfenden Stadt, von denen es laut einer Studie 26 in Deutschland gibt? Die Frage trieb den Anthropologen Felix Ringel um, der in Cambridge studiert. Er betrieb für seine Doktorarbeit im Jahr 2009 monatelang Feldforschung in Hoyerswerda. Er besuchte Familien, verbrachte bei ihnen jeweils etwa drei Monate, ging zu Stadtratssitzungen und in Vereine. Er redete mit den Menschen über dieses „herrliche Testgelände“. Dass hier die Jugend verschwindet, findet auch er schwierig, aber es gebe immerhin eine sehr aktive Seniorengemeinde, die Sport, Musik und Theater macht. Nur längst nicht alle sind noch fit genug: Aus der kinderreichsten Stadt der DDR ist die Hochburg der Demenz geworden. Auch darauf reagiert man: Im Klinikum eröffnet 2013 eine Geriatrie, inklusive Demenzvorsorge.

In den folgenden Protokollen berichten Menschen, warum sie an einem Ort leben, der für die meisten nur Niemandsland ist.


./resolveuid/10808075e12dbddca4807c7f700e8029Dirk Lienig, Filmautor, Choreograf

Leipzig, Schwerin, Berlin, Guatemala, Kolumbien, Sydney. Ich habe weltweit gearbeitet: Nach mehr als zwanzig Jahren bin ich nach Hoyerswerda zurückgekehrt. Denn hier ist es spannend zu leben: Nirgendwo hat sich eine Stadt so radikal verändert.

Rückbau und Abwanderung sieht man im Westen wie im Osten. Aber keine Stadt hat es so hart getroffen wie Hoyerswerda. Man kann Hoyerswerda als Stadtlabor verstehen. Aus den Problemen heraus entstehen ungewöhnliche Projekte, die zeigen, wie lebendig auch so ein Schwund sein kann.

Derzeit studiere ich mit einer Gruppe ein Tanztheaterstück ein. In dem Stück geht es um Arbeit. Wie wollen wir leben in einer Stadt, die einst wegen der Arbeit gebaut wurde und nun ihres ursprünglichen Sinns beraubt wurde? Arbeit ist heute nicht mehr so einfach zu definieren. Hartz IV und Fernsehgucken kann nicht die Lösung sein. Nach einem Zeitungsaufruf für mein Tanztheaterprojekt haben sich sofort 70 Leute gemeldet. Der Jüngste ist 7, der Älteste 70. Mich fasziniert das generationsübergreifende Interesse. Menschen tragen ihre Erfahrungen aus der veränderten Arbeitswelt auf die Bühne. Das Projekt hat einen erfolgreichen Vorläufer. Im vergangenen Jahr stellten Bürger auf der Bühne den schmerzhaften Schrumpfungsprozess ihrer Stadt dar.

Die Menschen machen sich Gedanken über ihre Lage, verlieren so die Ohnmacht. Wir betreiben in Hoyerswerda keine kommerziellen Kulturprojekte: Wie relevant ist denn eine Selbstbespiegelung eines durchschnittlichen Stadttheaters noch? Theater muss alle betreffen, es muss brennen – aber das tut es oft nicht. Ich möchte eine wache Bürgerschaft etablieren – das kann man in Hoyerswerda gut probieren, wenn man scheitert, ist es nicht so dramatisch.

Als ich vor 10 Jahren hierherkam, sah ich viele frustrierte Leute – aber es ist nicht schlimm, wenn sie gehen. Sie gehen, nehmen ­etwas mit und kommen viel­leicht wieder. Man muss sein Leben nicht an einem einzigen Ort verbringen. Immer nur in Hamburg oder München ist genauso langweilig wie im Prenzlauer Berg. Dort ­ziehen alle in ihre Eigentumswohnungen und werden spießig. Auch eine Be­wegung, aber da ­finde ich es hier viel interessanter.

./resolveuid/930a82c3eada3f4b664ae6844c6a3fcaDorit Baumeister, Architektin

Mein Vater war einer der Planer der Neustadt, und ich stand als Kind neben ihm am Reißbrett. Damals war Hoyerswerda eine der jüngsten Städte, nun stehen die Fakten für sich: 2020 liegt der ­Altersdurchschnitt bei 60 Jahren. Wachstum gibt es hier nicht mehr. Das Klinikum und die Verwaltung sind die Hauptarbeit­geber. Das heißt, wir brauchen Zuzug. Im Umland haben sich Arbeitsstandorte entwickelt. Warum sollte jemand, der bei Vattenfall, BASF oder in der Chipfabrik arbeitet, hier wohnen wollen? Na, weil wir eine Qualität bieten, die es woanders nicht gibt.

Hoyerswerda kann eine Creative City werden: eine dritte Stadt, an der Schnittstelle von Alt und Neu. Es geht hier nicht ums Wohnen oder Arbeiten, sondern darum, wie man gut leben kann. ­Hoyerswerda als Wohnstadt: Das muss ja nicht auf dem Münchner Level sein. Wir bieten mehr als nur Geld: neue Wohnformen, neue Freizeitmodelle. Das kann für einen Ingenieur, der bei Vattenfall arbeitet und mit seiner jungen Familie herzieht, reizvoll sein. Nicht jeder ist ja ein Großstadtmensch. Bei uns findet er Mehrfamilienhäuser, Kultur, Bildung, Theater, Sport, Kunst, kreative Orte der Begegnung, des Austauschs. Wir entdichten die Stadt momentan an vielen Orten der Neustadt, die Plattenbauten werden abgerissen, und es werden Parks angelegt. Aber wir müssen Hoyerswerda konsequent von außen nach innen zurückentwickeln, nicht nur Grün­flächen statt Wohnkomplexe. Stadt braucht auch eine gewisse Dichte.

Der alte Architekturbegriff funktioniert hier nicht mehr, es geht vor allem darum, die Menschen abzuholen, ihren Schmerz, dass ihre Biografie, ihr Lebenswerk, gescheitert ist, dass ihre Häuser abgerissen werden. Wir müssen sie ernst nehmen. In­sofern sehe ich mich auch in der Tradition von Brigitte Reimann und ihrer Architektin. Wenn ich Kollegen in anderen Städten von unseren Projekten erzähle, wundern die sich, dass die Leute da mitmachen? In Regensburg wäre ich im klassischen Beruf des Architekten hängen geblieben, aber hier braucht man Power, das war schon immer so. Hoyerswerda als Wohn- und Lebensstadt ist ein Experiment, aber nur so haben wir eine Chance, dass die Stadt auf der Landkarte erhalten bleibt.

Uwe Proksch, Leiter der Kulturfabrik./resolveuid/a7df2916662559e19386ae5c30927c4c

Für mich gibt es keinen besseren Ort, an dem ich tätig werden kann, als Hoyerswerda. Wir gehen mit unseren Kulturprojekten in die Brachen, an verwunschene Orte, die sonst keiner mehr braucht. Wir besetzen sie damit positiv.

Beispielsweise spielen wir Theater in einer leerstehenden Kaufhalle in den Wohnkomplexen der Neustadt, wir haben in einem verlassenen Geschäft einen Indoor-Spielplatz errichtet, oder eine Picknickwiese an einem verschlafenen Flecken Stadt inmitten des Zentrums. Die Menschen nehmen das an.

Zu DDR-Zeiten gab es in Hoyerswerda 27 Jugendclubs, heute sind davon nur noch drei übrig. Wenn ich Bands einlade, kriege ich manchmal einen Rückruf: ‚Wir haben einen schwarzen Sänger, kann der überhaupt kommen?‘ Das Image haftet uns seit 1991 immer noch an. Damals konnte die Stadt nicht auf die Neonazis reagieren, alle waren überfordert und orientierungslos. Wie auch? Das ganze Land tat und tut sich schwer mit dem Thema.

Aber heute ist Hoyerswerda kein Symbol mehr für die kaputte Stadt. Sondern für einen Ort, an dem sich die Generationen begegnen und miteinander reden. Es gibt bei uns alle Jugendkulturen, sie sind aufgesplittert: ein paar Grufties, Punks, ein paar Hip-Hopper – und eine sehr gute Heavy-Metal-Band. In ihren Augen spielen sie zu selten, aber wenn sie spielen, dann ist der Saal voll. Es ist ganz natürlich, dass die Jugend dorthin abwandert, wo es eine Uni gibt: nach Dresden, Leipzig, Berlin. Aber dass man auch hier etwas schaffen kann, das muss zurück in die Köpfe. Die Schrumpfungsprozesse in Städten, die beobachten wir überall, in Hoyerswerda passiert bloß vieles früher!

Das Bedürfnis nach Geselligkeit hat in Hoyerswerda lange gefehlt, auch Kneipen hatten es schwer – die Schichtarbeiter waren immer müde. Langsam bricht das auf, jeder hier hat für sich eine Beschäftigung – es gibt über 100 aktive Vereine: Briefmarkensammler oder Taubenzüchter, immer um die 10 bis 20 Leute. Dass die sich untereinander auch mal begegnen, muss man planen: durch Straßenfeste, Spektakel, Theater, Liegestühle am Sonntag, auf der Wiese vor den Platten­bauten. Hier ist nichts fertig, die Stadt ist wie ein Labor. Warum sollte ich hier weggehen?

./resolveuid/65406954582383f23a0a410483f4dc1eRolf Kuhn, IBA-Geschäftsführer Lausitz

In Stuttgart baut man lauter neue Häuser, in Hoyerswerda reißt man sie ab. Nach der Wende wollte hier keiner was vom Schrumpfen hören, da ist ziemlich viel schief gelaufen. Nun entstehen auf den ehemaligen Kohlegruben neue künstliche Landschaften. Was da in der Lausitz-Region, um Städte wie Senftenberg und Hoyerswerda herum entsteht, ist heute Avantgarde.

Die Böden wurden aufgeschüttet, die Seen geflutet. Aus früheren Bergbaugeräten werden Brücken. Wir möchten das Seenland in seiner Herkunft belassen, aber veredeln. Der Wandel dieses Gebietes aber soll sichtbar sein, die Tradition des Tagebaus macht es einmalig. 50 Prozent der Westdeutschen waren noch nie im Osten, doch unser Lagunendorf „Klein-Venedig“ könnte sie locken. Sie können mit Kähnen durch die Kanäle scheppern oder von einem See zum anderen segeln. So ein Badestrand-Hafen, der würde Hoyerswerda auch gut tun. Der Tourismus-Markt könnte die Jugend anziehen.

Unser Wohnhafen Scado, das wird mal die Riviera der Lausitz. Früher hieß es bei den Bergar­beitern „Restloch Scado“. Aber die Region hat längst nicht mehr das Schmuddelimage: Im Dunklen kommen die Wölfe. Wir bieten nun sogar Wolfstourismus an.

Die schwimmenden Häuser auf den Seen waren meine Idee. Manche sind sogar schon vermietet. Ein Stuttgarter hat sie gebaut, es gibt auch einen Architekten in Hoyerswerda, der von den Auf­trägen profitieren könnte.

In Süddeutschland, Bayern oder Baden-Württemberg ist für solche neuen Landschaften gar kein Platz mehr. Dort ist alles zugebaut, da lässt einen keiner mehr auf den See. Hier entstehen in den Dörfern drumherum neue Siedlungen und Altersheime, früher gab es vor allem sehr viele Ledigenwohnheime für die Arbeiter. In Großräschen wird es demnächst auch ein 4-Sterne-­Hotel geben.

Das finde ich dann doch übertrieben: Ich hoffe, dass sie die Lausitzer Wirtshauskultur nicht sterben lassen, sondern weiter ausbauen. Ich bin ja selber in einem Dorf-Wirtshaus groß geworden, das meine Eltern betrieben haben.

Meine Kinder sind alle woanders hingezogen, aber sie haben mir zum Geburtstag ein Segelboot geschenkt, für einen unserer neuen Häfen.

17:00 17.03.2011
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 11

Avatar
krem-browning | Community
Avatar
Avatar
Avatar