Hier stinkt’s

Unbehagen Geschredderte Akten, DNA-Spuren, Scheinidentitäten: fünf offene Fragen rund um den NSU
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Richter Manfred Götzl (hinten) bei dem Prozess, der so viele Fragen offen gelassen hat

Foto: Marc Muller/Anadolu Agency/Getty Images

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Weshalb sind beim Verfassungsschutz und im Bundesinnenministerium unmittelbar nach dem Auffliegen des NSU ein halbes Jahr lang Akten vernichtet worden? Bis zu vier Dutzend V-Leute des Geheimdienstes waren vom Untertauchen des Trios an bis zum Ende der NSU-Mordserie 2007 im Umfeld der drei positioniert. Dennoch will der Verfassungsschutz mit Beginn der Mordserie im Jahr 2000 angeblich keine Informationen mehr über das Trio erhalten oder an das Innenministerium weitergegeben haben. Überprüfen lässt sich das wegen der geschredderten Akten, die nur zum Teil wiederhergestellt werden konnten, nicht mehr. Unklar bleibt die Rolle des hessischen Verfassungsschützers Andreas Temme, der sich zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé eben dort aufhielt, von der Tat aber angeblich nichts mitbekommen haben will.

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Haben ausschließlich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die NSU-Morde begangen? Dafür gibt es keine eindeutigen Beweise. Zwar wurden die Tatwaffen im Brandschutt ihrer Zwickauer Wohnung sichergestellt; ebenso weitere Asservate, die eine Verbindung des Trios zu den NSU-Taten nahelegen. Darunter ist auch eine Jogginghose, die Blutspuren von Michèle Kiesewetter aufwies, der 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin aus Thüringen. Das Spurenbild legt aber nahe, dass der Träger der Jogginghose nicht der Todesschütze gewesen sein kann, sondern weiter entfernt vom Tatort gestanden haben muss; das stützt einmal mehr den Verdacht, dass mehr Personen an diesem Mord beteiligt gewesen sein müssen als Mundlos und Böhnhardt. Zumal sich deren DNA-Spuren oder Fingerabdrücke rätselhafterweise weder in Heilbronn noch an den Tatwaffen und übrigen Tatorten nachweisen ließen.

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Warum endet die NSU-Mordserie im Jahr 2007? Dafür haben die Ermittler keine Erklärung. Auffallend ist allerdings, dass zur selben Zeit das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) seinen besten V-Mann in der sächsischen Neonaziszene, Ralf Marschner aus Zwickau, abschaltete; Marschner übersiedelte daraufhin in die Schweiz – womöglich mit finanzieller Unterstützung des Geheimdienstes. Er soll bis dahin in Zwickau nach glaubwürdigen Zeugenaussagen Umgang mit Beate Zschäpe gepflegt und zeitweise Uwe Mundlos in seiner Baufirma beschäftigt haben. Noch etwas fällt auf: Nach dem letzten Mord begann das NSU-Kerntrio damit, seinen Lebensstil zu ändern. Die drei zogen aus einem eher armen Altbauviertel in eine größere Wohnung in einem bürgerlichen Stadtteil von Zwickau um. Ihr Leben wurde aufwendiger, sie machten lange Urlaube, mieteten regelmäßig Wohnmobile und Pkw, fuhren teure Fahrräder. Sowohl im Wohngebiet als auch in den Urlauben suchten sie aktiv soziale Kontakte. An Urlaubsbekanntschaften schickten sie Fotos und Videos von sich, gaben ihnen Telefonnummer und Mailadressen. Sie führten kein Leben im Untergrund mehr, schienen sich sicher zu fühlen.

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Als Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 zum Banküberfall nach Eisenach fuhren, lagen in ihrem Wohnmobil eine große Geldsumme aus einem früheren Bankraub, die entwendeten Dienstwaffen vom Heilbronner Polizistenmord und NSU-Bekennervideos. Warum? Es ist schwer vorstellbar, dass eine Terrorgruppe, die fast 14 Jahre lang umsichtig ihr Leben im Untergrund tarnte, ohne Not solch ein Risiko eingeht. Denkbar wäre, dass Mundlos und Böhnhardt in den Tagen zuvor ein Versteck oder eine zweite geheime Wohnung geräumt haben, in der bis dahin Geld und Waffen lagerten. Dafür würde auch die große Zahl von Waffen sprechen, die zu dieser Zeit in der Zwickauer Wohnung lagen. Möglicherweise lagerten sie nur vorübergehend dort, denn es ist kaum anzunehmen, dass ein solch großes Arsenal einschließlich der Tatwaffen von zehn Morden ständig in der Wohnung vorgehalten wurde – immerhin gab das Trio jedes Jahr, wenn es wochenlang in den Urlaub fuhr, die Wohnungsschlüssel an ein fremdes Ehepaar ab, das die Katzen betreute. Eine andere Möglichkeit: Dem Trio wurden einige der Waffen von unbekannten Komplizen zur vorübergehenden Aufbewahrung übergeben.

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Hat der NSU weitere Mitglieder? Darauf, dass das Trio weitere Komplizen hatte, die bis heute unenttarnt sind, weisen nicht zuletzt Auffälligkeiten in ihrem Kommunikationsverkehr hin. So gingen auf einem der vom Trio bis zuletzt genutzten Handys zwischen Juni und November 2011 Kurznachrichten von sechs Telefonnummern ein, die durchweg unter einer Scheinidentität angemeldet waren. Inhaber dieser Handyverträge waren also Personen, die unter den jeweils angegebenen Daten wie Wohnanschrift und Geburtsdatum bei den Behörden nicht registriert sind. Bemerkenswert ist dabei zudem, dass diese SMS – deren Inhalt unbekannt ist – jeweils im letzten Drittel jedes Monats auf dem Handy des Trios eingingen und stets von einer anderen Nummer stammten. Weitere Anrufe oder SMS von diesen Nummern auf einen Telefonanschluss des Trios wurden nicht registriert. Waren diese regelmäßigen Kurznachrichten vielleicht Aufforderungen zur konspirativen Kontaktaufnahme mit Vertrauenspersonen des Trios?

06:00 25.07.2018

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