Jeroen Kuiper
09.04.2011 | 14:25 7

Hier will kein Finne hin

Atommacht Während Japan eine Nuklearkatastrophe durchstehen muss, baut der französische Konzern Areva auf Olkiluoto das mutmaßlich modernste Kernkraftwerk der Welt

In der abgelegenen Küstenregion im Westen Finnlands, führt eine asphaltierte Straße durch eine im März noch verschneite Kurt-Wallander-Landschaft. Raunende Strommasten säumen die Straßen, dazu Birken und endlose Kiefernwälder. Dann tauchen erste graue und grüne Holzbaracken auf, die Unterkünfte für Hunderte von Arbeitern, die am finnischen AKW Olkiluoto 3 (OL3) bauen. Ausgangs der Siedlung bietet eine Terrasse die idyllisch anmutende Aussicht auf die Reaktoren OL1 und OL2, die seit 1979 beziehungsweise 1982 Strom liefern, und das dahinter liegende Bottnische Meer. Schilf wiegt sich im gefrorenen Wasser hin und her.

„Unsere Industrie braucht den neuen Reaktor dringend“, meint Käthe Sarparanta, Sprecherin des finnischen Energiekonzerns TVO, während wir an der riesigen, 68 Meter hohen neuen Reaktorkuppel vorbeifahren. „Wir haben eine starke Metall- und Papierindustrie, die billigen Strom braucht, damit sie dem Rest Europas als Konkurrent Paroli bieten kann.“ Plötzlich tritt Sarparanta hart auf die Bremse, gerade noch im richtigen Moment: Wir sind fast von einem riesigen Bagger überrollt worden.

Hunderte Arbeiter in fluoreszierenden Westen und Helmen laufen durch den Schnee an der neuen Reaktorkuppel entlang, die so groß ist, dass mehrere Boeings 747 hineinpassen würden. Das Personal in Olkiluoto besteht aus Polen, Deutschen, Rumänen, Portugiesen, Franzosen und Finnen. Der Kernreaktor gehört zum Typ European Pressurised Reactor (EPR) und mit einer projektierten Leistung von 1.600 Megawatt zu den produktivsten der Welt.

Die geplanten Kosten liegen bei drei Milliarden Euro, doch werden die tatsächlichen Ausgaben vermutlich auf mehr als sechs Milliarden steigen. Sarparanta will nichts über den mit dem französischen Konzern Areva vereinbarten Preis sagen. „Wir haben damals einen Turn-Key-Vertrag geschlossen, über die finanziellen Konditionen aber nie etwas preisgegeben.“ Was nichts daran ändert, dass die Liaison zwischen TVO und Areva mittlerweile ein Auslaufmodell zu sein scheint. Der Auftragnehmer hat den finnischen Energiekonzern verklagt, sich an zusätzlichen Baukosten zu beteiligen. TVO wiederum belangt die Franzosen, weil sich das AKW-Projekt so massiv verzögert. „Jahrelang wurde nicht gebaut“, meint Sarparanta, „weil es so schwierig blieb, geeignete Leute zu finden.“ Ursprünglich sollte OL3 schon 2009 ans Netz gehen, wahrscheinlich wird das nun frühestens Ende 2013 passieren.

Der Grund, weshalb kaum Finnen in Olkiluoto arbeiten wollen, sei einleuchtend, meint in Helsinki Jehki Härkönen, Nuclear Campaigner für Greenpeace. „Die meisten betrachten Olkiluoto als Ort der Verbannung. Und wer lässt sich schon freiwillig in die Verbannung schicken?“ In seinem Büro ist das Besuchersofa mit Anti-Atomkraft-Plakaten bepflastert. Härkönen selbst empfängt in grünem Pullover mit Sicherheitsnadel im rechten Ohr. Weil die eigenen Landsleute nicht in Olkiluoto arbeiten wollten, werde der Bau des AKW teils durch billigere Osteuropäer übernommen. „Im vergangenen Jahr“, so Härkönen, „hat ein Journalist aus Warschau Interviews mit polnischen Mitarbeitern geführt. Was er dabei notierte, beunruhigt mich. Sie gaben zu Protokoll, Risse im Beton würden nur selten repariert, sondern einfach mit einer neuen Betonschicht übergossen. Die Polen sagten, sie seien auf Weisung ihrer Vorarbeiter so vorgegangen, damit Zeit gespart werde.“

Solche Episoden hinterlassen auch aus einem anderen Grunde einen bestürzenden Eindruck. „Sie behandeln uns fast wie Sklaven“, wird einer der Polen in jenem Bericht zitiert. „Viele der finnischen Vorarbeiter sprechen kein Englisch, einer war vor seiner Arbeit in Olkiluoto Viehzüchter. Aber das zählt nicht, das einzige, was zählt, ist die Arbeitsgeschwindigkeit. Und die ist manchmal zu hoch, um ein sicheres AKW zu bauen.“

Siemens interpretiert

Greenpeace Finnland zeichnet ein bizarres Stillleben der Situation, darauf fehlt es nicht an unerfahrenen Schweißern, Diebstählen auf der Baustelle und dem ganz allgemeinem Elend beim Bau von OL3. Laut Jehki Härkönen musste die finnische Atombehörde STUK schon mehr als 1.500 Unregelmäßigkeiten während der Bauphase registrieren. „Es geht hauptsächlich um Fehler beim Verschweißen der Kühlrohre von OL3. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich beim Bau dieses Kernkraftwerks auf polnische Arbeiter verlässt, die zu Hause vorzugsweise Fahrräder schweißen. Nur leider sind die Kühlrohre entscheidend für die Sicherheit des AKW. Hängt das einmal am Stromnetz, sind die Rohre nicht mehr zu erreichen ...“

Härkönen hat Zweifel an der Unabhängigkeit der STUK. „In Finnland kann man sich nur an der Universität von Aalto mit Atomenergie beschäftigen. Von den 20 Studenten, die dort jährlich ihr Studium absolvieren, arbeitet nachher die eine Hälfte in der Industrie, die andere bei der STUK. Natürlich treffen sie sich da wieder.“

Nicht nur aus den Interviews mit polnischen Arbeitern wird deutlich, dass während des Baus manipuliert wird. Auch ein interner Report der Firma Siemens, Hersteller der Turbine für das AKW, vom Sommer 2010 zeigt, dass viele Schweiß- und Reparaturarbeiten an der Anlage den geltenden Normen nicht genügen. „Die Epoxidharz-Schicht der Siemens-Kondensatoren bekam während der Installation massive Schäden. Die danach vorgenommenen Reparaturen erfüllten nicht die Standards von Siemens und mussten durch eine von Siemens zertifizierte Firma wiederholt werden“, ist dem internen Siemens-Bericht vom 1. Juni 2010 zu entnehmen.

Käthe Sarparanta, die Sprecherin von TVO, teilt die Bedenken hinsichtlich der Qualität der Arbeit nicht. „Die Mitarbeiter erhalten eine umfassende Sicherheitseinweisung, und sie müssen die Regeln einhalten.“ Die von Greenpeace dokumentierten Interviews will sie nicht kommentieren. „Ich kenne die Quellen nicht.“

Augenblicklich liefern in Finnland vier Kernreaktoren 28 Prozent des nationalen Strombedarfs. Wenn OL3 ans Netz geht, sind es fünf, doch wird auch das noch als unzureichend empfunden, so dass im Sommer 2010 eine Mehrheit des Parlaments für den Bau von zwei weiteren Reaktoren votierte. Die finnischen Grünen stimmten als Teil der Regierung zwar gegen derartige Pläne, zogen sich aber nicht zurück. Jehki Härkönen: „Es gab schon im voraus einen Deal, die Grünen stimmen gegen neue AKW, aber deswegen aus der Regierungskoalition ausscheren – das kommt nicht in Frage.“

Vor der Fukushima-Katastrophe hatte sich die finnische Industrie darauf verständigt, noch einen achten Atomreaktor zu brauchen. Dann würde der Anteil der Kernenergie an der finnischen Stromerzeugung die 50-Prozent-Marke übertreffen und das Land in Europa bei der Pro-Kopf-Produktion von Atomstrom auf Platz zwei hinter Frankreich rangieren.

Mehr als 5.000 Jahre

Wie will Greenpeace diesen Trend stoppen? Härkönen meint: „Am 17. April wählen wir ein neues Parlament. Obwohl die Atomindustrie immer erklärt hat, sie wolle die Kohlendioxid-Emissionen verringern helfen, geht es ihr in Wirklichkeit nur darum, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Seitdem unser Parlament 2003 beschlossen hat, neue Kernkraftwerke zu bauen, wurde durch den Staat nichts mehr in die Nutzung von Windenergie investiert, so dass Finnland bei den Erneuerbaren Energien im europäischen Vergleich klar abgefallen ist. Noch vor zehn Jahren gehörten wir zur Spitze.“

Trotz des Widerstandes von Greenpeace ist in der Region um Olkiluoto die Akzeptanz von Kernenergie hoch. „Wir haben versucht“, erzählt Härkönen, „eine Gruppe in der Stadt Rauma aufzubauen, 20 Kilometer von Olkiluoto entfernt – doch ohne Erfolg. Kein Wunder, denn für die Kommunen ringsherum ist das AKW eine Goldgrube. Sie erhalten jährlich Steuergelder in Millionenhöhe.“

Siina Vesterinen aus dem Fremdenverkehrsbüro in Rauma bestätigt diesen Eindruck. „Die meisten Einwohner haben kein Problem mit Olkiluoto, denn wir verdienen daran. Wegen der vielen Arbeiter und Besucher sind die Hotels oft ausgebucht. Es gibt einen polnischen Laden in der Stadt, wir haben französischsprachige Klassen in einer Schule. Touristen fragen oft, ob sie Olkiluoto besuchen können. Ich selbst war als Kind oft dort. Jeder aus der Gegend hat das AKW besucht.“

Kari Laatsonen, Verkäufer eines Fahrradladens in Rauma, ist weniger euphorisch. „Die Mehrheit der Finnen interessiert das AKW einen Scheiß. Solange sie abends vor der Glotze sitzen können, finden sie alles in Ordnung.“ Laatsonen wohnt noch bei seinen Eltern, entlang der E8, der Fernverkehrstraße nach Olkiluoto. „Als das AKW gebaut wurde, hat der TVO-Konzern meiner Mutter angeboten, ein Restaurant für die Mitarbeiter des Kraftwerkes zu eröffnen – sie könne jeden Tag mit mindestens 150 Gästen rechnen. Doch sie winkte ab, weil sie die Kernenergie nicht unterstützen wollte. Ich habe bis heute großen Respekt vor ihrer Entscheidung.“

Laatsonen meint noch, besonders bedenklich sei das vorgesehene Atommüll-Endlager in Onkalo, ebenfalls auf der Insel Olkiluoto gelegen. Ab 2020 soll dort hochradioaktiver Müll für immer unter der Erde gelagert werden. Bisher firmiert Onkalo offiziell als Forschungsstation, in der schwerer Atommüll aus insgesamt vier finnischen Reaktoren oberirdisch gelagert wird, bis eine endgültige Entscheidung über unterirdische Deponien getroffen ist. Timo Seppälä, Leiter von Posiva, der finnischen Atommüll-Behörde, hat eine sehr eigene Sicht auf die Abfälle der Kernkraft: „Die größten Probleme für die Menschheit sind Überbevölkerung und Klimawandel – der Atomabfall gehört nicht dazu. Es ärgert mich, wenn Leute so tun, als würde dieser Müll das Ende der Welt bedeuten.“

Seppälä zeigt den Einstieg zu einem kilometerlangen Tunnel, der bis zu einer Tiefe von 437 Metern unter der Erdoberfläche führt. Die Tunnelröhre wurde durch eine Granitschicht nach unten getrieben, an ihrem Scheitelpunkt werden künftig die tonnenschweren Kupferbehälter mit abgeschriebenen, hochradioaktiven Brennelementen in Bohrlöcher gesetzt. Dieses KBS-3-Verfahren, so Seppälä, sei eine sichere Methode, um die Abfälle wie in einem hermetischen Speicher zu deponieren. Die Gefahren blieben überschaubar. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Behälter schneller rosten, aber natürlich muss alles ganz genau beobachtet werden. Was die Strahlung betrifft, wird die sich in 500 Jahren so weit verringert haben, dass man die Behälter umarmen kann. Bei diesem Verfahren könnte man hochradioaktiven Abfall auch unter einer Wohnsiedlung in Helsinki endlagern.“

Der dänische Regisseur Michael Madsen wird Seppälä mit Sicherheit nicht zustimmen. 2010 drehte er in Onkalo den Dokumentarfilm Into Eternity, der eine düstere, fast philosophische Perspektive wählt, wenn er sich mit dem Thema Atommüll beschäftigt. „Wir wollen in Onkalo ein Atommülllager bauen, das über 100.000 Jahre standhalten muss“, sagt Madsen zu einer der Aussagen seines Werkes. „Aber noch nie hat der Mensch etwas gebaut, dass mehr als 5.000 Jahre Bestand hatte.“

Jeroen Kuiper hat sich zuletzt im Freitag vom 24. Februar mit dem Phänomen weltweit austrocknender Flüsse beschäftigt

Kommentare (7)

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fraus 09.04.2011 | 22:28

Mir wird immer wieder übel, wenn ich an dieses Projekt denke.

Um eine Vorstellung von der Größe dieses Atomwahnsinns zu bekommen, in dem 100 Tonnen (!!) Uranbrennstäbe rund um die Uhr strahlen, zeigen die Links Details zum ERP auf:

www.youtube.com/watch?v=NFFShoV5R44
(Beinhaltet die ZDF-Sendung: "Das verdrängte Risiko" , Machenschaften der Atomwirtschaft, u.a. EPR; die Dokumentation wurde am 18.03.11 um 1.00 Uhr gesendet und um 4.00 Uhr wiederholt- also beste Sendezeit ...)

www.youtube.com/watch?v=EzvBed-P-bc=related
www.youtube.com/watch?v=qFGeOPUM2M4=related
(Diese beiden Links erklären, wie Kernkraft funktioniert, Teil 2 zeigt bisherigen Bau und geplanten Aufbau des EPR´s.)

matti 10.04.2011 | 14:35

Einige Fakten im Artikel...
entsprechen nicht ganz der Wahrheit.

1. "In der abgelegenen Küstenregion im Westen Finnlands..". Olkiluoto liegt nicht in einer abgelegenen Gegend. Wäre das so, müsste man bei finnischen Orten immer von "abgelegen" sprechen. Das Land ist nun mal dünner besiedelt als Deutschland.

2. „Wir haben eine starke Metall- und Papierindustrie, die billigen Strom braucht, damit sie dem Rest Europas als Konkurrent Paroli bieten kann.“ Das stimmt nicht mehr. Die Karavane ist schon längst weitergezogen. 2005 stimmte das sicher noch. Heute gibt es weder eine starke Metallindustrie noch eine starke Papierindustrie. Selbst der Schiffbau ist so gut wie tot.

3. „Die meisten betrachten Olkiluoto als Ort der Verbannung. Und wer lässt sich schon freiwillig in die Verbannung schicken?“ Der Grund wird eher eine unangemessen schlechte Bezahlung sein, die nur für Polen, Esten etc. lukrativ scheint. Olkiluoto liegt sehr nahe an der Kleinstadt Rauma. Die ist nur 22 Strassen-km entfernt. In Finnland gilt alles als "in der Nähe", was im Umkreis von 100 km liegt. Von Verbannung kann also keine Rede sein.

4. "Die Tunnelröhre wurde durch eine Granitschicht nach unten getrieben,.."
Das ist keine Schicht, sondern es ist Granit bis ultimo. Das Lager halte ich selbst für absolut sicher. Eine bessere Stelle, direkt am Kraftwerk, kann ich mir nicht vorstellen.

In Finnland gibt es keine ernst zu nehmende Anti-AKW-Bewegung. Den normalen Finnen interessiert es absolut nicht, woher der Strom kommt, Hauptsache er kommt. Was in der Welt sonst noch passiert, interessiert den Normal-Finnen meist ebenso wenig.

In den Neunziger Jahren habe ich selbst zwei Mal in Olkiluoto gearbeitet (WZM-Reparatur). Die Arbeitsbedingungen waren erstklassig, allerdings musste man sich an heftige Sicherheitsvorkehrungen in Bezug auf den Strahlenschutz gewöhnen.

Ich halte den Artikel nicht für authentisch. Finnland ist kein gutes Beispiel für gefährlichen oder gar sorglosen Umgang mit Atomenergie. Er passt natürlich aber gut in den nach Fukushima neu belebten Anti-Atom-Hype.

Siru 10.04.2011 | 19:19

Dieser Artikel erinnert stark an den Spiegelbeitrag vor 15 Jahren, als man in etwa behauptete, die Finnen würden ihren gesamten Wald abroden bzw. ausdünnen.

Ich bin auch der Meinung, dass Sicherheitsanlagen an AKWs überprüft und Risiken neu eingeschätzt werden sollten. Vor allem sollte man darauf entsprechend reagieren und zwar nicht nur mit Worten.

Wer aber nun gerade bei Finnland anfängt, alles vom Polen bis zum Standort in Frage zu stellen, der tut das sicher auch nur wegen des Geldverdienens und nicht, um der Sache wirklich zu dienen.

1. Finnland ist das am wenigsten korrupteste Land in der EU. Schweissnachweise, Abnahmeprotokolle sind hier nicht käuflich zu erwerben. Die Beamten arbeiten wirklich zuverlässig und alle Prozesse sind auch für Aussenstehende nachvollziehbar. Der Beamte ist dem Volk rechenschaftspflichtig.
2. In Finnland werden Fehler gemacht, aber es wird auch darauf reagiert und es gibt diese Politik des Vertuschens nicht, da Hierarchien sehr flach sind.
3. In Finnland wird nicht geklaut. Das lernen auch Ausländer ganz schnell, dass es praktischer ist, wenn man seine Sachen so vorfindet, wie man sie irgendwo abgelegt oder vergessen hat.
4. Finnland ist sehr gross und dünn besiedelt. Olkiluoto ist wohl eher als "Ballungszentrrum" denn als Verbannungsort zu bezeichnen.
5. Ganz Finnland ist auf dem ältesten Granitblock Europas platziert. Der steht schon ein Paar Mill. Jahre und man kann wirklich sicher sein, dass er die nächsten 200 000 Jahre auch noch durchhält. Wenn das kein Endlager sein soll, dann weiss ich auch nicht, wo man es hinbauen sollte.

Es gäbe sicher vieles über AKWs zu berichten und auf Gefahren hinzuweisen. Emotionale Artikel helfen uns da nicht weiter

Frank Powers 10.04.2011 | 19:42

„Wir haben eine starke Metall- und Papierindustrie, die billigen Strom braucht, damit sie dem Rest Europas als Konkurrent Paroli bieten kann.“

Und genau hierin liegt der Urgrund des ganzen Irrsinns. "Billiger" Strom, Konkurrenz zu anderen, denen man "Paroli" bieten muss, und am Ende immer derselbe, wohlbekannte Götze, "PROFIT"...
An und in der westlichen "Zivilisation" ist vieles geistesgestört, nicht nur die Stromerzeugung, das Wirtschaftssystem oder die grundlegenden Werte, die uns vorgebetet werden...

Tuntematon 10.04.2011 | 20:28

Reißerische Überschrift und nichts dahinter. Da will kein Finne hin? Weil AKWs gefährlich sind? Nein, weil Olkiluoto so ein abgelegenes Kaff ist. Die Polen wurden geholt, weil Finnen dort nicht arbeiten wollen? Ganz bestimmt nicht. Sie wurden geholt, weil sie billiger sind. Die Gewerkschaft hat bereits gefordert, dass beim Bau des nächsten AKWs deutlich mehr Finnen beschäftigt werden müssten. Offensichtlich gibt es keinen Mangel an arbeitswilligen Finnen.

Was Greenpeace betrifft, so haben die sich von den Polen das Blaue vom Himmer herunter lügen lassen. Verständlich, dass die Polen sich für ihre Arbeitsbedingungen rächen wollten, verständlich, dass Greenpeacer gern das geglaubt haben, was sie hören wollten. Trotzdem freut es mich, dass ich an dieser Stelle einiges richtig stellen kann.

Warum diese Aufregung wegen der vielen Fehler? Fehler passieren überall, das ist ganz normal. Und selbstverständlich wurden diese Fehler nicht nur registriert. Entweder sie wurden repariert, oder es wurde ein Gutachten erstellt, dass auf eine Reparatur verzichtet werden kann. Bestes Beispiel im Artikel: die Kondensatoren bei Siemens. Es ist falsch zu sagen "die Arbeiten entsprachen nicht den Normen", wenn die Arbeiten anschließend durch eine qualifizierte Firma wiederholt wurden und dann den Normen entsprachen. Ein reparierter Fehler ist kein Fehler mehr!

Dass etwas heimlich ohne Genehmigung betoniert wurde, ist nur in Ausnahmefällen und nur bei unkritischen Gebäuden vorgekommen. Alles andere ist eine Lüge. Alles, was betoniert werden sollte, wurde vorher von allen Beteiligten inspiziert und abgesegnet, und falls erforderlich, erst nach Beseitigung von Fehlern.

Ein einfacher polnischer Arbeiter kann überhaupt nicht beurteilen, ob Risse im Beton kritisch für die Stabilität sind oder nicht. Dies gilt auch für die bei Greenpeace erwähnten weggelassenen Bewehrungseisen in der Kuppel. Diese Eisen wurden aus gutem Grund weggelassen. Selbstverständlich wurde genau nachgewiesen, dass die Kuppel auch ohne diese Eisen ihre erforderliche Stabilität hat, und dieser Nachweis wurde von TVO und STUK abgesegnet. Das können die Arbeiter natürlich nicht wissen.

Was die Sprachkenntnisse betrifft, da kann ich nur den Kopf schütteln. Wozu soll ein Vorarbeiter denn bitte englisch sprechen, wenn die Arbeiter selbst auch kein englisch können? Einige der Arbeiter hatten auch mal in Deutschland gearbeitet und sprachen etwas deutsch. Die Vorarbeiter waren meist Polen (von Portugiesen, wie bei Greenpeace behauptet, habe ich nie etwas gehört), und unter den Bauleitern gab es genug Leute, die sich mit den Vorarbeitern auf deutsch verständigen konnten. Später stellte die Baufirma sogar polnische Bauleiter ein. Auch der bei Greenpeace erwähnte Hass zwischen deutschen Ingenieuren und polnischen Arbeiter ist ein Märchen. Es gab durchaus eine gewisse direkte Kommunikation zwecks schneller Fehlervermeidung oder -beseitigung, und zwar in beide Richtungen.

Ich will nichts beschönigen - selbstverständlich gab es Druck. Die Polen arbeiteten in Wechselschichten rund um die Uhr, auch am Wochenende. Und wenn ein Problem auftrat, dann konnten sie nicht nach Hause gehen und abwarten, welche Lösung die Ingenieure am Montag präsentieren würden. Da wurde dann einfach improvisiert und auch oft gepfuscht. Aber am Montag wurde dann jeder einzelne Pfusch entdeckt, dokumentiert, analysiert, begutachtet und repariert.

Aber so ist das mit der Wahrheit. Einfach ein paar Details verschweigen, und der Rest sieht so aus, wie man es haben will.

jeeves3 10.04.2011 | 21:56

Tja, nun bin ich "so schlau als wie zuvor."

Was stimmt denn nun? Der Artikel? Die Berichtigungen?
Sind die Berichtigungen (alle) "echt" - oder nur von "interessierter" Stelle?
Oder ist nur einiges ungenau formuliert?
.
Vielleicht sollte der Artikel noch einmal "richtig" geschrieben werden? Und Kommentatoren die das Gegenteil behaupten, sollten glaubhaft darlegen, WER sie sind, welche Interessen sie vertreten.
.
Denn: Wem soll ich glauben?
.

Deutsch-Finne 20.04.2011 | 10:37

Ich weiss nich woher Jeroen Kuiper oder insbesondere Härkönen ihre Informationen haben, aber einiges ist ja wohl mehr als an den Haaren herbeigezogen. Ich wohne seit über 20 Jahren hier in dieser "abgelegenen" Küstenregion und arbeite seit 5 Jahren auf OL3. Jedoch: diese Küstenregion hier ist alles andere als "abgelegen". Auch säumen keine raunenden Strommasten die Strasse. Die stehen weit weg von der Strasse. Die erwähnte Terrasse Ausgangs der Siedlung muss der Autor oder Härkönen wohl geträumt haben, die gibt es nämlich nicht. Es gibt eine im TVO-Besucherzentrum, aber mit Sicherheit nicht in der Siedlung. Ausserdem Sind das keine Baracken sondern Unterkünfte welche eigens für die Arbeiter auf OL3 NEU errichtet wurden.

Wo tritt Käthe Sarparanta auf die Bremse? Ich gleube doch eher der Busfahrer. Ich kenne Frau Sarparanta und sie fährt nie eine Besucherbus selber. Ich glaube zudem kaum, dass sie eine Busführerschein hat.

Woher hat Härkönen die Info, dass die eigenen Landsleute hier nicht arbeiten wollen? Natürlich wollen die, aber in Finnlad mit seinen etwa 5 Mio Einwohnern gibt es einfach nicht genug Fachkräfte.

Das Olkiluoto ein Ort der Verbannung ist, ist mir neu. Wer behauptet den sowas???

Das Risse im Beton nicht repariert sondern nur mit einer neuen Betonschicht übergossen werden stimmt ABSOLUT NICHT. Das ist eine rein erfundene Aussage. Da hätte sich die finnische Strahlenschutzzentrale STUK schon längst eingeschaltet. Aber klar hat Härkönen Zweifel an der Unabhängigkeit von STUK. Das muss er als Greenpeacer ja auch. Ich kenne STUCK und die sind päpstlicher als der Papst selber.

Selbstverständlich werden hier und da Fehler gemacht, aber das heisst ja nicht, dass die bei STUK nur registriert werden und dann nichts mehr geschieht. Die Fehler werden behoben und dann von STUK die Korrektur auf Herz und Nieren geprüft. STUK würde nie etwas freigenwn, was auch nur den geringsten Zweifel an Sicherheit aufkommen liesse.

Es gibt natürlich hier Leute welche nicht fliessend Englisch sprechen. Das ist ganz natürlich bei etwa 3500 Personen auf der Baustelle. Der Eine spricht besser, der Andere nicht. Aber dass hier Viehzüchter als Vorarbeiter eingestellt werden ist absolut UNMÖGLICH. Es kann sein als Arbeiter in der Reingungstruppe, aber nicht als Vorarbeiter.

Im Artikel klingt es so, als käme der polnische Schweisser direkt aus seiner Fahrradwerkstatt nach Olkiluoto und fängt dort mal ganz einfach an Rohre zu verschweissen. Woher habt Ihr diesen Quatsch? JEDER, aber auch JEDER Schweisser ist eine Fachkraft und ohne gültige Schweisserprüfung mit Zeugnis hat er überhaupt keine Chance hier auch nur irgendwas zu schweissen. Zudem gibt es viele verschiednen Klassen von Schweisserzeugnissen und der Schweisser darf nur das Schweissen wofür er seine gültigen Zeugnisse hat. Diese Zeugnisse haben nur eine begrenzte Gültigkeitsdauer und müssen in regemässigen Abständen erneuert werden. Das heisst mit theoretischer und praktischer Prüfung bei einer staatlich zugelassenen Institution.

Jede einzelne Schweissnaht wird zudem überprüft, grösstenteils sogar mit Röntgen. Dann werden an jedem einzelnen Rohr noch Drucktests durchgeführt.

Das diese Rohre nicht mehr zu erreichen sein sollen wenn das Werk erst mal am Netz hängt ist Blödsinn. Hier handelt es sich nicht um den Bau eines Einfamilienhauses wo die Rohre unter Putz liegen. Hier sind alle Rohre zu erreichen und werden es auch in Zukunft bleiben.

Zum Endlager: Das wird in 500m Tiefe IM GRANIT sein und nicht durch eine Granitschicht durch in irgendeine andere darunterliegende. Die Brennstäbe kommen in Kupferkapseln die verschweisst werden und diese widerrum in einen anderen Behälter und dieser wird dann im Granit versenkt und mit Beton vergossen. Im allgemeinen benötigt Korrosion Sauerstoff und dieser ist da wohl kaum gegeben wenn die versiegelt sind. Von Rost kann hier also keine Rede sein. Da hat wol der Autor in der Schule im Chemieunterricht nicht ganz aufgepasst. Im übrigen: KUPFER ROSTET NICHT! (hups ....)
Im Gegensatz zu Fukushima, wo sich 4 (oder5?) Kontinentalplatten treffen, ist Finnland äusserst Erdbebensicher. Das Endlager wird also absolut sicher sein.

Alternative Enrgie: Ein Windrad erzeugt im Schnitt vielleicht 2 MW/h. Um OL3 zu ersetzen müssten also 800 (!) WIndräder gebaut werden. Wohin bitte? Gezeitenkraftwerke können nicht gebaut werden, da es in der Ostsee keine Gezeiten gibt. Finnland hat zwar viele Seen, aber keine Höhen und Täler. Stauseen zu bauen wäre also unwirtschaftlich. Ausserdem wäre da schnell der Greenpeace Teil aktiv welchewr sich um "dickbauchige Wendelschnecken" oder sowas Sorgen machen würde, genauso wie bei Windrädern. Da könnten ja Vögelchen gegenfliegen. Kohlekraftwerde: Jou....da hätten wir ja was feines was da aus den Schornsteinen käme. Biokraftwerke? Soviel Kuh- und Schweinemist gibt es in ganz Finnland nicht um diese lohnenswert zu machen. Sonnenenergie: lohnt sich viellecht bei Sommerhäusern, aber nicht zur wirtschaftlichen Energiegewinnung. Im Winter ist es hier im Süden nur 6 Stunden hell und die Sonne meist hinter den Wolken.
Zudem: lieber habe ich AKW's hier vor der Türe von denen ich weiss, das sie die zu den sichersten der Welt gehören (wenn nicht sogar die sichersten der Welt sind), als dass ein paar hunder Kilometer weiter östlich jenseits der Grenze einge gebaut werden wo ich mir deren Sicherheit nicht so bewusst bin.

Abschliessend noch zu Laatsosens Mutter: sie war dumm, dass sie das Restaurant (die Kantine) nicht eröffnet hat. Jetzt macht es ein anderer und verdient sich reich dabei - mit etwa 2000 zu Mittag essenden Arbeitern täglich.