Hier will kein Finne hin

Atommacht Während Japan eine Nuklearkatastrophe durchstehen muss, baut der französische Konzern Areva auf Olkiluoto das mutmaßlich modernste Kernkraftwerk der Welt

In der abgelegenen Küstenregion im Westen Finnlands, führt eine asphaltierte Straße durch eine im März noch verschneite Kurt-Wallander-Landschaft. Raunende Strommasten säumen die Straßen, dazu Birken und endlose Kiefernwälder. Dann tauchen erste graue und grüne Holzbaracken auf, die Unterkünfte für Hunderte von Arbeitern, die am finnischen AKW Olkiluoto 3 (OL3) bauen. Ausgangs der Siedlung bietet eine Terrasse die idyllisch anmutende Aussicht auf die Reaktoren OL1 und OL2, die seit 1979 beziehungsweise 1982 Strom liefern, und das dahinter liegende Bottnische Meer. Schilf wiegt sich im gefrorenen Wasser hin und her.

„Unsere Industrie braucht den neuen Reaktor dringend“, meint Käthe Sarparanta, Sprecherin des finnischen Energiekonzerns TVO, während wir an der riesigen, 68 Meter hohen neuen Reaktorkuppel vorbeifahren. „Wir haben eine starke Metall- und Papierindustrie, die billigen Strom braucht, damit sie dem Rest Europas als Konkurrent Paroli bieten kann.“ Plötzlich tritt Sarparanta hart auf die Bremse, gerade noch im richtigen Moment: Wir sind fast von einem riesigen Bagger überrollt worden.

Hunderte Arbeiter in fluoreszierenden Westen und Helmen laufen durch den Schnee an der neuen Reaktorkuppel entlang, die so groß ist, dass mehrere Boeings 747 hineinpassen würden. Das Personal in Olkiluoto besteht aus Polen, Deutschen, Rumänen, Portugiesen, Franzosen und Finnen. Der Kernreaktor gehört zum Typ European Pressurised Reactor (EPR) und mit einer projektierten Leistung von 1.600 Megawatt zu den produktivsten der Welt.

Die geplanten Kosten liegen bei drei Milliarden Euro, doch werden die tatsächlichen Ausgaben vermutlich auf mehr als sechs Milliarden steigen. Sarparanta will nichts über den mit dem französischen Konzern Areva vereinbarten Preis sagen. „Wir haben damals einen Turn-Key-Vertrag geschlossen, über die finanziellen Konditionen aber nie etwas preisgegeben.“ Was nichts daran ändert, dass die Liaison zwischen TVO und Areva mittlerweile ein Auslaufmodell zu sein scheint. Der Auftragnehmer hat den finnischen Energiekonzern verklagt, sich an zusätzlichen Baukosten zu beteiligen. TVO wiederum belangt die Franzosen, weil sich das AKW-Projekt so massiv verzögert. „Jahrelang wurde nicht gebaut“, meint Sarparanta, „weil es so schwierig blieb, geeignete Leute zu finden.“ Ursprünglich sollte OL3 schon 2009 ans Netz gehen, wahrscheinlich wird das nun frühestens Ende 2013 passieren.

Der Grund, weshalb kaum Finnen in Olkiluoto arbeiten wollen, sei einleuchtend, meint in Helsinki Jehki Härkönen, Nuclear Campaigner für Greenpeace. „Die meisten betrachten Olkiluoto als Ort der Verbannung. Und wer lässt sich schon freiwillig in die Verbannung schicken?“ In seinem Büro ist das Besuchersofa mit Anti-Atomkraft-Plakaten bepflastert. Härkönen selbst empfängt in grünem Pullover mit Sicherheitsnadel im rechten Ohr. Weil die eigenen Landsleute nicht in Olkiluoto arbeiten wollten, werde der Bau des AKW teils durch billigere Osteuropäer übernommen. „Im vergangenen Jahr“, so Härkönen, „hat ein Journalist aus Warschau Interviews mit polnischen Mitarbeitern geführt. Was er dabei notierte, beunruhigt mich. Sie gaben zu Protokoll, Risse im Beton würden nur selten repariert, sondern einfach mit einer neuen Betonschicht übergossen. Die Polen sagten, sie seien auf Weisung ihrer Vorarbeiter so vorgegangen, damit Zeit gespart werde.“

Solche Episoden hinterlassen auch aus einem anderen Grunde einen bestürzenden Eindruck. „Sie behandeln uns fast wie Sklaven“, wird einer der Polen in jenem Bericht zitiert. „Viele der finnischen Vorarbeiter sprechen kein Englisch, einer war vor seiner Arbeit in Olkiluoto Viehzüchter. Aber das zählt nicht, das einzige, was zählt, ist die Arbeitsgeschwindigkeit. Und die ist manchmal zu hoch, um ein sicheres AKW zu bauen.“

Siemens interpretiert

Greenpeace Finnland zeichnet ein bizarres Stillleben der Situation, darauf fehlt es nicht an unerfahrenen Schweißern, Diebstählen auf der Baustelle und dem ganz allgemeinem Elend beim Bau von OL3. Laut Jehki Härkönen musste die finnische Atombehörde STUK schon mehr als 1.500 Unregelmäßigkeiten während der Bauphase registrieren. „Es geht hauptsächlich um Fehler beim Verschweißen der Kühlrohre von OL3. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man sich beim Bau dieses Kernkraftwerks auf polnische Arbeiter verlässt, die zu Hause vorzugsweise Fahrräder schweißen. Nur leider sind die Kühlrohre entscheidend für die Sicherheit des AKW. Hängt das einmal am Stromnetz, sind die Rohre nicht mehr zu erreichen ...“

Härkönen hat Zweifel an der Unabhängigkeit der STUK. „In Finnland kann man sich nur an der Universität von Aalto mit Atomenergie beschäftigen. Von den 20 Studenten, die dort jährlich ihr Studium absolvieren, arbeitet nachher die eine Hälfte in der Industrie, die andere bei der STUK. Natürlich treffen sie sich da wieder.“

Nicht nur aus den Interviews mit polnischen Arbeitern wird deutlich, dass während des Baus manipuliert wird. Auch ein interner Report der Firma Siemens, Hersteller der Turbine für das AKW, vom Sommer 2010 zeigt, dass viele Schweiß- und Reparaturarbeiten an der Anlage den geltenden Normen nicht genügen. „Die Epoxidharz-Schicht der Siemens-Kondensatoren bekam während der Installation massive Schäden. Die danach vorgenommenen Reparaturen erfüllten nicht die Standards von Siemens und mussten durch eine von Siemens zertifizierte Firma wiederholt werden“, ist dem internen Siemens-Bericht vom 1. Juni 2010 zu entnehmen.

Käthe Sarparanta, die Sprecherin von TVO, teilt die Bedenken hinsichtlich der Qualität der Arbeit nicht. „Die Mitarbeiter erhalten eine umfassende Sicherheitseinweisung, und sie müssen die Regeln einhalten.“ Die von Greenpeace dokumentierten Interviews will sie nicht kommentieren. „Ich kenne die Quellen nicht.“

Augenblicklich liefern in Finnland vier Kernreaktoren 28 Prozent des nationalen Strombedarfs. Wenn OL3 ans Netz geht, sind es fünf, doch wird auch das noch als unzureichend empfunden, so dass im Sommer 2010 eine Mehrheit des Parlaments für den Bau von zwei weiteren Reaktoren votierte. Die finnischen Grünen stimmten als Teil der Regierung zwar gegen derartige Pläne, zogen sich aber nicht zurück. Jehki Härkönen: „Es gab schon im voraus einen Deal, die Grünen stimmen gegen neue AKW, aber deswegen aus der Regierungskoalition ausscheren – das kommt nicht in Frage.“

Vor der Fukushima-Katastrophe hatte sich die finnische Industrie darauf verständigt, noch einen achten Atomreaktor zu brauchen. Dann würde der Anteil der Kernenergie an der finnischen Stromerzeugung die 50-Prozent-Marke übertreffen und das Land in Europa bei der Pro-Kopf-Produktion von Atomstrom auf Platz zwei hinter Frankreich rangieren.

Mehr als 5.000 Jahre

Wie will Greenpeace diesen Trend stoppen? Härkönen meint: „Am 17. April wählen wir ein neues Parlament. Obwohl die Atomindustrie immer erklärt hat, sie wolle die Kohlendioxid-Emissionen verringern helfen, geht es ihr in Wirklichkeit nur darum, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Seitdem unser Parlament 2003 beschlossen hat, neue Kernkraftwerke zu bauen, wurde durch den Staat nichts mehr in die Nutzung von Windenergie investiert, so dass Finnland bei den Erneuerbaren Energien im europäischen Vergleich klar abgefallen ist. Noch vor zehn Jahren gehörten wir zur Spitze.“

Trotz des Widerstandes von Greenpeace ist in der Region um Olkiluoto die Akzeptanz von Kernenergie hoch. „Wir haben versucht“, erzählt Härkönen, „eine Gruppe in der Stadt Rauma aufzubauen, 20 Kilometer von Olkiluoto entfernt – doch ohne Erfolg. Kein Wunder, denn für die Kommunen ringsherum ist das AKW eine Goldgrube. Sie erhalten jährlich Steuergelder in Millionenhöhe.“

Siina Vesterinen aus dem Fremdenverkehrsbüro in Rauma bestätigt diesen Eindruck. „Die meisten Einwohner haben kein Problem mit Olkiluoto, denn wir verdienen daran. Wegen der vielen Arbeiter und Besucher sind die Hotels oft ausgebucht. Es gibt einen polnischen Laden in der Stadt, wir haben französischsprachige Klassen in einer Schule. Touristen fragen oft, ob sie Olkiluoto besuchen können. Ich selbst war als Kind oft dort. Jeder aus der Gegend hat das AKW besucht.“

Kari Laatsonen, Verkäufer eines Fahrradladens in Rauma, ist weniger euphorisch. „Die Mehrheit der Finnen interessiert das AKW einen Scheiß. Solange sie abends vor der Glotze sitzen können, finden sie alles in Ordnung.“ Laatsonen wohnt noch bei seinen Eltern, entlang der E8, der Fernverkehrstraße nach Olkiluoto. „Als das AKW gebaut wurde, hat der TVO-Konzern meiner Mutter angeboten, ein Restaurant für die Mitarbeiter des Kraftwerkes zu eröffnen – sie könne jeden Tag mit mindestens 150 Gästen rechnen. Doch sie winkte ab, weil sie die Kernenergie nicht unterstützen wollte. Ich habe bis heute großen Respekt vor ihrer Entscheidung.“

Laatsonen meint noch, besonders bedenklich sei das vorgesehene Atommüll-Endlager in Onkalo, ebenfalls auf der Insel Olkiluoto gelegen. Ab 2020 soll dort hochradioaktiver Müll für immer unter der Erde gelagert werden. Bisher firmiert Onkalo offiziell als Forschungsstation, in der schwerer Atommüll aus insgesamt vier finnischen Reaktoren oberirdisch gelagert wird, bis eine endgültige Entscheidung über unterirdische Deponien getroffen ist. Timo Seppälä, Leiter von Posiva, der finnischen Atommüll-Behörde, hat eine sehr eigene Sicht auf die Abfälle der Kernkraft: „Die größten Probleme für die Menschheit sind Überbevölkerung und Klimawandel – der Atomabfall gehört nicht dazu. Es ärgert mich, wenn Leute so tun, als würde dieser Müll das Ende der Welt bedeuten.“

Seppälä zeigt den Einstieg zu einem kilometerlangen Tunnel, der bis zu einer Tiefe von 437 Metern unter der Erdoberfläche führt. Die Tunnelröhre wurde durch eine Granitschicht nach unten getrieben, an ihrem Scheitelpunkt werden künftig die tonnenschweren Kupferbehälter mit abgeschriebenen, hochradioaktiven Brennelementen in Bohrlöcher gesetzt. Dieses KBS-3-Verfahren, so Seppälä, sei eine sichere Methode, um die Abfälle wie in einem hermetischen Speicher zu deponieren. Die Gefahren blieben überschaubar. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Behälter schneller rosten, aber natürlich muss alles ganz genau beobachtet werden. Was die Strahlung betrifft, wird die sich in 500 Jahren so weit verringert haben, dass man die Behälter umarmen kann. Bei diesem Verfahren könnte man hochradioaktiven Abfall auch unter einer Wohnsiedlung in Helsinki endlagern.“

Der dänische Regisseur Michael Madsen wird Seppälä mit Sicherheit nicht zustimmen. 2010 drehte er in Onkalo den Dokumentarfilm Into Eternity, der eine düstere, fast philosophische Perspektive wählt, wenn er sich mit dem Thema Atommüll beschäftigt. „Wir wollen in Onkalo ein Atommülllager bauen, das über 100.000 Jahre standhalten muss“, sagt Madsen zu einer der Aussagen seines Werkes. „Aber noch nie hat der Mensch etwas gebaut, dass mehr als 5.000 Jahre Bestand hatte.“

Jeroen Kuiper hat sich zuletzt im Freitag vom 24. Februar mit dem Phänomen weltweit austrocknender Flüsse beschäftigt

14:25 09.04.2011

Kommentare 7

Avatar
fraus | Community