Conrad Lluis Martell
Ausgabe 1317 | 12.04.2017 | 06:00

Hier wird trainiert

Sport 500.000 Leute klettern regelmäßig in Deutschland, in Europa sind es drei Millionen. Unser Autor kennt das Lebensgefühl

Es geschah plötzlich. Das unerwartete Abrutschen, der wuchtige Aufprall auf den harten Stein. Eine Ironie des Schicksals, dass mein Kletterunfall nicht draußen am Fels, sondern in urbaner Umgebung geschah, ausgerechnet am Tag nach der Rückkehr von einer Hochtour in den Pyrenäen. Ich war von zwei Metern rücklings gefallen und hatte mir dabei Brüche unterhalb der Handgelenke zugezogen. Der ärztliche Rat: Ruhe. Mindestens drei Monate sollte ich meine Hände so wenig wie möglich belasten. Der Verzicht auf Computer und Hausarbeit war überhaupt kein Problem. Aber monatelang pausieren, die Kondition verlieren? Lächerliche, ja privilegierte Sorgen, doch dass ein Hobby zur Leidenschaft wird, für manchen in der Prioritätenliste gleichauf mit (oder höher als) Lohnarbeit, Ausbildung, Paarbeziehung oder Familie rangiert, geschieht erstaunlich oft.

Heutzutage haben sich die stabilen Identitäten von einst verflüssigt. Es genügt nicht mehr, sich als Arbeiterin, Familienvater oder Mutter, Student oder gutsituierte Bürgerin zu identifizieren, der Mensch braucht mehr. Manche machen den Fußballklub zum Lebenszweck, andere küren einen nachhaltigen Lebensstil zum Fetisch, wieder andere steigern sich in Beruf und Karriere hinein – und einige geben sich dem Klettern hin. Der Sport boomt. In jeder mittelgroßen Stadt steht eine Kletterhalle, in Metropolen wie Berlin Dutzende, in Deutschland insgesamt stehen um die 500 Hallen. Dem Deutschen Alpenverein (DAV) zufolge kraxelten 2016 in der Bundesrepublik mehr als 500.000 Menschen – in ganz Europa drei Millionen. Vom Kindes- bis zum Seniorenalter praktiziert, Klettern steigt zum Volkssport auf.

Massentourismus

Als Deutschspanier, der nach langer Studienzeit in Deutschland und der Schweiz seit 2013 wieder in seiner Heimatstadt Barcelona lebt, kenne ich das Klettern in zwei Facetten. Einerseits Deutschland mit den durchgestylten Kletterhallen und ihren Rundum-Fitness- und Wellnesspaketen. Hier zeigt jeder, was er oder sie kann, vom tätowierten Muskelpaket über den schmächtigen Studenten, der an ersten Bewegungen werkelt, hin zur vierköpfigen Familie in voller Outdoormontur. Andererseits Spanien. Hier geht es wilder zu, die zentrale Spielwiese ist weniger die Halle als vielmehr der Fels. Sei’s im Sportklettern (Kletterei über eine Seillänge, zwischen 10 und 50 Meter in die Höhe), in Mehrseillängen (Routen über hunderte Meter, die oft mit Gipfelbesteigungen enden, zuweilen selbst abgesichert werden müssen) oder im Bouldern (kurze, intensive Bewegungen an meterhöhen Felsblöcken, ganz ohne Seil) – gerade an Wochenenden und in Ferienzeiten sind viele Gebiete regelrecht überlaufen. Denn Spanien ist seit Ende der 1990er ein internationales Klettermekka geworden. Gerade in der kalten Jahreszeit kommen Besucher aus aller Welt. Sonne und Fels finden sich in Spanien reichlich, anders als in Deutschland, wo Klima und Geografie (und Reglementierungen) das Felsklettern nicht immer und überall erlauben. Dazu die riesige Infrastruktur: eingerichtete Routen en masse, englischsprachige Führer, ein breites Netz an Hütten, Campingplätzen und Apartments. Klettern in Spanien ist zum touristischen Massenziel avanciert.

Besonders Hotspots wie Siurana und Margalef (beide in Katalonien), Rodellar (Aragon) oder El Chorro (Andalusien) erleben eine Vermassung. Zuweilen muss man anstehen, um an manche Routen zu können, am Fels tummeln sich die Seilschaften, am Boden häuft sich der Müll. Ruhige Naturerfahrung, wie sie einst für den traditionellen Bergsport zentral war? Sie ist für viele nicht mehr zentral. Ich denke an Freunde, die für das Klettern leben. Für sie ist der Job ein notwendiges Mittel, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Unter der Woche Training, an den Wochenenden und in den Ferien – also an so gut wie jedem arbeits- und regenfreien Tag im Jahr – raus an den Fels. Mehr als bloß Naturverbundenheit, dreht sich für sie alles um das Freiheitsgefühl der Klettererfahrung am Fels. Und das vereinnahmt: zeitlich, körperlich und mental.

Das moderne Klettern basiert auf der Grundidee des „Rotpunkts“, die 1975 vom Bergsteiger Kurt Albert eingeführt wurde und ab den 1990ern den Boom des Sportkletterns einleitete: Eine Route ist erst dann erfolgreich begangen, wenn sie ohne technische Hilfsmittel und ohne Rast am Seil durchgestiegen wird. Wem das gelingt, dem ist der Durchstieg geglückt, der hat den Rotpunkt geschafft. Eine einfache Idee, eine harte Nuss in der Praxis. Wer einmal Routen in einem gewissen Grad durchsteigt, sehnt sich bald danach, die nächste und bald wieder die nächste Schwierigkeitsstufe zu erreichen. Wofür anfangs gelegentliche Felsausflüge oder vereinzelte Sessions in der Halle reichen, bedarf es bald des regelmäßigen Trainings, des gezielten Feilens an Stärken und Schwächen, an wachsender Zeit- und Energieinvestition.

Selbstoptimierung

Mit dem Rotpunkt zog auch die neoliberale Aufforderung zur ständigen Selbstoptimierung und Perfektionierung in den Bergsport ein, so ließe es sich soziologisch wenden. Zugleich wird der Vollkörpereinsatz mit Erfahrungen belohnt, die anderswo rar sind: Spannung, Adrenalin, der Flow der Bewegungen, die Euphorie des erfolgreichen Rotpunkts.

Das Klettern zeichnet sich durch seine Intensität aus. Wie viele andere sehne ich mich nach jenen Augenblicken, in denen sich der letzte Haken entfernt, sich eine harte Zugabfolge ankündigt, der Puls schneller schlägt, bis endlich die Entscheidung fällt: Ich probiere es, trotz Angst. Solche Begehungen am Limit sind Voraussetzung für jede Verbesserung. Sie fordern dazu auf, sich auf einen Versuch mit ungewissem Ausgang einzulassen: Fallen oder Schaffen, das ist beim Klettern die Frage, die sich wieder und wieder stellt. Zu dieser Grenzerfahrung hege ich eine Hassliebe. An sich bin ich eher ein Kopftyp, der tausendfach Entscheidungen durchdenkt, Dinge hin und her wälzt. Zudem hatte ich schon immer mit Ängsten zu kämpfen. In meiner Kindheit war ich Mitglied in der Jugendgruppe eines katalanischen Wandervereins. Die Berge begeisterten mich (sie tun es bis heute), doch vorm Klettern empfand ich große Angst. Angesetzte Höhen mied ich beinahe panisch, manchmal stellte ich mich krank, um bei Kletterausflügen nicht mitzukraxeln. Dass ich später zum Kletterer wurde, hing mit dem Willen zusammen, die alten Ängste zu überwinden, oder mich zumindest so lange an ihnen zu reiben, bis sie abgeschliffen waren. „Beim Klettern ist der Kopf der stärkste Muskel“, so das Credo der Kletterlegende Wolfgang Güllich, das auch ich mir zu eigen machte. Ein Freund meinte einmal, das Klettern könne eine Therapie ersetzen. Tatsächlich hat dieser Sport etwas Seelsorgerisches, er konfrontiert nicht nur mit Ängsten, er relativiert sie auch. Der Sturz geht (fast) nie ins Leere, sondern ins Seil.

Mehr noch, das Klettern kann sich als Metapher für eine Lebenseinstellung eignen. Moderne Gesellschaften sind Risikogesellschaften, ständig wachsen die Risiken, denen sie ausgesetzt sind, ökologisch, wirtschaftlich oder politisch – aber vor allem wächst die Angst angesichts der Risiken. Dies löst gerade im behäbigen Westeuropa eine typische Reaktion aus: Köpfe einziehen, in bekannten Gefilden bleiben, gefahrenscheu auf vermeintliche Sicherheiten setzen. Das Klettern weist einen anderen Weg: Risiko und Ungewissheit gehören zur menschlichen Existenz dazu. Wenn wir, individuell wie kollektiv, nicht angstgetrieben leben, sondern unser Dasein selbst gestalten wollen, dann müssen wir uns trauen, Neues angehen, uns „auf eine Zukunft hin entwerfen“ (Heidegger). Und das Risiko, dass alles scheitert? Es ist Teil des Spiels, und meist ist das Scheitern weniger dramatisch als gedacht.

Drei Monate nach der Handverletzung nehme ich das Klettern wieder auf. Die Rückkehr zum „Freebloc Barcelona“, einer zur Kletterhalle umfunktionierten Wohnung, weckt Heimatgefühle. Auf engstem Raum tausende Griffe und Tritte, aus dem alten Radio tönt der übliche Sender Rock-FM mit alten Klassikern wie den Stones oder Eye of the Tiger. Salva, der Betreiber, wirbt damit, dass hier die alte Schule herrsche: „Im Freebloc gibt es weder Muffins noch Yogastunden, hier wird trainiert.“ Tatsächlich habe ich mich in meiner 15-jährigen Kletterkarriere in keiner Halle so wohl gefühlt – wegen des guten Trainings, wegen der Alltagsentspannung, wegen der geschlossenen Freundschaften. Noch schöner fällt die Rückkehr zum Fels aus. Der Fels gibt wie gewohnt seine Strukturen und Verläufe vor, ich passe mich an sie an. Und zuweilen blitzt es magisch auf: Im Fluss der Bewegungen fühle ich mich am Fels geborgen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/17.