Hilfe auf demokratisch

Bildpolitik Weil an Naturkatastrophen keiner schuld ist, bieten sie sich als Bühnen medialer Inszenierungen an. China hat das besser verstanden als Birma

Über Naturkatastrophen gibt es wenig zu berichten außer den Fakten: den Zahlen der Toten, der Verletzten, der Obdachlosen. Deswegen differieren die Meldungen über das Erdbeben in China und den Zyklon in Birma höchstens darin. Als informativen Überschuss zu einem solch immer wieder überraschend verheerenden Ereignis gibt es meist viele Bilder von verwüsteten Landstrichen und hilfsbedürftigen Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz sowie Hintergrundinformationen - was ist ein Zyklon? wo lag das Epizentrum? -, als hülfe das über die schwer annehmbare Tatsache hinweg, dass hierfür niemand verantwortlich zu machen ist. In manchen Zeitungen erfuhr man sogar die Namen der Schiffe oder Typnummern der Flugzeuge, die Hilfsgüter lieferten: Die Unbegreiflichkeit generiert ein ums andere Mal jede Menge überflüssige Details. Wohl weil die Zahlen viel zu groß sind, um damit etwas anfangen zu können; eine Millionen Menschen sollen in Birma ohne Essen, ohne Haus und anderen lebensnotwendigen Dingen vor sich hin vegetieren, von 20.000 Todesopfern spricht man in China. Wenn Sie diese Zeilen lesen, könnten es schon wieder doppelt oder drei Mal so viele sein.

Dass jede Naturkatastrophe - eben weil es über sie wenig zu diskutieren gibt - gleichsam automatisch medial-politisch instrumentalisiert wird, ja, vielleicht sogar werden muss, weiß man nicht erst seit Gerhard Schröders Auftritten vor den Elbe-Sandsäcken. In China ist es nun ähnlich: Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua zeigte am Dienstag in ihrer englischen Onlineversion an oberster Stelle, wie Premier Wen Jiabao das Epizentrum besucht, dort die Zerstörung inspiziert und Hände schüttelt. Daraus nämlich besteht das erfolgreiche duale System der politischen Reaktion auf das natürliche Desaster: aus dem betroffenen Blick und dem tröstenden Wort. So liefert China von selbst die Bilder von Anteilnahme, die im Westen bei solchen Gelegenheiten erwartet werden. Entsprechend scheinen die Opferzahlen, die von der chinesischen Regierung genannt werden, deren bestem Wissen und Gewissen zu entstammen und werden hierzulande nicht weiter angezweifelt.

Anders in Birma, wo Natur und Politik ganz real aufeinander trafen: Staatsoberhaupt General Than Shwe trat erst zur Abgabe seiner Stimme - beim Referendum über den so genannten "Fahrplan zur Demokratie" an die Öffentlichkeit, über den Zyklon gibt es nichts als offizielle Verlautbarungen und keinerlei persönlichen Äußerungen. Von seinen Landsleuten erwartete Than Shwe dasselbe, nur in Rangun und im Irrawaddy-Delta sind die Abstimmungen wegen der schweren Zerstörungen verschoben, alle anderen sollen wählen gehen, dafür warb das Fernsehen angeblich so fröhlich wie durchgehend. Ähnlich die internationalen Medien, die der erwartete Wahlbetrug sichtlich weniger betrifft als die Folgen des Zyklons: Dass das Regime in Birma ausländische Helfer gar nicht und deren Hilfsgüter nur tröpfchenweise ins Land lässt, war ein deutlich größeres Thema als der "Fahrplan zur Demokratie". Deswegen gibt es über diesen auch kaum Zahlen oder Hintergrundinformationen, sondern stattdessen Entrüstung über die burmesischen Machthaber, die ausländische Hilfspakete mit ihren eigenen Namen versahen - als würde das für deren Empfänger aktuell irgendetwas ändern. In der westlichen Welt scheint die politische Katastrophe mithin nur im Rahmen der Naturkatastrophe wahrnehmbar.

Da passt es gut ins Bild, dass deren Medien immer auch sich selbst prominent im Sinn haben - wo möglich, fragen sie umgehend nach: Geht es unseren Landsleuten, die sich gerade in China aufhalten, auch wirklich gut? Haben die Olympiabauten das Beben unbeschadet überstanden? Und China antwortete brav darauf: Ja, ja. Das Bewusstsein, wie einfach man manchmal die Sympathie der Demokratie gewinnen kann, scheint dort jedenfalls deutlich besser zu gedeihen als in Birma.

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00:00 16.05.2008

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