Hilflos ausgeliefert

Kino In Sofia Coppolas „Die Verführten“ purzelt ein Yankee-Soldat in ein Mädcheninternat der Südstaaten
Hilflos ausgeliefert
... und Sofia Coppola (links) lässt in ihrem US-Bürgerkriegsdrama einen Mann von sieben Frauen verführen, eine davon spielt Kirsten Dunst
Foto: Universal Pictures

Der Film beginnt als Ornament. Ineinander verschränkte Äste der Virginia-Eichen, von denen das Spanische Moos herabhängt, in die Kamera hinein, ein Muster, dem gegenüber man keine eindeutige Perspektive einnehmen kann. Dann kippt die Kamera, erfasst ein Mädchen beim Pilzesammeln, das Geflecht wird als Decke sichtbar, die die Welt begrenzt – im ganzen Film wird es keinen Horizont zu sehen geben. Kein Blick, der sich nicht in Vegetation verfängt. Virginia, 1864, unweit des pilzesammelnden Mädchens bricht die Front der Konföderierten zusammen, die Sklaven sind schon weg und eine Mädchenschule harrt im Geflecht der Bäume und Moose des Endes des Bürgerkriegs.

Ornamental ist auch die Sprache von Die Verführten. Die fünf Mädchen und ihre Lehrerinnen (gespielt von Nicole Kidman und Kirsten Dunst) schmücken ihren Südstaatendialekt mit Französischvokabeln, reden sich mit „Miss“ an, erklären ihre Bedürfnisse in Christliche-Nächstenliebe-Floskeln. In Pausen sitzen die Mädchen im Baum, die gelösten Haare gehen in die Flechten über, die Gliedmaßen sind an Äste geschmiegt. Im Innern des verschnörkelten Herrenhauses verschmelzen sie, nur von Kerzenlicht erhellt, mit dem verschwenderischen Wanddekor.

Die Körper sind auf eine so perfekte Weise Teil dieser Welt, dass sich die Frage nach dem Außen nicht stellt. Schafft es der Blick hinter die Vorhänge, die dicken Fensterscheiben, die schmiedeeisernen Gitter, so bleibt er ein paar Meter hinterm Grundstück im Gestrüpp hängen. Allenfalls der Kanonendonner auf der Tonspur und Rauchwolken, die von feuchter Luft beschwert ins Bild dringen, deuten auf ferne Unordnung hin.

Kunst der Kastration

In die geschlossene Szenerie kippt plötzlich ein Mann. In Betrogen, dem Film von Don Siegel von 1971, dessen Remake Die Verführten eigentlich ist (im Original heißen beide Filme The Beguiled), war das Clint Eastwood, und er fiel tatsächlich aus dem Baum. In Coppolas Film ist es Colin Farrell, und er ist zwischen zwei Schnitten plötzlich da: ein Yankee-Soldat, ein verwundeter Feind, den nächstenliebenden Frauen hilflos ausgeliefert.

In Eastwoods kerniger Interpretation gewinnt dieser Corporal John McBurney schnell die Oberhand im Herrenhaus, indem er das Begehren der Frauen gegeneinander ausspielt. In Coppolas Version wird er, ins Musikzimmer eingesperrt, erst einmal zum Lustobjekt. Lange verweilt die Kamera auf Kidmans Händen, die den nackten Colin Farrell waschen, so dass sich das Wasser ornamental über den Oberkörper des Mannes ausbreitet und in Vertiefungen und Haaren verfängt. Doch mit der weiblichen Perspektive, die Coppola gegenüber dem Dirty-Harry-Team Siegel und Eastwood ins Spiel bringen wollte, ist es nicht weit her – sobald der Mann im Haus ist, gibt es in ihrem Film keine Aktion und keinen Dialog der Frauen mehr, die nicht auf ihn bezogen wären.

Die Geschlossenheit der Inszenierung, die niemals zur grellen Southern Gothic wird, unterscheidet die Die Verführten von Siegels exploitativer, aber gebrochener Hahn-im-Korb-Szenerie. Wie die Welt der Frauen, in der Spitzenwäsche, Stickerei, geflochtenes Haar in tänzerische Bewegung, architektonischen Überfluss und rhizomatische Vegetation übergehen, wie sehr das alles systemisch aufeinander bezogen wirkt und anfangs sogar den Männerkörper als zusätzlichen Schnörkel einzuverleiben imstande scheint, ist großartig ausbuchstabiert. Die Verführten ist ein feines Gespinst von einem Film.

Wenn der Soldat in einer Oberwasser-Phase bei der Gartenarbeit (als sei diesem selbstgenügsamen Dickicht beizukommen!) ein Spinnennetz entdeckt, sollte ihm die geeignete Lesart der Welt um ihn herum einfallen. Der Mann, der feindliche Söldner, dessen Englisch eine irische Färbung hat, ist ein Fremdkörper im System, der nur kurzzeitig eine Entzündung auslöst – das Begehren, das er auf sich zu ziehen vermag, individualisiert die Frauen, lockert ihren Bezug zueinander. Der Leiterin bietet er Unterwerfung an, der jungen Lehrerin einen Außenseiter-Schulterschluss, der Pilzesammlerin empfiehlt er sich als bester Freund. Doch da hängt er schon im Netz, das sich durch die Zerstörung, die sein Körper anrichtet, nur vollendeter schließt. „Na, was steht denn heute bei euch Damen auf dem Stundenplan?“, brüllt er die Mädchen in einem Moment der Erkenntnis an: „Die Kunst der Kastration?“

Für die inszenatorische Dichte, an der alle Gewerke mitarbeiten (die minimal eingesetzte Musik von Phoenix, die den Systemeintritt des Fremdkörpers mit hohem Singen im Raum, den Austritt mit tiefem Dröhnen der Welt vorbereitet), geht der Regiepreis für Coppola beim Festival von Cannes in Ordnung. Kritiker hatten aber die Ignoranz gegenüber dem dramatischen Potenzial des Gender-Clashs angemahnt, für den sie die Männerfigur zu schwach fanden. Die Verführten will aber kein aufgegrelltes Melodram über gedeckeltes und kurzgeschlossenes Begehren sein, das an der filmischen Form kratzt. Der Film funktioniert vielmehr als widerstandsfähiges Biotop, in dem bestimmte Elemente miteinander Verbindungen eingehen, während alles andere, Störende sich in Luft auflöst.

Info

Die Verführten Sofia Coppola USA 2017, 94 Min.

06:00 09.07.2017

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