Hilflos im Hafen

Mittelmeer Die Rettungsschiffe kämpfen nicht nur gegen Wetter und Zeit – sondern auch gegen die Willkür der Behörden
Hilflos im Hafen
Pro Wartetag vor Europas Küsten fließen Tausende Euro der Retter ins Mittelmeer

Foto: Thomas Lohnes/AFP/Getty Images

Es ist der 27. August. In dieser Nacht kehrt Ruhe auf der Sea-Watch 4 ein – noch ist die Lage stabil. Seit sechs Tagen ist das Seenotrettungsschiff im Stand-off auf hoher See. So nennen es die Seenotretter*innen, wenn sie warten müssen, bis sie die Geretteten in einen Hafen bringen dürfen. Die meisten der etwa 200 Menschen auf dem Schiff schlafen bereits. Nur ein paar sitzen noch zusammen und unterhalten sich.

Eine Gruppe junger Männer hat noch nicht in den Schlaf gefunden. Gemeinsam starren sie in den Nachthimmel und tauschen Zukunftspläne aus. Sie wissen noch nicht, dass es für sie in Europa nicht leicht wird – zum Beispiel, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Oder sich frei in der EU zu bewegen, um eine Unterkunft oder einen Job zu suchen. Sie überbrücken die Warterei mit Träumereien. Einer der Männer hat in seiner Heimat in einem Film mitgespielt. In Europa will er Regisseur werden. Ein anderer war Ziegenhirte und möchte in den Niederlanden auf einem Hof arbeiten. Die Crew des Schiffes bringt es nicht übers Herz, den Menschen, die ohnehin ein schweres Schicksal haben, zu sagen, dass es für sie nicht leichter werden wird, sobald sie das Schiff verlassen.

Für die Rettungscrews sind die Tage des Wartens zum gewohnten Bestandteil ihrer Einsätze geworden. Die Sea-Watch 4 ist nicht das einzige Schiff auf dem Mittelmeer. Der dänische Frachter Maersk Etienne hat am 4. August 27 Flüchtende in Seenot aufgenommen, darunter eine Schwangere und ein Kind. Am 6. September, nach über einem Monat des Wartens, sind drei der Geflüchteten aus Verzweiflung über Bord gesprungen. Sie mussten von der Crew erneut gerettet werden. In den vergangenen Monaten haben die meisten Seenotrettungsschiffe mindestens eine Woche auf See warten müssen, bis sie einen Hafen anlaufen durften. Viele auch länger.

Schutzkleidung wegen Corona

Mehrere Schiffe liegen außerdem in Häfen fest und dürfen vorerst nicht auslaufen: zum Beispiel die Alan Kurdi und die Ocean Viking. Elf Tage hat es bei der letzten Mission der Ocean Viking gedauert, bis sie mit 180 Geretteten an Bord einen Hafen anlaufen konnte. Seit dem 22. Juli sitzt das Schiff von der Organisation SOS Méditerranée nun im Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien fest – also schon gut anderthalb Monate. Auch bei der Alan Kurdi waren es im Mai elf Tage, bis die Mannschaft die Geretteten für die Quarantäne an ein größeres Schiff übergeben durfte und anschließend in den Hafen von Palermo einfahren konnte. Dort wurde das Schiff dann sieben Wochen lang festgesetzt.

Die Nacht auf der Sea-Watch 4 ist ruhig. Aber die Atmosphäre ist angespannt. Denn das lange, eintönige Warten schlägt auf die Stimmung. Auf den Decks, wo die Menschen schlafen und sich oft auch aufhalten müssen, ist es eng. Duschen und Toiletten gibt es nur wenige, zu essen gibt es Reis oder Couscous mit Bohnen – jeden Tag. Aber das Schlimmste ist nicht die Eintönigkeit. Das Schlimmste ist die Unsicherheit. Die Geretteten wissen nicht, wie es für sie weitergeht. Sie haben Hoffnung, aber keine Sicherheit.

Das Vertrauen, das die Flüchtenden zur Crew haben, ist zerbrechlich. Dass die Mannschaft ihnen wegen der Corona-Pandemie nur mit Schutzkleidung entgegentreten darf, macht es nicht leichter. Es ist schwer, einem Menschen zu vertrauen, von dem man kaum je mehr als die Augen gesehen hat. Je länger es für die Geretteten keine Neuigkeiten gibt, desto besorgter sind sie. Die Warterei nagt an ihrer Zuversicht.

Während die Seenotrettungsschiffe tage- oder wochenlang auf See darauf warten müssen, einen Hafen anzulaufen, können sie keine weiteren Rettungseinsätze fahren. Die Kosten werden in dieser Zeit allerdings nicht niedriger. Ein Einsatztag auf der Alan Kurdi kostet bis zu 2.800 Euro – und zwar auch dann, wenn das Schiff lediglich darauf wartet, einen Hafen zugewiesen zu bekommen. Wenn ein Schiff wie die Alan Kurdi dann von den örtlichen Behörden festgesetzt wird, kostet das pro Tag zwischen 1.600 und 1.800 Euro. Sieben Wochen im Hafen zu liegen, ist also teuer. Umso mehr in Pandemiezeiten. 20.000 Euro Sondergebühr musste die Hilfsorganisation Sea-Eye zur Stärkung der kommunalen Wirtschaft in der Corona-Krise an Palermo zahlen. So hat die Festsetzung im Mai diesen Jahres insgesamt rund 80.000 Euro gekostet. Unter normalen Umständen werden für eine mehrwöchige Mission der Alan Kurdi etwa 60.000 Euro fällig.

Für SOS Méditerranée sind die Tage, an denen die Initiative auf Politik und Behörden warten muss, sogar noch teurer. Denn die Seenotrettungsorganisation hat kein eigenes Schiff. Die Ocean Viking ist gechartert und kostet pro Tag etwa 14.000 Euro. Wenn sie festgesetzt wird, läuft der Chartervertrag weiter. Ein Tag, an dem das Schiff im Hafen festsitzt, kostet SOS Méditerranée deswegen mehr als 7.000 Euro.

Das Geld, das wegen der Blockadepolitik Italiens und Maltas nutzlos ausgegeben wird, stammt in großen Teilen von der europäischen Zivilgesellschaft. SOS Méditerranée hat 2019 etwa 1,2 Millionen Euro ausgegeben, alles finanziert aus Spendeneinnahmen. Auch Sea-Eye finanziert sich allein durch Spenden. 2019 hat die Organisation so rund 1,6 Millionen Euro erhalten. 20 Prozent der Spendeneinnahmen kamen von vermögenden Privatpersonen, die größere Summen gespendet haben, etwa genauso viel von den Kirchen. Der Rest waren Klein-Spender.

Foto: Thomas Lohnes/AFP/Getty Images

29. August: Die Sea-Watch 4 ist eigentlich schon auf dem Weg nach Norden, sie hat 201 Menschen an Bord. Aber dann erreicht sie ein Notruf des Seenotrettungsschiffes Louise Michel, das von dem britischen Künstler Banksy gestiftet worden ist und das ebenfalls im Einsatz ist. Das Schiff hat in den Tagen zuvor mehr als 200 Migranten aufgenommen und ist wegen des überfüllten Decks und zwei seitlich angeleinter Rettungsinseln manövrierunfähig. Die italienischen und die maltesischen Behörden haben auf die Hilferufe von Kapitänin Pia Klemp nicht reagiert. Als die Sea-Watch 4 am Abend die Stelle erreicht, treibt das Schiff immer noch auf den Wellen. Um die Louise Michel zu entlasten, nimmt die Sea-Watch 4 rund 150 Menschen an Bord.

An Schlaf ist nicht zu denken

Nun müssen noch mehr Personen auf dem Vordeck schlafen – am Bug des Schiffes, dort, wo die Menschen Wind und Wetter am heftigsten ausgesetzt sind. Die Crew hängt zwar zum Schutz Planen auf. Aber gleichzeitig wird das Wetter schlechter, der Wind stärker, die Wellen höher. Immer wieder spritzen Gischt und Seewasser auf das Vordeck. Auch in den Nächten kehrt jetzt kaum Ruhe ein. Schlafen können unter diesen Umständen nur die wenigsten.

Die Sea-Watch 4 muss ihre Geschwindigkeit drosseln, damit die Fahrt für die Menschen auf dem Vordeck besser auszuhalten ist. Denn die Menschen sind am Ende ihrer Kräfte. Auch die Crew schläft in diesen Tagen kaum. Die Lebensmittelvorräte gehen langsam zur Neige.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration sind im Juli 2020 mindestens 43 Menschen im Mittelmeer ertrunken, im August mindestens 134 – fast fünf Menschen jeden Tag. Und das sind nur die gesicherten Zahlen. Laut der Hilfsorganisation Alarm Phone sind allein in der Woche vom 13. bis zum 20. August mehr als 100 Menschen auf dem Mittelmeer gestorben oder verschwunden. In diesen Tagen war kein Seenotrettungsschiff in der Rettungszone vor Libyen unterwegs. Es war eine der Wochen, in denen die Ocean Viking in Porto Empedocle festsaß.

Wenn Schiffe durch Behörden und Politik blockiert werden, können sie nicht Menschenleben retten. Deswegen sorgt die Zivilgesellschaft derzeit dafür, dass mehr Seenotrettungsschiffe auf dem Mittelmeer unterwegs sind als in den vergangenen Monaten. Sea-Eye hat ein zweites Schiff gekauft. Die Ghalib Kurdi, benannt nach dem älteren, ertrunkenen Bruder des ebenfalls gestorbenen Alan Kurdi, dessen Foto im September 2015 um die Welt ging, soll zukünftig ebenfalls Menschen retten.

Und United4Rescue hat sich gegründet. Das Bündnis ist auf Initiative der evangelischen Kirche hin im November 2019 entstanden. 580 Bündnispartner gehören dazu, darunter Ärzte ohne Grenzen, der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland und der Deutsche Gewerkschaftsbund, aber auch Unternehmen wie Ben & Jerry’s. Das Ziel: Sie alle wollen dazu beitragen, dass weniger Menschen auf dem Mittelmeer sterben müssen. Je breiter das Bündnis, desto größer der Druck auf die Behörden. Das Bündnis hat bereits die Kosten der Blockade der Alan Kurdi im Mai übernommen – und ein weiteres Schiff gekauft, größer als die meisten anderen Rettungsschiffe: ebenjene Sea-Watch 4, die der Louise Michel zur Hilfe kam.

7. September. Mittlerweile haben die Geretteten die Sea-Watch 4 verlassen, nach insgesamt zwölf Tagen Stand-off. Crew und Flüchtende warten auf verschiedenen Schiffen das Ende ihrer Quarantäne ab. Am 2. September wurden die Geretteten auf eine von Italien gecharterte Fähre gebracht. Seitdem hat die Crew die Sea-Watch 4 gereinigt und desinfiziert und findet etwas Zeit, sich von den Strapazen der vergangenen Rettungsaktion zu erholen.

Dass die Sea-Watch 4, sobald sie in einen Hafen einläuft, festgesetzt wird, ist nicht unwahrscheinlich. In letzter Zeit haben die Behörden immer etwas gefunden, was sie zu beanstanden hatten. Einmal waren zu viele Rettungswesten an Bord, ein anderes Mal ging es um die Mülltrennung. Doch noch liegt die Sea-Watch 4 vor Italien und wartet auf das Ende der Quarantäne.

Das Warten ist zynisch. Denn die europäischen Politiker*innen überlasse die Verantwortung für die Seenotrettung nicht nur der Zivilgesellschaft – sie machen es den Aktivist*innen auch noch sehr schwer, diese Aufgabe zu erfüllen. Mit ihrer Blockadepolitik sorgen sie dafür, dass die mühsam gesammelten Spendengelder für die festgesetzten Schiffe im Hafen anstatt für Rettungsaktionen auf dem Meer ausgegeben werden müssen. Jede Nacht, in der die Rettungsschiffe nicht rausfahren können, ist eine Nacht, in der sie nicht auf Rettungsmission fahren können. Und das kostet Menschenleben.

Brände in Moria

Katastrophe In Europas größtem Flüchtlingslager sind in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verheerende Brände ausgebrochen. Im Camp Moria nahe dem gleichnamigen Dorf auf der ostägäischen Insel Lesbos lebten nach Angaben griechischer Behörden zuletzt rund 12.600 Geflüchtete, ausgerichtet ist es auf nicht einmal 3.000 Menschen. Zuletzt war das gesamte Lager wegen mindestens 35 positiver Tests auf das Coronavirus unter Quarantäne gestellt worden. Dagegen hatte es Proteste vor Ort gegeben, ebenso wie allgemein gegen die katastrophalen Zustände in Moria. In Berlin hatten Hilfsorganisationen jüngst mit 13.000 leeren Stühlen vor dem Bundestag an das Schicksal der Menschen in Griechenland erinnert. Über mögliche Verletzte und Tote infolge der Brände in Moria gab es bei Redaktionsschluss dieser Zeitung am Mittwochmorgen keine gesicherten Erkenntnisse, ebenso wie zu den Ursachen des Feuers. Bewohner und Bewohnerinnen hatten das Camp zumeist in Richtung der Hafenstadt Mytilini verlassen, noch bevor die Behörden dessen Evakuierung in die Wege leiteten.

Alisa Sonntag ist freie Journalistin und lebt in Leipzig. Die Recherche wurde unterstützt von Chris Grodotzki an Bord der Sea-Watch 4

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06:00 15.09.2020

Ausgabe 48/2020

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